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Innenland

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Author Eberhard Arnold
Date January 01, 1936
Document Id 20126043_01_S
Available Transcriptions German

Innenland

[Arnold, Eberhard and Emmy papers - P.M.S.]

Innenland

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Eberhard Arnold

Gesammelte Reden und Schriften

Erstes Buch: Innenland

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Eberhard Arnold

Gesammelte Reden und Schriften.

Erstes Buch.

Buchverlag des Almbruderhof e.V.

Silum, Post Triesenberg, Fürstentum Liechtenstein.

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Innenland

Ein Wegweiser in die Seele der Bibel

und in den Kampf um die Wirklichkeit.

1936

Buchverlag des Almbruderhof e.V.

Silum, Post Triesenberg, Fürstentum Liechtenstein.

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Meiner treuen Frau als der besten Hilfe

auf diesem Wege auch diesmal

gewidmet.

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Zur Einführung.

Das hier vorliegende Buch will in der heutigen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Erregung zur religiösen Entscheidung aufrufen. Es sucht die Herzen aller derer, die Gott und sein letztes Reich nicht vergessen und verlieren wollen. Es will im Einklang mit den Ereignissen der Zeitgeschichte darauf hinweisen, daß das Heranrücken des Gerichtes Gottes unser Herz treffen will, daß der lebendige Christus durch seinen lebendig machenden Geist unser Innerstes bewegen will. Durch die alles bewegende Anregung dieses Geistes sollen wir von Innen her ein Leben gewinnen, das nach außen hin als eine Lebensgestaltung der tätigen Liebe Gottes Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geist beweist. Neben dem heute überall beschrittenen Weg, der von außen her das Innere erreichen will, soll hier der Weg von innen nach außen aufleuchten. Unser Geist, den der erste Mensch als Atem Gottes empfing, muß in unserem Innersten zuhause sein, weil er dort die lebendige Wurzel seiner Kraft finden muß, bevor er in die Außenbezirke des Daseins vordringen kann. Dazu aber ist er berufen, über alle Außendinge die Herrschaft zu erobern, die ihm in der heutigen Welt weitgehend verloren gegangen ist. Der Mensch verlor die Herrschaft über die Erde und über die gerechte Nutzung ihrer Güter und Kräfte, weil sein Geist im tiefsten und innersten Abfall dem Odem Gottes und Seiner Liebe entfremdet wurde. So soll denn in diesem Buch der Weg ins Innenland des Un-

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sichtbaren, der Weg zu Gott und Geist und zu immer neuer Liebe als innerste Glaubens-Erfahrung und dann erst als allein von dort aus bestehende Möglichkeit der Weg zur äußersten christlichen Wirksamkeit bezeugt werden.

Schon kurz vor dem Weltkriege wurde der deutsche Mensch aus der Mitte seines Volkes aufgefordert, seine Sendung zum Innenland des Unsichtbaren, zu Gott und Geist nicht zu vergessen, vielmehr in innerstem Drang nach Vollendung zu neuer Liebe den Weg zu weisen, der der Berufung der Menschheit entspricht. Dieser Notruf, den Friedrich Lienhard (1912 und 1914 in "Deutschlands europäische Sendung") neben vielen anderen berufeneren Geistern ausgesprochen hat, entsprach der Einsicht weiter Kreise christlicher Erweckung und deutscher Jugendbewegung. Und dennoch ist er nicht durchgedrungen. So muß er denn heute dringender als jemals in letzter Stunde laut werden. Wenn die jetzt neu angehobene nationale Erregung die deutsche Berufung ähnlich wie vor mehr als hundert Jahren hoch heben will, so darf sie nicht vergessen, daß der höchste und letzte Beruf auch des deutschen Menschen die Menschwerdung ist. Was der heutige Nationalismus in seiner edelsten Form von neuem dem Deutschen zuerkannt wissen will, entspricht in Wahrheit der eigentlichen und tiefsten Bestimmung der Menschheit als solcher. Es ist die Absicht des vorliegenden Buches, zur Besinnung auf die Berufung des Menschen zu verhelfen. Wir dürfen hierin mit allen wahrhaft nationalen Bewegungen Fichte folgen, wenn er sagen konnte: "Gesegnet sei mir die Stunde, da ich zum Nachdenken über mich selbst und über meine Bestimmung mich entschloß. Alle meine Fragen sind gelöst, ich weiß, was ich wissen kann; und ich bin ohne Sorge über das, was ich nicht wissen kann. Ich bin befriedigt; es ist voll-

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kommene Übereinstimmung und Klarheit in meinem Geiste, und eine neue herrliche Existenz desselben beginnt. Meine ganze vollständige Bestimmung begreife ich nicht; was ich werden soll und was ich sein werde, übersteigt mein Denken. Ein Teil dieser Bestimmung ist mir selbst verborgen - nur einem, dem Vater der Geister, sichtbar, dem sie anvertraut ist. Ich weiß nur, daß sie mir sicher, und daß sie ewig und herrlich ist, wie er selbst. Denjenigen Teil derselben aber, der mir selbst anvertraut ist, kenne ich durchaus, und er ist die Wurzel aller meiner übrigen Erkenntnisse."

Fichte hat sich in der Erkenntnis dieser Bestimmung, die nur dem Vater der Geister ganz klar und offen vor Augen liegt, fortschreitend immer enger der Bibel als dem Buch der von dem Geist aller guten Geister erfüllten Zeugen genähert, als dem Buch, in welchem der Geist Gottes den tiefsten und reinsten Ausdruck gefunden hat. Unser "Innenland" will ein Wegweiser in die Seele der Bibel sein. Die Seele der Bibel ist mehr als ihr Buchstabe. Buchstabischer Buchdienst führt auch an der Bibel in geistigen Tod und in innerste Unwahrhaftigkeit. Der Geist allein, der die Seele der Bibel erfüllt, kann uns in geistiger Freiheit ihrer Seele und damit der heiligen Bindung göttlicher Berufung zuführen. Diese Berufung beginnt ihren Lauf in der menschlichen Seele, ohne sie jedoch der Geschichte Gottes in der ganzen Menschheit und seinem Ruf in die Außenwelt auch nur einen Augenblick entziehen zu wollen. Was in der Bibel über die Lebensregungen, Wirkungen und Ziele der Seele gesagt ist, soll hier in übersichtlicher Zusammenfassung wiedergegeben werden. Hiermit könnte man die Aufgabe und Begrenzung des Buches als genügend bezeichnet ansehen. Und doch will das "Innenland" keinem nur begriff-

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lichen Zweck dienstbar sein. Es fleht vielmehr mit den Propheten und Aposteln der Bibel in kraftvoller Erfassung und Bewältigung des Lebens seine eigentliche Aufgabe. Nicht theoretische Erörterung ist das Ziel; sondern auf Bezeugung der Innersten Lebensenergie für die praktische Erfahrung und für die Arbeit lebendiger Außenwirkung kommt es an.

Es kann hier nicht sofort und ohne weiteres von der Gemeinschaftswirkung und öffentlichen Verantwortung des nach außen dringenden Werkes, sondern es muß zunächst von dem Individuellsten und Persönlichsten, eben von dem Innenland unseres Seins gesprochen werden. Dann wird sich zeigen, daß die vom Geist der Liebe erfüllte Seele nicht im Ausgangspunkt des Individualismus, am allerwenigsten im Privatbezirk des Subjektivismus stecken bleiben kann. Von den Ereignissen der Geschichte Gottes beeindruckt, gewinnt die Seele in ihrem Innersten die Kraft des heiligen Geistes, in der Verwirklichung des Reiches Gottes in die Geschichte einzugreifen. Dazu aber muß ihr innerstes Fühlen, Denken und Wollen erleuchtet und geklärt werden. Denn das ist die Überzeugung dieses Buches: "Wie ein Mensch in seinem Herzen denkt, so ist er." Nicht das trübe Gemisch derjenigen äußeren Gewohnheiten, Beziehungen und Abhängigkeiten, in denen sich das Leben einer unbefreiten Seele erschöpft, ist der Gegenstand, der uns gefangennehmen soll. Das Ungeklärte kann uns weder im inneren noch im äußeren Geschehen zum Reich Gottes bringen; das kann vielmehr nur der reine Geist Gottes in unserem eigentlichen, oft verborgenen oder verschütteten Menschen-Wesen, zu dem wir dem Kern unserer Bestimmung nach berufen sind. In diesem letzten Wesen des von Gott geschaffenen Geistes müssen wir Gottes Geist begegnen, der uns zu Seinem Reich beruft.

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"Es fließt mein irdisch Tun im Strom der Zeit, es wandeln sich Erkenntnis und Gefühle; und ich vermag nicht eines festzuhalten; es fliegt vorbei der Schauplatz,den ich spielend mir gebildet, und auf der sicheren Welle führt der Strom mich Neuem stets entgegen: so oft ich aber ins innere Selbst den Blick zurückwende, bin ich zugleich im Reich der Ewigkeit; ich schaue des Geistes Handeln an, das keine Welt verwandeln und keine Zeit zerstören kann, das selbst erst Welt und Zeit erschafft." Wir teilen nicht die Meinung, die aus diesen Worten Schleiermachers gefolgert werden könnte, als sei Gottesgrund und Seelengrund ein und derselbe Grund, oder als feien die Menschen Teile, Atemzüge und Bewegungen des Gottesgeistes. Auch das äußere Geschehen der großen Geschichte verweist auf Gottes Reich; und des Menschen Inneres ist niemals Gott gleich oder als ein Teil Gottes zu setzen. Wir sind aber überzeugt, daß es eine Überwindung dieser heute neu erstarkten Auffassung, die schließlich die Seele zur Gebärerin Gottes und zum werdenden Christus machen will, nur auf einem einzigen Wege geben kann. Es muß Ernst damit gemacht werden, daß die persönliche Willensgemeinschaft des Innentums der Seele mit dem Innentum Gottes das höchste ist, wozu der Mensch berufen ist. Wenn Gott in mein Inneres eintritt, so ist das Leben zu mir gekommen, das allumfassende Gottesleben als das auch mir gewordene Leben, das ich nun selbst leben darf und soll. Das herannahen des Reiches Gottes in Seiner großen weltumfassenden Geschichte verbindet sich mit dem Eindringen seines Geistes in mein Herz. So wird mein Leben von innen her nach außen hin so völlig verändert, daß es dem en-geschichtlich herannahenden Reich entgegen dessen Gestaltung näher und näher kommt.

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Pascal hat deshalb recht gesehen, wenn er gesagt hat: "Die wahre Natur des Menschen, sein wahrhaftes Glück und die wahre Tugend, sowie die wahre Religion sind Dinge, deren Erkenntnis unzertrennlich ist." Als der Mensch noch nicht die Lebensgemeinschaft mit Gott gebrochen hatte, war Gott selbst auf allen Wegen im Innenland der Seele zu finden. Und zugleich begegnete er dem Menschen im Garten der Schöpfung, den der Mensch durch Geist und Hand für das Reich Gottes bewahren und bebauen, ja auch in allen seinen Dingen geistig durchdringen, benennen und beherrschen sollte. Heute ist es die Erinnerung an ihn und die Sehnsucht nach erneuter Lebensverbindung mit ihm, worauf wir um so sicherer stoßen, je tiefer uns der Weg in das Verborgenste des Innenlandes führt. In diesen innersten Gegenden ist es, wo Gott von neuem in die Seele eintritt, und von wo aus er unser ganzes Leben gewinnen und durchwirken will. Das Buch der Natur als der äußeren Schöpfung bleibt ebenso wie das Buch der Geschichte und der Endgeschichte als von Gott gegebenes und uns vor Augen gelegtes Geschenk der Erkenntnis Gottes unsere Aufgabe, wenn es auch oft noch wie mit sieben Siegeln verschlossen erscheint. Aber die Natur und ihr Ursprung, die Geschichte und Endgeschichte, die Ewigkeit und Unendlichkeit, das Jenseits und die Zukunft, das Reich Gottes, soll uns nicht nur von außen, sondern ebenso und noch mehr von innen her aufleuchten. Aus dem allen ergibt sich klar, daß wir in unserem Buch keine Auseinandersetzung mit der Psychologie, am wenigsten mit der experimentellen Psychologie der äußeren Sinnesorgane zu suchen haben. Nur dort, wo die neuere Religionspsychologie und die heutige Psycho-Analyse die innersten Gebiete des Seelenlebens berührt, mußten diese Bemühungen der Forscher gestreift

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werden. Trotz aller neuen Arbeiten bleiben die verborgensten Wege im Innenland unseres Seins bei den verschiedensten Menschen und Zeiten einander so ähnlich und zugleich so schwer zu bezeichnen, daß es zu den Aufgaben unseres Wegweisers gehören muß, die wertvollsten alten Tafeln in Erinnerung zu bringen, die hier seit Jahrhunderten und Jahrtausenden aufgestellt sind.

Das vorliegende "Innenland" ist als eine veränderte und erweiterte Auflage des bei Paul Ott 1914-1915 in Gotha erschienenen Buches "Der Krieg ein Aufruf zur Innerlichkeit" und seiner weiteren Auflagen im Furcheverlag Berlin 1918 und in unserem Gemeinschaftsverlag in Sannerz 1923 anzusehen. Es ist jedoch nicht nur die Vermehrung der Anführungen und der Bezugnahme auf geistige Bewegungen der Vergangenheit und Gegenwart, - es ist nicht nur die Loslösung von der zeitlich begrenzten Aufgabe für den damals neu hereingebrochenen Kriegszustand, - sondern es ist vielmehr der ein wenig vergrößerte Aufbau und der Wille, einen weiteren und größeren Kreis zu erreichen, als es mit der ersten Auflage von dreitausend Stück geschehen konnte, der das hier vorliegende "Innenland" von jenem "Aufruf zur Innerlichkeit" unterscheidet; es ist weiter auch auf Grund fortschreitender Erlebnisse und Erfahrungen eine stärkere Beziehung zu dem tatsächlichen Wesensinhalt und zu der Tatbestimmung des Reiches Gottes gegeben worden, als sie mit den weiteren Auflagen des vierten bis achten Tausend erreicht werden konnte. Wie aber das erste Bändchen, fußt auch das hier vorliegende erweiterte Buch auf der Berufung des Deutschen und aller Menschen zur Innerlichkeit, um zu der eigentlichen Bestimmung der menschlichen Seele hinzuführen. Auf dem Bruderhof bei Neuhof, Kreis Fulda kann

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man sich durch den Einblick in die früheren Auftagen überzeugen, in wie hohem Grade bei dem allen Grundlegung und Aufbau des Ganzen unverändert geblieben sind.

Uns war das deutsche Volk niemals die auserwählte Nation, an deren Wesen die ganze Welt genesen könnte. Aber das Eine haben wir stets festgehalten: Der Charakter des Deutschen sollte sich durch Innerlichkeit bestimmt wissen, wobei es allen klar werden muß, daß diese Innerlichkeit der Berufung allen Menschen zukommt. Die Neigung zum Idealismus, der Hang zum Nachdenken, der Trieb, alle Handlungen durch tiefere Motive und Grundsätze zu rechtfertigen, die Tendenz, sich dem inneren Grübeln und der innersten Versenkung mehr als der äußeren Formung hinzugeben, war oft, wenn auch nicht überall und durchaus nicht immer Eigenart des deutschen Wesens in seinen besten Vertretern. Deshalb muß auch jedes größere und stärkere Erlebnis das deutsche Gemüt zur innerlichen Selbstbesinnung führen, um von innen heraus dem Ansturm ungewohnter Ereignisse gewachsen zu sein.

Der Krieg war ein Aufruf zur Innerlichkeit im Sinne der Einkehr, weil uns die Entwicklung der ihm vorausgehenden Jahrzehnte immer weiter von der Wurzel aller Kraft abgelenkt hatte. Der wachsende Wohlstand des Landes und die Fülle der geleisteten Arbeit waren bedeutsame äußere Segensgüter, für die wir nicht dankbar genug sein konnten. Aber sie verlieren gänzlich ihren Wert und verwandeln sich sofort in Verderben bringenden Fluch, sobald sie wie eine überschwere Belastung das innere Leben zu erdrücken beginnen. Der äußere Segen unserer rapiden Entwicklung wollte uns in reißender Schnelligkeit um den inneren Segen unserer menschlichen Bestimmung bringen. Unser öffentliches

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Leben mit der Masse und hast der Arbeit aus der einen unseiner nervösen Ergänzung in Luxus und Ausschweifung im krankhaft gesteigerten Tempo der in Hetze erstrebten Vergnügung aus der anderen Seite hatte seinen deutschen, ja noch mehr, seinen menschlichen Charakter verloren - zum Schaden der Innerlichkeit. Die Not der Zeit, die nach dem Kriege angebrochen ist, kann uns nur dann zur Förderung werden, wenn wir uns auf unsere göttliche Berufung besinnen, wenn wir statt Hetze und Aufregung die Wurzeln der Kraft wieder suchen lernen: eine in Gott gegründete Innerlichkeit. Schon vor dem Kriege gab Gott unserem Volk und den Stammesverwandten Nachbarvölkern Geistesbewegungen, die sich von dem Unechten unserer verdorbenen Zivilisation abwenden und einem echteren Leben zuwenden wollten, das wahrhaftiger, reiner, beseelter, innerlicher, menschlicher, brüderlicher und gemeinschaftlicher sein sollte. Nach dem Kriege aber hat der Taumel eines veräußerlichten Daseins uns von neuem von Ungerechtigkeit zu Ungerechtigkeit, von Unbeseeltheit zu Unbeseeltheit, von Seelenmord zu Seelenmord, von Tod zu Tod, geführt.

Ohne eine tiefe innerliche Erhebung im Kern des Volkes werden wir den Wirkungen des verheerenden Krieges nicht gewachsen bleiben. Ohne die auf das Gottesreich gerichtete Einkehr des Herzens werden wir neuen Irrungen verfallen bleiben, die die Volkserhebung von einem Menschenreich ohne Gottes Geist erwarten.

Als Jesus auf eine Zeit hinausblickte, in der die Erde die Schrecken allgemeiner Kriege und blutiger Aufstände, schwere Entbehrungen und Seuchen erleben sollte, hat er im innersten Zusammenhang mit diesen Dingen ein Zunehmen der Gesetzlosigkeit und Ungerechtigkeit, ein Erkalten der Liebe

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vorausgesagt. Und man hat die Wahrheit dieses Ausspruches in der Vorbereitung und in der Gefolgschaft jedes großen Krieges beobachtet, wenn jetzt die Erregungen unserer Zeit die Zuchtlosigkeit, Lieblosigkeit und Ungerechtigkeit aller Art weiter zunehmen lassen, so wird sich dieser Weltkrieg samt allem dem, was ihm an scheinbar nur äußeren Ereignissen gefolgt ist und noch weiterhin folgt, zu dem furchtbarsten Gericht ausgestalten, das jemals über unser Volk und über die Menschheit hereingebrochen ist. Wenn die Liebe zu Gott in der eisigen Sorge um die einzelne oder um die gemeinsame Existenz und ihre sogenannte Sicherung oder wenn sie in kühl berechnetem oder wütend leidenschaftlichem Kampf um materiellen Vorteil und Gewinn zur Erkaltung kommt, wenn also ebenso die glühende Liebe zu unseren Brüdern und Schwestern, wie die strahlende Liebesenergie unseren Gegnern gegenüber von der Schrankenlosigkeit der kalten und doch leidenschaftlichen Sünde überflutet wird, wenn abermals die von der innersten Seele und dem darin wirkenden Gottesgeist losgelöste, nach außen gewandte und im Äußeren sich erschöpfende Machtgier und Gewalt des Hasses von neuem die Herrschaft hält, so bedeutet das den Untergang für alle Innerlichkeit und damit den Untergang überhaupt.

In demselben Zusammenhang, in dem Jesus von dem Weltkriege aller Völker und Königreiche, von der Gesetzlosigkeit und dem Erkalten der Liebe gesprochen hat, hören wir durch ihn von einem Ausharren bis ans Ende und von einer wahrhaft gottgewirkten Bewegung, Aussendungsarbeit und Geisteswirkung in der ganzen Welt. Nur eine letzte, tiefste innere Belebung, nur ein großes völliges Aufwachen für Gott und seine alles bestimmende Herrschaft kann es in so schwerer Zeit dahin bringen, daß das Evangelium, die frohe Botschaft

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von der alleinigen Geltung des Christus, in die ganze Welt hinausgetragen wird. Dazu aber muß das Leben einer Ausendungsgemeinde als ein Leben aus Gott gegeben sein, das von innen her bis in die äußerste Gestaltung hinein als Gerechtigkeit, als Friede, Einheit und Gemeinschaft, als Liebe und Freude im heiligen Geist dem Reich Gottes entspricht.

Die große Stunde der Weltgeschichte, die jetzt geschlagen hat, ist ein Ausruf zur Innerlichkeit, weil sie einen Aufruf zur Wirksamkeit in der Welt bedeutet, weil sie Ausgaben in sich schließt, die geradezu grenzenlos genannt werden müssen. Deshalb ist es hohe Zeit, daß wir uns zu vertiefendem Nachdenken sammeln, um über unser inwendiges Leben Klarheit zu gewinnen. Es ist notwendig, daß wir die Grundlagen und Lebensgesetze der Innerlichkeit kennen. Dann werden wir auch mehr und mehr Klarheit für die gesamte Lebensgestaltung gewinnen, in welcher Ordnung Gottes, in welcher Herrschaft Christi, in welcher Bestimmung seines Geistes sie in Angriff zu nehmen und durchzuführen ist. Es ist vor allem entscheidend, daß wir die Kraft Gottes in unserm Innern erleben, weil wir allein dadurch in den Stand gesetzt werden können, in den kommenden Stürmen festzustehen und auszuharren. Nur wenn unser inneres Leben in Gott verankert ist, können wir die Kraft gewinnen, mit dem Mut des Glaubens die ungeheuren Aufgaben der nächsten Zukunft auf uns zu nehmen. Nur wenn in unserem Innersten die Ordnung der Einheit und Klarheit gewirkt wird, kann unser Leben als Einheit und Freiheit der Stadt auf dem Berge, die wärmende und leuchtende Kraft des Lichtes aus dem Leuchter als eines Lichtes für die ganze Welt gewinnen.

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Das inwendige Leben.

Vor dem großen Kriege war es der Wille zur Macht, der in den mannigfaltigsten Gestaltungen die Menschen in das äußere Getriebe zu verstricken und alle ihre Kräfte für die Erweiterung des greifbaren Besitzes zu verbrauchen suchte. Heute ist es von neuem der Wille zur gewalttätigen Selbstbehauptung und zur rücksichtslosen Machterweiterung, der neben anderen Völkern auch unsere Nation wie ein wütender Sturm durchpeitscht, um mit der nationalen Freiheit und Arbeitsbeschaffung auch den gemeinschaftlichen Eigenwillen und das persönliche Eigentum zu neuem alles andere verdrängenden Auftrieb zu bringen. Es ist der Wille zum Eigenleben des Volkes und des Einzelnen, der heute in gesteigerter Rückhaltlostgkeit unser ganzes Sein für die Erhaltung und Verbesserung der so unermeßlich erschwerten äußeren Existenz in Anspruch nehmen will, ohne eine innerste Grundlegung geben zu können. Dem allen gegenüber ist es der Wille zu Gott als zum innersten Leben und zur alles beherrschenden Macht seines Reiches als Liebe und Gerechtigkeit, der uns in die innere Abgeschiedenheit nötigt, in der die Einsamkeit der Seele zur Zweisamkeit mit Gott und zur Gemeinsamkeit seiner Gemeinde werden soll.

Deshalb hat Ekkehart, der nach mancher Seite hin das innere Leben wie kaum ein anderer gekannt hat, sagen müssen: "Nirgends ist volle Ruhe, als allein in dem abgeschiedenen Herzen. Darum ist Gott lieber dort, als in irgendeinem ande-

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ren Wesen oder in irgendeiner anderen Tugend." Dieses Wort trifft jedoch die Wahrheit nur dann, wenn die Abgeschiedenheit als Absonderung von den unfruchtbaren und toten Werken der Finsternis zu dem lebendigen Aufbau der Lichtstadt führt, in der das Wesen des Reiches Gottes mit aller Tüchtigkeit und Tapferkeit des liebenden Gemeinschaftswerkes allen Menschen als Einheit offenbar wird. Wo Gott ist, rückt sein Reich als das letzte Reich heran. Er ist der Gott des Friedens, dessen Gegenwart die Befreiung von aller inneren Unruhe, von allem Zwiespalt des Herzens und von jeder feindseligen Regung bedeutet. Ekkehart vergißt es allzu leicht, daß der lebendige Gott ebensosehr Tätigkeit wie Friede ist. Sein Friede ist in der Tat die innerste Einheit des Herzens in dem harmonischen Einklang größter Mannigfaltigkeit für alle Gaben und Kräfte der Seele. Aber auf dieser Grundlage bringt er als das Ziel seiner Schöpfung jene äußere Einheit aller Betätigung hervor, die als Freude an jedem Gegenstand der Liebe und als wirksame Gerechtigkeit für alle Menschen eine Außenwelt aufbaut, die im heiligen Geist nach allen Seiten hin den Frieden verwirklicht. Gott will dem inwendigen Leben eine unzerstörbare Harmonie schenken, die in gewaltigen Melodien der Liebe nach außen wirksam werden soll. Es ist Kraft zur Betätigung, die sich aus der Energie innerer Sammlung ergibt. Die Sammlung der Herzen führt zur Sammlung eines Volkes, das in tätiger Arbeit das Reich Gottes als Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geist erkennen läßt.

Heute gilt es für diese Lebensaufgabe der Berufung Christi von neuem zu betonen, daß unsere Arbeitskraft leer und mechanisch werden muß, ja daß ihr Lebensnerv verzehrt wird, wenn dem inneren Leben keine Vertiefung in der Stille

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geschenkt wird. Die heiligen Quellen der inneren Welt, die unserem Geistesleben das befruchtende Wasser geben, müssen in sich selbst zum Versiegen kommen, sobald die innere Stille verloren gegangen ist. Der heutige so überlastete Mensch sehnt sich wie ein Verdurstender nach stärkender Erquickung des inwendigen Lebens, weil er es fühlt, wie elend er ohne sie zugrunde gehen muß. Die innere Quellkraft, die in schweigender Stille Gott selbst reden und wirken läßt, führt die Glaubenden vom Untergang des Todes zum Aufgang des Lebens, eines Lebens, das im Strome schöpferischen Geistes nach außen drängt, ohne sich in der Außenwelt verlieren zu können. Als "werktätige Stille" führt diese Kraft zu einer Arbeit an der Welt, die den Glaubenden nicht verweltlichen und doch niemals untätig werden läßt.

Die Not der Zeit erlaubt es nicht, sich in selbstgewollter Blindheit gegen die Fülle der gewaltig andringenden Aufgaben menschlicher Gesellschaft zu entziehen. Wir können die innere Abgeschiedenheit nicht mit den zum mindesten mißverständlichen Losungen Ekkeharts in der inneren und äußeren Einsamkeit suchen. Wir sind dankbar dafür, daß der angespannte Mechanismus der heutigen Weltwirtschaft diese fromme Selbstsucht nicht mehr zulassen will. Denn dadurch sind wir mehr als in früheren Zeiten vor Selbsttäuschung bewahrt. Wir fühlen es draußen im Leben an dem Mangel lebendiger Wirkung, wenn unser Streben nach Abgeschiedenheit nicht bis zuden innersten Quellen schöpferischer Kraft vorgedrungen ist. Wo diese Kraft im Menschen wirksam ist, sammelt die AbgeschJedenheit in völligster Gelassenheit unddeshalb in aktivster Arbeit ein glaubEndes Volk lebendig-ster Gemeinschaft. Dessen Liebe zu allen Menschen drängt nunmehr aus aller Einsamkeit bis an die Enden der Erde

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hinaus, ohne doch jemals die gemeinsame Sammlung im Brennpunkt der Kraft aufgeben zu können.

Eine Flucht aus der verwirrenden Drehschaukel der überhafteten Gegenwart in das Innerste unseres Hauses läßt sich vor dem verantwortlichen Gewissen nur durch bereicherte Fruchtbarkeit rechtfertigen: Es gilt dort durch die Einheit mit den ewigen Kräften die Stärke des im Strom der Welt zu erprobenden Charakters zu gewinnen, die allein den Forderungen der Zeit gewachsen sein kann. Nicht Flucht, sondern Sammlung zum Angriff ist die Losung. Wir dürfen uns dem reißenden Strom des gegenwärtigen Lebens niemals in jenem seelischen Eigennutz entziehen, der unsere Liebe gegenüber der Not und ihren unzähligen Irrwegen der Schuld zur Abkühlung bringt. Dann wäre unsere Abgeschiedenheit als Kaltherzigkeit zu einer so gesteigerten Ungerechtigkeit geworden, daß sie die Ungerechtigkeit der Welt übertroffen hätte. Ohne das Mittragen der Weltnot und der Weltschuld verfallen wir der Unwahrhaftigkeit und Unlebendigkeit, dem ewigen und zeitlichen Tod. Und wer das Leben halbieren will, indem er nur an der inneren Not, nicht aber auch ganz und völlig an der äußeren Not seiner Mitmenschen teilnehmen kann, verliert damit auch die vermeintlich so gewonnene oder so zu bewahrende innere Hälfte des Lebens. Denn er hat Christus Jesus vergessen, der sich der äußeren Not ebenso wie der inneren angenommen hat, weil vor seinem Auge beides untrennbar eines ist. Ein liebendes und kämpfendes Miterleben unserer Zeit ist nur dann möglich, wenn jede Faser unserer Nerven mit den Forderungen der Arbeit mitschwingt, wenn jeder Tropfen unseres Herzblutes mit der Not mitempfindet, sie miterleiden und deshalb tätig überwinden will. Den Weg zu dieser Hilfe finden wir in der Stille.

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Jean Paul beschreibt den wütenden Sturm, in dem der Wasserspiegel zackig und schäumen- durcheinander geworfen wird, während die Sonne ihn bestrahlt, ohne daß unruhige Wolken sie verdecken. Muß auch in dem uns umtosenden Treiben, in dem wir zu leben und zu wirken haben, der Spiegel unserer Gefühle in Sturm und Wallung kommen, - das Herz weiß von einem Himmel mit einer Sonne, die in strahlender Ruhe unberührte und unangetastete Kraft bewahrt. Dieser Himmel ist die aufgehende Sonne des herannahenden Gottesreichs, wie sie der Morgenstern der Zukunft, Jesus Christus, nicht nur angesagt, sondern in seinem Leben und Sterben, in seinem Wort und Werk an uns alle herangebracht hat. Wer diesen Himmel sieht, versteht das Wort Fichtes: "Willst du Gott schauen, wie er in sich selber ist, von Angesicht zu Angesicht? Such' ihn nicht jenseits der Wolken; du kannst ihn allenthalben finden, wo du bist." Das Reich Gottes naht auf der ganzen Erde. Gott ist überall nahe, wo die gänzliche Veränderung aller Dinge gesucht wird, die Seine Herrschaft mit sich bringt. Sein Reich ist nicht räumlich beschränkt.

Man ist nicht eher ein Christ in dem allein möglichen, in dem innerlichen und deshalb zugleich auf alles Äußere einwirdkenden Sinne, als wenn man das entscheidende Wort von dem Nahesein des Christus im eigenen Herzen erlebt hat: "Die Gerechtigkeit aus dem Glauben spricht also: Sprich nicht in deinem Herzen: 'Wer will hinauf gen Himmel fahren?' (Das ist nichts anderes, denn Christum herabholen.) Oder: 'wer will hinab in die Tiefe fahren?' (Das ist nichts anderes, denn Christum von den Toten holen.)" Aber was sagt sie: "Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen." Das Wort kommt ins Herz, weil es in die Welt gekommen ist. Das ewige Wort wurde zeitliches Fleisch; der

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Gottessohn ist Menschensohn geworden. In deinem Munde, in deinem Herzen, in der Arbeit der glaubenden Gemeinde, in dem Organismus ihrer liebenden und tätigen Gemeinschaft wird das Wort durch den heiligen Geist wie in dem ersten Kommen des Sohnes von neuem Leib und Leiblichkeit, so oft von Herzen geglaubt und mit dem Munde bekannt wird, was in Wahrheit getan und gewirkt wird. Um in das Menschenleben einzudringen, geht das Wort stets von neuem in das Inwendige ein. Das Reich ist nicht zeitlich beschränkt.

Kein Auge kann außer sich, sondern nur in sich selbst das Licht erblicken. Das Licht kommt von außen und erstrahlt im Inneren. Gottes Morgenstern und seine aufgehende Sonne naht aus der anderen Welt zu uns heran. Wenn wir diese Tatsache glauben, wenn diese Nachricht das inwendige Leben erreicht, ist der Morgenstern ausgegangen in unseren Herzen. Es wird Licht in uns, weil das Licht der Welt von fern her angekommen ist. So erleuchtet es jeden Menschen, der in diese Welt kommt. Alles Sehen kommt dadurch zustande, daß das Auge die Strahlen in der Tiefe seines eigenen Grundes aufgenommen hat. "So kannst du Gott nicht außer dir erfassen. Er selbst muß tief in deines Herzens Grunde die Strahlen seines Geistes gleiten lassen, sein Bildnis drein zu prägen, dir zur Kunde." In Jesus ist das Bild Gottes so klar und so unwidersprechlich erschienen, daß nunmehr die Berufung des Menschen von Ihm aus in unser Herz eindringt. Das Bild Gottes, das Er uns bringt, ist die Liebe als Wille zur Einheit. Es ist die Berufung zur Ebenbildlichkeit Gottes, in welcher Sein Geist alle Menschen und Dinge zur Einheit beherrschen und formen will. Das Reich ist nicht subjektiv beschränkt.

Sobald das verdunkelnde Getriebe unseres eigenwillig ins Äußere sich dehnenden Selbst uns nicht mehr im Lichte steht,

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sehen wir Gott unmittelbar vor dem innersten Herzen. Gott erweist sich uns als die strahlende Sonne, die allein das bleibende Leben bringen kann. Er führt den neuen Tag herauf, der als Sein Tag das Dunkel des Ichlebens richtet, einen jeden zum Licht erlösen und alle unter Seiner Herrschaft vereinen will. In Gott, als der Zentralsonne unseres Seins, finden wir den Mittelpunkt unseres inneren Lebens, weil wir in ihm das Zentralfeuer der ganzen Schöpfung und aller Geschichte und Endgeschichte erkennen. Ohne ihn muß die Sammlung unseres Geistes in dem Grunde unserer Seele uns stets aufs neue zerflattern. Sie wird nur dadurch ermöglicht, daß wir in der Tiefe des Seins mit Gott eins werden. Die Schlacht kann nur dann gewonnen werden, wenn der Feldherr mit seinem Stabe in all ihrem Toben völlige Ruhe bewahrt. So sind wir alle nur dann den Anforderungen der heutigen Not gewachsen, wenn wir innerlich die Sammlung in Gott gefunden haben. Und wir finden sie nur dann, wenn der Blitz des Reiches Gottes herniedergefallen ist und den ganzen Horizont erleuchtet hat.

