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Das Gewissen

EA 14/10

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Author Eberhard Arnold
Date June 07, 1914
Document Id 20126059_34_S
Available Transcriptions German

Das Gewissen

[Arnold, Eberhard and Emmy papers – P.M.S.]

EA 14/10

Evangelisches Allianzblatt, Nr. 23, 7. Juni 1914

Das Gewissen

I. Sein Ursprung und seine Betätigung

In jedem Menschen lebt ein gewaltiger Zeuge für den göttlichen Ursprung seiner Seele. Der Mensch stammt nicht nur von dem Staub des Erdbodens, aus dem ihn Gott geschaffen hat. Sondern der Mensch als lebendige Seele stammt von Gott Selbst. Denn Gott schuf den Menschen nach Seinem Bilde, indem Er ihm den Odem des Lebens einhauchte, der von Ihm Selbst war (1.Mos.1, 26. 27; 2, 7). Gott ist das Leben. Und Gott, als das echte, unverfälschte Leben, ist gut. Niemand ist gut, so sagt uns der Herr (Mark. 10, 18), als nur Einer, Gott! Einer ist der Gute (Matth. 19, 17). Haben wir Menschen in unserer Seele etwas von dem Hauch dieses Einen, der der Gute ist, so muss auch in dem verworfensten Menschen ein Zeuge leben, der das Böse verurteilt. Dieser Zeuge ist das Gewissen. Es mahnt und pocht, es schlägt und straft, wenn wir das Böse tun. Und noch mehr: Wenn wir auch alle so tief gefallen sind, dass wir nichts Gutes in uns selbst haben, so lebt doch dieser Zeuge in der Seele, um uns das Gute als gut empfinden zu lassen und Gott als die einzige Quelle des Guten zu versichern.

Die Schrift bezeugt ausdrücklich auch von den Gott entfremdeten Völkern, dass sie ein Gewissen haben. Ja, Paulus ist so tief durchdrungen von dem göttlichen Ursprung aller lebendigen Seelen, dass er das Werk des Gesetzes in den Herzen der Heiden geschrieben sieht, indem ihr Gewissen mitzeugt und ihre Gedanken sich untereinander anklagen und entschuldigen (Röm. 2, 15). Die innere Übereinstimmung dieses Gewissensurteils aller zeigt sich der gesetzlichen Obrigkeit gegenüber. Ihr, als der verordneten Dienerin Gottes, untertan zu sein, ist um des Gewissens willen notwendig, weil sie das Böse straft und verurteilt, wie das Gewissen es fordert (Röm. 13, 1-8). Und im Einzelleben ist es Tatsache, dass selbst Menschen, die von früh auf nur Schlechtes gesehen und gehört haben, plötzlich ihr Gewissen aufs stärkste erwachen fühlen, und zwar gerade bei Handlungen, in denen sie allen als hoffnungslos ver-

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härtet erschienen. Und noch bekannter ist die Beobachtung, wie die verstocktesten Menschen das Verhalten anderer aufs schärfste als böse verurteilen, wo man versucht war zu glauben, dass ihr Gewissen für gut und böse überhaupt erstorben wäre.

Paulus lebt so sehr gemäß dem Worte des Herrn, nach dem wir nicht richten, also kein vernichtendes Endurteil fällen dürfen, dass er gewiss ist, durch seine unverfälschte Wortverkündigung und durch die lautere Offenbarung der Wahrheit vor den Gewissen aller Menschen empfohlen zu sein (2. Kor. 4, 2). Es ist also vor Gott überzeugt, dass das Zeugnis aller Gewissen darin übereinstimmt, dass die objektive Wahrheit des Wortes und die subjektive Lauterkeit des Bekenners unbedingt als solche empfunden wird. Wenn der alte Gläubige Beck gesagt hat: „Das Christentum sucht seine Legitimation nur in dem Gewissen“, so bezieht sich das ebenso sehr auf die innere Bezeugung der Wahrheit selbst, als vielleicht noch mehr auf die Legitimation des von Gott berufenen Verkündigers in der Lauterkeit seiner Absichten. Auf diese Übereinstimmung im Gewissensurteil aller rechnet Paulus in besonderer Weise bei den Gläubigen. Wie vor dem Richterstuhl Christi, so hofft der echte Zeuge der Wahrheit auch vor den Gewissen der Gläubigen offenbar zu werden, dass er in seiner Arbeit nur eine Absicht kennt, die Menschen für den Herrn zu überreden und zu gewinnen (2. Kor. 5, 12). Alle treuen Diener Gottes sind verkannt worden; aber ihre Lauterkeit ist nach vielem Schwerem noch stets vor aller Gewissen offenbar geworden.