Es gibt kein Leben, welches nicht sein Zentrum im Innern hätte. Wie der Erdkörper ohne sein glühendes Innere nicht weniger tot wäre als der Mond, - wie der innere Kern die Lebenskraft der Frucht enthält, - wie die schönen Kelchblätter der Blume die Organe ihrer Befruchtung innerlich verborgen halten, - so kann es für jede Lebensenergie nur ein Zentrum geben: Das Inwendige und Verborgene. Die Kraft des Reiches Gottes liegt in seinem Innersten, im Herzen Gottes, verborgen. In Jesus als dem verborgenen Mittelpunkt aller Geschichte tritt sie hervor. Im Herzpunkt des Glaubens offenbart Jesus diese Kraft den Unmündigen. Den Weisen und Klugen bleibt sie verborgen, weil nur das kindliche Herz den

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Plan der Liebe zu fassen vermag. Nur wenn wir in unserem eigenen Innersten mit dem Zentrum aller Welten und ihres gesamten Lebens eins geworden sind, hat unsere Seele Gott erkannt und ist von Gott erkannt worden. Der innerste Kern entscheidet über Leben und Tod.

Die schwerste Erkrankung des Lebens bleibt deshalb nicht bei den nach außen gewandten Lebensformen stehen, sondern ergreift mit ihrer Zersetzung und Zerstörung das Innerste. In Wahrheit könnte es für das Leben keine wirkliche Krankheit geben, wenn der Kern des Seins von ihr unberührt geblieben wäre. Wir sind krank und verfallen dem Tode, weil wir uns dem Kernfeuer allen Lebens und allen Geschehens entfremdet haben. In diesem Zustand begreifen wir nichts von dem Gericht Gottes in seiner Geschichte. Unser inwendiges Auge ist an dieser Krankheit dem Reich Gottes gegenüber erblindet. Jede Schwächung der Innerlichkeit hat den Quellort unserer Lebenskraft getroffen. Jede Verstärkung der Außenseite des Daseins, die auf Kosten des Inwendigen gewonnen wird, verschwendet unser Lebensmark und gefährdet unsere innere Existenz. Nur der Reichtum des Lebens, der im Innersten gesammelt ist, befähigt uns zur schenkenden Tugend, die im Geben ihre Glückseligkeit findet. Wie der innerste Kern des ReichesGottes die sich hingebende Liebe, das tätige Opfer des reinsten Lebens ist, ist es das Innerste unseres Herzens, in welchem die Liebe des geopferten Christus das reiche Feuer der Gelassenheit entzündet, in dem wir alles loslassen undhingeben, was uns an eignen Kräften und Gütern gegeben wurde. Jede Verarmung und Erkrankung des inneren Menschen bedeutet einen Verlust an Wärme und Wesenhaftigkeit, der in allem unserem Wirken und Treiben nachzuweisen sein muß. Jede Gesundung des inneren Lebens führt zur Auf-

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opferurig in der Liebe als zu reinerer und stärkerer Tätigkeit. Niemand hat jemals so wie Jesus das Schwert seiner gewaltigen Rede gegen die Gefahr der Veräußerlichung der religiösen als der innerlichsten Güter des Menschen gewandt. Niemand hat mehr als er alles Gewicht auf den wirklichen Zustand des inwendigen Lebens gelegt; weil er das Herz Gottes ist, hat er das Reich Gottes gebracht, das über alles Geltung gewinnen will, indem es die Herzen trifft und von dort aus alles verändert. So sucht Er das inwendige Leben aller Menschen, von ihm wissen wir, daß selbst der gottentfremdetste und unehrlichste Mensch ein Inneres hat. Mit allen Mitteln des Gerichtes und der Liebe sucht Gott das Herz eines jeden Menschen zu bewegen, daß das Herannahen Seines Tages ebenso wie die Einwirkung Seiner Liebe die Herzen zur Einkehr und Umkehr und zur umstürzenden und neu anrichtenden Veränderung aller Dinge bringt. Und Er sieht das Herz, wie es ist. Alle Reinigung und alle Ubertünchung des Äußeren und Auswendigen ist umsonst: "Von innen seid ihr voll Heuchelei und Gesetzlosigkeit": "Inwendig sind sie voll Raub und Unenthaltsamkeit, voll Totengebeine und aller Unreinigkeit." Jesus haßt den äußeren Schein der Frömmigkeit und Heiligkeit, wenn das Herz sich unehrlich fremder geistlicher Güter rühmt und immer tiefer in der Ferne von Gott versinkt. Er selbst hat das ernsteste Wort ausgesprochen, das hierüber gesagt werden kann: "Dies Volk nahet sich mir mit seinem Munde und ehret mich mit seinen Lippen; aber ihr Herz ist weit entfernt von mir. Aber vergeblich dienen sie mir, weil sie solche Lehren lehren, die nichts sind als Menschengebote."

Infolge des Krieges und aller ihm notwendig folgenden Schrecken und Zusammenbrüche hat es mancher gefühlt, daß

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Gott ihn durch die schwere Belastung unserer Zeit zur Einkehr leiten will, wieder kommt alles darauf an, daß wir nicht nur mit dem Munde Änderung versprechen, daß wir nicht nur mit den Lippen den Gebieter ehren, dem allein alle Gewalt gegeben ist. Der Wille des Herzens muß Tat werden, wenn er ernsthaft und ausrichtig ist. Die Aufrichtigkeit entscheidet. Gott will es durch das Gericht seiner ernsten Liebe dahin bringen, daß bei allen Menschen, die dazu bereit sind, das Herz, der wirkliche innere Austand und damit die gesamte Lebenshaltung wahrhaft verwandelt wird.

Und welche Blicke hat der grausame Krieg und die ihm bis heute folgende Erregung der Existenzangst, der Besitzgier und der nationalen und revolutionären Leidenschaft in das finstere Innere der Menschen von heute eröffnet! Unsere Zeit hat von neuem einen Zustand des inneren Menschen offenbart, in dem ihn alles andere erfüllt als Gott, der doch allein seine Bestimmung befriedigt. Und dennoch will man sich täuschen.

Man spricht vom Einsatz und Opfer des Lebens, von seiner Hingabe in den Tod um der Brüder, um der Freunde und Genossen und um des Vaterlandes, um der Freiheit und um der Gerechtigkeit willen und meint mit dem allen die Tötung und Beraubung aller derer, die man als die Feinde dieser hohen Güter ansieht. Wie warnt demgegenüber Jesus vor denen, die im Gewande des Lammes kommen, "inwendig aber sind sie reißenee Wölfe"! Ihre inwendige Gesinnung ist Raub und Zerstörung, weil das Wesen der Sünde, die ungebrochene Ichsucht, trotz aller christlichen Verkleidung und trotz aller prophetisch anmutenden Paniere der Gerechtigkeit in ihnen nach wie vor regiert. Die Gelegenheit des großen Krieges und der ihm bis heute und weiterhin folgenden machtpolitischen Möglichkeiten hat es erschreckend enthüllt, wie noch heute das

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Innere der Menschen mit grausigster Gewalttat erfüllt ist. In Wahrheit zeigt sich der Zustand der Menschen von heute als der des Psalmwortes, das der Römerbrief so ernst beleuchtet: "Ihr Inneres ist Verderben," Verderben, das man sich selbst und anderen bereitet.

Das Innere des heutigen Menschen ist wie das Schicksal der im Weltkrieg verwüsteten Länder einer tiefen Gebirgsschlucht vergleichbar: Dunkle Schatten des Gerichts sind darüber ausgebreitet. Nur verdorrte Stämme und knöcherne Wurzeln sind es, die dem Heller Sehenden verraten, daß hier nicht immer der Tod geherrscht hat. Das Wasser ist verschüttet, das für dieses Tal das Leben war. Steiniges Geröll erfüllt die Schlucht und scheint jede Hoffnung begraben zu haben. Je tieferen und wahrhaftigeren Einblick der Mensch in den wirklichen Zustand seines Inneren gewonnen hat, um so hoffnungsloser und trostloser wird ihm sein Schicksal. Welches Staunen mußte jene Frau erfüllen, als ihr der untrügliche Mund des Messias verkündete, daß ihr verschüttetes Innenleben gänzlich erneuert und für immer mit frischer Kraft und reichem Inhalt erfüllt werden sollte! Es gibt ein belebendes Wasser, das auch heute den finstersten Abgrund und die furchtbarste Verwüstung in eine Stätte der Freude und des quellenden Lebens verwandelt. Es ist der Geist dessen, der gesagt hat: "Das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das ins ewige Leben quillt." Von dieser innersten Quelle aus soll auch die äußerste Verwüstung, die über die Völker und Länder gekommen ist, überall dort in eine Landschaft und Volkheit des weithin wirkenden Friedens verwandelt werden, wohin sich durch den heiligen Geist die Kräfte der zukünftigen Welt Gottes ergießen.

Gott will nicht, daß unser Inneres in trostloser Verwüstung

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ein dunkler Abgrund bleibt. Die Unwetter seines Gerichts, die die geängstete Seele bedrohen, weiß er inden Sonnenschein unverdienter Liebe zu verwandeln. Friede und Klarheit will er dem Herzen bringen, wo bis heute Zerrissenheit und Dunkel geherrscht hat. Sein Tag des Gerichts, der besiegte und unbesiegte Volker, ja die ganze Weltwirtschaft des Mammons zu zerschmettern droht, wird als Tag des Herrn zum Tag des Heils, wenn wir dem Reich des Mammons und des Mordes, der Lüge und der Unreinheit entsagen, um fortan dem Reiche Gottes anzugehoren.

Gott kennt den inneren Kampf, wie er sich mit tiefem Weh im Verborgenen des Herzens abspielt. Er weiß, daß dort das Gewissen lebt und sein Zeugnis immer wieder zum Bewußtsein bringt. Er kennt die inneren Gedanken, wie sie sich anklagen und entschuldigen. Er weiß, wie mancher vergeblich mit den inneren Gebundenheiten ringt, die ihn an das Niedere fesseln. Er weiß, mit welcher Lügenmacht sich die falschen dämonischen Ideale und Idole zu behaupten suchen. Er weiß, daß das reißende Raubtier als Lichtengel vermeintlicher Befreiung die Gewissen verwirrt.

Der inwendige Mensch hat Lust am Gesetz Gottes. Er würde so gerne darnach leben, während zugleich nebenden Forderungen der Gerechtigkeit Gottes jene anderen Anforderungen des Einzellebens, des Volkslebens und der unterdrückten Klasse sein Innerstes erregen. Er mochte frei werden für Gottes Gerechtigkeit nach innen und nach außen. Und er vermag es nicht. Der Geist zieht ihn nach der oberen Stadt der Gottesgemeinde und des Gottesreichs. Und das Bleigewicht der ehernen Eigengesetzlichkeit jener Dinge hält ihn an die unteren Städte der Menschenkommune und des Menschenreichs und an ihre blutigen Belange. Gott weiß, daß alle Volker

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und alle Menschen in diesem inneren Kampfe leben. Denn Gott hat auch den fernsten Völkern das Werk des Gesetzes in ihre Herzen geschrieben. Er allein und nur der, der in dem alles durchschauenden Geist mit ihm in Einheit steht, kann das Verborgene der Menschen richten und beurteilen. Der Vater sieht in das Verborgene. Er hat Lust an der Wahrheit im Innern. Im verborgenen, im Innern des Herzens, will er uns die Wahrheit kennen lehren. Und allein die reine Wahrheit Gottes in seiner völligen Liebe, wie sie in Jesus und Seiner ersten Gemeinde Gestalt gewann, vermag uns frei zu machen. Alles andere ist Lüge und Täuschung.

Das Schicksal der heute so schwer getroffenen Länder erinnert an eine merkwürdige Erzählung von einem abgelegenen vertrockneten Tal, dessen verarmte Bewohner sich leise an eine Zeit erinnerten, in der es anders und besser war. Einst floß dort ein lebenspendender Gebirgsstrom und schenkte dem Tal Reichtum und Glück. Aber eigene Schuld, an der alle teilhatten, die das Tal bewohnten, hatte alles verdorben. Der große Berg begann sich zu regen. Gewaltige Steinmasten stürzten in die Tiefe. Alles bis aufs Letzte schien unter den Trümmern begraben zu werden. Kein schützendes Gebäude, keine schirmende Flucht bot Hilfe. Aber noch einmal zögerten die stürzenden Massen. Vor den Häusern blieben sie stehen. Aber der Strom war verschüttet. Das blühende Leben schien für immer vernichtet. Armut und Not begannen ihre Herrschaft. Selbst die Erinnerung an das Vergangene schien langsam zu schwinden. - Aber ein Sohn des Tales wuchs auf, von den anderen verachtet. Ihn bewegte das Schicksal der Seinen. Tag und Nacht sann er auf Rettung, bereit, sie zu vollbringen. - Denn er kannte den Strom, wo er verschüttet war. Aber als er das Ungeheure vollbrachte

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Und den bergschweren Felsen bewegte, da wurde er, der Retter der Seinen, unter dem letzten Block begraben, durch dessen Beseitigung er das Wasser von neuem in das Tal strömen ließ. - Doch er erstand zum Leben, der für die Seinen den Tod gewagt hatte; und er herrschte fortan über sein neu beschenktes Volk.

Es ist Jesus, der den Felsblock unserer bergschweren Schuld von seiner Stelle gebracht hat, daß sich der Strom des Lebens ungehemmt in unser Inneres ergießen kann. Jesus als Herr über unser innerstes Sein bringt unserem inwendigen Leben Reichtum und Glück. Und wie er die Leiber der kranken und Besessenen heilte, will er auch jetzt in dieser anhaltenden Katastrophe der Weltgeschichte die verschütteten Leiber und verderbten Arbeitsstätten befreien und ein neues Leben in Seinem Land ermöglichen. Unser Herz kann von dem ertötenden Druck verborgener Sünde nicht anders befreit werden, als wenn die befreiende Tat seiner Schenkung in unserem Inwendigen Platz gewinnt. Und wenn dieses Erlebnis uns geworden ist, gilt es, ihn mehr und mehr zur Geltung kommen und regieren zu lassen.

Wenn so sein Reich zu uns kommt, leben wir von innen her auch in unserer Arbeit und gemeinschaftlichen Lebensordnung nach dem Geistesgesetz Seines Reiches. Auch unsere äußere Lebensgestaltung soll dann dem Gottesreich entsprechen, wie es Seine Propheten gezeichnet haben. Wenn sein Wort in uns gebietet, wenn sein Wesen sich in uns entfaltet, so ist es ein ungeahnter Lebensreichtum, der die vertrockneten Tiefen unseres Inneren überströmt und sich von dort aus als lebendige Wirksamkeit der Liebe in die Außenwelt ergießt. An die Stelle der alles bedrohenden Gerichtswolke tritt das überschwängliche Licht seiner Offenbarung. Dieses Licht zeigt

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den lebendigen Weg. Die Gemeinde des Glaubens und der Liebe gewinnt durch seinen Geist schon heute die Möglichkeit, das innerste wie das äußerste Leben nach der Gerechtigkeit, dem Frieden und der Freude Seines Reichs richten und einrichten zu lassen.

Die düstere Dunkelheit des großen Weltkrieges, seiner Ursachen und seiner Folgen offenbart sich in diesem Licht als die Schuld, die für viele den Lebensstrom verschütten ließ. Weite Volksschichten wollten es vergessen, daß Jesus das Leben ist. Weil sie in anderen Gewässern ihr Leben suchten, mußte ihnen alles verschüttet werden. Es ist der tief eingreifende Wille zur inneren Hilfe, der Gott diesen Krieg wie einen schweren Bergsturz über uns kommen ließ. Aber wieder zeigt es srch, wie es die Offenbarung Johannes für die letzten Tage voraussagt: "Und die übrig gebliebenen, die nicht durch diese Plagen getötet wurden, taten dennoch nicht Buße für die Werke ihrer Hände. Sie taten auch nicht Buße für ihr vielfaches Morden. Ja, sie lästerten Gott im Himmel, anstatt Buße für ihre Werke zu tun."

Ungezählte wenden sich scharf vom Wege Jesu ab und suchen den Weg der Götzen auf, um in ihnen fernerhin um so eifriger den Mammon, den Mörder von Anfang, den Vater der Lüge, den Fürsten der unreinen Geister anzubeten. An unreinen Strömen menschlicher Blutverbundenheit suchen sie sich stark zu machen, anstatt endlich die eine reine Quelle aufzusuchen. Ernster als je zuvor sind wir durch den Zusammenbruch auf allen Seiten auf den Einen hingewiesen, der unsere Armut und Not auf sich genommen hat, um uns in seinem Geist rein und stark zu machen. Ein jeder sollte es endlich erkannt haben, daß keine menschliche Anstrengung eignen Aufschwungs, sondern nur die Königsherrschaft Gottes

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der Erde frieden und Leben bringen kann. Mitten in der Schwere der jetzigen Lage will Gott selbst für unser Inneres und für jedes Gebiet unseres Lebens der Retter und Helfer sein. Es gibt nur ein Evangelium für alle Kreatur, nur ein und dasselbe für alle Völker, für jede Volksklasse und für jedes Vaterland. Wer ein anderes Evangelium für sich selbst, für seine Nation oder für seine Klasse vertritt, bringt den Fluch mit sich.

Die Wirklichkeit Gottes beweist sich darin, daß er unserem Herzen die Erneuerung und Kräftigung bewirkt, die wir ohne ihn nicht finden können. Die Einheit Jesu mit dem Vater, die lebendige Wirklichkeit seiner Gottessohnschaft als Gottes und Christi Einheit mit dem heiligen Geist erweist sich in unserem innersten Leben. Denn dort betätigt sein Geist mit Macht jene religiöse und sittliche Umgestaltung, wie sie ohne ihn niemals zu gewinnen wäre. Wie Er in sich selbst und in uns die Einheit ist, so kann sein Geist nichts anderes als Einheit und Frieden auch im Leben draußen vertreten unverbreiten. Er kennt nur Einen weg und nur Eine Führung. Jesus Christus, der der Herr und der Geist ist, geht keinen Umweg und kennt keine fremde Vermittlung.

Es ist die Gewißheit des Unmittelbaren, in der Gott sich zu eigen gibt. In ihm allein findet das Sicherheitsbedürfnis des Herzensden festen Punkt des Jetzt und Hier, nach dem es ununterbrochen verlangen muß. Die Gegenwart des Christus ist das wunderbare Gottesgeschenk, in dem wir mit Gott die vollkommene Einheit des Glaubens und der Liebe empfangen. Mit derselben Stärke aber geht uns durch diesen Eindruck die tiefste verschiedenheit zwischen seiner Reinheit und unserer Schuld auf. Wir stehen in der Uneinheit der Menschen, ihrer Klassen und Völker, während Er die Einheit

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ist und bleibt. Gerade im völligen Einssein werden wir uns des abgrundtiefen Unterschieds bewußt, der unser Wesen von dem Seinen verschieden sein läßt.

Die Schriften der Apostel nennen dieses Erlebnis die Erleuchtung unserer Herzen durch Gott, die den Lichtglanz seiner Herrlichkeit in unser Inneres bringt. In Christus und in seinem Angesicht leuchtet er aus. In dieser Erleuchtung durch die Gegenwart Gottes wird das verborgene des Herzens offenbar, so daß wir uns niederwersen und Gott anbeten müssen. Diese Überwältigung besteht darin, daß seine unfaßbar herrliche Wesenheit das Dunkel unseres eigenen Seins durch ihr Licht um so tiefer empfinden läßt, wenn wir das Leben Jesu mit seinem eindeutigen wort und Werk unverfälscht und ohne jede die Wahrheit abbiegende Auslegung in uns aufnehmen, wird unser ganzes persönliche und öffentliche Leben als ihm völlig entgegengesetzt und seindlich offenbar.

Der innere Mensch kann nur in Jesus sein Glück und seine innerste Befriedigung finden, weil nichts anderes dem entspricht, was wir dem Ursprung nach innerlich sind und sein sollen. Erst wenn unser Leben mit Christus in Gott verborgen ist, erleben wir unsere eigentliche und einzige Bestimmung, die ohne ihn verfinstert und verschüttet bleiben muß. Diese Bestimmung ist die Ebenbildlichkeit Gottes in seiner Herrschaft des Geistes über alles durch die Liebe und ihre schöpferische Kraft. Je mehr wir von seinen Lebensgütern erfahren, um so völliger geht unser verlangen darin auf, in diesem inneren Erlebnis und in dieser schöpferischen Gestaltung fort-zuschreiten und zu wachsen. Denn die Erfahrung der Geschenke Gottes und die Erkenntnis seiner Gottesherrschaft über alle Dinge kann in diesem Leben niemals zum Abschluß

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gelangen. Sie bedarf täglich der Erneuerung.

Die große Erregung in der heutigen Welt macht es uns immer dringender, innerlich in der stillen Begegnung mit Christus zu erstarken, um unter seinem herrschenden Einfluß bleiben zu können, weil wir mitten in einer so schwer kämpfenden Welt stehen, brauchen wir beständig Nahrung für unser inneres Leben. Es gilt, nach dem zu suchen und auf das zu sinnen, was über den äußeren Dingen und im Gegensatz zu ihrer heutigen öffentlichen Gestaltung steht. Anstatt den fremden und schwachen Geistern des Haffes und der Gewalt, der Lüge und der unreinen Besitzgier zu folgen, dürfen wir dem Einen Geist folgen, der allein stärker ist als alle anderen Geister. Nur stärkste innere Widerstandskraft verhindert es, daß das, was sich jetzt auf der Erde um uns her abspielt, das inwendige Leben verschüttet.

Ohne die Wiedergeburt des Herzens werden wir dem hin und her wogenden Weltgeschehen entweder nur einen falschen, wie etwa einen nur materiell oder nur seelisch und blutgemäß begründeten oder aber überhaupt gar keinen Sinn abgewinnen können. Von sehr vielen wird der Ablauf der Geschichte falsch, wie etwa im Interesse des eigenen Vaterlandes oder der eignen klaffe gedeutet. Für die meisten aber bleibt er sinnlos. Nur eine Möglichkeit beendet diese Verwirrung. Der ganze Mensch und sein gesamtes Leben muß auf das Reich Gottes hin umgestellt werden. Eine so radikale Umstellung kann in ihrer kindlich vertrauenden und mannhaft festen Erwartung des göttlichen Eingreifens als vollendeter Gegensatz zu dem früheren Leben nur Wiedergeburt genannt werden. Nur in einer so gänzlichen Veränderung wird man in allem Geschehen das herannahen und Eingreifen der Herrschaft Gottes - durch das Gericht hindurch - erken-

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nen können. Ohne die Wiedergeburt des Herzens, die unsre gesamte Lebensgestaltung abbricht und in völlig anderem Ansatz neu beginnt, können wir das Reich Gottes niemals sehen und keinerlei Anteil an ihm haben. Nur ein Neubeginn von der kleinsten Urwurzel der Menschwerdung aus, nur die im Uranfang einsetzende Neugeburt vermag uns als Neuanfang des gesamten persönlichen Lebens für das Reich Gottes zuzubereiten.

Sie kann demnach einzig und allein durch denselben Geist geschehen, der alle Kräfte des zukünftigen Gottesreichs umfaßt. Nur dieser Geist des Reiches Gottes kann den Paß versiegeln, ohne den das Tor ins Reich Gottes geschlossen bleibt, den Paß des Gottesreichs, der bestätigen soll, daß wir schon jetzt im Geist und in der Ordnung des letzten Reiches leben. Aber wie das neugeborene kleinste Kind noch lange nicht das Leben meistern kann, ist auch die Neugeburt des heiligen Geistes nicht mehr und nicht weniger als der Anfang des neuen Lebens, dem die Erstarkung und Vollendung folgen soll. Diese aber ist für uns schwache Menschen nur als eine langsam zunehmende Ertüchtigung für das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit möglich. Auch nach der Wiedergeburt, die zum ersten Mal den Blick ins Reich Gottes erschlossen hat, steht unser Herz noch unter den alten Hemmungen und Geöingtheiten, die der systematische Denker des Urchristentums als "Fleisch" bezeichnet und zusammengefaßt hat. Paulus bezeugt es von sich selbst ausdrücklich, daß sein Fleisch keine Ruhe hatte, nicht nur durch die Kämpfe von außen, sondern ebenso sehr durch Befürchtungen von innen.

Das Unvollendete in unserem Dasein treibt den Glaubenden aufs stärkste zur beständigen Vertiefung seines inwendigen Lebens. Es ist von größter Wichtigkeit, daß wir in diesen

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ernsten Tagen äußerster Gefährdung über unser Inneres wachsende Klarheit gewinnen. Das Seelische in uns darf unser Herz in dieser erregten Zeit nicht betrügen. Unser leicht erregbares Innere bleibt schwach, selbst wenn es vom heiligen Geist Gottes berührt worden ist. Unser Herz wird von dem Kreislauf unseres Blutes durchspült; in diesem Blut strömt unser Seelenleben; oft bleibt es zeitlebens von den Trieben und Gefühlen des Blutumlaufs bestimmt.

Wird nun unsere Umgebung von mitreißenden Erregungen des Blutes ergriffen, so verfallen wir ihnen oft gänzlich, weil wir keinen wirklichen Widerstand des Geistes aufzubringen vermögen. Besonders stark wirkt die Not unserer klaffe und unseres Volkes auf uns ein. Die Massensuggestion großer Volksbewegungen, die an unsere Glutverbundenheit und an die Solidarität unserer klaffe appellieren, wirken oft so bestimmend auf uns ein, daß wir die Berufung des Reiches Gottes und Seines Geistes völlig vergessen oder gänzlich verfälschen. Existenzangst und seelische Bindung haben in uns den Geist verdrängt, auch wenn wir uns weiterhin zu ihm bekennen. Unser Gewissen braucht allen Befürchtungen gegenüber und noch mehr zum Widerstand gegen alle unreine und blutige "Begeisterung" der Schwärmerei eine sich beständig befestigende Gesundung, die einzig und allein durch den heiligen, allein liebenden, völlig reinen und gänzlich wahrhaftigen, alles Gute in sich vereinigenden Geist Jesu Christi erfolgen kann. Seine Sachlichkeit ist nüchtern und hell.

Kein Erleben noch so erregender Dinge und keine noch so bittere Erfahrung gewaltiger Erschütterungen darf ohne das Ergebnis vorüberrauschen, daß die Herrschaft des Christus in uns als in unserem Herzen und in unserem ganzen Leben Raum gewinnt. Sein Regiment will unser inwendiges Leben

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mit sachlicher Klarheit erfüllen, die durch keine Macht der Ereignisse zu erschüttern ist. Sein Wort und sein Geist wollen als seine Werkzeuge ununterbrochen in uns tätig sein, um uns für jeden Kampf stark zu machen und für die schwerste Arbeit zu befähigen. Der Segen alles Guten soll uns aus dem geradeaus leitenden Wege Jesu Christi so fest und klar geleiten, daß weder die Erfolge in der Welt noch ihre Zusammenbrüche uns aus falsche Bahnen lenken können.

Wir haben denselben weg zu gehen, den Jesus ging; wir müssen ihn ebenso gehen, wie es Jesus tat. Dann wird uns kein verführerischer Zuruf von dieser Sendung abbringen, die er uns als Seine Sendung hinterlassen hat: Ganz ebenso, wie ihn der Vater in die Welt gesandt hat, sendet er uns: ganz ebenso, in derselben Lebenshaltung ohne jede fremöe Geimischung anderer Elemente! So allein wird unser Leben fruchtbar werden. Alle unsere Gaben will er zu lebendiger Entfaltung bringen, um uns für die neuen Aufgaben der veränderten Weltlage auszurüsten. Die Herrschaft des Christus bedeutet Kraft nach innen durch inwendige Sammlung und weihe und nur dadurch auch die Kraft nach außen in rechter Betätigung und lebendiger Wirkung.

Stark zu werden am inneren Menschen kann nichts anderes bedeuten, als daß der Christus durch den Glauben in den Herzen wohnt, indem man in der Liebe gewurzelt und gegründet wird. Wir brauchen ununterbrochen den für uns gekreuzigten, den für uns lebendigen Christus in unserem inwendigen Menschen. Er bringt mit der ganzen Fülle Gottes in uns ein, mit Seiner Fülle, die sich als die Übermacht der Liebe über unseren gesamten Wirkungskreis ergießen will. Gott ist die Liebe. Nur, wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm. Gottes Herrschaft ist das Reich der

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Liebe. Liebe ist Seine Gerechtigkeit. Weil Sein Reich keine Grenzen kennt, hat uns sein Messiaskönig die Liebe Gottes zu seind und Freund ins Herz gegeben. Sie ist in unsere Herzen ausgegossen durch den heiligen Geist.

Wer sie verrät, indem er seine Liebe gegen seinen Gegner oder gegen die seinde seiner Klasse oder gegen die seines Volkes abriegelt, vertreibtden heiligen Geist und liefert sein Herz irreführenden Geistern aus. Die Liebe will unser persönliches wie unser öffentliches Leben durchfluten und beherrschen, daß neben ihr nichts anderes Geltung gewinnen kann. Das ist es, worum Paulus als um die wahre und einzige Stärkung des inneren Menschen für alle bittet. Wir brauchen eine alle Erkenntnis übersteigende Erfahrung des Christus in unserem inwendigen Leben. Das bedeutet, daß er als König des letzten Reichs schon jetzt und hier über unser Leben nicht anders regiert, als er es in Seinem Endreich tun wird.

Wir brauchen Männer des Gebetes, die wie Paulus ihre kniee beugen und reine, von allem Blut und von aller Unreinigkeit unbefleckte hände erheben, daß die Gläubigen durchden Geist Gottes für ihre gesamte Lebenshaltung mit Kraft am inwendigen Menschen gestärkt werden. wir brauchen die tägliche Erinnerung, daß der innere Mensch Tag für Tag erneuert werden muß, wenn auch der äußere verfallen mag, in Hunger, Not und Elend, in Verfolgung oder im Tod für die Wahrheit dahingenommen, verzehrt oder aufgerieben wird, wir brauchen für den verborgenen Menschen des Herzens täglichden stillen Hafen der Einkehr bei Gott, wenn wir in dem Sturm der öffentlichen Erregung undinden hochgehenden wogen ihrer äußeren Umwälzungen nicht innerlich Schiffbruch leiden, sondern klar und fest Kurs halten wollen.

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Das Herz.

Es ist eine Zeit scharfer Erprobung und schwerer Prüfung, die der Weltkrieg an uns herangebracht hat; es ist eine äußerste Selastungsprobe, die uns in seinem Gefolge blutigen Aufruhe und politischen Straßenmord, Verlust des volksvermögens und Verwirrung der Weltwirtschaft, Arbeitslosigkeit und verelendung, gegenseitige seindseligkeit und unzählige das öffentliche vertrauen erschütternde Übel auferlegen. Der Gleichgültigste muß es empfinden, daß die Tragfähigkeit seines Herzens darüber entscheidet, ob er eine solche Probe bestehen wird. Männer, die für innerliche Forderungen nur ein Lächein übrig hatten, fühlen es jetzt, wie alles davon abhängt, ob das Herz fest ist. "Die Moral der Truppe", das sittliche Niveau eines Volkes, die Solidarität der klasse, die Treue wahrer Gemeinschaft, wie die Moral der Einzelnen bedeutet nichts anderes als die Energie der Herzen, die alle guten Kräfte zufammenhält und alle verderblichen Gewalten abwehrt. Innerste Kraft starker Herzen brauchen wir, um die Folgen des Krieges ohne bleibenden Schaden tragen Zu können. Die Not ist ein flppell an das Herz. Sie zwingt alle dazu, flusschau zu halten, wie sie die Stärkung und Cr-mannung sinden können, die sie brauchen. Denn das Herz geht den ganzen Menschen an. Nicht nur für den Geist, son-dern ebenso für den Körper bedeutet es als das Inwendige mehr als alles andere. Auch die körperliche Leistungsfähigkeit hängt von der Kraft des Herzens ab. Keine Empfindung,

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kein Gedanke und keine Willensregung bleibt ohne Einfluß auf den Körper. "Selbst in dem Leibe des Menschen gilt das Herz vor der Hand; die belebende Kraft ist im Herzen." Diese Erkenntnis hatte schon Ovid. Das Leben des Menschen geht vom Herzen aus und behält im Inneren das Zentrum seiner Kraft. Der äußere Mensch vergeht. Das Herz entscheidet über das Leben. Denn es ist so sehr mit der Seele verschmolzen und soll dem Geist so sehr offen sein, daß es ewig leben soll.

Die äußerlich gerichteten Menschen sind keiner harten Probe gewachsen. Sie haben eine zu schwache Vorstellung davon, welcher Reichtum an Leben und Kraft das Herz erfüllen kann. Das wesentlichste des Lebens geht ihnen verloren. Nur gewaltig nach außen tretende Wirkungen geben ihnen einen Eindruck, welche Macht das innere Leben haben kann. Die große weite Mündung eines mächtigen Stromes zeigte einst einem Kolumbus, welch innerer Reichtum sich hinter der neu entdeckten Küste verbergen mußte. Unmöglich konnte sie länger für den Saum einer kleinen Insel gehalten werden. Niemand konnte mehr gleichgültig gegen das Herz dieses Landes sein! Wohl kannte man die Sonne, die es bestrahlte. Wohl sah man sich Molken darüber zusammenziehen. Aber niemand konnte sich fortan mit dem Außeren befriedigen, dem mit Muschein und Schiffstrümmern besäten Strand, der gleichförmigen Berührung mit dem Meere der Außenwelt. Die Entdecker konnten nicht eher ruhen, als bis der unergründliche Reichtum des Inneren vor ihrem staunenden Auge lag.

Die ganze Welt soll an dem von den sieben Leuchtern ausgehenden Lichtstrom erkennen, welches Licht-Land des Reiches Gottes der Gemeinde Jesu Christi gegeben ist. Die Stadt Gottes als die Stadt auf dem Berge soll weithin in alle

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Lande sichtbar sein, daß alle Suchenden nach dem Mittelpunkt ihres Geisteslebens, nach dem inneren Geheimnis ihrer Stadtfreiheit und ihrer Gemeinde-Einheit verlangen. Alle Menschen der ganzen Erde sollen nach dem Bürgertum des Reiches Gottes, nach seiner gegenwärtigen Gesandtschaft und nach seiner von ihr vertretenen Zukunfts-Ordnung fragen. Sie müssen vor allem das Eine erkennen, daß man mit dem Herzpunkt dieser Stadtgemeinde eins geworden sein muß, ehe man in ihre Tore eingehen kann.

Die neueste Weltgeschichte zeigt es uns: Ohne daß das Herz eines Landes gewonnen wird, kann es weder für eine Fremdherrschaft noch für eine eigene Regierung ein gutes Ende geben. Denn aller Reichtum liegt im Inneren und verborgenen. wer nicht in Jesus Christus das Herz Gottes erfassen lernt, wer nicht beginnen will, alle Außenbezirke des Weltregiments Gottes bis in den Mittelpunkt zu durchschreiten, um mit dem letzten willen des Herzens Gottes eins zu werden, wer nicht das Allerheiligste sucht, wird es niemals verstehen, wie Gott trotz seiner geschichtlichen Einsetzung des blutigen, diplomatischen und im Eigentumsrecht verankerten Weltregiments letztlich nur Eines will: die gewaltlose Liebe die rechtlose Eigentumslosigkeit, die einfache Wahrhaftigkeit und die brüderliche Gerechtigkeit, die Gemeinschaft aller mit allen, ohne Eigennutz und Eigentum: das Reich und die Gemeinde. Ebenso ratlos wird ein jeder, der dem Herzen Gottes abgewandt bleibt, auch dem Geheimnis desMenschen-herzens gegenüberstehen. Denn an ihm soll die Ebenbildlichkeit Gottes offenbar werden. Er wird es nie fassen können: "Das höchste Wunder unter allen, das Meisterwerk in Raum und Zeit, das ist das Herz in seinem wallen, das Herz in seiner Trunkenheit."

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Die Bibel, die so tief und reich vom Herzen redet, vermag als das einzige unter allen Suchern das Innerste zu befriedigen und das Herz zu erfüllen, wenn sie nicht äußerlich in ihren Buchstaben, sondern innerlich in ihrer Seele geschaut wird, bezeugt sie überall das Herz als das innerste Geheimnis. Läßt sie doch den hebräischen flusdruck für Herz geradezu als gleichbedeuten mit dem für "das Innere" wechsein. Das Herz ist ihr der Gegensatz zum Oberflächlichen und zum Schein.was ins Innerste dringt, bleibt nicht nur an der Oberfläche. Was aus dem Innersten kommt, ist das Aufrichtigste und Edelste, das hervorgebracht werden kann. Ist das Herz verdorben, so bleibt nichts unverderbt, was der Mensch berührt. Aber das Außere widerstrebt und widerstreitet dem Inneren. Nur selten steht beides im Einklang.

Während das Außere für den reinen schöpferischen Geist klarster und deutlichster Ausdruck des Inneren ist, mißbraucht der unreine und unwahre Geist den Ausdruck zur Verfälschung des Tatbestandes. Dann ist das Außere nur dazu da, das Innere zu verbergen, wie es die öffentliche Wirtschaft undpolitik in Krieg und frieden so peinlich offenbart. Wir haben es in unseren Zeiten erschreckend mit ansehen müssen, wie die haßerfüllter seindseligkeit verfallenen Geister, welchen Nationen und Parteien sie angehören mögen, alle miteindander durch verlogenste Übertreibung und Erdichtung der fehler und Irrtümer im gegnerischen Lager und ebenso der Vorzüge und Wahrheitselemente im eigenen Lagerden abscheulichsten Mißbrauch mit dem gesprochenen, geschriebenen und gedruckten wort getrieben haben und heute noch treiben. Jeden ehrlichen Menschen muß man vor einer täglich heranschwemmenden flut von Druckerzeugnissen warnen: Cave canem! Hier wird gebellt und gebissen; hier ist man ohne

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Vernunft, ohne verstand und Einsicht, weil man ohne Gerechtigkeit ist. Gehe vorüber! Hier schändet das wort die Wahrheit! Hier hat sich das Herz in Lügen verkleidet.

Die Schrift nennt das Herz das verborgene im Innern des Menschen. Sie spricht in Steigerung des Gedankens von dem Inneren des Herzens, von einem Grunde des Herzens und weiß um seine Geheimnisse. Sie kennzeichnet einen jeden als unglücklich, der sich unehrlich verstecken muß, weil er sich mit den Waffen der Lüge äußerlich anders zeigen will, als er in Wahrheit ist. Wer sich in Heuchelei und Täuschung verstrickt, kann sein Herz auch nicht vor Gott austun und ausschütten, während doch allein Gott es ist, der das Herz beglücken will, weil er es liebt, weil er ihm Wahrheit und Echtheit bringen will.

Im letzten Grunde aber kann niemand sein Inneres verbergen. Denn der Mensch muß tun, was im Herzen ist. Und wenn er es auch nicht einräumen will, schließlich werden es seine Taten dennoch offenbaren, ob das Herz richtig oder verkehrt ist. Die Überraschungen, die darin manchem der Krieg und seine Folgezeit gebracht hat, sollten sich als unvergeßliche Mahnungen dem Herzen eingeprägt haben. Wir dürfen nicht gleichgültig dagegen sein, welche Abgründe sich vor uns aufgetan haben: Ungehemmtheit unreiner Leidenschaften; Uferloftgkeit der Lüge und des Hetruges; hemmungslose Wut des Mordes und Raubes; liebeleerer Triumph rücksichtslosesten prositgeistes; erneutes Mschwellen sozialer Ungerechtigkeit und Unterdrückung; verlogener klassenhaß und Rassenhaß! Im Kriege, während der Revolution und bei ihrer gewaltsamen Zurückdrängung, in der Inflation und bei der neuesten politischen Erhitzung fast aller Gemüter ist das alles und noch mehr in furchtbarster Gewalt

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hervorgebrochen, der Schrecken muß sich unvergeßlich in unser Gedenken eingraben, den schauerlichen kern aller dieser Geschehnisse müssen wir erkennen, auch wenn er sich unter der schillernden Panzerung idealster Worte und Ziele verbergen will. Nicht das Programm sondern die Tat enthüllt, welche Gewalten das Herz treiben und bestimmen.

All unser Tun muß kraftlos und böse sein, wenn das Herz verdorrt und krank, beschwert und matt, vor allem aber, wenn es seindselig und in blindem Haß von unrein giftigem Feuer-Rauch erfüllt ist. Nur ein gesammeltes Innere, das in der Kraft konzentrierten Friedens steht, nur ein einträchtiges Herz, das sich nicht in Streit und Zank zersplittert, kann Kraft zum handeln beweisen. Denn nur das gute Werk ist aufbauende Tat. Alles andere ist Zerstörung. Der Mensch sieht die äußere Wirkung; aber Gott prüft und kennt das Innere des Herzens. Er will es vom mörderischen Niederreißen zum lebendigen Werk des Aufbaus bringen. Nur er weiß es so zu lenken, wie man das lebendig strömende Wasser für den Garten hierhin und dorthin leitet. Gott will alle Herzen in ein Gartengelände zusammenströmen lassen, in das Reich seiner Einheit, Liebe und Gerechtigkeit, wo man das Gute tut, weil das Herz dazu drängt, weil der Geist es leitet und treibt.

Die Bibel muß den entscheidenden wert für das Neue im Menschen auf das Herz legen. Ihr entscheidet sich alles, was Bedeutung hat, im Innersten. Vom Herzen aus strömen nicht nur die Bäche des Blutes, die unsere Adern füllen, nein, auch die reinen Winde und die Wasser des Geistes. Das zeigen auch die Gegensätze, denen die prophetischen und apostolischen Schriften das Herz gegenüberstellen. Nicht das von außen Eintretende, sondern was aus dem Herzen, aus dem

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Innern heraustritt, verunreinigt den Menschen. Irrig und abwegig ist es, wenn man heute in ausgesprochenem Gegensatz zu dem wort und Leben Jesu behauptet, daß das Wesen des Menschen durch die von außen her in den Leib eingesührte Nahrung und durch die als Körperkultur an ihn gewandte Hygiene bestimmt werden könne, so daß man der Wahrheit Jesu das unüberlegte und verlogene wort gegenüber gestellt hat "Was ein Mensch ißt, das ist er>" Die Anhänger dieser Meinung haben es selbst nur allzu oft erkennen müssen, daß die Verunreinigung des menschlichen Inneren tiefer begründet ist als im Essen und Trinken. Die rechte Nahrung des Geistes bleibt das Entscheidende, wenn auch ganz gewiß Mißbrauch und Üppigkeit, auch im Essen und Trinken, das Herz belasten kann.

In Wahrheit hat umgekehrt das üppige und schwelgerische Leben seine Ursache im Herzen, was der Mensch ist, das tut er. Dafür aber gibt es tiefere Merkmale als Speisezettel und Gesundheitsvorschristen. Solange der Mensch zuerst und zuletzt an seine Gesundheit als an das eigene Wohlergehen denkt, bleibt er ein Unerlöster mit einem kranken und ichsüchtigen Herzen. Weil er sein Leben lieb hat, verliert er es. Nur wenn er es ausgibt, gewinnt er es.

Das entscheidende Merkmal ist das, was aus dem Herzen ans Licht dringt. Jedes Götzentum muß offenbar werden. Wes das Herz, das innere Sein, voll ist, des geht der Mund, die äußere Rede, über. Wovon man spricht, das ist man, freilich nur - wenn die Rede aus dem Herzen kommt. Ob die Rede echt oder unecht ist, kann jedoch nicht verborgen bleiben. Der wache Geist hört in klarer Unterscheidung der Geister die Töne des Herzens und sieht die Lichter der Seele. Alles leere Gerede ist nichtig, wenn es noch so große Worte braucht.

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Was nützt aller äußere Gottesdienst, wenn das Herz als das Innere des Menschen ferne bleibt! Nur das hat Wert, das man von Herzen dem Herrn tut. Was bedeuten Wege und Schritte, bei denen wohl die Füße, aber nicht das Herz mitgehen wollen! Alles Machen und Treiben vermeintlicher Kraft bleibt ein Nichts, wenn nicht das lebendige Herz darin schlagt und pulst. Der schwächste, zum Werk schwerer Arbeit unfähigste Mensch hat die stärkste Wirkung, solange sein Herz lebendig bleibt. Das Herz ist das Innere, das nicht ruht, wenn auch der äußere Mensch untätig ist. Gott sieht nicht auf den äußeren Schein, sondern auf das Herz.

Im Innersten liegt Kraft und Schwäche des Menschen. Denn es ist die innere Gesinnung, die man zwar nach außen hin verdecken und verkleiden kann, die aber doch das Wesen des Charakters ausmacht. Nur das hat Wert und Kraft, was durchs Herz zu Herzen geht, weil es von Herzen kommt. Wer Begegnungen erlebt hat, in denen sich gegenseitig das Innerste von Menschen erschließt, die sich vorher kaum oder gar nicht gekannt haben, spürt immer wieder den echten herzschlag in jedem wahren Wort und wendet sich ab, wo leere Wörter gesprochen werden, ohne daß das Herz etwas zu sagen hat.

In der lebendigen Gemeinde, die ihre Einheit und Einstimmigkeit stets neu von dem über sie kommenden Geist empfängt, erfährt der Zusammenklang der Herzen seinen Höhepunkt; denn dort sind alle Ein Herz und Eine Seele geworden. Und sie werden dies stets wieder von neuem, so oft sie an den heiligen Geist glauben. Wer nur mit dem Munde vergeben oder nur mit den Lippen predigen will, kann uns nichts geben als Enttäuschung. "Ein Prediger muß in seinem Innern zuerst entstammt sein, bevor er zu reden anfängt."

4 Arnold, Innenland

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Mit diesen Worten hat Franz von Assisi das Geheimnis seines wirksamen Lebens enthüllt. "Denn es muß von Herzen gehen, was aus Herzen wirken soll." So fordert es Phorfyas im "Faust" als das Höhere im Gegensatz zu dem Gemenge der alten Götter.

Die Kraft des Herzens ist reich, welche Mannigfaltigkeit lebendiger Regungen umschließt das Herz! Manche mögen in ihm nichts anderes als Gefühle vermuten. Und der Sprachgebrauch geht in der Tat nicht fehl, wenn er so gern das innere Gefühlsleben als eine Sache des Herzens anspricht. Denn im Innersten des Menschen wohnen seine tiefsten und besten und nicht weniger seine schädlichsten unbösesten Empfindungen. Alle wahre Freude kommt aus dem Herzen und erfüllt es mit jauchzendem Jubel oder mit stillem Glück. Alle echten Wohltaten berühren das Herz. Jede freudige Hoffnung hat im Inneren ihr Leben. Nicht nur die geistlichen, sondern auch die leiblichen und seelischen Erquickungen sind Gaben für das Innere als für das Herz. Denn das Herz ist dankbar für jeden Trost, der Brot und nicht Steine reicht.

Hat es doch mit Angst und Unruhe, mit Schmerz und Traurigkeit zu kämpfen! Unsere Zeit hat uns nur allzu deutlich gezeigt, daß dem Herzen nicht nur ein Entbrennen vor Freude und Liebe bekannt ist. Nur zu oft stürzt es sich in die verzehrenden Flammen des Unmutes und des Hasses. Bis zum Erschrecken muß es sich verwundern, wie es seine Leidenschaft aus immer erneutem Anlaß in Not und Wut versetzt! Welch ein Verhängnis wäre es für das Herz, wenn sein Reichtum sich in seinen widerstreitenden Gefühlen erschöpfte! Und wie irreführend sind diese Stürme, wenn sie auch oft nur ein Wasserglas ausfüllen! Starke Eindrücke bringen

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tiefe Erschütterungen hervor. Elende Süchte verkrampfen das Herz. Tiefe Bewegtheit wechselt mit armen Gefühlchen. Ungeklärte, unbewußte und unterbewußte Empfindungen können wohl zuweilen das Gute vorbereiten. Ost aber verschleiern sie verderblich dumpfe Triebe, die das Herz ins Verderben führen.

Es ist nicht wahr, daß das Herz nur zu fühlen vermag. Nein - das Herz als das Inwendige des Menschen ist mehr: Es ist Gedenken und Wollen. Es ist die Heimat aller tieferen Gedanken, die nur dann Bedeutung haben, wenn sie unser Inneres bewegen. "Die großen Gedanken kommen aus dem Herzen" Alles Große sucht den lebendigen Kern. Das Herz ist nicht nur das innere Gefühl, es ist auch das innere Denken. Es gibt ein Sprechen und Reden im Herzen, das alles Gedachte innerlich zu klären sucht. Die Vernunft ist dem Herzen nicht fremd. Gewiß gibt es unverständige Herzen, die in ihren Irrungen nichts als Narrheit erkennen lassen. Aber das kluge und verständige Herz sinnt auf Weisheit. Es versteht zu wissen und zu erkennen, was der rechte Rat ist. Gerade in dem unausdenkbar Schweren, in das der Krieg und sein geschichtliches Gefolge uns alle gebracht hat, in den unermeßlichen und unergründlichen Aufgaben, die die neue Lage an uns stellt, braucht das Herz die tiefsten und größten Gedanken, die nur Gott ihm geben kann.

Wohl gibt es Gedanken, die dem Herzen fremd bleiben. Wohl gibt es Herzen, die das Denken hassen, Aber ohne die Fülle bestimmter tiefer Gedankenverbindungen gibt es kein wirksames inneres Leben. Der volle Reichtum des Lebens, wie er dem Herzen bestimmt ist, kann ihm nur dann erschlossen werden, wenn es sich für das innerlichste Denken und Sinnen öffnen will. Das Gedenken entspricht dem Wesen des Herzens.

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"Dein Herz bist du selber. Wohl dir, wenn die Vernunft immer im Herzen dir wohnt." Nur geweihte Gedanken eines hingegebenen Lebens führen zu dieser höchsten Vernunft. Die wahre Vernunft ist einzig und allein in den Gedanken Gottes gegeben, die Seinen willen zum heiligen Sollen werden lassen.

Die Wirkung der Gedanken auf das Herzensempfinden bildet einen gewissen, wenn auch nicht immer untrüglichen Maßstab für ihren wert. Ruskin hat es zum Ausdruck gebracht: "Literatur, Kunst, Wissenschaft, sie alle sind fruchtlos, und noch schlimmer als dies, wenn sie uns nicht in den Stand setzen, froh, und zwar herzensfroh zu sein." Das lebendige Herz hat eine Art höherer Entscheidung über verstandesgedanken, die sich mit unserm Leben noch nicht oder niemals verbinden können. "Wie eine Sonne geht das Herz durch die Gedanken und löscht auf der Bahn ein Sternbild nach dem ändern aus!" in diesem Bilde sah Jean Paul sein inneres Leben vor sich. Alle Wissenschaft, die nur dem denkenden Kopf angehört, auch das bloße Kopfwissen biblischer dinge, bleibt tot. Ein solches wissen gefährdet aufs tätlichste das Leben, wenn nicht das Herz dazu Stellung nimmt, wenn nicht das Herz die lebendig bewegte Wahlentscheidung zwischen Licht und Finsternis, zwischen Hellen und dunklen Strahlen, zwischen bösen unguten Sternen zu treffen vermag. Nur die Gedanken leuchtender Wärme und Kraft dringen in ein reines Herz und strömen daraus hervor. Mirza Schaffy verrät das Suchen nach einer einheitlich geschlossenen Innerlichkeit, wenn er ausruft: "Kopf ohne Herz macht böses Blut, Herz ohne Kopf tut auch nicht gut. Wo Glück und Segen soll gedeih'n, muß Kopf und Herz beisammen sein."

Dies Zusammenwirken zweier Werkzeuge erfordert eine in-

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nere Energie, die zusammenzufassen und zusammenzuhalten versteht, was so oft auseinanderzustreben droht. Kein Herz ist ohne Energie. Ja, das Herz ist Wille. Wie das Herz Gottes als Liebe der zusammenbringende Wille Seines Reiches ist, wie das Herz Jesu unter Seine ausgebreiteten Arme alles sammeln will, was in Seiner Gemeinde einig werden soll, so ist das in Ihm gesundete Menschenherz der geklärte Wille zur Sammlung und Vereinigung. Soll unser Inneres den tiefen Reichtum wahrhaft großer Gedanken nicht vorüberrauschen lassen, so muß es ein Herz mit einem glühenden, lebendigen willen sein, der Worte der Wahrheit aufnehmen und festhalten kann, wie Maria es tat. Grübeinde Willensschwäche und gefühliges Sein sind noch nie zu etwas Großem fähig gewesen. Der Glaube nimmt das wort des heiligen Geistes ins Herz auf. Nur so dringt es in unser Leben vor.

In der Tat ist das letzte Wesen des Herzens sein inneres Begehren, sein tieferer Wille, der alles Gesagte zu umfassen und als wirkungsvollen Lebenswert zu gestalten vermag. Alle Vorsätze und wünsche wurzeln im Herzen. Es gibt nicht nur ein Gelüsten des Herzens, sondern viel tiefer liegt sein Gedenken und Beschließen. Es hängt mit seinem willen an den Gegenständen seiner Liebe und Verehrung. Die innere Neigung, die tiefere Willensrichtung ist es, die den Charakter des Herzens ausmacht. Wo der Schatz des Menschen ist, der sein inneres Leben erfüllt, da ist auch sein Herz.

"An jedes Menschen Charakter sitzt etwas, das sich nicht brechen läßt: das Knochengebäude des Charakters." Der sittliche, liebende und vereinigende Wille ist dieses Knochengerüst innerster Festigkeit. Ohne einen entschiedenen Willen gibt es keinen Charakter. "Der Charakter ist die sittliche Ordnung." Er ist die Ordnung aller Elemente des Herzens nach den Le-

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bensgesetzen der göttlichen und menschlichen Sittlichkeit, nach dem willen der Einheit und deshalb in dem tätigen Geist der reinen und wahren Liebe. Diese Ordnung hat zum Rückgrat den willen. Das Herz ist als Wille die Bildungsstätte des Charakters. Gewiß - er braucht den Strom der Welt, um darin zu erstarken. In der Arbeit als dem schaffenden Werk der tätigen Liebe hat der Wille sich zu bewähren, indem er ein Leben aufbauen Hilft, das seinem Einheitsziel entspricht. Im harten kampf mit allen der Einheit entgegenstehenden Gewalten wird er für diese Aufgabe gestählt. Aber wenn der Wille nicht im Inneren des Menschen, im Herzen, gewurzelt ist, so wird der Mensch mit dem Strome schwimmen und aufhören, ein Charakter zu sein.

Wenn der Charakter auf der Persönlichkeit ruht, so hat die Persönlichkeit ihr Leben und ihre ktraft im inwendigen wollen. Nur im Innersten des Herzens wird man wahrhaft frei. Nur dort kommt es zu der entscheidenden Stellungnahme, die entweder sittliche Festigkeit oder haltlose Unfreiheit bedeutet. Die innerste Gesinnungsrichtung macht die Persönlichkeit. Diese Richtung aber wird sie verfehlen, so lange sie nichts anderes will als sich selbst. Die Persönlichkeit ist nur dann "das höchste Glück der Erdenkinder", wenn ihr Wille nicht mehr sich selbst sucht, sondern sich für das Höchste einsetzt und drangibt, für die Einheit Gottes in Seinem Reich und Seiner Gemeinde.

Im letzten Grunde ist es allein die Tat, in welcher die Persönlichkeit ihre Gesinnung beweist. Nur solche Handlungen sind Taten zu nennen, die die Zusammenfassung aller kräfte des Herzens erfordern. Die rechte Tat ist die Vereinigung aller wirklichen kräfte des Einzelnen zur Gemeinsamkeit aller Menschen. Das Reich Gottes unter den Menschen ist die

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Zusammenfassung aller ihrer kräfte in einheitlicher Tat. Nur jene Taten entsprechen den Kräften des in uns wirkenden Gottesgeistes, die nicht den eigenen Nutzen sondern den des anderen suchen, die das eigene Leben hingeben, damit das gemeinsame Leben in Einheit, Reinheit, Wahrheit und Gerechtigkeit ersteht.

Die größte Tat des stärksten Herzens vollbrachte die Entschlossenheit Jesu in seinem Tode am kreuz. Hier offenbart sich eine Energie des Willens, eine Blut der Liebe, eine Festigkeit in dem Tun des vollkommenen Willens, wie sie sonst nirgends zu sinden ist. Der Kampf in Gethsemane und der Schrei der Gottverlassenheit am kreuz gewähren einen entscheidenden Einblick, welch ein Wille notwendig war, daß das Herz des Menschensohnes nicht von der Not seines Schmerzes gebrochen wurde. Aber dennoch blieb seine Liebe bis zuletzt in ungebrochener Kraft. Der Wille zur Einheit, das vollbringen des Einigungswerkes, das vertrauen auf den Vater, die Fürbitte für die seinde, die Fürsorge für den Verbrecher, die Versorgung der Seinen und das Hineingeben seines Geistes in die Hände des Vaters hat das Gottesleben dieses Herzens mitten in der Todesqual gekennzeichnet.

Das hohepriesterliche Gebet als das inhaltstiefste Reden im Herzen hatte kurz zuvor noch einmal die Einheit als den ersten und letzten willen Jesu kundgetan: "Daß sie alle eines seien, wie du Vater in mir und ich in dir, daß daran, daß sie eines sind, die Welt erkenne und glaube, daß du mich gesandt hast!" Ebenso offenbarten die Abschiedsworte Jesu an die Schüler seiner Lebensgemeinschaft und Sendung mit ihrem unerschöpflichen Gedankenreichtum in diesem Zusammenhang der Einheit den Geist, den heiligen Geist als den lebendigen Stellvertreter Jesu Christi, als den Sachwalter Seines Reichs

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und SeinerGemeinde, als die persönliche Kraft völliger Uberwältigung und Uberzeugung, daß die Liebe der Einheit die Wahrheit ist. Der Geist der Wahrheit ist es, der an alle Worte erinnert, die Jesus gesagt hatte, auch an die letzten Reden seiner Prophetie für das hereinbrechende Reich der Gotteseinheit. Der lebendig machende Geist ist es, der Inhalt und Gestaltung des zukünftigen Reiches für die Gegenwart mitteilt. Nicht zum wenigsten ist es schließlich die bedeutsame Symbolik des Abschiedsmahles, die den Tod Jesu als die versöhnende Befreiung und als die lebendige Schöpfung des neuen Leibes Christi zu völliger Einheit des ganzen Lebens verkündet.

Alle diese Worte und Handlungen beweisen für die wirksamste Tat, die je ein Herz vollbrachte, in dem tiefsten Reichtum des Gefühls und Willens die unüberwindliche Kraft der Gedanken Gottes in Jesus Christus. Die Tat Jesu erweist als Offenbarung Gottes die Zusammenfassung aller Kräfte auf das einzige Ziel ihrer Aufgabe. Dieses Ziel aber ist nichts anderes als friede, Versöhnung und Vereinigung! Das Herz ist der innere Charakter. In Jesus ist er so fest und klar, daß er die größte Tat der Befreiung, Einigung und Zusammenfassung im Opfer seines Lebens vollbringt, die jemals denkbar ist. In Jesus offenbart die vollendete Tat die innere Vollkommenheit. In jedem Menschen offenbart der Charakter seiner Tat das Herz des Menschen. Die Tat offenbartden Charakter des Herzens. Ist er nicht klar und einheitlich oder "einfältig", wie es Jesus nennt, so ist das Herz schwach, matt und träge, unfähig zur Aufnahme des Gotteswillens, zu großem Entschluß und starker Tat. Das ist die Ursache, aus welcher Jesus der inneren Einfalt, Einfachheit, Einheitlichkeit, Geschlossenheit und Entschiedenheit die stärkste Bedeutung ge-

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geben. Reinheit des Herzens ist nichts anderes als ungeteilte Ganzheit, die die schwächenden und auseinander treibenden Gelüste zu überwinden weiß. Nur in entschlossener Einfalt wird das Herz aufnahmebereit, wahrhaftig und aufrichtig, getrost und tapfer, fest und stark.

Die Schuld, daß es so selten zur Aufnahme des Geistes Jesu Christi und zu der von ihm bewirkten Festigkeit des Charakters gelangt, liegt in der Schwäche und Gespaltenheit des Herzens. Wie oft sucht es durch kalten Stolz seine Feigheit und Verzagtheit zu überwinden! Diese zersplitternde Härte des Hochmuts ist eine alles verderbende Schwäche, die das Innere erstarrt und verstockt, und dennoch zerrissen und zerklüftet macht. Die Überheblichkeit des sich absplitternden Eigenwillens ist der seind der Liebe Gottes.

Vergebens sucht sich das Herz gegen die Erkenntnis zu verschließen, daß es zu schwach, zu schlecht und böse, zu uneinheitlich, zu zwiespältig und zu seindselig ist, als daß es sich selbst helfen könnte. Bei aller Blindheit gegen sich selbst muß das Herz gegen seinen Willen Hochmut und Uberhebung, Bosheit und Tücke, Unbarmherzigkeit und Trügerei als seinen sich abtrennenden Eigenwillen und Eigennutz immer von neuem enthüllen. In unbeugsamem Trotz kann sich seine Umnachtung bis zum versuchen und verfluchen Gottes steigern, bis die Finsternis das Herz bis in die letzten Winkel erfüllt und alle Verstellung ihr Ende errreicht hat.

Aber das Herz sehnt sich nach dem entgegengesetzten Werdegang des Innenlebens, der zu aufrichtiger Selbsterkenntnis, zu einheitlicher Einfalt und ungeheuchelter Demut führt. In diesem Mut der Bescheidung verbindet sich das Bewußtsein der eigenen Kleinheit mit der göttlichen Berufung wahrer Größe. Eine solche von Gott gewirkte Entwicklung erfordert

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eine letzte Einsicht in alles das, was im eigenen Herzen schlecht ist, eine Einsicht, die in Wahrheit eine Revolution des Inneren bedeutet. Vor dieser radikalen Umwälzung hat niemand ein einfältiges Herz.

Das Bewußtsein der Schuld und die ungestillte Sehnsucht nach Gott kann das Herz nicht nur erweichen, sondern geradezu zerreißen und zerstoßen. Von der verzehrenden Blut dieser Sehnsucht des Herzens wissen viele Erschütterndes zu sagen. Mancher nennt es sein Tiefstes, in das er Einblick gewähren will: "In meinem Herzen brennt eine ewige Lampe, ruhig und stetig; bisweilen nur flackert sie hoch empor, schwillt an zu Gluten, zu feuriger Lohe, die rast und verzehrt und vernichtet - dann spannen sich meine Kräfte alle, nur einen Wunsch habe ich dann, nur eine Hoffnung, nur einen Gedanken - - -. Und die ewige Flamme flackert und rußt. Lange, lange, bis sie sich wieder bescheidet und stille wird: meine ewige Sehnsucht."

Die lodernde Flamme der Sehnsucht ist da. Aber sie wird weiter in ungestillter Unruhe flackern und unrein bleiben müssen, wenn das Herz sich nicht unter den innerlichen Einfluß des scharf klärenden Wortes und des schneidend wehenden Geistes Gottes stellt, damit die unreine Lohe dem vollkommenen Licht des "Christus in uns" weichen kann. Jedoch, das ebenso schwache wie trotzige Herz, an seine Absplitterung und Zertrennung gar zu tief gewöhnt, ergibt sich nicht leicht. Mit allen Mitteln sucht es sich zu wehren. Mit allen Süchten sucht es sich an eigene, selbsterwählte Ideale seines Blutes zu hängen, die seinen Eigenwillen und seine seindselige Selbstbehauptung einsam oder in Gemeinsamkeit mit anderen ebenso eigennützigen Herzen desselben Blutes bestätigen sollen. Und doch bleibt alles vergeblich, wenn es auch den Entscheid-

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dungskampf lange verhüllen und hinausschieben kann.

Alle versuche der Täuschung, mit denen man in menschlich seelischer "Begeisterung" das Herz zu irgend einem anderen Gott als zu dem "Vater Jesu Christi" erheben wollte, haben sich als vergeblich erwiesen. Der natürliche menschliche Zustand des Herzens offenbart in allen seinen Anstrengungen nichts anderes als seine ferne Abgewichenheit von Gott. Das müssen wider ihren willen gerade heute wieder alle jene Bewegungen entflammter Herzen erkennen lassen, die das Einheitsziel der sozialen Gerechtigkeit in hassender und ungerechter Gottlosigkeit oder aber in der vermeintlich vaterländischen, in Wahrheit seindselig abgegrenzten Huldigung vor einer dem lebendigen Gott entgegengestellten, als vor einer Christus fremden und seindlichen Gottheit vergeblich verfolgen.

Die verdunkelnde Decke, die das Herz auf sich selbst oder auf Gruppen blutsverwandter oder schicksalsverbundener Menschen beschränkt, must fallen. Der Blick auf Gott muß frei werden. Der Gott und Vater Jesu Christi kann nur dann geschaut werden, wenn man festen Herzens unbeirrt auf die völlige, von jeder willkürlichen Abgrenzung freie Einheit Seines Reiches hinausblickt, die nichts anderes will als die alles umfassende Gerechtigkeit der Gottesfreude in der völligen Liebe zu Freund und seind. Dieser Ausblick bedingt und fordert die gänzliche Befreiung des Herzens von jeder falschen seelischen Bindung, ja, seine völlige Veränderung in jener neuen Geburt, die durch den heiligen Geist geschieht. Das Herz darf nicht bleiben, wie es ist. Es muß die gesundende Umwandlung erleben, die es von allen unreinen Wucherungen und von aller selbstischen Isolierung auf einen Menschen oder auf mehrere und viele, aber doch willkürlich abgegrenzte Menschen und Menschheitsgruppen befreit. Es muß "be-

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schnitten", gereinigt und geweiht werden, wenn es wahrhaft frei sein will. Es muß von allen Wucherungen des Eigenwillens und der Selbstherrlichkeit befreit werden.

Die Oden Salomos, eine frühchristliche Liedersammlung des zweiten Jahrhunderts, bezeugen diese Herzensbeschneidung in tiefen Worten. (Siehe den ersten Hand der "(Quellen, Lebensbücherei christlicher Zeugnisse aller Jahrhunderte", "Die ersten Christen nach dem Tode der Apostel" von dem Verfasser des Innenland, Eberhard Arnold, im Eberhar-Arnold-verlag, Sannerz (jetzt Bruderhof) und Leipzig 1926 herausgegeben, Seite 247, elfte Ode:)

"Mein Herz ward beschnitten, und seine Blüte erschien; die Gnade wuchs in ihm und brachte Früchte dem Herrn. Denn der Höchste beschnitt mich durch seinen Heiligen Geist und öffnete meine Nieren für ihn. Er füllte mich aus seiner Liebe; so ward die Seschneidung mir zur Erlösung. - Ich eilte auf dem Wege seines Friedens, auf dem Wege der Wahrheit, vom finfang bis zum Ende empfing ich seine Erkenntnis. Ich ward festgegründet auf dem Fels der Wahrheit, wohin er selbst mich gestellt hat. - Der Herr erneuerte mich durch sein Kleid und schuf mich durch sein Licht. - Er erquickte mich von oben mit Unvergänglichkeit. So ward ich wie ein Land, das fröhlich wächst in seinen Früchten. wie die Sonne über dem fintlitz der Erde, erleuchtete der Herr meine flugen. Mein Angesicht empfingden Tau, und mein Odem labte sich an dem köstlichen Duft des Herrn. - Er führte mich in sein Paradies, wo die Fülle der Labung des Herrn ist. Ich warf mich nieder vor dem Herrn um seiner Herrlichkeit willen und sprach: 'Selig, die in dein Land gepflanzt sind, die einen Platz haben in deinem Paradiese, die gleich dem Wachstum deiner Bäume wachsen und aus der Finsternis ans Licht ge-

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wandert sind! Siehe, alle deine Arbeiter sind schon und tun gute Werke; sie wenden sich von der Unfreundlichkeit zu deiner LiebesKraft. - Sie haben die Bitterkeit der Bäume von sich abgetan, als sie in dein Land verpflanzt wurden. Denn es ist viel Platz in deinem Paradiese, aber es gibt nichts Unnützes darin, sondern alles ist voll von deinen früchten'!"

Deshalb mußte Fichte sagen: "Solange der Mensch noch etwas für sich selbst sein will, kann das wahre Sein und Leben in ihm sich nicht entwickeln, und er bleibt ebendarum auch der Seligkeit unzugänglich." Denn alles selbstisch isolierte Sein gilt Fichte mit Recht als Nichtsein, weil es tötliche Beschränkung als Abgrenzung von dem allein wahren Sein ist. An Stelle der Unseligkeit in sinnlicher Selbstliebe und an Stelle der Unempfindlichkeit in moralischer Gesetzmäßigkeit kann die höchste innere Freiheit nur in glückseliger Gemeinschaft mit dem göttlichen Sein bestehen. Abgegrenzte Selbstliebe und herzlose Gesetzlichkeit sind die seinde des Evangeliums der Vereinigung und freiheit. Die wahre Freiheit des von Gott regierten Herzens setzt an die Stelle äußerer Gesetzmäßigkeit den inneren drang der völligen Liebe als den Trieb des heiligen Geistes, der zur göttlichen Gr-nung gemeinsamen Lebens in völliger Gemeinschaft sührt. In ihr wirdjede Isolierung und willkürliche Abgrenzung durch die Einheit des heiligen Geistes so gründlich überwunden, daß die Gemeinde und das Reich sich als das allein wahre Sein und Leben erweist, denn es ist die Liebe Gottes, die sich in der Einheit Seiner Gemeinde und Seines Reichs offenbart.