Die Unbestechlichkeit des Gewissens, als des treuen Zeugen der Wahrheit offenbart sich jedoch in tiefstem Maße der eigenen Schuld gegenüber. Das Herz des Menschen ist gleichsam die verborgene Gerichtskammer, in der das Gewissen als der inwendige Richter alles Tun des Menschen vor seine Schranken fordert. Der Wille Gottes ist das ins Herz geschriebene Gesetzbuch, das dem Urteil dieses Richters zugrunde liegt. So bezeugt das Gewissen den Frommen aller Zeiten, dass alle Brandopfer und Schlachtopfer der Menschen niemand vollkommen machen können (Hebr. 9, 9). Das Gewissen hört trotz der ernstesten Frömmigkeitsübungen nicht auf, die Sünden als Sünden in ungesühnter Schwere zu verurteilen (Hebr. 10, 2). Es bleibt das Gewissen von Sünden.

Es gibt keine andere Reinigung für das Gewissen, als einzig und allein durch das Blut Christi (Hebr. 9, 14). Das Gewissen ist seinem Ursprung von Gott, als der Quelle des Lebens, so treu, dass es nicht eher von der Verurteilung gereinigt werden kann, als bis auch die toten Werke, alle selbstischen Taten, die ohne den Geist und die Kraft Gottes geschehen, durch das Blut Christi beseitigt sind. Das ist das Ziel aller richtenden Arbeit des Gewissens, dass es den abtrünnigen Menschen zu seinem Leben in Gott zurückführen will, dass er mit reinem Gewissen seinem Gott dient (2. Tim. 1, 3). Und ist das Gewissen durch das Blut des Christus wirklich gereinigt worden, so setzt es noch mehr als vorher seine treue Arbeit ein, dass das Geheimnis des Glaubens in reinem Gewissen bewahrt wird (1. Tim. 3, 9) und dass das neue Leben sich in einer Liebe betätigt, die aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben kommt (1. Tim. 1, 5).

Die Schrift bezeugt aufs Klarste, dass diese Reinheit des Gewissens nicht etwa irgendwelche Sündlosigkeit bedeutet, sondern vielmehr in der Gnade des Blutes Christi besteht. In einer der tiefsten Aufforderungen, die das Wort Gottes an uns zum heiligen Verkehr mit Gott richtet, wird aufs klarste ausgedrückt, wodurch wir einzig und allein vom bösen Gewissen gereinigt sind. Wir können nur dann im Heiligtum mit Gott eins werden, wenn unsere Herzen besprengt sind vom bösen Gewissen. Es gibt keinen Eintritt in das Heilige, als nur durch das Blut Jesu (Ebr. 10, 19-22). In der Tat bestätigt die Erfahrung, dass jedes Wachstum in der Gnade, jede Vertiefung in echte Gemeinschaft mit Gott das Gewissen in der Weise schärft, dass wir die Sünde immer deutlicher in uns als Sünde erkennen und verurteilen und je länger je mehr auf die vergebende Gnade angewiesen sind. Es ist der Beweis persönlicher Treue und der Bezeugung Gottes an unseren Herzen, wenn wir immer zarter in unserem Gewissen werden und nicht nur Vergehen feinerer Art, sondern auch Unterlassungen und tote Werke als Sünde verurteilen. Wenn aber unser Gewissen zu schweigen beginnt, dass wir anfangen, uns für die Entschiedensten oder gar für sündlos zu halten, so ist eine beängstigende Parallele mit denen geben, die betreffs des eigenen Gewissens wie mit einem Brenneisen gehärtet sind (1. Tim. 4, 2), die in ihrer Über-Entschiedenheit die eheliche Gemeinschaft und manches Essen und Trinken als unheilig hinstellen und gleichzeitig und gerade darin auf betrügerische Geister hören und selbst unwahr werden. (Das alles finden wir so im Timotheusbrief beschrieben.) Jedes echte Heiligungs-Leben ist mit einer stets tieferen Gewissens-Empfindung verbunden, wie unfassbar weit unsere Sündhaftigkeit von jedem sündlosen Zustand entfernt ist. Die Unendlichkeit dieses Abstandes kann allein durch die Unendlichkeit der Gnade überwunden werden, die in der Verwandlung des Leibes ihren krönenden Abschluss findet. Das alles bestätigt jedes Gewissen, das nicht künstlich betäubt worden ist.