Dieses Erlebnis Gottes bedeutet die entscheidende Bereicherung des inneren Lebens, ohne die auch das begabteste Herz innerlich verkümmern muß. Es ist die innere Ausnahme des Lebendigen, die die Wiedergeburt des toten Herzens bedeu-

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tet, so daß es nun ein neues, ein anderes geworden ist. Nicht eher kann es gut und rechtschaffen sein, als bis es eine ganze Wendung erlebt hat, eine ungeteilte Bekehrung, die es von der falschen Enge in sich selbst zu der wahren weite führt, zu dem Erleben Gottes, der größer ist als unser Herz. Das Herz braucht eine Erlösung von seinem eigenwilligen Selbstleben, weil es nur in der Gemeinschaft mit dem vollkommenen Leben gesunden kann. Das vollkommene Leben ist Liebe. Die allgewaltige weite und Tiefe der Größe Gottes offenbart sich als die Liebe. In Christus und Seinem Geist bringt sie die völlige Vereinigung als Gemeinde und als Reich so nahe an uns heran, daß wir diesen Weg gemeinsam beschreiten können.

Auf dem Wege des Glaubens wird das Menschenherz von seinem inneren widerstand gegen die völlige Liebe immer mehr zu innerlich aufgeschlossenem freiwilligem Gehorsam geleitet. Der Gehorsam des Glaubens öffnet sich dem Herzen Gottes und seines Reiches. Nur durch die Erfahrung der frei geschenkten Liebe Gottes kann das menschliche Herz von seinem Trotz und seiner Verzagtheit gereinigt werden. Nur die ungefälschte Liebe der reinsten Sphären verdrängt die ihr seindlichen Gegensätze,den Eigenwillen, der sich in sich selbst verschließt, und die unreine Leidenschaft aller Art, die sich selbst und ihren Opfern die Lebenskraft von Grund auf verdirbt.

Das Geschenks der reinigenden und befreienden Liebe des höchsten ist Gnade. Mit diesem einen kurzen wort umfaßt die Bibel den Reichtum des Herzens Gottes, das sich uns in Liebe schenken will. Die Gnade ist es, in der Gott uns naht. Die Härte der Zeit und der Reichtum ihrer Aufgaben zeigt uns, wie verloren und machtlos wir ohne Gott in der Welt

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sind. Im Gericht wird die Gnade zu dem tiefsten Bedürfnis unseres Herzens. Nur durch das freie gemeinschaftliche Geschenk des heiligen Geistes an Seine Gemeinde wird die Härte der Zeit zu einem Stahlbad, das uns in die SalzKraft des zukünftigen Gottesreiches hineintaucht, so daß wir die Aufgaben der Gerechtigkeit schon jetzt und hier in völliger Gemeinschaft verwirklichen können. Je härter die Not wird, um so näher rückt das Reich Gottes heran. In dem härtesten Schicksal eines Gekreuzigten als in seiner äußersten Hingabe an die größte aller Rufgaben ist das Wesen der Gnade erschlossen worden. Die Schrift nennt es die Besprengung mit dem Blute des Erlösers, wenn das Herz die befreiende Kraft seines Todes erfährt. Das Herz faßt die Todeseinheit mit Christus und setzt damit das ganze Leben in kämpferischen Gegensatz zu allen jenen Gewalten, die Jesus zu Tode gebracht haben. Diese Bluttaufe wird so nicht nur zur Todesbereitschaft, sondern noch realer zu einem immer erneuten Auffsichnehmen äußerster Todesgefahr im Kamps mit den Mächten, die dem Reich Gottes entgegenstehen. Es gibt keine andere Grundlage für den wahren Frieden unseres Herzens als diesen Kamps bis aufs Glut, der die Todeseinheit mit Christus als die absolute Nähe des Herzens Gottes bis zum Märtyrertode bekräftigt. Nur das kreuz bringt das volle vertrauen aus Gott, der hier in schärfstem Gericht Seines Zornes über alles Böse liebende Gnade zu allen als sein innerstes Wesen offenbart.

In einem solchen mit dem kreuz vereinigten Herzen wohnt Gott selbst durch seinen Geist. Seine Liebe ist darin ausgegossen. Mitten unter den mörderischen Gegnern des Friedens und der Gerechtigkeit bleibt ein so erfülltes Herz in der Freude der Liebe, auch zu allen seinden, wie es die Blutzeugen

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der ersten ebenso wie der reformatorisch-radikalen Christenheit tausendfach bewiesen haben. Die hier am Tode erwiesene grundlegende Stärkung des Charakters läßt das Herz alle zukünftigen Kräfte mit dem Eifer innerster Blut entfalten, um sie im Leben wie im Sterben für die ganze Welt zur Wirkung zu bringen. Denn Christus ist darum für alle gestorben, damit die Lebenden nimmer sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist. Daß damit das ganze Leben bis an die äußerste Grenze des Todes mit allen seinen fähigkeiten und Tätigkeiten gemeint ist, zeigt das andere wort desselben Apostels Jesu Christi, nach dem dieselben Menschen, die noch vor kurzem ihre Glieder als Werkzeuge der Ungerechtigkeit verwenden ließen, nunmehr dieselben Glieder Gott als Werkzeuge der Gerechtigkeit hingeben. Denn nur so kann und wird das Werk des heiligen Geistes wie einst in Jerusalem immer von neuem aufgebaut werden, mag Jerusalem auch noch so oft zerstört und seine Gemeinde auch noch so oft blutig auseinander getrieben werden.

Aber dieser Reichtum der Kraft und des Wirkens bis in den Tod ist nur dann zu gewinnen, wenn, wie in der Urgemeinde, völlige innere Konzentration und gänzliche Vereinigungden Charakter des Herzens bestimmt, wir wissen aus der Kriegsgeschichte, daß die stärkste Macht nicht mehr als ein hilfloser Hause ist, wenn der einheitliche Wille fehlt oder verloren geht. So war es im Weltkrieg. So erging es belagerten Städten und Ländern. So standen auch einst die protestantischen fürsten und Städte für den Schmalkaldischen Krieg unter einer "wunderbaren Gunst der Umstände". Seit den Zeiten der hohenstaufischen und salischen Kaiser hatten sich niemals in so kompakter Masse nord-und süddeutsche Stämme

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gegen die Krone zusammengefunden. Es war auch damals die Schuld eines von zuwiderlaufenden Interessen bewegten Kriegsrates, daß die Katastrophe der Niederwerfung erfolgen mußte.

So können die reichsten Kräfte und Gaben dem Herzen nur dann Nutzen und Segen bringen, wenn es aufhört, sich nach entgegengesetzten Interessen zu zerteilen. Es braucht die ungeteilte Entschiedenheit eines einheitlichen Willens, wenn es die Siege todesmutigen Glaubens feiern will. Wir können nicht zwei Herren zugleich dienen, wir können nicht zwei Ideale verfolgen. Wir können nicht in zwei Richtungen zwei Zielen nachgehen. Das Reich Gottes als das letzte Reich duldet in keinem Herzen ein anderes Reich neben sich. Der weg Jesu ist der einzige weg, der keine Nebenwege, keine Abwege und keine Umwege kennt. Mögen nach Rom oder sonstwohin noch so viele Wege führen: Dieses Reich ist nur Eines: Dieser weg ist nur Einer, die völlige Vereinigung aller Glaubenden in allen Betätigungen des Herzens und des ganzen Lebens. Durch die entscheidende Ausgießung des heiligen Geistes wurden alle Glaubenden so sehr ein Herz und eine Seele, daß sie nicht nur im Wort der Apostel und im Gebet, sondern auch im Brotbrechen und in der Gemeinschaft, auch in der völligen Gemeinschaft aller Güter die Vereinigung ihrer Kräfte erwiesen.

Nur wo ein ganzes wollen für Gott entschlossen und mit allem gleichenWollen zufammengefaßt ist, kann das Herz bekennen, Gott und Sein Reich zu suchen. Nur an denen will er sich mächtig erweisen, die ungeteilten Herzens aus ihn gerichtet sind. Ein ungeteiltes Herz duldet kein geteiltes Leben. Nur der ist wirklich mit Gott, der sich ihm mit allen Gedanken und Empfindungen, mit allen Kräften, Gaben und Gütern

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als seinem König gestellt hat, um als ein ganzer Charakter mit einem ganzen Leben in Wahrheit Gott zu leben. Ihm zu folgen, ist nur durch die Bekehrung des ganzen Herzens möglich. Wo das ganze Herz ihm zugewandt ist, ist es das ungeteilte Leben, das mit allen Kräften des Geistes, mit allen Gütern der Seele und des Leibes alle Gebiete des Daseins, auch die Berufsarbeit mit allem ihrem können, auch den irdischen Besitz mit allen seinen zeitlichen Gütern der Gemeinde als Seiner Herrschaft hingibt.

Seinen Dienst durchführen kann man nur dann, wenn man geschlossen zu ihm steht: in allen Taten seinen willen zu tun, kann nur dann möglich sein, wenn ihn das Herz mit ganzer Seele liebt. Von sich selbst aus kann das niemand. Für eine Hingabe aller Kräfte und Güter brauchen wir die Kraft des heiligen Geistes, die nicht aus uns stammt, die uns aber im wort der Apostel, in der Gemeinschaft des Brotbrechens und des Gebets gegeben wird. Wer das Gebet aus einfachem ungeteiltem Herzen kennt, gelangt zu dem Dank für Gottes Tun und Sprechen, der seine Glückseligkeit in der Anbetung der Größe Gottes und im Tun Seines Willens findet. Einem solchen Gebet, das mit ganzem Herzen auf Gotthört, wird nichts unmöglich sein. Es schenkt dem inneren Leben den unbeschränkten Reichtum der Wahrheit Gottes. Es führt das Herz zu der Erkenntnis, daß die Wahrheit unumstößlich ist, weil sie die Wesenhaftigkeit des Lebens bedeutet, deren Kraft alles zu bewältigen vermag. Das Unmögliche wird möglich. Es wird Einheit in die zerrissene Welt gestellt. Es wird eine völlige Gemeinschaft angerichtet, und aufgebaut, die im Werk menschlicher Arbeit die Einheit des Gottesgeistes als Wirklichkeit der Gemeinde, als Stadt auf dem Berge aufteuchten läßt.

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Wenn wir die Geisteskriege JehoDas führen wollen, um das Land für ihn einzunehmen, so muß unser ganzes Herz dem König zujauchzen! Wenn sein Wille unser Inneres regiert, so wird er dem inwendigen Sein einen Reichtum im Erleben und Wirken schenken, den es allein unter Gottes Herrschaft gewinnen kann. Nur wenn unser Herz von Jesus Christus als unserem Gebieter erfüllt ist und regiert wird, können wir für die großen Aufgaben ausgerüstet und befähigt werden, die unsere schwere Zeit und die harte Zukunft an uns stellen müssen. Sie umfaßen nichts anderes als den Ruf des Reiches Gottes und die Aufgabe Seiner Gemeinde.

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Seele und Geist.

Nachdem der Krieg so vielen, die in der Blüte und aus der Höhe des Lebens standen, den Tod gebracht hatte, nachdem Hunger, Arbeitslosigkeit und Schande den Selbstmord ansteigen ließen, nachdem Straßenkämpfe und politische Zusammenstöße mehr und mehr Männer und Frauen ermordeten, nachdem das verbrechen am Leben in Krieg und Bürgerkrieg wie auch anden werdenden Kindern ungeheuerlich Augenommen hat, muß uns mehr als je zuvor die Frage nach Tod und Leben bewegen. Wenn der Menschengeist zu allen Zeiten um die Frage nach seiner Seele gerungen hat, so sollte der Ernst der jetzigen Stunde alles andere zurücktreten lassen, daß wir uns gänzlich aus das sammeln, was Seele, Geist und Leben bedeutet.

Ist es doch eine der erstaunlichsten Tatsachen, daß der Tod das Leben besiegen soll. Kein Kind kann den Tod begreifen. Am allerwenigsten könnte es das Töten von Menschen im Dienste einer höheren Sache als möglich annehmen. Aber auch ohne dies muß ihm der Gedanke, daß das menschliche Leben eines Tages aufhören könnte, wirklichkeitsfremd und wahrheitswidrig bleiben. Die Unnatur des Sterbens liegt der Einfalt seiner Lebensbejahung zu fern. Deshalb hat das lebensfrohe heidnische Altertum an die Unsterblichkeit der Seele geglaubt. Auch der ihm nahe stehende Goethe hat zu Eckermann die Überzeugung seines Lebens bekannt: "Ich möchte mit Lorenzo von Medici sagen, daß alle diejenigen

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auch für dieses Leben tot sind, die kein anderes hoffen." Das Leben bezeugt sich als unbesiegliche Kraft. Die Hoffnung ist der Charakter alles Lebendigen.

Deshalb bleibt alles, was zum Leben gehört, in quälende Kätfel gehüllt, solange wir ihm die Ewigkeit absprechen wollen. Sie bleibt die tiefste Forderung des menschlichen Geistes. Weiß sich der Mensch als ein unsterbliches Wesen, so ist alles, was er erlebt, verständlich und groß; betrachtet er sich aber als sterblich, so wird es alles finster und nichtig. Die überall herrschende Ungerechtigkeit macht das menschliche Dasein zur Sinnlosigkeit, indem sie "die schlechteste aller Welten" endgiltig triumphieren läßt, wenn es keine andere Zukunft und keine andere Welt gibt, die als die bessere zum Siege kommen muß.

Jede lebendige Seele kann diese andere Welt in der ihr gegebenen Innenwelt und Außenwelt erkennen lernen. Fichte hat es uns zugerufen, daß wir uns nur zum Bewußtsein eines reinen sittlichen Charakters zu erheben brauchen, um zu sinden, wer wir selbst sind, - um zu finden, daß dieser Erdball mit allen seinen Herrlichkeiten, daß diese Sonne und die tausendmal tausend Sonnen, die sie umgeben, daß dieses ganz unermeßliche M, vor dessen bloßem Gedanken unsere sinnliche Seele bebt und erzittert - daß das alles nichts ist, als in sterblichen slugen ein matter Abglanz unseres eigenen, in uns verschlossenen und in alle Ewigkeit hinaus zu entwickelnden ewigen Daseins. Das bedeutet umgekehrt die seit uralten Zeiten der Menschheit gegebene Wahrheit, daß ihre so sehr kleine Welt nichts anderes sein kann als ein zwar verpfuschtes aber dennoch erkennbares Abbild einer größeren, wahreren und echteren Welt, der keine Grenzen der Zeit und des Raumes gesetzt sind. Dieser größeren Welt

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gehört unsre kleinere an und soll ihr von neuem entsprechen. Es bleibt für alle Menschen das Sittengesetz in uns und der gestirnte Himmel über uns, was uns diese Tatsache in lebendiger Ahndung nahe bringt.

Unser Leben wurzelt in der Ewigkeit. Sein Wesen fordert Unauslöschlichkeit. Der menschliche Geist geht im Raume weit über alle faßbaren Grenzen hinaus. Und ebenso kennt die Absolutheit seiner sittlichen Forderungen keine Grenzen. Das Sicherste von allem, was unserem Geist gewiß ist, ist dieses, daß aus einer lebendigen Welt, die jenseits aller Räume liegt und dennoch alle Räume umfaßt, der Strahl der Wahrheit, die Kraft des Lebens und die Forderung heiligen Sollens immer von neuem zu uns kommt. Mit derselben Energie absoluter Geltung geht der menschliche Geist, dem Strom der Zeiten bis weit über den Anfang und das Ende folgend, über alle Grenzen hinaus. Die stärkste Forderung des Geistes ist der Ursprung aller Dinge vor dem Anfang der Zeit und das Ziel der Zukunft am Ende aller Zeiten.

Nach ihrem Urquell und nach der Mündung ihres Stromes lechzt die durstige Seele. Ist sie zu dem Bewußtsein ihrer selbst und ihrer göttlichen Bestimmung erwacht, so erblickt sie in dem Tod einen ebenso unnatürlichen, dem Wesen der Dinge widerstreitenden seind des Lebens, wie in allem anderen, das die Klarheit und Reinheit des Ewigen beflecken und vernichten will. Alles, was in der jetzigen Zeit und im irdischen Raum dem heiligen Müssen und Sollen der Seele entgegensteht, muß und soll nach ihrem letzten Glauben jenseits aller irdischen Dinge und am Ende aller Zeiten vom Reich Gottes überwunden werden. Das "Himmelreich" der anderen Welt greift als die Kraft der zukünftigen Welt

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in das zeitliche und irdische Leben ein und will es jetzt und hier nach dem jenseitigen und zukünftigen Bilde umgeftalten. Das tut es, so bald und so lange die Seele den Glauben herrschen läßt, wann und wo es auch immer sei. Dieses andere schon jetzt und hier mögliche Leben ist Sie Freiheit der Seele. Es kommt jedoch niemals zu einem solchen Flügelschlag der freien Seele, solange ihr eine lebensfeindliche Atmosphäre den Atem benimmt und den Ausblick in das Ewige und Unendlichliche verdunkelt.

Die Freiheit und Kraft der glaubenden Seele geht so weit, daß sie mit dem prophetischen Geist auch für die Einzelheit und Körperhastigkeit in Zeit und Kaum die heilige Umgestaltung in die Gerechtigkeit und Einheit erwartet. Es ist die Hoffnung des Reiches Gottes, worin die Seele ihr Leben entdeckt. Das Ende aller Wege Gottes ist ihr die Leiblichkeit und die Einheit. Die Bibel führt deshalb den Tod des Leibes daraus zurück, daß die Sünde als Sonderung, als Trennung und Vereinzelung in den lebendigen Zusammenhang der Schöpfung einen verhängnisvollen Bruch gebracht hat. Das Böse ist ihr die lebensfeindliche Macht, die durch ihre Trennung von Gott und durch ihre Scheidung der Menschen von einander die Gefahr ewigen Todes mit sich bringt. Die Sünde ist Frevel am Leben und an der Liebe. Deshalb mußte der erste Sohn der sich von Gott trennenden Menschen zum Brudermörder werden.

Aber dennoch erklären es die uralten Schriften der Wahrheit für unmöglich, das Leben auszulöschen, das Gott dem Menschen aus seinem eignen Wesen gegeben hat. Der leibliche Tod kommt als Folge der Abtrennung von Gott von Geschlecht aus Geschlecht zu allen Menschen. Wohl stirbt der Leib, wenn ihn die Seele verläßt. Der ohne sie zurückgelassene

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Körper muß zerfallen. Der Tod kann sein Wesen als das Auseinander der Trennung und Auftösung, wie er es durch die Loslöfung von Gott von Anfang an bewiesen hat, niemals verleugnen. Aber der Tod ist nicht Vernichtung.

Die Schrift der alten und der neuen wahrheitskünder spricht immer wieder von den Seelen der Gestorbenen. Jede lebendige Seele hat die Kraft zukünftigen Lebens. Alle lebendigen Bewegungen der Menschheit sind auf die Zukunft gerichtet. Wo die Seele im Geist zu neuem Leben kommt, wartet sie auf die Zukunft Gottes. Und wenn sie nicht ganz unvöllig an das Reich der Zukunft glauben kann, so sucht doch ihr Glaube diesen oder jenen Ausschnitt der zukünftigen Welt zu retten, um sich an ihn mit umso größerer Leidenschaftlichkeit zu hängen. Bei den einen ist es wenigstens ein kommunistischer Zukunftsstaat, bei den anderen ein drittes Reich nationaler Freiheit und Stammesverbundenheit, wenn sie für das letzte Reich der Liebe und Gerechtigkeit noch nicht zu kämpfen und zu sterben vermögen. Und ebenso taucht, selbst in dem Ungläubigsten, immer wieder ein Rest des Unsterblichkeitsglaubens und der anderen Welt auf, den er niemals ganz verlieren kann. Irgend etwas an unserem Leben soll eine unendliche Wirkung behalten. Die göttliche Heimat ruft zur Heimkehr. Der Geist will zu Gott zurückkehren, woher er seinen Ursprung hat. Und ist Gott selbst noch nicht erkannt, so soll wenigstens ein wenig von seiner unendlichen Bedeutung vertreten werden, sei es auch im Götzendienst.

So hat auch der heutige Mensch alle Ursache, sich an den Ewigkeitsglauben und Unendlichkeitsglauben der ersten Christen zu erinnern. Wenn er ohne Rücksicht auf die unbegründeten Vorurteile unserer Zeit die Wahrheit sucht und

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will, muß und wird er erkennen, daß hier eine Einsicht in die letzte Wirklichkeit gegeben ist, gegen welche keine lebendige Seele ihren Widerspruch ausrecht erhalten kann, denn hier steht die Seele dem lebendig machenden Geist Jesu Christi gegenüber. Wer an Jesus glaubt, wird leben, wenn er auch stürbe. Und es kommt der Tag, an dem er zu einem vollkommenen Leben in einem unsterblichen Leibe auswachen und auserstehen wird, die Geister der vollendeten Gerechten ruhen in dem lebendigen Gott und warten aus den Tag seiner Zukunft. Das Bild der Hochzeit in der Freude der Vereinigung, der Vergleich mit dem Gemeinschaftsmahl und die Aufrichtung der Throne zeigen den Charakter dieses vollkommenen Lebens im Reich Gottes als in der Herrschaft einer völlig vereinenden Liebe und Gerechtigkeit. In diesem Reich wird am Ende aller Dinge der Eine heilige Geist alles beherrschen und durchdringen. Wo jetzt die Seele im Blut das Leben bedeutet, wird dann der Geist einen geistlichen Leib anstatt des seelischen beherrschen.

Anstatt des stießenden Blutes ist es dort der wehende Geist, der anstelle seelisch unsicherer Bindung die ebenso bewegte wie völlig geklärte Einheit in steter Lebendigkeit erhält. Die einen, die in solchem Leib allezeit in der Einheit ihres Gebieters stehen und ihm in seiner Herrschaft dienen, leben in vollendetem Gegensatz zu den anderen, deren Leib und Seele in der Ferne verderben muß. Weil diese anderen die Einheit des Lebens verwarfen, haben sie selbst den Tod als die Abtrennung erwählt. Aber auch dieser zweite Tod kann keine Vernichtung sein. Auch er muß sein Wesen als Loslösung und Scheidung beweisen. Es kann kein furchtbareres Schicksal für eine lebendige Seele gedacht werden, als für ewig von dem Leben, das in Gott ist, hinausgeschieden zu sein.

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Sich für immer außerhalb des Lebenszentrums gestellt wissen, ist der ewige Tod. Die Hölle ist nichts anderes als die Fortsetzung des Lebens derer, die für sich selbst leben. Der nicht sterbende Wurm der Zersetzung und Aufzehrung, das nicht verlöschende Feuer der Verbrennung und Verzehrung, das Gericht der Auflösung und Zertrennung, ist das einzige, das ihr Dasein ausmacht. Der reiche Mann, vor dessen Tür der Arme mit dem Namen Lazarus lag, hatte diesen ewigen Tod durch nichts anderes verursacht, als daß er seinen Reichtum für sich selbst behalten und ihn in der Sonderung von der Not anderer als berechtigter Eigentümer genosten hatte. Er hatte nichts anderes versäumt als alle Habe für die Einheit mit den Armen hinzugeben.

Nur wer alles verkauft und es den Armen gibt, kann den Schatz im Himmel erlangen, welcher nichts anderes als das Leben in Gott ist. Au dieser absolut notwendigen Tat fordert Jesus jeden reichen Jüngling auf. So allein könnte er in die eigentumslose Wandergemeinschaft Jesu als in die Einheit Seiner Jüngerschaft eintreten. Von den Menschen aus ist und bleibt es unmöglich, daß Alte oder Junge, die ein wertvolles Eigentum haben, diesen weg beschreiten. Aber von Gott aus sind alle Dinge möglich. Das beweist die Geschichte. Reichtum ist Tod, weil er das Herz von der Not der Menschen und damit von der Liebe absondert. Aber Gott will und kann auch dem Reichsten das Leben geben, Indem er ihn von diesem Tode aufruft und wegnimmt, indem er ihn zur Liebe völliger Gelassenheit führt.

So müssen wir uns bis in alle Folgen hinein darüber klar werden, wie es geschieht, daß das unbegrenzte Leben Gottes unser beschränktes Dasein ergreift und erfüllt. Gott ist das Leben. Nur in ihm leben, weben und sind wir. Das körper-

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liche Leben der ganzen Natur hat wie alles Leben seinen Ursprung und Bestand allein in Gott. Gott verleugnet seine Schöpfung nicht. Er wird sie durch das Feuer hindurch einem neuen Tag entgegenführen. Aber die Seele des Menschen verdankt ein ihr durchaus eigentümliches Leben in ganz besonderer Weise einer unmittelbaren Mitteilung Gottes. Von Gott haben wir den hauch des Lebens. Er ist der Vater der Geister. Wie er die Heere der Himmel durch seinen Atem geschaffen hat, so ist es aus der Erüe der Mensch, der auf diese Weise Geist von ihm empfing.

Die fließenden Ströme des Blutes erschöpfen nicht das Leben des Menschen. Tiefer ist ihm der wehende Atem Gottes als der Geist eingehaucht, der die Berufung des Lebens aufnimmt. Die Berufung des Geistes will das Leben der menschlichen Seele bestimmen. Das Blut darf nicht über die Berufung herrschen. Es hat ihr zu dienen. Sonst verdirbt es sie. Es ist von Bedeutung, daß für den Schöpfungsakt, der dem Menschen den Odem Gottes einhauchte, auf den ersten Blättern der Bibel das Wort Geist mit dem für Seele wechselt. Der Atem, den wir von Gott haben, ist Geist und ist Seele. Denn dieser Geist, der unserer Seele eingegeben wurde, ist ihr tiefstes, ihr einzigartiges Leben.

Was die Seele des Menschen auszeichnet und bestimmt, ist sein Geist. Hier liegt die Grenze zwischen Mensch und Tier. Auch Tiere haben Blut und Seele. Was ihnen fehlt, ist der Geist, der mehr ist, als Vernunft und Verstand. Das vergießen des tierischen Blutes ist eine verantwortliche Sache. Wer aber das Opfern des geschlachteten Tieres ähnlich ansieht wie das Töten von Menschen, wer zwischen beidem einen nur relativen und graduellen Unterschied zu sehen vermag, hat den Geist verraten, den Gott keinem anderen

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Erdenwesen als einzig und allein dem Menschen gegeben hat. Der Mensch ist über das Tier gesetzt. Der Geist des Menschen hat die Tiere zu beherrschen. Nur dann aber kann er das, und nur dann darf er von ihnen das Letzte, das Opfer ihres Blutes annehmen, wenn das Leben des Menschen den Aufgaben des Geistes gehört, wenn es als Gottes Ebenbild die Erde für Gottes Reich erobert. Wer aber Menschen tötet, vergreift sich an Gottes Antlitz. Er schändet die Aufgabe des Geistes, der alle Menschen zusammenbringen und vereinigen will. Denn kein Mensch ist ohne Geist. Das Zusammenwirken mit jedem Atemzug des Geistes schließt es aus, daß Menschen mörderisch gegen einander kämpfen undsich gegenseitig töten könnten. Der Mensch ist dem Menschen zur Einheit des Lebens gegeben, weil Menschengeist zu Menschengeist gehört. Der Geist Gottes vereinigt Menschengeist mit Menschengeist, indem er die Menschen beherrscht. Der Geist des Menschen soll nunmehr als das Höhere über alle niederen Seelenkräste herrschen und sie alle unter seiner Herrschaft vereinigen. Schon Aristoteles hat es erkannt. Das Eigentümliche der Menschenseele ist nie und nimmer ein bloßes pro-ukt der niederen Seelenvermögen. Der Geist kann seinen Ursprung nicht verleugnen. Deshalb erscheint es für den Menschen unwürdig, wenn ihn das Blut beherrscht, oder wenn er seine Befriedigung in dem Äußeren und Niederen des Lebens erschöpfen will. Niedrig wird ihm alles, was die Gemeinschaft im Geist verrät und verdirbt. Deshalb empfinden wir jede Erniedrigung unter ungezügelte Triebe der Blutseele als etwas Tierisches und Untertierisches, weil sie die höhere Berufung des Menschen schlimmer als Wahnsinn in den Boden tritt.

Die Bestimmung des menschlichen Geistes ist das Höchste:

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Gott und sein Reich. Gerade deshalb aber wurde dieser hoch berufene Geist in seiner Abwendung vom Höchsten wie der satanische Geist Luzifers ein wuchernder Nährboden für das antigöttliche Prinzip. In seiner Loslösung von Gott sucht er sich selbst und sein eigenes Reich. Nunmehr behauptet er Hohes und Edles ohne die Herrschaft und Einheit Gottes. Für die Erhöhung des Menschen kämpft er, ohne die Tat Gottes anzuerkennen. Für die menschliche Selbsterlösung lebt er, ohne die Tat Jesu Christi und seiner Erlösung zu ehren und anzunehmen. Für das Volk des eigenen Blutes und der eigenen Klasse will er das Leben von Menschen opfern, um Gottes Reich und Gottes Volk zu verwerfen.

In unserer Zeit sollte es für jeden mit Händen zu greifen sein, wie alle diese von Gott abgetrennten Ideale des menschlichen Geistes zuschanden geworden sind. Sie wurden zuschanden in ihrer Vorstellung des Weltfriedens ohne Christus, zuschanden in ihrem Streben nach Gerechtigkeit und Freiheit ohne sein Reich und seine Gemeinde, zuschanden in der Vorspiegelung einer internationalen Einheit ohne die Einheit im Geist der Wahrheit. Die wirtschaftliche Welteinheit des großen Geldes war aus das materielle Wohlergehen der Einzelnen und auf ihren gegenseitigen Vorteil aufgebaut, wie ebenso der Wohlstand des blutverbundenen Volkes aus Eigentum und Eigennutz basierte. Auch eine proletarische Internationale verschiedener Zusammensetzung richtete ihre Solidarität weit mehr nach dem materiellen Vorteil in der Gegenwart für einen Bruchteil, wenn auch noch so großen Bruchteil benachteiligter Menschen als nach der Zukunft der Gerechtigkeit, die alle Menschen umfassen soll.

Wenn nun demgegenüber die Autarkie in der Selbstversorgung der Völker die Grenzen der Erde sperren will, so ver-

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rät sie, daß die Erde Gott gehört, daß Gott der Gott aller Völker sein will, und daß sein Reich alle Völker in gegenseitigem Dienst vereinigen und alle Ergebnisse ihrer Arbeit Gemeingut aller werden lassen will. Aber es ist unmöglich, daß die Menschheit eine einheitliche Erdgesellschaft, eine Erdgemeinschaft des Geistes werde, solange sie nicht Gottes Geist über sie rechten, richten und regieren lassen will. Das Regiment Gottes aber bedeutet, daß kein Mensch mehr den eigenen Vorteil, daß niemand mehr das eigene Vorrecht sucht, daß nirgends die eigene Selbsterhaltung über die Einheitssache des Geistes gestellt wird.

Bis heute gibt es keinen politischen Faktor von Weltgeltung, der diesen Weg der Weltherrschaft Gottes verfolgt. So mußte denn jede große Bewegung der Gerechtigkeitshoffnung immer wieder erliegen. Ebenso aber ist zuschanden geworden und wird abermals und immer wieder zuschanden werden jede Art von nationaler Selbsterlösung, weil sie in ihrem Götzentum, an dem die Welt genesen sollte, das Wesen der göttlichen Befreiung und Gesundung verwirft und verschmäht. Die Strebungen des menschlichen Fortschrittes aller Art müssen immer wieder zerbrechen, solange sie die Herrschaft Gottes und Seines Reiches hintenan stellen. Alles menschliche Selbst-Heil geht an seinem Irrwahn zugrunde, in dem es sich unterfängt, die Menschen ohne Gott mit der Kraft von Götzen auf die Höhe führen zu wollen. Ob es der Glaube an die Masse oder der Glaube an das Blut oder der Glaube an eine andere Macht ohne Gottes Geist ist, er wird im Feuer der Zukunft gründlicher vernichtet werden, als der Irrglaube aller Art in den Schrecken des Weltkrieges zusammengebrochen ist.

Was aber in allen Wogen dieser brandenden Kämpfe auf

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allen Seiten unzerstörbar bleibt, ist der Geist, der sich als das erste im Menschen dem willen Gottes ergeben wird. Schon beginnt sich sein Inneres hier und da in allen Lagern aufzuschließen. Der Geist steht auf. Sein Wille erwacht. Noch hat die Verirrung der Geister ihn verblendet. Noch hält ihn die Trennung von Gott umnachtet. Aber die Stunde ist nahe, in welcher der Geist des Menschen weithin von Gottes Geist ergriffen und berufen wird.

Die Ursache aller Verwirrung, die diese Berufung aufhält, liegt in der doppelten Verknüpfung der Seele. Durch ihren Geist wird sie auf der einen Seite zu Gott gezogen; -durch ihr Blut bleibt sie auf der anderen Seite dem körperlichen und Dinglichen verbunden. Aufs gefährlichste bleibt sie in diesem Zwiespalt Strömungen des Ungeistes ausgesetzt, die sie in stets erneutem Ansturm von Gottes Geist abdrängen wollen.

Das körperliche und Stoffliche ist nicht der eigentliche sein der Seele. Es ist nichts anderes als das Gebiet ihrer Aufgabe, die sie zu bewältigen hat. Der seind des Lebens ist vielmehr die seelische Verderbnis, die jede Bewältigung dieser Aufgabe vereitelt. Erst die Entartung der Seele hat sie unter die niederdrückende Gewalt des körperlichen und Stofflichen gebracht. Die von Anfang an gegebene Tatsache, daß sich Leib undSeele gegenseitig durchdringen, wollte ursprünglich den Geist über das Seelische und körperliche herrschen lassen. Durch die Zurückdrängung des Geistes brachte es die erkrankte Seele zu dem heutigen Zustand, daß nunmehr das geistige Leben den körperlichen Bedingungen versklavt ist.

Die alles erregende Gegenwart beweist es deutlicher, als es ruhige Zeiten vermögen, wie sich nunmehr kein Menschengeist und keine Bewegung menschlichen Geistes rühmen kann,

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durch sich selbst frei und unabhängig zu sein. An die Eigentümlichkeiten seiner Rasse und Nation gebunden, in Lebensart und KörperKraft von seiner wirtschaftlichen Lage und von seiner bevorrechtigten oder benachteiligten Ausbildung abhängig, von der suggestiven Kraft anderer Menschen ungroßer Volksbewegungen beeinflußt, nicht Zum wenigsten seinem eigenen körperseelischen Naturell und Temperament unterworfen, von allen Seiten im Inneren und Äußeren unter die Macht geisteswidriger Gewalten gebeugt, ist der gegenwärtige Zustand des Menschen in sich selbst der Beweis, daß nur Gott und sein Geist die Freiheit bringen kann.

Jede andere Freiheit ist erlogen. Es gibt nur eine Möglichkeit der Befreiung aus den Knechtungen des Einzelbewußtseins, aus der Sklaverei der Völker und Massen: Die Gemeinschaft der Menschengeister mit Gottes Geist! Ohne dieses unmittelbare Einssein mit dem Ganzen bleibt die einzelne Seele wie ebenso die Kollektivseele eines Familienverbandes, eines Volkes, einer Klasse oder eines anderen Zusammenschlusses geknechtet, armselig und beschränkt. Alles andere Zusammenströmen von Menschen und Kräften führt durch beständige Steigerung gegenseitiger seindseligkeit zu immer tiefer greifendem verfall. Erst wenn der Mensch von der höchsten Einheit in Gott in Besitz genommen ist, wird ihm das höchste und Letzte wahrer Befreiung und Einigung geschenkt.

Die menschliche Seele ist eine untergeordnete Bewußtseinseinheit, die trotz aller ungöttlichen Zusammenschlüsse mit gleichgeartetem Leben einsam und verkümmert bleibt, bis sie an die übergeordnete Einheit Gottes gebunden ist. Fechner ahnt im Suchen der Menschheit diese höchste Einheit des Bewußtseins als das wahrhaft Ewige und Unveränderliche,

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als das Eine, sich immer Gleiche, das sich in reichstem Wechsel und in unendlicher Mannigfaltigkeit betätigen will. Wir sind ohne Gottes Geist uneinheitlich, vergänglich, veränderlich, in uns selbst und untereinander ungleichmäßig und ungleich, zerspalten und seindselig. Deshalb muß es ein Erlebnis absoluter Einheit und absoluter verschiedenheit zugleich sein, welches das Bewußtsein der Seele mit Gott verbindet.

In dieser Erfahrung wird unser Leben zu einem Geburtstag der Ewigkeit, den wir mit Hingabe zu weihen haben. Denn dieses Erlebnis wird in stetem Anfang täglich neu. So oft wir in Gott das Leben erfassen, drückt sich auf unser stets neu beginnendes Tun und Wirken der Stempel der Ewigkeit. Die Ewigkeit dringt in die Zeit. Der Geist der Schöpfung sucht das Leben der Erde auf. Durch die Erfüllung mit den ewigen Inhalten des Gotteswillens kann niemals eine Entfremdung vom Leben bewirkt werden. Vielmehr kann durch den Geist des Lebens nur Kraftentfaltung in der Mannigfaltigkeit aller Beziehungen erreicht wer»en. In Zamilie und Beruf, in Arbeit und Wirkung, in Gesellschaft und Gemeinde will der schöpferische Geist das Leben zur schaffenden Einheit gestalten.

Es ist, wie Jacobi es zum Ausdruck gebracht hat: "Ein Geist, der auf zur Gottheit strebt, muß zwar vom Staube sich erheben; doch kann, wer nicht der Erde lebt, auch nicht dem Himmel leben." Wer von Gottes Geist ergriffen ist, wendet sich mit dem ganzen Interesse der Liebe Gottes der Schöpfung zu. Sein Leben gehört dem Ziel, daß Gottes Reich über die Menschen der Erde zur Herrschaft komme, daß sein Wille in unserer Welt ebenso geschehe wie im Reich der Himmel, daß sein Name in der tätigen Anerkennung seines Wesens geehrt werde, daß seine Heiligkeit nirgends und niemals

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durch ein ihr entgegengesetztes Tun entweiht werde, daß vielmehr der Glaube eine Liebe hervorbringt, an deren Taten Gottes Wesen erkannt wird.

Der Geist des Menschen kann aus keinem anderen Wege diesem hohen und letzten Ziel näher kommen, als daß ihn der Geist Gottes mehr und mehr beherrscht. In die Tiefe der Offenbarung vermag nur der von Gott beherrschte Geist zu Schauen. Ihre Wahrheit wurde dem Menschen aus dem Boden des prophetischen Wortes in Jesus Christus und seiner apostolischen Gemeinde geschenkt. In sie will der Geist Gottes den Menschengeist so hineinsühren, daß das Leben der Menschen von ihr erfüllt und bestimmt werden soll.

Das wort Gottes durchdringt den Menschen bis zur Scheidung von Seele und Geist, um ihn die geistlose Sinnlichkeit des unerlösten seelischen Lebens ohne Schleier erkennen zu lassen, um seinen nach Freiheit dürstenden Geist dem Geist Gottes gegenüber zu stellen. Wenn sich in unserem Inneren der Geist als der Odem Gottes nicht scharf und deutlich von der Seele als von dem unreinen Strom unseres Blutes abhebt, bleiben wir in der Dumpfheit geistlichen Todes. Seelische Menschen, die das eigene ungereinigte Leben ihrer Seele in sich herrschen lassen, können den göttlichen Geist nicht empfangen. Es gibt keinen schärferen Kontrast zu der einheitlichen Weisheit aus Gott als jene irdische Weisheit der Seele, die sich immer wieder in Unwahrhaftigkeit verstricken muß, wenn sie ihre einander widersprechenden Ziele notdürftig in Einklang bringen will.

Die Entwicklung der Weltlage durch den Krieg und nach dem Kriege hätte es dem Blindesten zeigen müssen: Das natürliche Leben der Seele steht dem Leben aus Gott in entfremdeter Ferne gegenüber. Man glaubte in der Menschheits-

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entwicklung, im vaterländischen Auftrieb oder im Gerechtigkeitskampf der Klasse Leben genug zu haben, als wenn man Gottes nicht bedürfe. Man maßte sich Dinge an, die allein Gott zukommen. Selbst über Leben und Tod von Menschen und Völkern wollte man entscheiden. Man vergaß es, daß der Herr es ist, der tötet und lebendig macht. Man verachtete es, daß Gott das Leben ist. Er ist allein der Herr über Leben und Tod. Wer ihn in Christus ehrt, kann keinen Menschen töten und keine Seele richten. Man hatte das Gefühl dafür verloren, daß das Leben in seiner Hand liegt, daß allein sein Beschluß das Schicksal der Seele bestimmen darf. Man war ohne Furcht vor dem, der Leib und Seele verderben kann. Man stand ohne Scheu vor seinem Gericht. Man hatte die Ehrfurcht vor Gott eingebüßt.

Man weiß, daß das Erlöschen der Sonne für unseren Planeten den augenblicklichen Tod alles Lebens bedeutet. Man sieht ein, daß ein altes Flußbett kein lebendiges Wasser mehr haben kann, sobald der Strom einen anderen Weg geleitet ist. Jedem ist klar, daß ohne Verbindung mit den Quellen das beste Wasser zu einer elenden Lache werden muß. Aber man wollte sein Gewissen ertöten, so oft es auch sagte, daß jede Ehrfurchtslosigkeit unsere Seele tötlich verletzt. Man wollte vergessen, daß der Seele die Sünde als Frevel am Leben den Tod bringt, daß sie das Verderben des Menschen ist.

Die geistlosen Lüste und ihr Betrug der Lüge, die seindseligkeit und ihre Mordlust, der Mammon und sein Eigentum streiten wider die Seele. Denn diese Gewalten, sie bilden die lebensfeindliche Macht, die sich von Gott losgelöst hat. Wenn die Seele nicht in der Reinheit Gottes lebt, so oft sie die Fäulnis des Unreinen anrührt und sich von ihr durchseuchen läßt, kann der mit dem Seelenleben verbundene Geist des

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Menschen nicht rein sein. Er ist mit der Seele besteckt und deshalb unfähig, sie zu erlösen. Der Geist des Menschen lebt in der Seele, Alles seelische Leben beeinflußt diesen Geist und alle seine Regungen.

Man soll nicht meinen, daß das geistige Leben wie aus einer Insel glänzenden Alleinseins, von allen seelischen Eindrücken und Ausbrüchen des großen Landes unberührt, eine von dem ganzen Lebenskreis der Körperseele unabhängige Arbeit leisten könne. Die gesamte Lebensatmosphäre des ganzen Menschen beeinflußt sein Denken. Keine Schwingung der Seele bleibt ohne Einfluß auf unseren Geist. Nach neueren Forschungen ist das Gehirn von dem Thron seiner Alleinherrschaft, den es nach der Meinung der zweiten Hälste des neunzehnten Jahrhunderts über das Geistesleben behauptete, hinweggewiesen worden. Der Charakter der Seele, die Gesamthaltung des Menschen mit ihren maßgebenden Eindrücken, Befühlen und Emotionen wird nicht vom Gehirn bestimmt. Eine kranke Seele kann ein völlig intaktes Gehirn haben. Bei einem kranken Gehirn kann die Seele gesund sein.

Die Bibel der Alten behält Recht, daß das Herz und sein Blutkreislauf mit dessen besonderen Organen, daß vor allem die Zusammensetzung des Blutes selbst den Charakter der Seele als die geistige Persönlichkeit des Menschen bestimmt. Blut und Herz können seelische Melancholie und geistige Depression auslösen und für höchste dichterische, sogar für geistig abstrakte Leistungen die entscheidende Disposition und konstitution schaffen. Wenn auch nach wie vor das Gehirn für intellektuelle Arbeiten der Auffassungsgabe, der Gedankenleistung und der Erinnerung ein überaus wichtiges Organ bleibt, so ist es doch für das Leben der Seele und

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des Geistes nicht mehr als nur eines seiner Werkzeuge, als nur eine seiner Arbeitsstätten und Durchgangsstationen, in der sich das Seelenleben und Geistesleben in besonderer weise widerspiegelt und betätigt.

Man darf den Geist des Menschen weder mit der Gehirnarbeit überhaupt noch mit deren speziellerer verstandestätigkeit verwechseln. Weit mehr entspricht der Menschengeist der praktischen Vernunft des heiligen Sollens, die nach Immanuel Kant ihre unwidersprechlichen Forderungen in der Festigkeit eines "Du kannst, denn du sollst'" erhebt. Der Geist des Menschen ist nicht an einem abgegrenzten Ort seines Körpers zu suchen. Der ganze Körper des Menschen trägt seine gesamte Seele. Der menschliche Geist und der Grundcharakter der geistigen Haltung ist der ganzen Seele als ihr tiefstes und göttlichstes Element eingehaucht. Dieser Geist vermag sich dem Körper gegenüber als überaus unabhängig und überlegen zu erweisen, sobald er selbst eine entscheidende Befreiung erfahren hat.

Eine solche Befreiung bleibt jedoch unmöglich, wenn nicht alle Gebiete der Seele von ihr ergriffen werden. Der Geist des Menschen muß von jeder Unfreiheit und Verunreinigung des menschlichen Lebens berührt werden. Die Seele umfaßt alle Äußerungen des Lebens. Sie trägt alles Lebendige im Menschen. Die Seele ist das gesamte Bewußtsein des Einzelnen, ebensosehr in der Verknüpfung aller seiner sinnlichen Empfindungen wie in der Zusammenfassung aller seiner geistigen und höheren Beziehungen. Es gibt kein anderes Leben der Seele als in diesem Inhalt des Bewußtseins. In ihm werden alle Erfahrungen des Fühlens, Denkens und Wollens zum Sein und Wissen.

Das Bewußtsein des Menschen ist die unbegrenzte Stätte,

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an der die Gesamtheit aller menschlichen Organe und Funktionen zur Einheit werden soll, Bewußtseinseinheit ist das Geheimnis des organischen Lebens. Geisteseinheit ist das Geheimnis der menschlichen Berufung. In dem gesamten lebendigen Leib erkennen wir den Körper mit dem nach außen zeigenden Finger des Körpers, die Seele mit dem nach innen weisenden Finger der Seele,den Geist aber durch den aus sein Reich verweifenden Finger Gottes.

Das Leben in dem Körper, das ihn einen Leib sein läßt, ist seine Seele. In zahlreichen Belegen der alten Schriften müssen deshalb die Übersetzer das wort Seele mit Leben wiedergeben. Die Seele als das Leben umsaßt ebensosehr das geistige wie das körperliche Sein, wie es sich von der Geburt bis zum Tode abspielt. So oft es sich um das Erhalten und Einsetzen des Lebens, oder um Lebensgefahr und Lebensverlust handelt, finden wir das wort "Seele", wo wir "Leben" erwarten. Daß die Seele das Leben des Organismus bedeutet, wird mit der Wahrheit bezeugt: "Die Seele als das Leben, ist im Blut." wie ohne Blut unser Körper kein Leben hat, so ist der Leib tot ohne Seele.

Es ist nicht zufällig, daß die Vorstellung des vergossenen Blutes, wenn wir etwa im Weltkrieg von der Rötung der masurischen Seen gehört haben, auf unser Gemüt einen schauerlicheren Eindruck macht, als wenn wir an die Gräber der Getöteten denken. Der sogenannte Blut- und Kriegs-See in Sibirien, der sich bei jedem großen Blutvergießen blutiger verfärben soll, macht trotz einer naheliegenden naturwissenschaftlichen Erklärung einen so tiefen Eindruck auf das Volksbewußtsein, weil Blut und Seele, das Rote dieses besonderen Saftes und die gewaltige Tatsache des Lebens nicht voneinander gelöst werden können. Im Blutstrahl das

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Leben verströmen zu sehen bedeutet mehr als vor einem Leichnam zu stehen.

Der Körper, der sein Blut verloren hat, hat seine Seele ausgegeben. Weil das Blut das fließende Leben ist, verlangt Mephisto von Faust die Verschreibung seines Lebens mit einem Tröpfchen Blut. Der böse Geist will den ganzen Menschen. Er will sein Leben. Er will die Seele. Deshalb muß er sich des Blutes bemächtigen. "Blut ist ein ganz besonderer Säst." Deshalb warnt nach einem alten Faustbuch das geronnene Blut der ausgeritzten Hand den Menschen, der soeben mit der blutgefüllten Feder den Teufelspakt unterzeichnen will. Das Blut gerinnt in die Formung der Worte: "O Mensch, entfliehe!" Die unmittelbare Gefahr, vom Bösen in Besitz genommen zu werden, entpreßt dem schwachen Blut diesen Nus zur Flucht. Die Energie göttlichen Lebens fordert mehr. Sie verlangt den äußersten aktivsten Widerstand der Seele, "im Kampf gegen die Sünde bis aufs Blut widerstand zu leisten."

Das widerstehen bis aufs Blut ist überaus selten, weil das Blut durch die Seele nicht nur mit dem höheren Geistesleben, sondern ebenso stark oder weit stärker mit ungeklärten Empfindungen und niedrigsten Trieben verbunden ist. Es ist etwas im Blut, das den widerstand schwach macht. Seelische Menschen, in denen das Blut nicht durch den Geist regiert wird, sind sehr leicht zu schwächendem und unsachlichem Mitempfinden zu beeinflussen. Bei ihrem Mangel an kraft zu tief greifender Aktivität gelingt es leicht, sie in verweichlichter schlaff machender Nachgiebigkeit auf Abwege zu bringen. Jede weitere seelische Schwäche läßt den Geist um so mehr verkümmern, je tiefer man sich in der einmal beschrittenen Abwegigkeit verloren hat.

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von jeder Bewegtheit des Einzelnen oder der Volksseele, die an das Blut appelliert und auf seine Zusammengehörigkeit dringt, wird die geschwächte Seele mitgeschwemmt. So erklären sich alle Massenerfolge jeder öffentlichen Suggestion. Ob diese das sexuelle Leben zu entarteter Zügellosigkeit aufpeitscht oder ob sie zum Kriege und Bürgerkrieg die Massen bewegt oder ob sie die geschäftlichen Sitten in Treu und Glauben erschüttert und zu verschwenderischem Wohlleben aufreizt, bei dem allem ist es die Schwachheit der seelisch schwankenden Masse, die das überraschende Resultat erklärt. Jede das Blut erregende Lebensschwäche offenbart die Herrschaft des Seelischen über das edlere Element des Geistes, in Wahrheit also eine unwürdige Knechtung des Höchsten, was der Mensch hat, unter das Niedere.

Nur wenn vom Geist aus das höchste Leben Seele und Blut ergreift und durchdringt, kann es eine wirksame Lebensderneuerung geben. Vom Geist aus muß sie geschehen, weil nur in ihm die Freiheit und Klarheit anheben kann. Ins Blut der Seele muß sie dringen, wenn sie lebenswirklich sein soll. Denn das Blut baut den Menschenleib auf. Ohne die Seele des Blutes gibt es keine organische verbindung zwischen dem Geistesleben und dem körperlichen Dasein.

Aus dieser Ursache hat nach uralt mystischer Vorstellung alles das Macht über mich selbst, was über mein Blut Gewalt gewonnen hat. Hier ist das Bindeglied der inneren und äußeren Welt. Man muß sich ein Herz fassen, wenn man die Dinge bewältigen will. "Blut ist der Saft von allen Säften, der tapferen Mut im Herzen kann ernähren." Die Seele zeigt das Blut als das Element aller unserer Triebe und Empfindungen und nicht zum wenigsten der sinnlichen unter ihnen. Seine Verbindung mit allen Kraftzentren des Körpers macht

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die Wallungen des Blutes nur zu ost zum Kennzeichen eines ungeistigen Trieblebens. Das Blut ist das Scheidewasser für die Herrschaft des Geistes oder für die des Körpers. Wer von beiden diesen Strom überschreitet, hat den Kampf gewonnen.

So kostbar uns unser Blut bleibt und so heilig uns seine verbindungen werden sollen, wir brauchen ein Leben, welches nicht durch die Sinne und durch das Blut geleitet, sondern vom Geist bestimmt wird. Das Blut ist ein ebenso edles wie durch und durch dekadentes Leben. Es trägt den Zerfall in sich. Alles, was auf das Blut baut, baut auf fließenden Sand. Das Blut ist unbeständig und vergänglich. Nur der Geist bleibt lebendig. Sein Sturm ist stärker als jeder andere Wind. Sein Leben allein besteht, wenn alles andere dem Untergang geweiht ist.

In diesen ernsten Tagen brauchen wir mehr als je das Wahrheitszeugnis, daß Gott ein ewiges Leben gegeben hat, das nicht mit dem Blut verströmen kann, weil es als Gottes Leben nicht von den Sinnen abhängig ist. Nach dem wahrhaftigen Inhalt des Geistes-Zeugnisses ist dieses Leben in seinem Sohn. Durch den heiligen Geist kommt es zu uns. Es gibt unserem Geist das Zeugnis eines anderen Vaterlandes, als es das Land unseres Blutes ist. Es macht uns so wesentlich zu Söhnen und Töchtern Gottes, daß wir keine anderen Interessen als die seines Herzens und Reiches vertreten können. Der Geist führt uns zu einem anderen Volk, als es das Volk unseres Blutes ist. Es vereinigt uns mit dem Volk Gottes, dessen Verbundenheit nicht auf Blut, sondern auf dem heiligen Geist beruht.

Nur wer bereit ist, Blut und Leben einzusetzen, kann dieses Reich des Geistes finden. Der Weg dieses Volkes ist mit

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Leichen besät. Man kann und will nicht dulden, daß ihr Geist das Land erobert. An ihnen muß sich der Gott dieser Welt als der Mörder von Anfang offenbaren. Niemals hat der Geist Jesu Christi durch seine Gemeinde auch nur einen einzigen Menschen töten lassen. Stets aber ist sein Volk dahingemordet worden, wie Jesus selbst von dem militärisch und juristisch besten Staat, von dem religiös und kirchlich bedeutendsten Volk, ja von der Mehrheit aller Stimmen eignen Blutes zur Hinrichtung gebracht wurde.

Auch heute wird die Menschheit und die Volkheit, der Staat und die Kirche die Zeugen der göttlichen Wahrheit nicht ertragen. Es ist nicht nur der Staat des Ostens, der rufen muß: "Hinweg mit diesen!" Das "Ecrasez l'infames" Voltaires ist der Ruf des Westens. Wer das Zeugnis Jesu in Tat und Wort vertreten will, muß überall zum Tode bereit sein. Der Grund ist klar: Das Zeugnis der Wahrheit zerreißt alle Schleier, die die Auswirkung der geltenden Mächte verhüllen sollen.

Jesus hat uns die alle Täuscherei vernichtende Offenbarung über die Welt und ihre Reiche, über ihre fürstlichen Gewalten und über ihren Gott und Geist, wie die Enthüllung eines jeden einzelnen Menschen gebracht. Nur unter seinem Einstuß werden wir frei von dem Wahn, als wenn das Leben in Staat und Wirtschaft, in Macht und Eigentum, in Gewalt und Existenzkampf, in Essen und Trinken, in kleidung und Wohnung, in Genuß und Abwechslung, in Ehre und Ansehen bestehen könnte. Der Leib ist mehr als die kleidung. Die Seele ist das Leben und deshalb mehr als die Speise. Das Reich Gottes ist mehr als alle Reiche der Welt. Der Geist ist mehr als die Seele. Was nützt es, die ganze Welt zu gewinnen, wenn sein Leben geschädigt wird?

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Das Leben im Kriege und die in seinem Gefolge immer höher steigende Not hat manche von der bürgerlich philiströsen Verirrung befreit, in der sie die äußeren Bequemlichkeiten verwöhnter Lebensweise, beschleunigten Verkehrs und reichen Einkommens als notwendige Lebensgüter angesehen hatten. Und weiter wurde vielen Sas Gewissen wie in einem beständigen Gewitter aus dumpfem Schlaf geweckt und wach gehalten, daß sie der überall wachsenden Not gegenüber kein Vorrecht bevorzugter Lebenshaltung festhalten können. Sie müssen aus ihrer Burg heraus, sie müssen alle Türen ihrer Villa öffnen, um die im Unwetter Abgebrannten, arbeitslos und heimatlos Gewordenen auszusuchen und hereinzuholen. Das wahre Leben der Gemeinschaft mit Gott umfaßt das Innerste mit allen Außenforts unserer Festung. Wenn unsere Seele für das Reich Gottes wach geworben ist, so wird der von ihm aus herrschende Geist die äußersten Ausläufer des Daseins nach seinem Sinn als nach der brüderlichen Liebe angreifen und gestalten müssen. Diese Umgestaltung wird eine so gründliche und völlige sein, daß nur die wenigsten Menschen eine Vorstellung davon haben.

Aber bevor an die Neugestaltung des äußeren Lebens gedacht werden kann, muß Leib und Seele von Gott in Besitz genommen und nach seinem Bild verändert sein. Wir haben es in der Geschichte unserer Tage erlebt, wie unmöglich ein äußerer Umbau und Ausbau ist, wenn die inneren Kräfte in Verfall geraten sind. Nicht nur an dem alten Rußland und an dem alten Österreich hat es sich gezeigt, wie wenig ein noch so großes Reich bedeutet, wenn sein inneres Wesen in Auflösung begriffen ist. Was ist ein Reich, das in sich selbst uneins ist? "Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an seiner Seele!"

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Nichts ist nötiger, als die innerste Erneuerung des Lebens. In ihr soll in Unabhängigkeit von fremden Einflüssen der Keim unserer Bestimmung zu dem starken, festen Baum auswachsen, der die Seele und den ganzen Umkreis ihres Lebens das werden läßt, was sein soll. Die Kraft, Ruhe und Freiheit für dieses Wachstum echten und wahren Lebens finden wir nicht in uns selbst. Noch weniger herrscht sie in der uns umgebenden Umwelt. Nur der wahrhaft Lebendige kann sie uns geben. Er allein bringt das Leben, seine inhaltliche Erfüllung und damit die tätige Ruhe seines Werkes. Nur wenn er der versorgende Vorsteher unserer Seele geworden ist, kann diese die Kraft finden, die sie zu einem neuen, freien und wirkenden Leben braucht. Nur er führt zu einem Leben, in dem die Seele aus dem Drehen um sich selbst, aus dem Kreisen um falsche Irrsterne zu einem vom Lebenszentrum her wirksamen Dasein erlöst wird.

Dieses Leben ist Gott und seine herrschaft. Das Licht des in Christus gegebenen Lebens überstrahlt unser schwaches eigenwilliges Sein heller als die Sonne unsere Nacht. Und wie die Sonne unserem Planeten Leben und Nahrung erweckt, gibt allein Jesus seinen Menschenbrüdern die nährende Kraft, ein wirkliches Leben anstelle unseres bisherigen Scheinseins zu beginnen und aufzubauen. Jesus ist das Brot des Lebens, nach dem uns hungert. Er hat das Wasser des Lebens, nach dem uns dürstet. Sein Leben im Übermaß aller Daseinsmöglichkeiten ist es wert, daß wir unserem schwächlichen Eigenleben und allen blutmäßig bedingten und begrenzten Idealen aufs gründlichste den Abschied geben. Von allen Irrlichtern, die die Kirchhöfe überall umgeistern, müssen wir uns abwenden. Mit den Händen unseres Gemütes müssen wir sein brennendes Licht festhalten, weil es in

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alle Gräber Leben bringen will. Nichts anderes darf in unseren Händen sein als sein leuchtendes Leben, weil es alle Welten des Todes überwindet.

Es gibt eine Legende von einem Soldaten, der lange Zeit nichts anderes zu suchen schien als morderischen Kampf und eitlen Ruhm. Nachdem er alle seine Kräfte dem Krieg gewidmet hatte, schien er auch im Kreuzzug nichts Besseres zu finden. Nun war er der erste, der die Mauern Jerusalems erstieg. Er war der erste, der seine Kerze an dem Altar des heiligen Grabes entzünden durfte.

Aber diese Feuerflamme verwandelte sein Leben. Er ließ das Fürstentum, das ihm winkte. Er nahm die Kerze. Sie wurde ihm alles. Er ritt und wanderte einen weiten weg, um diese Flamme, ohne daß sie verlöschte, zu den Seinen zu bringen. Vielen galt er als ein wahnsinniger, wie er auf allen Wegen das brennende Licht in seinen händen hielt, ohne sein Auge davon abzuwenden. Durch tiefste Einsamkeit, von Räubern überfallen, in Not und Ungewitter, in Hunger und Entbehrung, unter dem Spott der Menge tat er nichts als das Eine, daß er die Flamme schützte. - Niemals konnte er nunmehr einen anderen Gedanken haben, als jede kleinste Flamme heiligen Lebens zu schützen und zu hüten. Sein Leben wurde ein Licht der Liebe in lebendiger Wirkung für viele.

Wer die Flamme der Liebe Gottes in seiner Seele behüten, wer das Licht des Lebens bewahren will, wird dieselbe Haltung beweisen müssen. Haben wir unser Leben an der Flamme des Gekreuzigten entzündet, so wirkt sich sein Geist mit allen seinen Kräften in so ungeahnter Weise aus, wie wir es nirgends in Erfahrung bringen konnten. Nun will die Fackel des Geistes den weg weisen. Wollen wir zu der Bestimmung

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unseres Seins gelangen, so kann dies nur in der Entfaltung seiner göttlichen Liebe von innen nach außen geschehen. Wo im innersten Sein jenes Feuer brennend gehalten wird, welches Leben für die ganze Welt bedeutet, wird es zum Licht auf dem Leuchter, der für alle aufgestellt ist. Nur eine Vereinigung völliger Gemeinschaft des Glaubens, deren innerstes Leben alle Glieder um die sorgsam behütete Zentralftamme wie um ein Lagerfeuer sammelt, wird als Stadt auf dem Berge der ganzen Welt Licht bringen. Nur wer den Gral der Gemeinde hütet, weiß von dem Reichtum des Lebens, das Gott von seiner Stadt aus in alle Lande aussendet.

Haben wir Gott als das einzige Element allen wahren Lebens anerkannt, so wollen sich alle inneren Kräfte der Seele entfalten, um auf ihn konzentriert zu voller Tätigkeit zu gelangen. Die von Gott erfüllte Seele umfaßt das ganze Leben in allen seinen inneren und äußeren, in allen geistigen wie körperlichen Betätigungen. Um das Leben ganz unter die Lebenskraft Gottes zu stellen, muß zuerst seine inwendige Seite unter seinen Einfluß gebracht werden. Die Kraft des unendlichen Lebens senkt ihre Wurzeln in die innersten Tiefen der Seele, bevor sie sich in starker Wirkung nach außen betätigt. Das Bekenntnis: "Du gibst meiner Seele große Kraft" kann nur dann in Wahrheit ausgesprochen werden, wenn die Kraft im Inneren des Menschen ihre Herrschaft angetreten hat.

Das Innere der glaubenden Gemeinde, in welcher Gott wohnt, ist wie ein bewässerter Garten, voll Ruhe, Friede und Sicherheit. Die seinde können den Zugang nicht finden. Gegen die draußen tobenden Stürme schützt die lebendige Mauer hochgewachsener Bäume, die in fruchtbarem Boden

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eingewurzelt sind. Der Lärm der Außenwelt dringt nicht in die tiefe Verborgenheit der Mitte des Gartens, in der Gottes Herz seine Wohnung hat. Und doch bleiben die Pforten des Gartens weit geöffnet, daß alles Lebendige eintreten kann. Sie bleiben offen, weil alle Kräfte der Seele hinausgefandt werden, um an aller Not teilzunehmen und überall Hilfe zu bringen.

Der Sprachgebrauch denkt vielfach nur an dies Innerste des glaubenden Geistes, wenn er von dem Seelenleben spricht. Wir müssen im Auge behalten, daß die Seele das ganze Leben umfaßt. So werden wir es verstehen, warum tiefe Geister aller Zeiten im Gegensatz zu anderen Lebensgebieten von dem Innersten und Tiefsten der Seele, von ihrem Mittelpunkt und von ihrem Grunde gesprochen haben. Sich im Geist ihres Gemütes zu erneuern, fordern die Apostel Jesu Christi die Gläubigen auf. Die Einkehr in ihr Innerstes brauchen die Glaubenden, weil ihr Leben mit Christus in Gott verborgen sein soll, so daß sie im Abgrund des Herzens sagen können: "Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir!" Der Geist des Menschen ist sein innerstes Gut. Wenn ihn der heilige Geist Gottes erleuchtet, kennt und weiß nur er, was im Menschen ist. Wenn der Geist Jesu Christi ihn führt, kann nur er die Leuchte Gottes werden, die alle kammern des Leibes -durchforscht.

Da das Herz ganz allgemein das Innere des Menschen umfaßt, finden wir die Lebensäußerungen des Herzens im Denken, Fühlen und wollen, in Gesinnung und Charakter auch der Seele zugeschrieben. Ergibt es sich doch aus ihrem Wesen als dem Leben des Menschen, daß sie auch das Herz als das Innere des Lebens trägt. Das Leben des Menschen schwebt uns in konzentrischen Kreisen vor, die sich in verschie-

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denen Farben decken und umschließen. Der äußere stoffliche Körper, ein Stück der großen Natur, reicht als weitester grauer Umkreis ebenso weit wie die blaue Kreisscheibe des organischen Lebens, das wir mit den Pflanzen gemeinsam haben, dieselbe Ausdehnung wird von dem dritten, dem roten Kreis der Seele im Blut umschlossen, die als das menschliche Subjekt das gesamte Bewußtsein umfaßt. Diesen Lebenskreis kennt auch das Tierreich.

Anders steht es mit den kleineren Kreisen. Das Herz, etwa durch feurige Färbung zu bezeichnen, bildet der großen sich dreifach deckenden Peripherie gegenüber einen engeren konzentrischen Kreis, der sich auf das Leben innerlicher Gefühle und innerer Gedanken und Willensregungen als auf den tieferen Charakter des Menschen beschränkt. Schon er unterscheidet den Menschen von allen anderen Lebewesen. Der herrschende Mittelpunkt des Ganzen aber mit seinem innersten und verborgensten Umkreis ist der Geist des Menschen, der im Blick auf seine Bestimmung weiß zu zeichnen wäre. Er ist einzig und allein dem Menschen gegeben. Von ihm gilt das wort Schillers: "Hab ich des Menschen Kern erst untersucht, so weiß ich auch sein wollen und sein Handeln." Auf diesen Kern kommt es an. Vom Geist des Menschen aus will Gottes Geist seine Wohnung unter den Menschen anrichten.

Der höhere Wille der Seele ist Geist. Geist ist der tätige, schaffende Genius des Menschen. Er ist die bauende Vernunft der religiösen, sittlichen und sozialen Forderungen. Er trägt das unmittelbare Empfinden und Erleben des Göttlichen im menschlichen Herzen. Die Seele in ihrem mehr durch das Körperliche und Blutgemäße vermittelten Lebensgefühl umschließt auch alles Begehrende und Empfangende und umfaßt

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die gesamte Ausnahme aller äußerer Anregungen des Lebens. Die Seele bleibt das Sinnlichere, dem Körper näher verwandte, das in ihm stärker versenkte und an ihn fester Gebundene; der Geist lebt im wirken der höchsten und freiesten Beziehungen und Willensziele. Er wohnt in dem königlichsten unter den Gemächern des Bewußtseins. Die höchste Bestimmung ist ihm göttliche Begeistung als seine Vereinigung mit dem heiligen Geist.

Das Bewußtsein der Seele ist der lebendige Spiegel aller Beziehungen, in die das Leben des Menschen verwoben ist. Der Einfluß dieser Beziehungen ist je nach ihrer Intensität von sehr verschiedener Stärke. Im Seelenleben kommt es zur Entscheidung, welche Gefühle, Begierden, Ideale und Gedanken wir über die Schwelle unseres Inneren treten lassen. Solange die im Dunkel wirkenden Empfindungen der Blutseele von der in unserem Herzen herrschenden Macht des Geistes beherrscht werden, so lange können sie nicht zu niedrigem Wollen, nicht zu böser Tat werden. Aber wir merken es in den Erregungen unserer Zeit, wie diese Empfindungen auf einen Augenblick warten, in dem das Bild Gottes und sein Einfluß in uns schwächer geworden wäre. Alsdann können die Begierden des Blutes und seiner falschen Ideale, mit anderen Mächten der Nacht verbunden, die Schwelle unseres Herzens als böser Wille überschreiten und sich zu böser Tat vereinigen. Die Sünde ist da. "Die Lust, wenn sie empfangen hat, gebiert die Sünde. Die Sünde, wenn sie vollendet ist, gebieret den Tod."