Unter den Selbstzeugnissen des Paulus von seinem guten Gewissen (Apg. 23, 1; 24, 16) beweist uns das eingehendste dieser Zeugnisse, wie auch sein Gewissen nur durch die Gnade gut war und von Anstoß frei sein konnte. Was ihm das Zeugnis seines Gewissens bestätigt, ist auch hier die Einfalt und Lauterkeit seines Wandels und seiner Verkündigung und vor allem die Gnade Gottes, die ihn zu seinem Verkehr mit den Menschen befähigt (2. Kor. 1, 12). Diese Harmonie der bewahrenden Gnade gibt es nur da, wo die vergebende Gnade ununterbrochen den Grundton im Herzen bildet. Genau wie an dem zukünftigen Gerichtstage des Herrn Jesu, auf den Paulus in dieser Verbindung hinweist (V. 14), genau so kann auch vor den Gerichtsschranken des Gewissens nur eins zur Entlastung und Freisprechung führen: die vergebende Gnade durch das Blut des Gekreuzigten. Die Gnade der Reinigung des Gewissens durch das Blut Christi bringt das inwendige Leben in die tiefe Erfahrung der Gemeinschaft mit Gott. Nur wer im Innersten seiner Seele Zugang zu Gott und Umgang mit seiner Nähe hat, kann in seinem praktischen Leben sich üben, ein Gewissen ohne Anstoß zu haben vor Gott und Menschen (Apg. 24, 16). Diese Übung, die für Paulus auch nach dieser Stelle keinen Abschluss gefunden hatte, macht das Gewissen täglich feiner und zarter, dass es bei immer unbeachteteren Dingen seine Stimme erhebt. Diese Gnade der praktischen Heiligung ist das innerste Gut des inwendigen Lebens, so dass sie gerade dann am tiefsten als Gnade erlebt wird und mit tiefer Überführung der Sündhaftigkeit verbunden ist, wenn die offenkundigen Verletzungen des Gewissens so völlig wegfallen, dass wir so unanstößig leben, wie es Petrus sagt (1. Petr. 3, 16): „Habt ein gutes Gewissen, auf dass, worin sie wider euch als Übeltäter reden, die zuschanden werden, welche eueren guten Wandel in Christo verleumden.“

Der gute Wandel ist die Frucht des inneren Herzenszustandes, der durch die Erfahrung der Gnade eine gereinigte Gesinnung hervorbringt. Deshalb sagt die Schrift von den Befleckten und Ungläubigen, dass sowohl ihre Gesinnung als auch ihr Gewissen befleckt ist

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(Tit. 1, 15). Die praktische Bewahrung eines guten Gewissens hängt völlig von der inneren Bewahrung des Glaubens an den Gekreuzigten ab. Die heilbringende Gnade Gottes ist es, die uns zu einem reinen Gewissen erzieht, dass wir praktisch die Gottlosigkeit und die weltlichen Lüste verleugnen, um besonnen, gerecht und gottselig zu leben in dieser Welt (Tit. 2, 11). Der Glaube und das gute Gewissen sind in dem Gläubigen so eng miteinander verbunden, dass das Wegstoßen des einen den Schiffbruch am anderen bedeutet (1. Tim. 1, 19). Wenn wir einen guten Kampf kämpfen wollen, gilt es ebenso sehr den Glauben an die unserer Sündhaftigkeit gegenüberstehende Gnade zu bewahren, wie andererseits in der Wachsamkeit gegen die Versuchungen der Sünde ein gutes Gewissen zu behalten (1. Tim. 1, 19). Denn wahrer Glaube schenkt und fordert als Frucht des Geistes ein zartes Gewissen und eine sieghafte Entschiedenheit gegen alles Böse (vgl. Gal. 5, 22. 23). Es bedeutet ein gesegnetes Wachstum in der Gnade und das fruchtbarste Wirken in Seinem Dienst; es bedeutet eine beständige Verankerung des innwendigen Lebens in der Innewohnung des Vaters und des Sohnes, wenn wir uns üben, allezeit ein Gewissen ohne Anstoß zu haben vor Gott und den Menschen (Apg. 24, 16).

Dr. E. Arnold