Die freudlose Lust des Hasses und Mordes, die vergiftende Bereitschaft zur verdächtigung und Lüge in der Herabsetzung des Gegners, die lieblose Freude des Eigentums und aller eigenen Vorrechte, die unreine und ungeistige Lust des kör-

7 Arnold, Innenland

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pers wartet mit unersättlicher Gier und mit den betörenden Lockungen gestohlener scheingeistiger Güter ausden Willen, den sie ausgenommen haben muß, ehe sie das Böse vollbringen kann.

Die Seele vermag sich dieser Verlockungen nur dann zu erwehren, wenn die Widerstandskraft des guten Willens an einem klar bestimmten Inhalt des Geistes ihren unveränderlichen Halt gesunden hat. Nur wenn die Einheit des Herzens Gottes, die Einheit aller Gedanken seiner Liebe, die Einheit aller Bilder und Kräfte seines zukünftigen Reiches, nur wenn das Bild Jesu mit allen seinen Worten und Taten durch die stete Erinnerung des heiligen Geistes fest und klar das Bewußtsein der Seele beherrscht, wird der Wille alle Reizungen und Lockungen irreführender Bilder, dunkler Ideale und Ziele ablehnen und überwinden. "Eie Kraft des Charakters hängt davon ab, daß eine bestimmte Einheit von Vorstellungen sich dauernd im Bewußtsein hält und die anderen und entgegengesetzten abschwächt und ihren Eintritt nicht gestattet." (Herbart.) die innerste Kammer der Seele, wo ihr Geist thront, muß mit dem Geist Jesu Christi, mit allen seinen Gedanken, mit seinem willen als mit allen Regungen seines Herzens erfüllt bleiben, wenn nicht die irreführenden Mächte anderer Strebungen Eingang gewinnen und über unseren Willen herrschen sollen.

Als der König von Spanien dem Freund seines Sohnes sein Herz geöffnet und ihm beständigen Zutritt in seine Gemächer gewährt hatte, waren die boshaften Berater der Hölle aus seiner Nähe gebannt. Aber ein Alba und ein Priester Roms gebenden Kampf nicht auf. Sie warten und harren im Vorzimmer auf den Augenblick, in dem der gute Geist des Königs seine Gemächer verlassen hätte. Sie warten

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auf einen verbündeten, mit dessen Hilfe sie ihn beseitigen könnten, um von neuem die Seele des Herrschers mit ihren finsteren Plänen zu erfüllen.

In so erregten Zeiten, wie wir sie jetzt erleben, hat der seind unserer Seele eine mächtige Schar von Verbündeten, die sie zerrütten und zerstören wollen. Aber Gott spricht in der Stille der Nacht leuchtend zu unserer Seele, um sie dem Verderben zu entziehen und zu seinem Gefolgsmann zu machen. Er erweckt den Geist und zeigt uns den Weg zum Leben. Er will die erregte Seele mit seinem Frieden füllen, daß sie den finsteren Mächten keinen Platz gewährt. Das Rufen der Seele nach Gott, wie es die heutige Not bewirkt, wird zum Ziel der Gemeinde und des Reiches führen, wenn sie sich mit ihrem willen zu Jesus Christus erhebt, um aus ihn allein gerichtet zu bleiben.

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Das Gewissen und sein Zeugnis.

Das Leben wehrt sich gegen alles, was es zerstören und töten will. Es sucht seine Kraft zu mehren und schützt sich durch seinen Instinkt gegen alle Einflüsse des Todes, gegen alle Schädlichkeiten, die ihm seindlich sind. Nur in einem zugrunde gehenden, dem Tode verfallenen Leben verzagt der Instinkt und läßt die Gifte herein, die das Leben zerstören. Der beseelte Organismus sucht als Ganzes alle Schädigungen des Leibes und der Seele abzuwehren.

Die Blutseele als solche kennt einen Blutinstinkt, der jede ungesunde, das Blut und seine Nachkommenschaft gefährdende Vermischung ablehnt. Das ist das Gesunde am Rasse-Instinkt, vor allem aber an dem Sauberkeitsbedürfnis des Blutes, das sich gegen jede unwürdige und blutvergiftende Verschmelzung aufbäumt. Der Wille zur Gemeinschaft aller Menschen im Geist der Einheit verachtet diese Ablehnung wirklicher Blutverderbnis keineswegs. Die Zucht der Gemeinde Gottes ist sorgsamste Ehezucht, zuerst und zuletzt in vorehelicher und außerehelicher Unbeflecktheit, aber auch sehr ernst und bestimmt in der rechten gegenseitigen Wahl der Gatten auf Grund ihrer natürlichen und ebenso und noch mehr ihrer geistgemäßen Bestimmung für einander. Man heiratet den einen von Ewigkeit her bestimmten Menschen. Man heiratet damit eine uralte von allen anderen unterschiedene Blutlinie mit allen ihren Eigenschaften.

Das Gewissen des menschlichen Geistes tritt für die schärfste

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Klärung dieses Blutinstinktes ein, vertritt seine im ewigen Willen begründeten Forderungen und weist ihm die Grenzen seines Gebietes zu. Es wehrt aus das entschiedenste jede Überschreitung dieser Grenzen ab, in welcher der Blutinstinkt die wohl begründete Abwehr einer schädlichen körperseelischen Vermischung zu einer Hauptsache des Glaubens als zur Grundlage der Gemeinschaft und zur seindseligkeit gegen andere Glutgemeinschaften machen will. Der Instinkt des Blutes ist eine Gabe der Kreatur, die das Leben der menschlichen Natur schützen und fortpflanzen soll. Aber er hat nicht den Meister über Werturteile und Geistes-Forderungen des Schöpfers zu spielen. Wir dürfen die Kreatur niemals, auch nicht im Blutinstinkt, zum Götzen erheben. Sonst verderben wir unsere höchste Berufung.

Auch das Innerste der Seele, der Geist des Menschen hat einen Instinkt des Lebens. Es ist das Gewissen, welches als ein anfänglichstes Zeichen des inwendigen Lebens die Macht an der Schwelle übernommen hat. Es ist der unpersönliche stille Mitwisser des menschlichen Geistes. Niemand weiß, was im Menschen ist, als nur der Geist des Menschen, der in ihm ist. Das Gewissen gehört zu den ursprünglichsten Lebensregungen dieses Geistes. Der Menschengeist, der als das Tiefste im Menschen seine innerste Bestimmung vertreten muß, hat in dem Gewissen sein notwendigstes Werkzeug als ein Instrument der Warnung, des Weckens und des Kommandos.

Das Gewissen ist das empfindsame Reaktionsorgan des Geistes. Es hat den Charakter, der sich sittliche Ordnung bewahren soll, vor Entartung und Zerstörung zu warnen. Es hat ihn dorthin zu weisen, wo er die ihn bestimmende Lebensrichtung, seine Gesundung und Kräftigung findet. Das Ge-

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wissen weckt das schmerzliche Bewußtsein jeder innersten Verletzung der Seele. Es ist das Meldung erstattende Glockenzeichen für jede Erkrankung des geistgemäßen Lebens. Vor allem zeigt es die Not tötlicher Einsamkeit an, wenn sich die Seele von dem Kern des Lebens als von der Bestimmung ihres Seins getrennt hat, wenn sie sich von Gott selbst geschieden hat. Deshalb dringt es mit der Forderung der Liebe aus die Versöhnung mit Gott selbst und damit aus die Vereinigung mit allen Menschen. Denn Einheit ist der Charakter des Lebens. In Gott und in seinem Reich findet sie ihre Erfüllung.

Das Gewissen erweckt die Sehnsucht des Einzelbewußtseins, aus aller seiner Beengung und Vereinsamung in Gemeinschaft mit dem allumfassenden und höchsten Gewußtsein Gottes zu treten und deshalb zur einstimmigen Übereinstimmung und Lebenseinheit mit allen an Gott Glaubenden zu gelangen. Dieser Zug zu Gott und zu seiner Gemeinschaft des Glaubens und Lebens entspricht dem ursprünglichen Wesen des menschlichen Geistes. Leibnitz mußte Gott als den einzigen unmittelbaren Gegenstanö der Seele bezeichnen, der von ihr selbst unterschieden werden kann. Gott steht unmittelbar vor der Seele und gebietet unbeöingte Liebe und Gemeinschaft.

Das Gewissen als die Erweckung des unmittelbaren Gewußtseins um das Gute und Böse, als das wissen um das Lebenfördernde und um das Lebenzerstorende kann niemals von dem unmittelbaren Gottesbewußtsein des Geistes abgetrennt werden. Es ist ein mitwirkender Faktor, so oft die Gewißheit des unbedingten Sollens und Nichtsollens ins Gewußtsein eindringt. In der Unbedingtheit des Sollens wirkt Gott unmittelbar auf uns ein. Dem Gottesbewußtsein

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will der Antrieb des Gewissens als Forderung des Gottesgehorsams zur Seite treten. Jede Mahnung des Gewissens sucht für das Gottesbewußtsein des Menschen zum freiwilligen Gehorsam des Glaubens mitzuwirken.

Gott ist es, der durch das Gewissen unser Leben bestimmen und verpflichten will. Man hat die Gewissen der Menschen mit Bergen verglichen, an denen der Donner Gottes in millionenfachem Echo widerhallt. Je größer die Entfernung des aufnehmenden Herzens von dem Rufer ist, um so schwächer wird die Stimme des Echos. In je größerer Nähe manden Zuruf Gottes vernimmt, um so gewaltiger ist die Erschütterung und der Eindruck des Gewissens. Immer aber bleibt ein notwendiger Abstand zwischen Gottes Wahrheit und unserer Antwort. Das Gewissen drängt das bangende, zögernde Herz näher und näher an das donnernde Gericht über das Böse und an die im Blitz aufleuchtende Offenbarung des Guten heran. Und doch hält es uns in Ehrfurcht gebietendem Abstand. Das Echo muß schweigen, wenn die Bergwand jede Distanz verliert.

"Niemand ist gut" sagt uns Jesus, "als nur Einer, Gott!" Einer ist der Gute. Wer sich mit ihm frevlerisch identifiziert, hat seine Stimme verloren. Ist in der Seele des Menschen etwas von dem hauch dieses Einen Einzigen, der allein der Gute ist, so muß auch in dem Verworfenen und Ehrfurchtslosen ein Zeuge leben, der Abstand fordert und dennoch in die Nähe drängt, weil er das Böse verurteilt und zum Guten antreibt. Dieser Zeuge ist das Gewissen des menschlichen Geistes. Es mahnt und pocht, es schlägt und straft, wenn wir das Böse tun. Es macht die Gottesferne offenbar. Aber noch mehr tut es. Wenn wir auch nichts Gutes sind, so lebt doch dieser Zeuge in der Seele, um uns das Gute als gut aner-

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kennen zu lassen, um uns Gott als die einzige Quelle des Guten zu versichern und uns zu dieser Quelle hinzudrängen.

Selbst wo das Schuldbewusstsein erloschen scheint, kann sich der Mensch in seiner selbstischen Sphäre nicht heimisch fühlen. Er merkt, daß ihm die innere Einheit und daher die sie verwirklichende Gemeinschaft fehlt, nach der auch das härteste Herz verlangt. Zur Gemeinschaft ist der Mensch geschaffen. Sein Gewissen kämpft gegen die Verkehrung der Dinge, in welcher die selbstische Isolierung das Leben Zerstört. Es protestiert gegen jeden Schnitt, der den lebendigen Zusammenhang zerschneiden will. Es zeigt seine Verwundung an, so oft ein Lebensfaden zerrissen wird. Das Gewissen meldet die drohende Zerstörung des Lebens bei jeder Entzweiung des Inneren und zugleich ebenso bei jeder Zertrennung der draußen zu verwirklichenden Gemeinschaft. Das Gewissen empfindet jede Disharmonie als erschreckend und tötlich, weil die Forderung der Einheitlichkeit des Lebens das eigentliche Wesen der Seele ausmacht.

Jede Trennung von Gott muß den menschlichen Geist zur tätlichen Entzweiung mit sich selbst und zur kalten Entfremdung von seinen Mitmenschen führen. Es handelt sich um den Zwiespalt zwischen der wahrhaftigen Bestimmung des Ich und seinem wirklichen Zustand, wenn das Gewissen den in uns verborgenen Zug zu Gott bewußt macht. Niemandem als uns selbst schreibt es die Schuld zu, so oft wir diesem Zug widerstreben und zuwider handeln.

Julius Müller nennt das Gewissen das göttliche Band, das den geschaffenen Geist, auch in tiefer Zerrüttung noch, an seinen Ursprung knüpst. Im Gewissen zeigt es sich, daß wir zum Geschlecht Gottes gehören, obgleich wir dessen entartete und verkommene Glieder sind. Die Sehnsucht nach Gott

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als nach der durch Ihn allein zu bewirkenden Gemeinschaft in seinem Reich der tätigen Liebe ist es, die den Widerspruch gegen das Böse als gegen die entzweiende Macht des Mammonsreiches, seiner Lüge, seines Mordes und seiner Unreinheit erweckt. Das Gewissen bewirkt das Besinnen auf uns selbst, aus unseren verkommenen Zustand wie zugleich aus die Offenbarung der höheren Wahrheit unseres ursprünglichen und letzten Wesens. Es zeigt das Elend und die Größe des Menschen zugleich.

Das Gewissen bietet als unauslöschlicher Bestandteil des menschlichen Gewußtseins das stärkste Zeugnis für den ursprünglichen Gottesadel des menschlichen Geistes. Wenn das Wappen dieses Adels auch noch so sehr verwittert, in noch so tiesen Rissen zerklüftet und mit noch so dunklem Moos überwachsen ist, so läßt es das Gewissen doch niemals in völlige Vergessenheit geraten, daß die Berufung dieses Adels das Ebenbild Gottes war. Selbst in den abgewichensten Verzweigungen des Menschengeschlechtes ist die Erinnerung an dieses Ebenbild niemals so unwiederbringlich verloren, daß sie nicht durch Gottes Eingreifen wieder ans Licht gebracht werden könnte.

Der Apostel Jesu Christi bezeugt deshalb ausdrücklich von den gottentfremdeten Völkern, daß auch sie ein Gewissen haben. Paulus ist so tief durchdrungen von dem göttlichen Ursprung aller lebendigen Seelen, daß er das Werk des Gesetzes in die Herzen der Heiden geschrieben steht. Auch ihr Gewissen erhebt bei allem, was sie erleben und tun, sein Mitzeugnis, indem ihre Gedanken sich untereinander anklagen und entschuldigen.

Liegt doch vor ihrer aller Augen das lebendige Buch der Schöpfung Gottes; verweist es sie doch beständig auf die

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göttliche Berufung, in welcher der Mensch in die Natur hineingesetzt wurde. Die Natur bleibt eine Mahnung an den Menschen. Denn die Gottesschöpfung ist nirgends so weit von ihrem Ursprung und Ursinn abgewichen wie im Menschen. Das beweist die Gewissensgeschichte der Menschheit.

Als die zu Gottes Liebe berufenen und so bald mörderisch gewordenen und unrein vermischten Menschenwesen sich nicht mehr von Gottes Geist richten und regieren lassen wollten, gab es der reine und freie Geist auf, mit ihnen zu rechten. Er wollte es nicht mehr. Zur Unfreiheit gehört die Gewalt. Deshalb sandte ihnen Gott das Gericht und räumte ihnen die Todesstrafe ein, zunächst in der Form der geordneten Blutrache: Auge um Auge! Zahn um Zahn! "Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll wieder durch Menschen vergossen werden."

Und abermals, als der knechtische Sinn der kinder des Volkes, das Gottes Volk sein sollte, statt seiner Herrschaft, statt des Regiments Gottes einen menschlichen König haben wollte, mußte Gottes Zorn ihnen eine vollendet menschliche Obrigkeit geben, die den Menschenmord und alles Böse mit harter Gewalt strafen sollte. Längst haben es heute die Menschen vergessen, was sie durch diese Tatsachen verloren haben. Müssen doch diese Maßregeln zur Niederhaltung noch schlimmerer Gewalten als notwendig anerkannt werden, solange man nicht Gottes Geist rechten und regieren lassen will.

Die innere Übereinstimmung des Gewissensurteils zeigt sich in der Haltung aller Menschen der gesetzlichen Obrigkeit gegenüber. Ihr, als der verordneten Dienerin Gottes untertan zu sein, muß allen um des Gewissens willen notwendig bleiben. Denn sie straft und verurteilt das Böse, wie es das

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Gewissen fordert. Dennoch aber fordert das Gewissen, sobald es durch den Geist Gottes erweckt ist, daß man, - auch der Obrigkeit gegenüber, - Gott mehr gehorchen muß als den Menschen. Denn Gottes Reich beansprucht seine Geltung gegen alle Reiche der Welt. Die Vorbedingung dieser ersten und letzten Forderung Gottes als seines Geistes ist jedoch erst dann gegeben, wenn dieser Geist, der in Gottes Reich herrscht, tatsächlich über uns regiert, wirklich mit uns rechten und unser ganzes Leben sachlich nach Gottes Reich bestimmen kann.

Das Gewissen wird durch das Gericht und die Gewalt der Obrigkeit gestraft und geschärft. Durch Gottes Reich und Geist wird es befreit und erfüllt. Überall sucht es die Quelle der Schuld, durch die wir der Herrschaft Gottes verloren gingen. Für alle Dinge will es ein klares Urteil über die Grenze zwischen Gut und Böse gewinnen, weil das Böse uns von Gott geschieden hat. Das Böse ist ihm der seind. Ihn sieht es überall: Er steht rechts und links; er umgibt uns von vorn und im Rücken; und er hält seinen gefährlichsten Posten in unserem Inneren. Das überall unser Leben umgebende und durchdringende Böse ist mehr als unser seind. Es ist der seind Gottes.

Der Charakter des Bösen ist Mord und Lüge, Unreinheit und Eigentum. Jesus hat den bösen Geist als den Mörder von Anfang und als den Vater der Lüge, er hat die ihm untergebenen Geister als unreine Geister bezeichnet, und er hat uns schließlich vor die Entscheidung gestellt: "Ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen." Gottes Herrschaft verträgt sich nicht mit Töten, Lügen und unreiner Handlung, am wenigsten aber mit der Herrschaft des Eigentums. Deshalb steht Gottes Reich nicht nur für das persönlichste Einzel-

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leben im Gegensatz zu den bösen Mächten des Todes und seiner Sünde; sondern es behauptet diesen Gegensatz auch zu aller Obrigkeit menschlicher Gewalt,die das Bösebekämpfen will und dennoch aus dem Mammon des Eigentums beruht, sich von Lüge und Unreinheit nicht trennen kann und den Massenmord betreiben muß.

Doch durch die Entdeckung des Gegners ist nicht mehr erreicht als die Aufklärung vor dem Kampf. Auch die Entfaltung des Kampfes, ja selbst die Vernichtung des seindes bedeutet noch nicht die Vollendung des Sieges. Erst der positive Aufbau gibt dem Triumph seinen Wert. Deshalb verlangt das Gewissen nach der aktiven Betätigung in dem wahrhaft Guten, um über das Böse den Sieg feiern zu können.

Das Leben Jesu war frei vom Töten und Schädigen anderer Menschen, frei von jeder Art von Unwahrheit und Unreinheit, frei von jedem Einfluß des Mammons und Eigentums. Und er ging weiter und schlug die seindliche Macht in ihrem eigensten Gebiet. Sein Tod zerbrach alle Waffen des seindes. Aber er tat mehr als dieses. Er brachte das Reich Gottes an die Erde heran; er erweckte Leib und Seele vom Tode; er erstand selbst als der Lebendige; er richtete durch seinen Geist die Grundlage des letzten Reiches als völlige Einheit für alle Dinge der Erde und des Himmels auf; er legte die Zwischenwände zwischen den Völkern nieder; er schuf die Einheit seines Gemeinde-Leibes als seine abermalige verleiblichung. Auf unserer Erde und in unserer Menschheit lebt diese seine neue Einheit und Leiblichkeit.

Zu diesem Weg sind wir berufen, sobald wir den Ruf annehmen. Wenn wir durch Christus und seinen Geist an die Einheit Gottes als an das allein Gute glauben, wenn wir

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aus seiner Kraft im Glauben leben, so tun wir alles ab, was der völligen Liebe entgegensteht. Wir bekämpfen es überall bis in den Tod; wir leben als Glaubende in der Gemeinde der völligen Gemeinschaft und sind Botschafter des Reiches Gottes an der Stelle und im Auftrage Jesu Christi. In diesem Kampf um die Geltung des Reiches Gottes, in dieser Vertretung des letzten Reiches gegen alle Obrigkeiten und Gewalten der Reiche unserer Zeit ist das Gewissen der stille verbündete des heiligen Geistes.

Das Gewissen ist die Gefühlsmacht des inneren Menschen, die auf jede gute Tat mit Lust und auf jede böse Handlung mit Unlust antwortet. Es offenbart das böse als das unserem ursprünglichen und endgiltigen Wesen Fremde und Widerstrebende. Mit dessen Dasein kann es durch keinen vermeintlich höheren Standpunkt, durch keine sich als fortgeschritten rühmende Erkenntnis versöhnt werden. Sobald der Geist Gottes den Menschengeist zu gemeinsamem Zeugnis in Besitz nimmt, wächst das Gewissen zu äußerster Bestimmtheit heran. Es empört sich mit einem bis zur Unerträglichkeit gesteigerten Widerwillen gegen jede Verletzung der Liebe, gegen jedes Verlassen ihrer Pflicht, gegen jede Trübung ihrer Gerechtigkeit, gegen jeden Verrat an ihrer Wahrheit, gegen jede Verfälschung des Reiches Gottes.

Zu einem Gewissen im heiligen Geist geworden, meldet es im Namen des gebietenden Gottes und dessen absoluter Herrschaft seinen schärfsten Protest an, so oft die menschliche Selbsterhaltung einen Vorteil, einen Genuß oder einen Einfluß sucht, der im widerspruch zu der reinen, völligen undumfassenden Liebe Jesu Christi steht. In der gleichen Intensität der Freude fördert es jede Erfüllung der Gerechtigkeit und ihrer sozialen Verpflichtungen, jede Uneigennützigkeit

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hingebender Liebe und jede brüderliche Vereinigung völliger Gemeinschaft.

Die Gewissensregung der freudigen Zustimmung und inneren Befriedigung, wenn man in der Betätigung der Liebe wenigstens dem Beweggrund und der Richtung nach recht gehandelt hat, bedeutet Wertung. Ebenso fordert die beängstigende Gewissensnot innerer Selbstanklage, Beschämung und Unruhe, wenn das Böse und Gottwidrige über unser Leben Macht gewinnt, das Werturteil des Menschen über seine eigenen Handlungen heraus. Das Gewissen ist das Organ beständig wirksamer und ununterbrochen erneuerter Wertung. Es wertet durch das Gefühl. Es empfindet Freude am Guten als an der Gerechtigkeit. Es ist Freude an der Liebe als an der reinen und wahrhaftigen Einheit und Gemeinschaft. Es fühlt Schmerz und Widerwillen gegen das Böse als gegen das Ungerechte. Es ist Schmerz über das Liebewidrige als über alles das Gemeinschaft-Zerstörende, über das Eigennützige, das Unreine, Unechte und Unwahre.

Das Gewissen will die heilige Stimme des inneren Menschen sein. Es will ihm vor Augen halten, wie der Mensch ist, obgleich er anders sein soll; wie er nicht ist, obgleich er wissen kann, wie er sein soll, wie seine gemeinschaftslose Gesellschaft ist, und wieden Völkern die Einheit des Reiches Gottes fehlt. Je mehr Gottes Wesen und Heiligkeit das Herz berührt, umso deutlicher sagt das an Christus gebundene Gewissen, was die Gemeinde Gottes ist, und wie der Glaubende von ihr aus die völlige Liebe in Friede wirkender Einheit und in Gemeinschaft wirkender Gerechtigkeit vertreten soll.

Die Selbstbesinnung auf die Bestimmung, die Gott den Menschen gegeben hat, ist das Bewußtsein des Sein-Sollens in

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scharf empfundenem Gegensatz zum Sein, das Gewissen gehört zum menschlichen Bewußtsein und vertritt dennoch ein Sollen, das ganz anders ist als die Menschen sind. Das Gewissen ist eine überaus subjektive Empfindung, die aus ein durchaus objektives Sollen zurückgeht und hinzielt. Erst der objektive Inhalt seiner Forderung gibt dem subjektiven Eindruck Bedeutung und Gewicht.

Das Gewissen hat eine sachliche Macht zu vertreten, die den Menschen von innen heraus in Besitz nehmen will. Weil es von sich aus eines Inhaltes, der alle subjektiven Möglichkeiten des Menschen übersteigt, durchaus nicht mächtig ist, bedarf es des heiligen Geistes. Ohne den Geist Gottes vermag es die Sache, der es dienen will, nicht deutlich zu vertreten. Immer jedoch, auch im fernsten Heidentum, bleibt es in Tätigkeit, wenn auch seine Anklagen und Forderungen ohne den Geist der Sache mehr durch ungezügelte Wildheit als durch lichte Klarheit ausgezeichnet sind. Auch im Heidentum verfolgt es den Fliehenden und ergreift den Widerstrebenden, wie es die Erinnyen taten, so daß auch solche Meister im Bösen, wie der Kaiser Nero, seine Marter erfahren müssen.

Der Vergleich des Gewissens mit den Erinnyen, jenen unerbittlichen Straf- und Rachegeistern des Altertums, liegt um so näher, als auch diese ebenso der Obhut des Guten und Reinen wie der Sühne für das Verbrechen dienstbar waren. Weil sie nichts von dem heiligen Geist Gottes wissen, können sie nirgends aus seine Herrschaft verweisen. Sie entsprechen dem noch nicht von Christus erleuchteten Gewissen, das wohl um Gut und Böse weiß, aber den weg zum Ziel verfehlt. Dienerinnen der heiligen Ordnung des natürlichen Lebens sind sie. Die Schöpfungsordnung wollen sie vertreten, ohne

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die das im Blut der Seele webEnde Leben sich selbst zerstören muß.

Dieser Sachlage entsprechend erscheinen sie als Töchter der Nacht und des Todes. durch das erste Blutverbrechen, das das menschliche Leben zerstörte, sind sie hervorgebracht. Als ewig grollende Fluchgöttinnen Hetzen sie nun jeden Verbrecher am Blut des Lebens erbarmungslos zu Tode. So versolgen sie auch den Muttermörder. In ihrer dunklen, grauenvollen Gestalt, mit dämonischen Schlangenhaaren, mit drohend geschwungener Fackel der Dunkelheit sind sie ein schauerliches Bild des bösen Gewissens der alten Natur.

Sie sind scharf blickende Jägerinnen, mit Geißel und Speer oder mit Bogen und Köcher bewaffnet, die in Nebelhüllen verborgenden Bösen erspähen, bereit, seine Sinne zu zerreißen, seinen Geist zu zerrütten und sein Blut auszusaugen. Denn auch sie vertreten die alte Forderung "Blut um Blut". So entsprechen sie der gnadenlosen Obrigkeit der Blutgerichte, für die Gott nach der Sündflut, als sein Geist nicht mehr mit den Widerstrebenden rechten wollte, das erschrekkende wort sagen mußte: "Das Blut eurer Seelen werde ich fordern. Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll durch Menschen vergossen werden. Gott hat den Menschen nach seinem Bilde gemacht."

Das vergehen an dem Blut der mit Gottes Odem begabten Seelen ist vor den Gewissen aller Zeiten das schwerste verbrechen, das Kapitalverbrechen an Gott und an seiner Ordnung, so daß seine Rächung als die erste Pflicht menschlicher Obrigkeit erscheint. Wenn die rächende Obrigkeit als menschliche Ordnung ebenso wie das wütende Toben der Erinnyen als des unerlösten Gewissens auch fern von dem Geist des Herzens Gottes bleibt, wenn dort auch nichts von dem Evan-

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gelium Jesu Christi offenbar werden kann, so ist doch eine strasende Gerechtigkeit, die Gerechtigkeit des Zornes darin verborgen. Es ist der Zorn Gottes, der uns durch sein Gericht auf die vollkommenere Gerechtigkeit der Liebe zurichten will.

So sind die alten Erinnypen als Dienerinnen strafender Gerechtigkeit, als vollziehende Nachrichter des notwendigen Gesetzes strengste Rächerinnen des Bösen. Aber sie sind mehr, wie die Obrigkeiten des Staates sollen sie hilfreiche Schutzgeister für alle Guten und Reuigen sein. Gegen das Böse halten sieden drohenden Biß ihrer Schlangen bereit. Dem Guten begegnen sie als segnende Erdgöttinnen mit freundlichem Auge.

Die Erinnyen sind quälender, als es die richtende Obrigkeit sein kann. Denn sie sind eine objektivierte Verkörperung des vom Evangelium der völligen Liebe noch nicht ergriffenen Gewissens. Sie versinnbildlichen dieselbe Gewissensstrafe, die Jahrtausende später ein Pestalozzi so erschütternd geschildert hat. Wenn sein Hans Wüst sich vor Qual über seinen Meineid auf dem Boden wälzt, wenn er heult wie ein Hund, dem die Eingeweide zerrissen sind, - wenn er sich die Haare ausreißt, wenn er sich mit Fäusten bis aufs Blut schlägt und rufen muß: "Der Satan, der leidige Satan ist mein mächtig", wenn er Schimpf und Schande und Gefängnis als ein Nichts empfindet gegenüber dem Schrecken, der Verzweiflung und der Furcht, daß ihm Gott in der Ewigkeit nicht mehr gnädig sein könne, so erstehen die Erinnyen vor dem Auge der Neuzeit als Qual des Gewissens.

Dieselbe Qual des Gewissens ist es, in welcher Luther ausrief: "O meine Sünde, Sünde, Sünde!" Es ist dieselbe unbeschreibliche Marter, von der er gesagt hat: "Auch ich kenne

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einen Menschen, der es versichert hat, er habe diese Strafen öfters erlitten, sie hätten zwar eine sehr kurze Zeit gedauert, sie wären aber so groß und höllisch gewesen, daß deren Größe keine Zunge aussprechen, keine Feder beschreiben, noch, der es nicht erfahren, glauben könne, also, wenn sie sollten ihren vollkommenen Grad erlangen, oder eine halbe Stunde, ja nur den zehnten Teil einer Stunde sollten anhalten, so müßte er gänzlich zugrunde gehen, und alle seine Gebeine würden in Asche verkehrt werden. Hier erscheint Gott als mächtig-zornig und mit ihm zugleich die gesamte Kreatur, alsdann weiß man nicht aus noch ein; da ist kein Trost, weder von innen, noch von außen, sondern alles ist Ankläger."

Und dennoch verfolgte schon damals Luthers Gewissen, obgleich noch vor den Toren und außerhalb der Gnade Gottes, mitten in diesem tötlichen Erschrecken vor dem strafenden Zorn das positive Ziel der Gottesgerechtigkeit. Das Gewissen ist mehr als der Schutz des Guten, das vor dem Bösen bewahrt werden soll. Es ist mehr als die erschreckende Entdeckung, daß nichts im Menschen wirklich gut ist. Es ist mehr als das Strafen des Bösen durch die Gerechtigkeit Gottes. Es soll vielmehr durch das vernichtende Gericht über das Böse den inneren Blick auf die Wiederherstellung des Guten vorbereiten, wenn es durch den Geist Gottes ergriffen unerleuchtet ist, soll es durch die tiefste Buße und völligste Sinnesänderung den Glauben und die neue Geburt des Lebens vorbereiten. Das verdüsterte innere Auge soll sonnenhaft werden, daß es das Reich Gottes sehen kann. Das unter dem Zorn zusammenbrechende Gewissen soll zu der Gerechtigkeit geführt werden, die das neue Leben tätiger Liebe aus dem Glauben erstehen läßt.

Das Gewissen kann als eine Lebensregung menschlichen

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Geistes von sich aus das Reich Gottes nie und nimmer offenbaren. Es kann nichts anderes tun als das Echo verstärken, wenn der Ruf zur Buße im Herzen ankommt, der Ruf, der von Gott aus auf das Reich Gottes hin ins Herz dringt. Der Ruf des Lebens kann nur von dem Ursprung des Lebens ausgehen, das Gottes Herz ist. Das Herz Gottes, in seinen Propheten Stimme geworden, ist in Jesus Christus als Fülle der Gottheit, als Gnade und Wahrheit bei den Menschen angekommen. Das Gewissen als ein von Gott geschaffenes Organ des Seelenlebens kann nicht mehr tun, als daß es seinem Ruf als dem Ruf des heiligen Geistes antwortet; es kann vom Geist des Menschen aus die Forderungen Gottes als des göttlichen Lebens Jesu annehmen, bejahen und vertreten.

Das Gewissen ist nicht mehr als ein menschlicher Lebensinstinkt, der alles aufdecken und verfolgen kann, was dem Leben, das allein Gott zu geben vermag, seindlich ist. Es ist nicht mehr als ein menschlicher Instinkt, der alles aufzeigen und bejahen soll, was jenes Leben, das allein Gott gibt, zu fördern und zu stärken vermag. Vor allem anderen tritt es als moralisches Gewissen mit seinem Gefühlsurteil gegen alles dem Leben Gottes Widrige und deshalb für alle aktiven Handlungen des Lebensmutes und der Tüchtigkeit ein. Es lebt für die Liebe, die aus dem Glauben tätig wird.

Aber weil der Wille des Gottesgeistes alle Gebiete des Lebens durchdringen und beherrschen will, kann sich das von ihm erweckte Gewissen auf keine Derengung des moralischen Willens beschränken. Selbst die höchste Ethik vermag das Gewissen nicht auszuschöpfen. Wir vermögen nur anzudeuten, daß das Gewissen alle Lebensgebiete umfaßt. Als ästhetifches

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Gewissen fördert es die Freude am Schönen, Erhabenen und Reinen. Es reinigt den innersten Geschmack von allem Schmutzigen und Häßlichen, von allem Erkünstelten und Unechten, auch in der Formung der Dinge. Als intellektuelles Gewissen ist es der Instinkt für die gedankliche Wahrhaftigkeit, die alles, was als wahr zu gelten hat,den Tatsachen entsprechend richtig versteht und wiedergibt. Als soziales Gewissen fordert es die Hingabe des ganzen Lebens mit allen seinen Gütern und Kräften an die Liebe, an die Brüderlichkeit und an die Gerechtigkeit, an die völlige Gemeinschaft mit den Armen und Unterdrückten. Als religiöses Gewissen will es dies alles für die Wahrheit Gottes, für seine Liebe und Gerechtigkeit als für die letzte Forderung der Einheit mit ihm selbst und mit seiner unbedingten Herrschaft. Überall offenbart sich das Gewissen als der subjektive Wahrheitswille, Gerechtigkeitswille und Einheitswille des Herzens, der für alle Dinge den Gehorsam gegenüber der objektiven Absolutheit fordert. Der absolute Wille Gottes ist es, der das Gewissen auffordert, ihn für alle Dinge der Erde zur Geltung kommen zu lassen.

Jesus Christus und er allein ist es, der in Übereinstimmung mit dem Gotteswort der jüdischen Propheten den willen der Liebe Gottes als der Erde und ihren Menschen zugewandt verkündet. Er allein hat die Geltung und Wirklichkeit seines Reiches an die Erde und an die Menschen herangebracht. Der soziale Wille brüderlicher Gerechtigkeit und der aktive Friedenswille tätiger seindesliebe ist nirgends als auf dem Boden des Christentums oder unter seinem bestimmenden Einfluß möglich. Individualistische Anarchisten haben deshalb den atheistischen Sozialismus und Kommunismus eine säkularisierte oder verweltlichte Sekte des Christentums ge-

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nannt. Ohne dessen Nächstenliebe, ohne dessen brüderliche Ebenbürtigkeit, ohne dessen Zukunftsglauben als Glauben an das Reich Gottes, ohne dessen soziales Gewissen für Gottes Witten wäre diese europäische Erscheinung niemals möglich geworden.

Wenn das Gewissen in Christus die Gerechtigkeit Gottes gefunden hat, erkennt es die menschliche Ungerechtigkeit als den Gegensatz zu seiner Liebe und zu seiner Lebendigkeit. Die Gerechtigkeit Gottes, die in Jesus Erscheinung geworden ist, bedeutet mehr als alles juristische Recht der Staaten und ihrer Gerichte, mehr als alle religiöse und soziale Gerechtigkeit der Theologen und Moralisten. Denn sie ist wie ein Licht, wie ein Salz und wie ein Baum die lebendige Wesenskraft leuchtender Wärme, kräftiger Erhaltung und Bewährung, die Wesenskraft umfassenden Lebens. Deshalb muß sie als völlige Liebe ein gänzlich anderes Leben hervorbringen, als es jede andere noch so soziale Gerechtigkeit vermag.

Auch das soziale Gewissen des Glaubenden erschöpft die Wahrheit dieses Lebens nicht, wenn sie auch seine wichtigste Lebensäußerung unter den Menschen bleibt. Weil das Christentum die Redlichkeit gegen uns selbst als die Grundvoraussetzung seines Lebens bewiesen hat, muß es sein erbittertster Gegner zugeben, daß die innere Geschichte des Christentums den immer strenger genommenen Begriff der Wahrhaftigkeit hervorgebracht hat. Er sieht, daß die seinheit des christlichen Gewissens zu seiner Übersetzung in das wissenschaftliche Gewissen, zu seiner Übertragung in die vornehmste intellektuelle Sauberkeit geführt hat. Der immer seiner geschärfte Instinkt der Wahrhaftigkeit bedeutet sein Wachstum an Wissenschaftlichkeit, so daß Friedrich Nietzsche sagen mußte:

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"Die Gewissenhaftigkeit im kleinen, die Selbstkontrolle des religiösen Menschen war eine Vorschule zum wissenschaftlichen Charakter, vor allem die Gesinnung, welche Probleme ernst nimmt, noch abgesehen davon, was persönlich für einen dabei herauskommt." Nietzsche mußte es selbst erkennen, daß der wissenschaftliche Positivismus dem Leben nicht gerecht wird, wenn er das Wissen zum toten Götzen des Lebens erheben will.

Auch das intellektuelle Gewissen des Glaubenden erschöpft die Wahrheit des Lebens nicht, das Gewissen in Christus erkennt die Unwahrheit als Gegensatz zur Lebendigkeit und Wesenhaftigkeit. Die Wahrheit bedeutet mehr als intellektuelle Widerspruchslosigkeit, weil sie die letzte Wirklichkeit des Lebens in allem Echten und Wesenhaften, in allem Unvermischten und klaren, in allem Wirksamen und kraftvollen erfassen muß. So muß sie sich in Einheit mit der Gerechtigkeit als auf den Grund gehende Wesenhaftigkeit, als Lebenskraft und Tapferkeit, als tätige Schaffensfreudigkeit und Liebesmacht beweisen. Die Wahrheit beherrscht das Wesen der Dinge als Liebe.

Die Tätigkeit des Gewissens erschöpft sich nicht in der Verurteilung des Bösen, des Unschönen und des Unrichtigen. Sie ist für die Aufnahme aller Lebenskräfte der Liebe als für die letzte Wesenhaftigkeit wirksam. Wie die Liebe niemals ein Ende nimmt, kann auch das für sie wirksame Gewissen nirgends einen Abschluß seiner Tätigkeit finden. Das Gewissen kann sein Wirken niemals einstellen. Auch wenn es nicht stets in derselben Schwere unter dem Bewußtsein des Bösen, des häßlichen und Unwahren zu leiden hätte, auch wenn nirgends etwas Gutes seines Schutzes bedürfte, würde seine Arbeit dennoch niemals aufhören.

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Das gute Gewissen ist mehr als ein Gewissen, das nicht schlecht ist. Es kennt nicht nur ein verurteilendes und zustimmendes Zeugnis, sondern mehr als alles andere eine Anfeuerung zur Hingabe der Liebe. - Schon bei den Heiden ist es so, wenn sie handeln wollen, wie es das ins Herz geschriebene Gesetz ihrer noch so unvollkommenen Gemeinschaft fordert. - Vollkommen tritt es bei dem Apostel Jesu Christi in Erscheinung, wenn sein Herz in Wahrheit für sein Volk geschlagen und die Bereitschaft zur letzten Hingabe gefordert hat. Das gute Gewissen wird niemals ein passives oder abwartendes Schweigen; es bleibt immer ein aktives, zur Tat drängendes Begehren. Es ist der Wille zu einem wahrhaft liebenden Leben, letztlich zu Gott und zu seinem Reich.

Bei allen heidnischen Völkern ist etwas von der Forderung dieser Aktivität spürbar. So wurde Sokrates vierhundert Jahre vor Christus durch die bekannte Stimme seines Inneren nicht nur von falschen Schritten zurückgehalten, sondern auch zu positiven handlungen angetrieben, insbesondere zur Wahl seines höheren Berufes als zum Aufsuchen der Wahrheit im fragenden Gespräch mit allen Menschen. Aber gerade seine innere Stimme, die nichts anderes war als eine ebenso starke wie unklare Empfindung seiner Seele, liefert den Beweis, daß das menschliche Gewissen trotz schärfsten Wahrheitsstrebens ohne Erneuerung des heiligen Geistes Gottes in verwirrender Unklarheit gefangen bleibt. Daß er dieser inneren Stimme den Namen eines Dämons gab, verweist ähnlich, wie es die Erinnyen tun, weit mehr auf schwarze Strahlungen der anderen Welt als auf die helle Offenbarung der Wahrheit in der reinen und völligen Liebe der Gottesgerechtigkeit. Es ist ein gefährlicher Irrtum, wenn viele mit dem großen christlichen Dichter Dante meinen: "Es

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steht mir ein Gewissen, rein und treu, zur Seite als Gewährsmann, dem Vertrauen wohl unbedenklich zukommt ohne Scheu."

Es ist nichts weniger als unbedenklich, sein Gewissen als unfehlbaren Gewährsmann zu betrachten. Weil es an jeder Entartung der Seele seinen Anteil behält, kann es in sich selbst weder rein noch unbestechlich werden. Es gleicht etwa einem Lotsen, der - in fremde Gewässer hinausgestoßen - seine Orientierung verloren hat. Ob er in ehrlicher Beschämung seine Ratlosigkeit eingesteht, oder ob er in scheinbarer Sicherheit das Schiff hin und her steuert - er kann nicht eher seiner Bestimmung entsprechen, als bis er seine ihm von Anfang her vertrauten Gewässer wiedergewonnen hat. Das Gewissen möchte wohl immer und überall richtig steuern. Aber es hat den weg verloren. Es begehrt nach dem Hafen der Heimat. Aber dichte Nebel verhüllen ihm den Blick. Wie für immer ist ihm das Land der Klarheit in der Ferne entschwunden. Stets von neuem stellt es die beängstigte Frage: "Meine arme irrende Seele, wirst du nach Haufe finden? Welche Wege mußt du noch gehen, bis du ein Licht wirst sehen?"

Aber gerade wenn die Gefahr offensichtlich wird, wenn die Ratlosigkeit des Kopfes, die Schwäche des Herzens, das unsichtige Wetter, die nächste Nähe vernichtender Eisberge oder scharfer Felsenriffe oder der nahende Zusammenstoß mit anderen, die ebenso unsicher fahren, den unmittelbar bevorstehenden Untergang drohen, - in der äußersten Not kommt das beunruhigte Gewissen seiner Aufgabe am nächsten. Deshalb kennen so viele nichts anderes, als ein schlechtes Gewissen, als ein Gewissen von Sünden, als ein böses Gewissen. Denn die Tatsache bleibt bestehen und muß sich auch den

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heutigen Verwirrungen gegenüber von neuem offenbaren: das Zeugnis des Gewissens zeigt sich am schärfsten der Schuld und dem drohenden Untergang gegenüber.

Das Herz des Menschen ist gleichsam die verborgene Gerichtskammer, in der das Gewissen als inwendiger Richter alles Tun und Geschehen vor seine Schranken fordert. Ein Schatten des Willens Gottes ist wie mit zerlesenen Zeichen im Herzen geblieben. Nach diesen schwachen Linien soll der innere Richter sein Urteil fällen. Tag und Nacht ist er tätig. Ununterbrochen sucht er Urteil und Sühne. Und dennoch bleibt das Eine klar: das Gewissen gibt die Sühne nicht. Der Mensch kann von sich aus das Gewissen nicht stillen. So bezeugt es den Frommen aller Zeiten in unwidersprechlicher Geltung, daß Brandopfer und Schlachtopfer, Opfer der Dinge und Opfer des Lebens niemand vollkommen machen.

Die besten Zeremonien und Symbole völligster Aufopferung bedeuten einem brennend gequälten Gewissen gegenüber nichts, wenn nicht die Ursache der Gewissensnot gelöscht ist. Das Gewissen hört trotz der ernstesten Frömmigkeit oder des echtesten Idealismus niemals auf, die Sünden als Sünden in ihrer von uns aus unsühnbaren Schwere zu verurteilen. Auch wenn wir für unsere Ideale das Leben aufopfern, so spricht dennoch das Gewissen von Sünden, so oft wir mitten in unserer Hingabe etwas tun, was gegen Gottes Reinheit und Wahrheit, als gegen seine Einheit und Liebe verstößt.

Zu diesen unaufhörlichen Anklagen der Sünde konnte es nur durch die Erkenntnis des Guten und Bösen kommen. Sie wurde dem Menschen durch die Gemeinschaft mit der Sünde. Vorher kannte der erste Mensch wie heute das Kind kein Gewissen in diesem Sinne, nämlich kein böses Gewissen. Über das Böse wußte er wie jedes rechte Kind nichts. Von

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der Unterscheidung und Wahlentscheidung zwischen gut und böse konnte seine Unschuld nichts begreifen. Denn nur durch Willenseinheit und Tateinheit ist ein "Erkennen" guter wie böser Geistesmächte möglich.

Wohl hatte der erste Mensch wie das Kind das Bewußtsein, den willen Gottes tun zu müssen. In welchem Gegensatz dieser Wille zum Bösen steht, wußte er ebensowenig wie es kein Kind weiß. Ohne Zweifel hatte er wie jede kindlich lebendige Seele den tiefen Antrieb, den willen dessen zu tun, dessen Odem er trug. Die ganz anders und durchaus neu hinzutretende Erkenntnis des Guten und Bösen als ein schlechtes Gewissen von Sünden war keine Verstärkung dieses Triebes. Sie konnte dieses erste und letzte Begehren des Lebens nur hemmen und lähmen.

Der Mensch wurde ein Feigling und Schwächling. Sein Gewissen erkannte das Böse, das er getan hatte. Aber er war ohnmächtig gefesselt. Er hatte noch etwas von Willen. Aber dieser Wille war durch das Tun des Bösen erkrankt und gelähmt. Von sich aus vermochte er das Gute nicht mehr zu vollbringen. Sein Gewissen erkannte das Gute. Aber es führte ihn nicht zu Gott; sondern es trieb ihn in das Versteck seiner Scham und Angst.

Wie konnte es auch anders sein? Das befleckte Gewissen hat in sich selbst keine Macht zur Reinigung. Es sieht keinen Ausweg aus der Umnachtung und Umnebelung, in die es durch das Erkennen des Bösen gestürzt ist. Nicht eher kann es zu seinem Ziel gelangen, als bis der abtrünnige Mensch zu dem Leben in Gott, das er verlassen hatte, zurückgekehrt ist. Mit freiem willen und reinem Gewissen soll er von neuem Gott dienen. Diese Freiheit und Reinheit ist nirgends als in Gott gegeben. Bei den Menschen ist sie nicht zu finden.

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Diese Rückkehr bedeutet deshalb eine völlige Abkehr von allen menschlichen Zuständen des inwendigen Lebens und deshalb ebenso und nicht weniger den Bruch mit der gesamten menschlichen Gestaltung des öffentlichen Lebens. Sie ist als Bruch mit allem Bestehenden die hinkehr zu dem Leben Jesu und zu seinem kommenden Reich. Nur dort ist die Gewissensbefreiung als Loslösung von der Gemeinschaft des Bösen und die Gottesgemeinschaft als völlige Umgestaltung des inneren und äußeren Lebens zu finden, wie sie dem Geist des Kindes und dem Ursprung des ersten Menschen entspricht.

Die Güte Gottes will alle Wege erschöpfen, um das Herz zu dieser Umkehr zu bewegen. Alle Ereignisse der kleinen und großen Geschichte wollen uns durch die Güte Gottes, - auch in dem Zorn seiner Gerichte, - zu der radikalen Buße leiten, die zur Wiedergeburt und zum Reich Gottes führt. Weil wir uns in der Ruhe des bürgerlichen Wohlstands gegen die Botschaft von Gott verhärtet hatten, so mußte der eiserne Pflug äußerster Not unser Gewissen aufreißen. Die Not sollte das Gewissen erwecken, daß es von neuem alles Böse verurteilt und alles Gute aufsucht, daß es von neuem lernt, auf das Wort der Wahrheit zu hören und die Zukunft Gottes in die Gegenwart aufzunehmen.

Das Vertreten der Wahrheit ist letztlich die Sache des Gewissens. Je näher es der Umkehrung des Menschen und aller seiner Dinge kommt, um so tiefer dürstet es nach der letzten Wahrheit mit ihrem alles verändernden und alles vermögenden Leben. Das Gewissen reagiert auf die Wahrheit. Die Schrift der Apostel und Propheten bezeugt es, daß sich jede unverfälschte Wortverkündigung, daß fich jede unvermischte Offenbarung der Wahrheit vor den Gewissen aller

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als solche bezeugt. Die objektive Wahrheit des Wortes und die subjektive Lauterkeit des Bekenners wird von dem Gewissen als solche empfunden. Das alte wort Becks: "Das Christentum sucht seine Legitimation in den Gewissen," bezieht sich zuerst und zuletzt auf die innere Bezeugung der objektiven Wahrheit. Aber sie umsaßt auch die persönliche Legitimation des von Gott berufenen Verkündigers für die Lauterkeit seines Wollens als für die Übereinstimmung seiner Lebenshaltung mit seinem Wort. Das Wort bringt Wahrheit und ist Wahrheit. Für seinen Verkündiger fordert es die Wahrhaftigkeit und Wesentlichkeit, die der Wahrheit gemäß ist.

Wenn Gott den Menschen für seine Botschaft wach macht, so ist es der sachliche Inhalt der ihn erreichenden Nachricht, der das Gewissen so treffen will, daß es nichts anderes mehr suchen und begehren kann als die Sache selbst. Es trachtet nunmehr nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit. In allem, was uns damit für die Erde zufällt, verfolgt Gott für unser jetziges Leben das Ziel, uns dieselbe Aufgabe zu geben wie den ersten Menschen. Wir sollen ausbauen und bewahren, geistig durchdringen, klar bezeichnen und verkündigen, was er uns anvertrauen will. Für diese Aufgabe unseres Lebens soll das Gewissen frei werden.

Gott schenkt diese Aufgabe dem Glaubenden in dem neuen Garten seines Friedensreiches als in seiner Christus-Gemeinde des neuen Geistes, wie er einst den ersten Menschen den Frieden und die Gemeinschaft des alten Gartens gab. Für die Aufgabe also, die Erde für seine Herrschaft zu bebauen, will er das Gewissen von der Schuld reinigen, die in aller eigenwilligen und seindseligen Sonderung besteht. Ihr Auch liegt dem heutigen Menschen offenkundiger vor Augen

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als den Geschlechtern anderer Zeiten. Der Garten Gottes ist ferner als je. Rafende Fahrt vergrößert ständig den Abstand. Der Mensch durchflieht die entgottete Erde. Zugleich aber naht in der Verborgenheit Gott und sein Reich, um den Garten wiederzugeben, wo er verloren war.

Selten ist in der Geschichte der Menschheit der Gegensatz zwischen dem Reich Gottes und dem Reich des Mammons so deutlich zutage getreten wie in unseren Tagen. Wir sind in einer ähnlichen Lage wie im Jahrhundert der Reformation. Der Reformator Jakob Hüter war es, der für alle deutschen Lande in Tirol und Mähren von 1529 und von 1533 bis zu seinem im Jahre 1536 erfolgten Märtyrertode wirkte und dort das volle Evangelium Gottes und die völlige Gemeinschaft der einigen Gemeinde im Glauben an das Reich Jesu Christi von neuem für Taufende verkündet, gegründet und eingerichtet hat. Er schreibt neben anderen bedeutenden Episteln des Jahres 1535 von Tirol aus nach Mähren einen durch Wolf Zimmermann übersandten Brief, in dem er den Glauben an die begießenden Wasser und herniederströmenden Regen als den Glauben an die aufbauende und festigende Kraft des heiligen Geistes und an die heilende Barmherzigkeit in Jesus Christus lebendig bezeugt:

Damit wolle Gott unsre Herzen überschütten und seinen Garten segnen, auf daß er fruchtbar werde mit allen guten Werken. Welcher Garten ist die Gemein des lebendigen Gottes. Gott wolle auch euch diesen Garten umzäunen und vermauern, behüten und beschirmen, auf daß die Frucht reif werde; denn jetzt blüht der Lustgarten des Herrn! Die Kinder des Herrn grünen und wachsen in göttlicher Gerechtigkeit und Wahrheit wie die Gilgen und Blumen, wie ein schöner Garten nach einem lieben Maienregen grünt. Ja,

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ihre Herzen brennen von dem Feuer der göttlichen Liebe. Ihre Herzen sind erleuchtet und angezündet von dem ewigen Licht und Feuer Gottes. Darum sie billig ein Lustgarten des Herrn und ein Paradies Gottes genannt werden. Die heilige Stadt mag nicht verborgen sein."

Dieser Gemeinde als dem neuen Gottesgarten ist für unsere Zeit dieselbe Friedensgemeinschaft Gottes und dieselbe Liebesarbeit an der Erde anvertraut wie einst den ersten Menschen. Ihr ist der Ausbau derselben Gerechtigkeit in die hände gelegt, die im Endreich Jesu Christi alle Welten erobern wird. Die Herrschaft des Geistes über Seele und Leib und damit über alle Dinge der Erde soll in der Gemeinde als das Ebenbild Gottes von neuem so offenbar werden, wie es in Jesus Christus gegeben ist. Für diese Aufgabe des ersten Menschen und des letzten Adam will das Evangelium Gottes unser Gewissen erwecken. Diese Aufgabe soll es aufnehmen, ohne ihr gewachsen zu sein.

Die Erkrankung der Seele und des Geistes hat das Gewissen des Menschen zu tief durchsetzt, als daß es ein klarer Spiegel des Guten und Bösen sein könnte. Am wenigsten vermag es ein klares Ebenbild Gottes vorzuzeichnen. Trotz seines wieder und wieder erneuerten Zeugnisses ist es durch das Böse der Seele verunreinigt. Wie es sich vor ihrer unreinen Trübung nicht zu bewahren vermochte, so vermag es sich auch nicht von ihr zu reinigen. Nicht nur ist es von sich aus außerstande, ein klares Bild hervorzubringen, sondern es kann nicht einmal das in Jesus so überaus deutlich aufstrahlende Bild Gottes in klaren Umrissen widerspiegeln. Es muß stets von neuem gereinigt werden.

Das menschliche Gewissen kann keine andere Reinigung erlangen, als die eine, einzige durch das hingegebene Lebens-

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blut des Christus, der allein das reine Bild Gottes war und ist. Seine geopferte Seele bringt uns das Leben Gottes. Der Glaube an unser eigenes Blut als an die Schönheit der Seele oder an die Reinheit der Rasse ist eine Verwirrung und Umkehrung des wahren Tatbestandes. Unser aller Blut erweist sich als mit bösem Erbe belastet. Es zeigt sich als durchaus unrein. Die Seele ist im Blut. Deshalb offenbaren sich alle Schwächen und Verfehlungen des menschlichen Lebens aller Zeiten im Blutzusammenhang des Einzelnen, der Nation und der Menschheit. Der Glaube an Jesus Christus hält sich an ein edleres Blut. Die Seele seines Blutes war von dem reinen Geist der Liebe Gottes bestimmt und erfüllt. Kein anderes Menschenleben kann damit verglichen werden. Deshalb ist er mehr als eine lebendige Seele. Er ist der lebendig machende Geist.

Das Leben Jesu stellt die einzige menschliche Seele dar, die sich von aller Befleckung freigehalten hat. Auch seine Seele hatte ihr Leben im Blut. Auch sein Blut war in gegenseitig bedingter Einheit mit seinem Körper verknüpft. Aber sein Körper war ohne Sünde; sein Blut war rein; sein Gewissen war unbefleckt. Als er sein Leben für uns opferte, war das Vergießen seines Blutes frei von aller eigenen Schuld. Sein Blut war frei von jeder Unreinheit, von aller Unechtheit und von jedem begehrlichen Willen. Es war frei von jeder, auch von der schwersten Schuld der Menschenhand, Menschenblut zu vergießen. Für keine Lage der Dinge, für kein noch so hohes Ziel wußte er etwas von diesem schwersten Frevel am Leben, von dem Frevel an dem allein von Gott gegebenen Leben, das nur Gott selbst wieder nehmen darf. Kein Krieg und kein Blutgericht kann sich auf ihn berufen. Unbefleckt von dieser wie von aller Schuld konnte er seinen Geist in die

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Hände des Vaters übergeben. Es war ein lebendiger Geist, den nichts verdorben hatte, was dem Tode angehört und zum Tode führt.

Von Gott aus sendet er diesen lebendig machenden Geist von neuem zu uns. Wer diesen reinen Geist empfängt, dessen Seele und Gewissen wird rein von aller alten Schuld; und sein Leben wird bewahrt vor neuer Verschuldung. Denn das für ihn hingegebene Leben seines Trägers ist die Reinheit der völligen Liebe bis in den Tod. Das für ihn in den Tod gegebene Blut ist stärker als der Tod und mächtiger als alle seine tötlichen, vergiftenden und entzweienden Gewalten. Denn es trägt ein Leben in sich, das von allen lebenswidrigen und gottwidrigen Elementen des Todes und seiner Zersetzung frei geblieben ist. Die Reinigung durch das Blut Christi bedeutet, daß sein unberührtes hingegebenes Leben in seinem Geist jetzt und hier seine Kraft entfaltet. So vermag es unser Gewissen von aller Unreinheit zu befreien.

Sein Opfer vermag durch völlige Vereinigung mit unserem Leben unser Gewissen von aller Schuld und Verirrung zu reinigen. Es verleiht unserem Gewissen die höchste und reinste Aufgabe. Denn es schuf die Einheit, die neue und einzige Einheit, die es unter den Menschen gibt. Es schuf die organische Einheit des Reiches und der Gemeinde, die keine einzige Grenze zwischen den Völkern bestehen läßt. Denn es hat die stärkste Mauer zwischen den Völkern niedergelegt, die Mauer, die zwischen dem jüdischen Volk und den anderen Nationen bestand. Wer diese Mauer wieder aufrichten will und daneben andere Zäune zwischen den Nationen behaupten will, verrät das Blut Christi und sein Opfer. Alle Taten, die von einer solchen Gesinnung getragen sind, müssen sich

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als Werke des Todes beweisen, weil sie dem Geist des Lebens zuwider sind. Alle Werke eigenwilliger Abgrenzung sind und bleiben tote Werke.

Das Gewissen ist trotz seiner tiefen Schwäche dem Ursprung der Seele aus Gott, als der Quelle des Lebens, so weit treu, daß es alle toten Werke bekämpft. Das Gewissen will, daß alle eigenmächtigen Taten durch das Blut Christi beseitigt werden. Ohne den Geist Christi und ohne die Kraft Gottes geschehen, können sie niemals und nirgends Leben wirken. Tot sind alle Werke, die als Taten eigener Kraft aus eigenen Beweggründen stammen und eigene Ziele verfolgen. Tot sind alle Taten, welcheden Ursprung des Lebens und das Ziel Gottes in Christus Jesus verleugnen.

Das Evangelium will uns zur Ruhe von allen eigenen Werken bringen, damit durch seinen Geist das Werk Gottes beginne, wie es in der ersten Gemeinde in Jerusalem geschah. Nun hebt Gott sein Werk an. Der heilige Geist richtet es an. Jesus Christus vollbringt es. In Gott wird es vollendet. Ist das Gewissen von allem Bösen und von allem Toten gereinigt, so setzt es mehr als vorher die Arbeit ein. Nun soll das Geheimnis des Glaubens in reinem Gewissen bewahrt werden. Nun soll sich das neue Leben in einer Liebe betätigen, die als Gottes Liebe, als Gottes Werk aus reinem Herzen, aus gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben kommt.

Das erwachte Gewissen setzt in stets steigendem Maße seine geringe Kraft ein, daß alle zur Verfügung stehenden Mittel und Gaben für die Erfüllung des Gotteswillens als für das Werk verwandt werden, das allein Gott wirken kann. Die völlige Liebe will sich in Gottes Werk an allen Menschen auswirken, daß nicht nur jedem sein Recht geschieht, sondern

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daß so viele Menschen als möglich zum Bewußtsein und zur Erfüllung ihrer höchsten Bestimmung gelangen.

Das Gewissen will, daß der Mensch seinen in Gott wiedergewonnenen Adel in reicher Wirksamkeit betätigt. Dieser Adel trägt in seinem Wappen das Bild Gottes. Er soll Gottes Reich der Gerechtigkeit in der Freude der Liebe und in der Einheit des Friedens auf sich nehmen. Das in Christus gereinigte Gewissen sucht als ein Gewissen im heiligen Geist das Ebenbild Gottes. Allein in der Gemeinde Christi und im Reich Gottes kann es von neuem unter den Menschen erstehen. Wo der Geist des Gemeindegebieters als der Geist des Reichskönigs ist, erscheint sein Bild. Klarer und klarer, leuchtender und leuchtender treten die Charakterzüge Gottes hervor. Das durch den Geist erleuchtete Gewissen erkennt das Bild Gottes als die Bestimmung des Menschen. Nunmehr kennt es kein anderes Zeugnis. Es ist der Finger des Grünewaldbildes geworden, der auf die Gestalt des Gekreuzigten verweist. Im Bild Jesu Christi erneuert, erscheint das hundertfach übermalte Menschenbild von neuem als das Ebenbild Gottes.

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Das Gewissen und seine Gesundung.

Das Gewissen ist als innerste Empfindung des menschlichen Geistes ein Organ von außerordentlicher Zartheit und Empfindlichkeit. Es ist wie ein überseiner Meßapparat durch jede Witterung beeinflußbar, bei jeder Erschütterung aufs äußerste gefährdet. Es ist nicht nur die Veräußerlichung des Lebens, es ist nicht nur das unbedachte Offnen aller Tore für jeden Wind und für jede Temperatur der Zeitstimmung, was das Gewissen aus seinem Gleichgewicht zu bringen droht. Ebenso stark kann die gedanklich geistige Entwicklung des Inneren in die Irre führen. Selbst religiöser Aufschwung kann finsterste Umnachtung bringen. Auch auf den heiligsten Gebieten ist das Gewissen ein unsicherer Faktor.

Das Gewissen bleibt krankhaft, solange es nicht durch die Kraft des hingegebenen Lebens Jesu geheilt ist. Das Gewissen bleibt in der Gebundenheit an falsche Ideale als an irrige Menschengedanken unzuverlässig und entartet, bis es in dem wahren und wesenhaften Wort Gottes, in dem lebendigen Geist Jesu Christi seine Freiheit erlebt und behauptet. Gesundheit des Geistes gibt es allein in dem Tun desGotteswillens, wie ihn Jesus in eindeutiger Bestimmtheit ausgesprochen, gelebt und mit dem Tode besiegelt hat. Alle anderen noch so stark auftretenden Bilder machen das Gewissen unsicher und leistungsunfähig.

Das Gewissen verlangt nach dem Inhalt der Wahrheit. Sein

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Wille fordert ein letztes Ziel, dem nicht widersprochen werden kann. Gewissenskraft als wachsend sichere Klarheit gibt es nur in der Herrschaft des Friedens als Einheit, in der Herrschaft der Gerechtigkeit als Brüderlichkeit, in der Herrschaft der Freude als der reinen, alles und alle umfassenden Liebe. Jedes andere noch so großartig erscheinende Ideal, welches, wenn auch nur vorläufig, andersartige Ziele verfolgen will, wirkt tötlich und mörderisch. Überall zweigen von dem allein auswärts führenden weg einsame Pfade und breit befahrene Straßen ab. Sie alle miteinander bringen die Menschen von der Einheit, von der Gerechtigkeit und von der Liebe weiter und weiter ab. Sie führen in Dunkelheit, Unsicherheit und Zwiespalt. Sie enden im Absturz in den Abgrund. Das Gewissen als eine überzarte Eigenschaft des schwachen Menschen ist sehr leicht auf gefährliche Abwegigkeit und zu verderblicher Entartung zu bringen.

Die Krankhaftigkeit des verirrten Gewissens äußert sich in geistesverwirrender Heftigkeit seindseliger Vorwürfe und vernichtender Selbstanklagen. Zwiespalt und seindseligkeit untergräbt die Gesundheit und Lebensfähigkeit der Einzelnen und der Völker, vor allem zeigt sich diese Krankheit in dem Einsetzen der empfindsamsten Reaktion am falschen Ort. Es ist die typische Wirkung aller falschen Ideale und Ziele, daß sie dem Gewissen der Hauptsache gegenüber jede Sicherheit nehmen. Sie alle heften es an Nebendinge. Sie alle dienen der Zersplitterung. Sie alle erschüttern das Vertrauen auf den einigenden und reinigenden Geist. Denn sie alle wollen die von ihnen zu vertretende Sache auf willkürlich gesetzte Grenzen beschränken. Nach der einen Seite Hetzen sie das Gewissen zu wildester Übertreibung undUngerechtigkeit, nach der anderen stumpfen sie es ab.

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Wo das vertrauen auf die Einzigkeit und Absolutheit des Zieles verloren ist, setzt das Gewissen falsch ein und gibt schließlich die sichere Klarheit für immer verloren. Ohne Treffsicherheit zuckt die irritierte Magnetnadel hin und her, solange neben dem magnetischen Pol andere Saugkräfte Geltung haben. Diese Unruhe erzeugt ein flackerndes Urteil, das wie ein Raubvogel Beute sucht. Es gibt Fälle, in denen ein krankes Gewissen keinen Gedanken aufkommen und keinen Schritt geschehen läßt, ohne ihm mit schweren Bedenken und harten Urteilssprüchen entgegenzutreten. Eine solche Erkrankung erfüllt das ganze Leben mit Unlust und Kränkung, mit Selbstzerfleischung und Ungerechtigkeit.

Sie kann allein dadurch geheilt werden, daß das an sich selbst leidende Gewissen durch den Geist Christi seinen Freispruch erlebt. Wo die Anklage gelöscht ist, erlischt das unstete Flackern dieses unreinen Feuers. Die seindseligkeit und Ungerechtigkeit sinkt in Asche, sobald das reine Licht der liebenden Gnade durchbricht. In der Lust Gottes vergeht das Feuer des Bösen. Wem viel vergeben ist, der liebt viel. Wer die Liebe erfährt, vergibt viel. Wo die Kraft der alles umfassenden Einheit durchbricht, verschwinden alle irreführenden Nebenziele der Zersplitterung und Zerstörung.

Es ist eine Tatsache der Erfahrung, daß die Bereitschaft zur Gesundung mit dem rückhaltlosen Aufdecken der Krankheit beginnt. Wer die Anklagen und Hemmungen des Gewissens offenherzig preisgibt, wer die Macht der verklagten Triebe als Wirklichkeit anerkennt, wer ihre krankhafte Verdrängung ans Licht bringt, wer seine Selbstzerfleischung und seindseligkeit mit ihrer ganzen Ungerechtigkeit herausgibt, ist der Gesundung nahe. Das Verschweigen aufreibender Kämpfe führt zur Zerstörung der Lebenskraft, wie es die jüdischen

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Psalmen mit unübertrefflicher Klarheit bezeugen. Das sachliche Auseinanderlegen aller sich widerstrebenden Kräfte und Triebe, die Enthüllung aller ihrer Motive und Ziele vermag dem aufreibenden Widerstreit allen Boden zu entziehen.

Aber auch hier ist die Aufdeckung des Schadens nicht mehr als der erste Schritt. Nun gilt es, den entarteten und unterdrückten Lebenstrieben den Weg zur Heilung und das Gebiet gottgewollter Auswirkung zu zeigen. Das Gewissen muß das Land Gottes finden, in welchem an Stelle der Verzagtheit und Verzweiflung, zu der alle Unruhe der Menschen verdammt ist, die Lebensfreude des Gotteswillens tritt.

Deshalb bleibt hier jeder Versuch seelischer Hilfe unzulänglich und vergeblich, solange das Gewissen von der Seelenmörderei gegenseitiger Anklage und eigener Selbstanklage wie von der verzweifelten Mühe eigenen Schweißes nicht aufs gründlichste und völligste befreit wird. Auf dem verfluchten Acker eigener Anstrengung und selbstischer Zielsetzung kann nichts geschafft werden, was vor dem Gewissen und vor dem letzten Gerichtsstuhl bestehen könnte. Von dem eigenen Geist, von dem eigenen Willen, von dem eigenen Ziel, von dem eigenen Werk des Menschen muß das Gewissen befreit werden. Alle Lebenskräfte müssen der allein aktiven und allein positiven Lebensaufgabe zugeführt werden, die der Schöpfungswille Gottes und das Ziel seiner neuen Schöpfung ist. Nach diesem einen Ziel strebt das Unterbewußtsein des Gewissens, selbst wenn es sich in tiefster Erkrankung und Entartung über das alles keine klare Rechenschaft geben kann.

Umso entschiedener muß der uralte, heute in neuer Form auftretende Versuch zurückgewiesen werden, in dem man

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gesundeste Regungen des Gewissens als eine Erkrankung bezeichnen will, die man mißachten müßte. Das Gewissen darf niemals betäubt oder verachtet werden. Es muß vielmehr zu Heller Gefundung geführt werden, indem es von seinen falschen Zielen befreit und auf das Reich Gottes hingeleitet wird. Das bedeutet niemals Betäubung oder Verachtung des Gewissens, sondern vielmehr seine positive Geltung in neuer Klärung und Inhaltgebung. Diese Befreiung und Erfüllung führt zu lebendiger Aktivität. Das gilt für alle Gebiete des Lebens, die das Gewissen umfaßt. Am deutlichsten wird es für die öffentliche Verantwortung und für die berufliche Arbeit. Sie wird für alle ersichtlich durch das an Christus und sein Reich gebundene Gewissen vor gänzlich neue Wege und vor unbekannte Möglichkeiten gestellt.

Ein und dieselbe Inhaltgebung und Aktivierung gilt für alle Gebiete. Sie gilt für die Befreiung vom Mord, vom Eigentum und von der Lüge ebenso wie für die Reinigung des sexuellen Lebens. Es geht um das menschliche Dasein als Ganzes. Man muß es ganz gewinnen oder alles auf einmal verloren geben. Das heute bis ins Innerste verwirrte Leben hat viele so betäubt, daß sie für kein einziges Charaktergebiet eine Gewissenskraft und Gewissensklarheit aufbringen, die entscheidend eingreifen könnte. Dem Ganzen gegenüber sind und bleiben sie ratlos.

Bis in Kreise hinein, die seit langen Zeiten eine gewisse moralische Instinktsicherheit bewiesen haben, ist während des Krieges, nach dem Kriege und in seiner Folgezeit Geschäftsbetrug aller Art vorgedrungen. Politischer Mord in billig zu konstruierender Notwehr, leichtfertigste Bereitschaft zu Krieg. Bürgerkrieg und Brudermord haben mehr als der Hälfte

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des Volkes jede schlagkräftige Abwehrkraft des Gewissens gegen die Mächte der Hölle zerstört.

Daß sich in dieser Lage kaum hier und da eine wirkliche Beunruhigung über die Ungerechtigkeit des Mammons und Eigentums zeigt, die in Wahrheit jede Liebe und das ganze Leben ertötet, kann niemanden verwundern, der die Zeichen der Zeit versteht. Auch über die immer maßloser werdende Tollheit der Untreue, über die Unbeherrschtheit aller begehrlichen Triebe darf man bei der offenkundigen Gewissensverwirrung des gesamten Volkslebens nicht erstaunt sein. Die Masse ist in Bewegung. Die Menschheit dreht sich um ihren Wendepunkt. Mit größter Wahrscheinlichkeit führt diese entscheidende Bewegtheit zum Untergang. Bedrohlichste Anzeichen häufen sich auf allen Seiten. Das Gefährlichste für alle Gebiete heutiger Verderbnis ist die Bereitschaft geistiger Führer, die sich beständig steigernde Verworrenheit so verblüffend zu begründen, daß sich niemand mehr beunruhigt zu fühlen hat.

Das Unnormalste wird heute zur Norm erhoben; oder es wird doch wenigstens zum normalen Lebensbedürfnis einiger Einzelner oder großer Massen umgemünzt, Als kennzeichnendes Beispiel, das für alle anderen Lebensgebiete charakteristisch ist, muß hier auf die sexuelle Gewissensverwirrung unserer Tage hingewiesen werden. In den durch Sigmund Freud beeinflußten Kreisen will man die sexuellen Verirrungen aller Art und ohne Unterschied, ob sie am eigenen Leib, am anderen Geschlecht oder am gleichen Geschlecht freveln wollen, aus dem schlummernden Unterbewußtsein hervorholen. Man bedauert, daß sie dorthin durch das Gewissen zurückgedrängt waren.

Bis in die jüngste kindheit und bis in die geistigsten Be-

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ziehungen hinein sucht man selbst so edle Gefühle wie die zwischen Eltern und kindern als das ganze Leben bestimmende Triebkraft in erotischem Sinne nachzuweisen. Und was bei Freud selbst Richtlinien und Maximen wissenschaftlicher Forschung sind, gestaltet sich bei manchen seiner Anhänger zu praktischen Perspektiven und Leitsätzen der persönlichen Lebenshaltung, die von gefährlichstem Einfluß sein müssen.

Man will Vorstellungen, deren Krankheit anerkannt werden muß, ins gedankenhelle Bewußtsein hinaufführen. Man sucht sie mit freiem Willen zu demjenigen Verlauf zu bringen, von dem sie das gesund reagierende Gewissen abgedrängt hatte. Bei dem allen besteht die ausgesprochene Neigung, möglichst alle Nervenerkrankungen aus sexuelle Begierden zurückzuführen, die innerlich längst überwunden oder kaum je bemerkbar waren. Das Gefährlichste und recht eigentlich Verführerische ist, daß man in der Rückwandlung dieser im Unterbewußten zurückgehaltenen und dort in Vergessenheit geratenen Triebe in bewußte, willensbetonte, gegenwärtige Vorstellungen die Heilung sieht. Damit handelt es sich hier um einen alles verfälschenden Angriff aus das Gewissen, wie er stärker und verblendeter nicht gedacht werden kann. Die vermeintliche Heilung führt zu einer weiter und weiter um sich greisenden, zu einer immer schwerer werdenden Erkrankung und Vergiftung.

Und doch mußte man auch von dieser Seite her zugeben, daß "Kultur" und "Mensch sein" nur durch eine Verdrängung der Sexualität möglich ist, die niemals krampfhaft sein kann, wenn sie vom reinen Geist aus geschieht. Man muß auch in diesen Kreisen die Verdrängung der Triebe durch das Gewissen als das psychisch notwendige Zwischenglied zwischen

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Sexualität und Geist ansehen, ohne welches der Geist aus unserem Leben ausgeschaltet würde.

Das wohlbedachte Wort von der "Verdrängung" ist demgegenüber geeignet, die gesamte Tätigkeit des Gewissens zu verdächtigen und herabzusetzen. Dieser Begriff ist unwahr. Das gefährliche Wort trifft ein gesundes Gewissen nicht. Und doch ist es nicht ohne Bedeutung. Eine wahrhaft verderbliche Verdrängung als krankhafte Unterdrückung lebenswichtiger Triebe wäre tatsächlich gegeben, wenn das aktive Gewissen keinen verantwortlichen Weg zeigen könnte, auf dem alle Kräfte des Leibes und der Seele einer positiven und schöpferischen Aufgabe zugeführt werden.

Hier liegt die Ursache für die weite Verbreitung dieser gefährlichen Verwirrung in unserer kranken Zeit. Die heute fast allgemein gewordene Familien-Auffassung hat den Weg verloren, auf welchem Verantwortung und Aufgabe des Familienlebens dem Schöpferwillen Gottes entsprechen. Wie bei den Eltern ist es bei den Kindern. Die gegenseitigen Beziehungen einer übergroßen Anzahl jugendlicher Menschen entbehren nicht weniger als die der Eltern der tragenden Verantwortung, die das ganze Leben in die Hand des treuen und für immer einigenden Geistes legt.

Die Zerstörung der tiefsten seelischen Treue-Bedürfnisse beirrt das Gewissen zahlloser Zeitgenossen ebenso wenig wie die Verhinderung und Vernichtung kleinster Wesen, die ins Leben gerufen sein wollen. Kleine Seelen warten vergebens darauf, aus der Ewigkeit gerufen zu werden. Lebendige Menschenseelen warten vergebens auf den Ruf beständiger Treue. Der Lebenskreis scheint immer kleiner und kleiner zu werden, in dem das Gewissen gegen die Verachtung des schöpferischen Geistes ebenso klar und bestimmt protestiert

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wie gegen jede Erniedrigung des Verlangens nach Einheit, Treue und Beständigkeit.

Wenn man diesen innersten Protest, der zugleich ein lebendiger Aufruf zur verantwortlichen und treuen Gestaltung des Liebeslebens ist, "Verdrängung" nennen will, so verdächtigt man die Schöpfung des Menschen. In Wahrheit schafft diese Aktion des Gewissens die einzige Möglichkeit, in der sich der Mensch des ihm drohenden Untergangs unter das Tier und unter das Raubtier erwehren kann. Der Vergleich mit einem seelisch erkrankten Kriegsteilnehmer oder mit den krankhaften Erregungen des schwelenden Bürgerkrieges liegt nahe. Wie dort das Gewissen die Leidenschaft unterdrücken muß, in der man aus der heimatlichen Straße diesen oder jenen Mitmenschen niederschießen will, so ist es ein Zeichen von Gesundheit, wenn unschöpserische und lebenswidrige Neigungen zum eigenen Leib, zu einem Mitmenschen des gleichen Geschlechts oder zu einem Lebenskameraden des anderen Geschlechts zurückgedrängt werden. Wenn auf irgend einem Gebiet unseres Lebens keine Möglichkeit zu verantwortlich ausbauender Handlung gegeben ist, müssen wir dankbar sein, wenn die oft fälschlich so genannte "Verdrängung" zum völligen Vergessen und Erlöschen unfruchtbarer und mörderischer Gluten geführt hat.

Das dumpfe Triebleben des vorstellungslosen Unterbewußtseins darf keinen Einfluß über die Gedanken unserer Seele gewinnen, solange das geklärte Gewissen alles als unverantwortlich verurteilen muß, was diese Triebe tun wollen. Niemand kann Verantwortlichkeit als Erkrankung ansehen. Jeder klare Geist muß es als Beweis eines gesunden Sinnes empfinden, wenn sich das Gewissen durch Unlust und Peinlichkeitsgefühl, durch Scham und Ekel, durch Grauen und

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Angst aller entarteten Triebe und ihrer unfruchtbaren Betätigung erwehrt. Ein in dieser Richtung arbeitendes Gewissen ist ein gesundender psychischer Mechanismus, der uns alles das überwinden Hilft, was die heiligsten Kräfte des Lebens zerstören will. Um den Sinn dieser Kräfte handelt es sich. Der schöpferische Geist erweckt in dem gesundenden Gewissen das Bewußtsein, daß alle Lebenskräfte für größte und erhabenste Aufgaben bestimmt sind, die nicht verhindert und geschändet werden dürfen.

"Der faunische Mensch", der die ihn bedrohenden Gewissensmächte zu Boden zwingt, um ohne alle Scham und ohne allen Ekel mit jeder Gottheit des Orgasmus eins zu werden, will ungestört zu jedem Augenblick sagen können: "Ich bin die Wollust". Seine Lust ist ohne Geist und Sinn. Denn sie entbehrt jeder Aufgabe und jeden sittlichen Inhalts. Er ist kein Sieger, sondern ein jämmerlicher Knecht der geilen Gottheit. Der heidnische Faun ist ein Symbol der Vergewaltigung allen Edelsinns. Er schändet den menschlichen Geist und ist der seind des göttlichen Geistes. Der schöpferische Geist verwirft den Leib und seine körperseelischen Kräfte nicht, wenn er diesen seelenlos grinsenden, alles Heilige bedrohenden Heidengott in die Hölle verweist. Denn er ist tot und hat keine andere Kraft als die der Umarmung des Todes.

Aber gewiß ist er nicht der einzige seind des schöpferischen Lebenswillens. Während in seiner Nähe das Gewissen abgetötet wird, so wird es im "Mucker" gegen Gottes Willen zu krankhafter Lebenswidrigkeit erzogen. Der nur vermeintlich "christliche" Mucker sucht alle Triebe der lebendigen Sinne als peinlich und ängstigend abzulehnen. Er sollte sich besser nach Buddha als nach Christus nennen. Der Buddhis-

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mus vertritt Kräfte eines dem Leben der Erde abgewandten Sterbens, die nirgends übertroffen werden können.

Ganz anders ist es in Christus, dessen Leben und Sterben der Erde zugewandt bleibt. Denn er will, daß auf ihr Reich Gottes werde! Es gilt, eine Gesundung des Gewissens zu gewinnen, in welcher die Lebenstriebe die ihnen bestimmte Richtung einnehmen. Dort werden sie ohne erneute Verderbnis zu derjenigen Entfaltung kommen, die dem Willen der Schöpfung entspricht. Nur in dem Glauben an das kommende Reich als an seine gegenwärtige Kraft gibt es diese Gesundung. Man kann schwerwiegende Gründe für die Meinung anführen, daß sie für die heutigen Menschen zur Unmöglichkeit geworden sei. Denn Entfaltung der Lebenskräfte in der allein lebendigen Richtung gibt es nicht anders als im Zusammenhang einer völligen Veränderung des gesamten Volkslebens. Diese aber erscheint vielen für die Gegenwart als unmöglich, weil sie ihrer Glaubensschwäche allzu fern gerückt ist.

Die besten Sittenlehrer werden unlauter und ungerecht, wenn sie die Reinigung des Geschlechtslebens in einer auf vorheriger Reinheit aufgebauten und weiterhin unbefleckt bleibenden Ehe fordern, ohne die realen Grundlagen für die Erfüllung einer so hohen Forderung zu klären. Selbst der heute tausendfach potenzierte bethlehemitische kindermord an dem auf sein Werden wartenden Leben bleibt ohne den Glauben an das Reich Gottes unangreifbar. Die vermeintlich so hohe Kultur unserer Zeit wird ihn auch weiterhin ständig verüben, solange ihre soziale Unordnung und Ungerechtigkeit bestehen bleibt. Der kindermord kann nicht bekämpft werden, solange man das private und öffentliche Leben stehen läßt, wie es ist.

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Wer das gemeinschaftslose Eigentum und die Lüge der ungerechten Gesellschaftsschichtung nicht so realistisch bekämpft, daß er eine andere Lebensform als möglich und vorhanden nachweist, kann keine Ehereinheit und Mordfreiheit fordern. Er kann nicht einmal den sittlich besten Familien den Kinderreichtum wünschen, der den schöpferischen Kräften der Gottesnatur entspricht. Die christliche Ehe kann nicht außerhalb des Lebenszusammenhangs gefordert werden, der "Reich Gottes" und "Gemeinde Jesu Christi" heißt.

Die Ehe ist die einzige Erfüllung des geschlechtlichen Gewissens. Sie ist es im willen zum Kinde. Sie ist es als Bild der Einheit Gottes mit seinem Volk. Sie ist es als Vorbild der Herrschaft des Einheits-Geistes. Sie ist es als Lebensgemeinschaft und Gütergemeinschaft. Sie versinnbildlicht die Geistesherrschaft über Seele und Leib. Das alles ist sie als Bild der Gemeinde. Nirgends als dort ist ihr Platz. Nur wo die Einheit der Gemeinde vom Geist aus durch die beseelte vereinigte Arbeit hindurch die materiellen Dinge in Gemeinschaft bringt, kann man die Forderung der Ehe stellen. Denn nur dort vermag man sie rechtzeitig und rechtwertig zu erfüllen.

Die Einheit und Reinheit der Ehe, wie sie Jesus und seine Apostel gewiesen haben, ist in ihrer Einzigartigkeit nicht Sache der alten Natur, sondern vielmehr Sache der neuen Gemeindeordnung, die als brüderliche Gerechtigkeit den Geist der Liebe über alle Dinge herrschen läßt. Sie ist keine Sache des alten Menschen. Sie kann nur in der neuen Gemeinde des Geistes Jesu Christi durchgeführt werden. Sie gehört dem Reich Gottes an. Sie ist sein Symbol und Sakrament.

Es ist die Liebe Gottes und die Auswirkung aller ihrer

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Gaben, zu welcher uns die Bestimmung des Gewissens leitet. Es ist die Einheit des Geistes in der Geistesdurchdringung und Geistesbeherrschung aller Lebensgebiete, zu welcher uns die Berufung der Gottesliebe führt. Gott will die Betätigung dieser Liebe mit allen Kräften des Leibes, der Seele und des Geistes. Gott ist Liebe. Wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott. Gott bleibt in ihm. Das Leben der Liebe ist Gottes Leben. Die Liebe des Vaters Jesu Christi ist der Erde zugewandt, daß dort ihre Herrschaft über alles regieren soll, daß dort ihr Wille in allen Dingen geschehen soll. Nur so wird der Name Gottes geheiligt.

Gott ist unveränderlich. Sein Name heißt: "Ich bin, der ich bin." Sein Herz umfaßt alles und bleibt für alle dasselbe. In Jesus Christus ist es offenbar geworden. Jesus Christus ist heute und immer derselbe, der er in allen seinen Worten und Taten war. Er ist jetzt und hier derselbe, als der er sich in seinem Reich offenbaren wird. Die Worte seiner Liebe zeigen für alle Dinge denselben Weg. Was er für die Zukunftsglieder seines Reichs gesagt hat, gilt für alle seine Schüler zu allen Zeiten. Und alles, was er für sie sagte, gehört zusammen, wie der Saft des Baumes, die Kraft des Salzes und die Flamme des Lichtes eines sind.

Deshalb dürfen die Eheworte Jesu Christi von keinem anderen Wort der Bergpredigt losgelöst werden. Wie für die Ehe hat Jesus ebenso in der Eigentumslosigkeit, in der Wehrlosigkeit und in der Rechtlosigkeit, in der Freiheit vom Richten, in der Vergebung und in der seindesliebe den Willen der Liebe als den Willen zur Einheit vertreten. Die liebende Armut bewahrt vor dem bösen Gewissen, weil sie die Ungerechtigkeit verwehrt, wie es schon der alte Jesus Sirach bezeugt. Die völlige Liebe schreitet zur freiwilligen

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Armut, weil sie nichts für sich behalten kann, was dem Nachbar fehlt. Sie macht wehrlos, weil sie die Selbsterhaltung aufgegeben hat und keine Rache kennt. Sie bewahrt ihre Haltung und trägt um des Gewissens willen Übel und Unrecht. Denn sie erinnert sich mit Petrus an die Bergrede Jesu und weiß, daß diese Haltung das größte Geschenk Gottes ist, weil sie sein Herz offenbart. Wehrlose Festigkeit offenbart die alles überwindende Liebe.

Die Liebe verzichtet auf alles Eigene. Wer das Geheimnis des Glaubens in reinem Gewissen bewahrt, bleibt wie die Altesten der Urgemeinde von jeder Hantierung mit Rechtshändeln und seindseligen Handlungen frei. Die Gerechtigkeit Christi führt keine Prozesse.Sie treibt keinen Zwischenhandel. Sie führt keine Geschäfte zum Nachteil des Nächsten. Sie verläßt allen eigenen Vorteil, opfert jedes Vorrecht und verteidigt kein Recht. Sie sitzt in keinem Schwurgericht, nimmt niemandem die Freiheit und fällt kein Todesurteil. Sie kennt keine seinde und bekämpft niemanden. Sie zieht gegen kein Volk zu Felde und tötet keinen Menschen. Und dennoch ist ihre Arbeit die aktivste Gerechtigkeit, der tätigste Friede und der wirksamste Aufbau. Die Summa Summarum alles dessen, was zu tun geboten ist, heißt Liebe: Liebe aus reinem Herzen, von gutem Gewissen und in unverfärbtem Glauben. Jesus hat dem Gewissen in der verantwortlichen Gottesgemeinschaft als in dem Wesen seines Reiches und seiner Gemeinde die freie Bahn der völligen Liebe gewiesen.

Die Liebe als Agape ist der Weg Jesu. Seine Liebe duldet keine Unklarheit. Diese Liebe ist einzigartig. Sie gibt bestimmteste Weisung. Sie ist Weg; und dieser Weg ist sehr deutlich vorgezeichnet. Jesus Christus führt in dem Erleben der Gottesliebe auf den höchsten und reinsten Gipfel

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der Willensenergie, der Erkenntnisklarheit und der Herzenskraft, die Freude ist. Er tut es nicht für uns selbst. Er will, daß wir die Ströme dieser ins Herz gegossenen Liebesmacht weiterleiten. Sie sollen die Erde überfluten. Sie sollen das Land erobern. Sie sollen das Herz Gottes offenbaren. Sie sollen die Ehre Gottes aufrichten.

Sein Herz ist seine Ehre. Die Liebe ist sein Herz. Es wendet sich in der Freude der Schenkung allen Menschen zu. Die Liebe ist die Ehre Gottes. Seine Gerechtigkeit ist Liebe. Das alleinige und ausschließliche Trachten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit bringt eine solche Liebe zu allen Menschen hervor, daß wir für sie alle in allen Dingen dasselbe wollen, wie für uns selbst. Das allein ist Gerechtigkeit, wenn wir unser Leben für die Liebe hingeben. Das Reich Gottes gibt die höchste Zielsetzung der unvermischt reinen Liebe des tätigen Geistes. Sie ist die einzige Erfüllung unserer Gewissenssehnsucht. Alle anderen Gegenstände unseres Denkens und unserer Neigung sind entweder als schwächeres symbolisches Abbild ihres reinen Dienstes oder aber als ihre verzerrten Karikaturen und seindlichen Gegentypen festzustellen. Nichts ist dem gereinigten Gewissen denkbar ohne den Gedanken der völligen Liebe. Ihr erster und letzter Gedanke ist die Einheit.

Die Einheit mit Gott als Gemeinde-Einheit seines schöpferischen Liebesgeistes ist die erste und letzte Bestimmung des Lebens. In dieser Liebesgemeinschaft erstarkt das Gewissen zu einer Kraft, die weit über die Abwehr des Schlechten und Bösen hinaus den Antrieb zu beglückender, aufbauender Betätigung bildet. Das an Christus lebendig gefesselte Gewissen ist an den König und Gebieter der kommenden Gottesordnung gebunden. Es fordert und betreibt deshalb überall

10 Arnold, Innenland

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und immer den einen Lebensaufbau, der den Ordnungen des Reiches Gottes bis ins kleinste und Geringste entsprechen will. In Christus geht es auf allen Lebensgebieten um das Größte und Höchste, was uns anvertraut werden kann, um die Geltung Gottes als um die Herrschaft seines Herzens.

Aber die Apostel dieses Messsiaskönigs kennen einen geschwächten Zustand des Gewissens, indem es von anderer Seite beeinflußt und an tote Dinge gekettet ist: das Gewissen der Götzen, das an Götzen gebundene Gewissen. Auch das gläubige Gewissen kann durch Beeinflussung anderer Geister, die dem Geist aus Gott entgegengesetzt sind, entscheidend geschwächt werden. Andere Könige, fremde Diktatoren und Führer treten auf, um unser Gewissen zu fesseln und von Christus abwendig zu machen.

So oft und so lange das Gewissen durch einen anderen Einfluß als durch den Geist Jesu Christi gebunden ist, ist und bleibt es schwach. Es irrt und schwankt. Es urteilt falsch. Es stellt Forderungen auf, die den Schein der Entschiedenheit und Mannhaftigkeit tragen und dennoch der Schwäche entstammen. Sie entsprechen nicht der Sachlage; sie weisen keine wirkliche Hilfe; sie verbinden sich mit lebenswidrigen Kampfmitteln; sie widersprechen der Wahrheit als dem Wort Gottes und dem Geist Jesu Christi; sie sind tot und führen zum Tode.

Das Gewissen muß in falscher Gefolgschaft notwendig und beständig gegen den Lebenswillen der Christus-Herrschaft verstoßen. Diese Tatsache zeigt sich bei allen denen aufs peinlichste, die den Namen "Christus" mit einem fremden Namen und Ziel verbinden. In diesem vergeblichen Beginnen geht die Christenheit heute mehr als jemals des Geistes

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dessen verlustig, zu dem sie sich nach wie vor bekennen will. Der reine Geist läßt sich zu keiner Vermischung mit anderen Geistern bringen. Sein Reich duldet keine anderen Machtgebilde neben sich.

Welche Gemeinschaft hat das Haus Gottes mit den Götzen? Hat die Gerechtigkeit etwas mit der Ungerechtigkeit zu schaffen? Kann das eine mit dem anderen ein und dieselbe Unternehmung teilen? Verknüpft sich das Licht mit der Finsternis? Wann hat sich das Reich Gottes mit einem Staat menschlicher Gewalt verbunden? Hat Jesus jemals seine prophetische Botschaft mit anderen Parolen vereinigt? Wie kann das wort Jesu Menschengebote neben sich zulassen? Wann hat Gott seine Herrschaft mit menschlichen Gebietern geteilt? Kann die Stadt Gottes mit Babel gehen? Gibt es eine Gleichung zwischen Christus und Belial, zwischen Gott und dem Teufel?

Doch es nützt nichts, ein schwaches und krankes Gewissen zu schlagen. Auch das verirrte Gewissen verdient Schonung und Achtung. Es muß einen Einfluß geben, der von allen seelischen Schwankungen und widergöttlichen Gebundenheiten befreit, ohne das Gewissen vernichtend zu Boden zu schlagen. Es muß das strahlende Licht sein, das alle Trübungen und Schatten überwindet. Gegen die Sonne ist die Dämmerung machtlos. Es ist der Lebensgeist, der den Mordgeist besiegt. Keine andere Autorität kann Frieden bringen. Der Geist des Lebens als der Geist des Lichtes ist es, der das Gewissen befreit. Er überwindet ohne zu vernichten. Die Herrschaft Gottes ist es, die das Herz erobert. Ihr Geist verwandelt Herzen und Länder. Die Gemeinde Jesu Christi ist es, die jetzt und hier dieselbe Gemeinschaftsgestaltung zur Geltung bringt, die der Charakter seiner Zukunft ist. Ihr Liebes-

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geist und Einheitswille verändert alles, ohne das Lebendige zu töten.

Allein in dem vollkommenen Einklang mit dem Willen Gottes kommt das Gewissen zur Ruhe. Als der Geist Jesu wohnt der Wille der Wahrheit im Gewissen des glaubenden und liebenden Menschen. In dieser schweren Stunde der Weltgeschichte kommt alles darauf an, daß die Nachricht dieser Lösung in die weitesten Kreise getragen wird. Hier wird das Gewissen von jeder gesetzlichen Bindung, von jedem Einfluß des Zeitgeistes, von jeder menschlichen Betäubung und von jeder dämonischen Verzauberung frei. Die Not der Stunde fordert eine letzte Kraft, wie sie allein in der Gesundung zu finden ist, die das Reich Gottes als Leben und Liebe einer tötlich erkrankten Menschheit nahe bringt. Die Sendung ergeht in alle Lande. Der Auftrag ist klar. Die Botschaft lautet: Lasset euch vereinigen! Lasset euch in Gott vereinigen! Lasset euch vereinigen mit Gott!

Nur durch die Gemeinschaft mit Gott in der Erlösung seines Christus kann es Gesundung geben. Ohne Gottes Gerechtigkeit bleibt es bei dem bösen Gewissen. Das gute Gewissen hat allein im Glauben an Gott Bestand. In der Einheit seiner Gemeinde lebt dieser Glaube in gewissester Bestätigung. Alle Anregungen von außen, alle überspringenden Flammen menschlicher Begeisterung lasten die Befürchtung übrig, ob es wirklich Gott ist, der das Innerste ergriffen hat. Nur einen Gradmesser gibt es für diese beängstigende Frage. Allein die Übereinstimmung der Glaubenden, nur die Einstimmigkeit ihres Gewissensurteils, nur die Einhelligkeit ihres Gewissensauftrages ist Maßstab. Die Einheit der Gemeinde als solcher mit dem Wort und Leben des apostolischen Zeugnisses und seiner Prophetie beweist die im Herzen

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redende Stimme als Gottes Stimme. Wo es nicht zur Einstimmigkeit der Glaubenden untereinander und mit dem Leben und Geist der Urgemeinde kommt, fehlt dem Gewissen jede Gewißheit. Die Gewißheit der Botschaft führt zur Vereinigung der Glaubenden als zu der Vereinigung mit Gott.

Nur von innen heraus kann das Gewissen zu dieser Gewißheit gelangen. Gemeinschaft in allen Dingen ist innerste Gewißheit. "Je nach dem Stand der Gemeinschaft mit Gott und der Aufnahme seines Willens bleibt der Gewissensstand verschieden. Das Gewissen kommt umsomehr auf die Höhe, je enger die Gemeinschaft mit Gott ist." Nur so kommt es zur Übereinstimmung. Je tiefer Christus in unseren Herzen Wohnung genommen hat, umso schärfer, zarter und sorgfältiger bringt das Gewissen die Wahrheit als Einheit zur Geltung.

Zuerst erscheinen die Forderungen des Reiches Gottes nicht nur als allzu streng und scharf, sondern geradezu als unmöglich. Aber der vollkommene Wille Gottes bringt sich als der Wille der Freude, als das allein Gute und allein Lebendige mehr und mehr zur Geltung. Je mehr er an Raum gewinnt, umso mehr wird das Gewissen mit Gott und seiner Gemeinde einig. So kann man nach dem allen sagen: Die Gesundung des Gewissens ist nichts anderes als seine Verschärfung, Verseinerung und Klärung für die Einheit völliger Gemeinschaft. Und weiter muß man sagen: Das Gewissen verliert in demselben Grade seine Klarheit, in dem der Mensch dem Willen zur Einheit die Gefolgschaft verweigert. Und schließlich muß gesagt werden: Ohne die beständige Bewährung durch die Tat, ohne die entsprechende Haltung und Gestaltung des Lebens kann das Gewissen eine vermeintliche Gemeinschaft Gottes und Einheit der Gemeinde

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niemals anerkennen. Denn das Gewissen meint letztlich immer die Tat. Gott ist Tat.

Die rechte Lebensführung ist es, was die Wirklichkeit der Gottesgemeinschaft als die einheitliche Geistesleitung der Gedmeinde beweist. Eine durch den heiligen Geist gereinigte und geeinigte Gesinnung der Glaubenden bringt Einstimmigkeit und Einheitlichkeit des Lebens hervor. Gesinnung und Lebenshaltung werden in Christus eins. Auf dieses nächste Ziel hin macht das Gefühlsvermögen des erneuerten Gewissens in eindeutiger Bestimmtheit und Beharrlichkeit den Einfluß des Geistes Jesu Christi geltend.

Das Gewissen soll als sittliche Funktion des menschlichen Geistes zu allem "Ja" sagen, was der Geist Gottes dem Geist des Menschen einsprechen und eingeben will. Es soll im menschlichen Geist den Platz des Propheten einnehmen, der als Sprecher Gottes wiederzugeben und weiterzugeben hat, was Gott sagt. Das gesundende Gewissen ruft: "Gott sagt es. Gott will es. Deshalb geschieht es." Das Gewissen als das lebendigste Instrument des menschlichen Geistes soll dessen Vereinigung mit dem göttlichen Geist auf das lebendigste vertreten. Der heilige Geist Gottes will sich mit dem Geist des Menschen zu gemeinsamem Zeugnis der Wahrheit verbinden. Das Gewissen unseres Geistes wird in demselben Grade klar und gesund sein, in dem unser Glaube den Geist Jesu Christi aufgenommen hat.

Für das gesundende Gewissen ist es allein die Gesinnung, die in Jesus Christus war, welche das Innere unseres Geistes rein hält und mit Kraft erfüllt. Die Bewahrung eines guten Gewissens hängt gänzlich von der Bewahrung des heiligen Glaubens ab. Die Rettung und Heilung bringende Gnade Gottes ist es, die uns zu einem gereinigten und

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geheilten Gewissen erzieht. Der durch sie bewirkte Glaube verleugnet in allem Denken, Wollen und Tun die Gottlosigkeit und alle ihre lebensschädlichen weltlichen Lüfte. Nur so kann der Mensch in Besonnenheit und Gerechtigkeit das Leben Jesu bejahen und aufnehmen. Er kann es nur in der Gemeinschaft mit Gott als mit seinem heiligen Geist.

Der Glaube und das gute Gewissen sind so eng miteinander verknüpft, daß das Wegstoßen des einen den Schiffbruch des anderen bedeutet. Deshalb bezeugt die Taufe des Glaubens den Bund eines guten Gewissens mit Gott. Der Glaube macht das Gewissen gut. Ohne den Glauben irrt das Gewissen. Es wird schlecht. So sagen die Apostel Jesu Christi von denen, die nicht glauben, daß sowohl ihre Gesinnung als auch ihr Gewissen befleckt ist. Es muß so sein, weil das Gewissen ohne Glauben keinen Halt hat. Und umgekehrt ist es ebenso. Wenn wir den Kompaß des von Christus geleiteten Gewissens nicht achten, wird das Schiff des Glaubens ungewarnt an der nächsten Klippe zerschellen.

Wenn wir den guten Kampf bis ans Ende durchkämpfen wollen, gilt es ebensosehr den Glauben wie das Gewissen zu erhalten. Der Glaube an die frei geschenkte Liebe Jesu Christi will bewahrt sein. Ein gutes Gewissen will in äußerster Wachsamkeit erhalten werden. Wahrer Glaube fordert als Frucht des Geistes ein zartes Gewissen. Er bringt todesmutige und sieghafte Entschiedenheit gegen alles Böse hervor. Ein gesundes Gewissen dient dem Glauben. Der Glaube fordert Betätigung in der Liebe. Er ist nichts anderes als Liebe Gottes, Liebe Christi und Liebe des heiligen Geistes. Es bedeutet Wachstum und Wirken in der Gnade und Erkenntnis Jesu Christi, es bedeutet Verankerung des

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inwendigen Lebens in Gott und in allen Kräften seines Geistes, wenn wir uns üben, allezeit vor Gott und Menschen das Gewissen ohne Anstoß zu bewahren. Nur die Liebe ist ohne Anstoß.

Jedoch bedeutet die fortschreitende Heilung und Reinigung des Gewissens in der Liebe nicht etwa unsere eigene Sündlosigkeit. Die Sünde als Sündenheit bleibt unsere Eigenschaft. Aber die Gnade des Blutes als des hingegebenen Lebens Christi reinigt durch den heiligen Geist das Gewissen beständig und immer wieder von allen toten Werken und allen unguten Handlungen, als von alle dem, was der Gerechtigkeit und Liebe des Glaubens zuwider ist. Der Geist Jesu Christi führt den Glaubenden zu einem immer klarer und klarer werdenden Leben. Und dennoch bleibt der glaubende Mensch mit allen Menschen in ständiger Verknüpfung gemeinsamer Schuld.

Aber die Schuld ist gelöscht, wenn sie sich auch noch so sehr als eigenschaftliche Verknüpfung beweist. Der Schritt ist frei, das Gute zu tun und zu fördern und das Böse zu lassen und zu bekämpfen. Schritt für Schritt geht es vorwärts, dem Reich Gottes zu. Das freie Geschenk Gottes in dem geopferten und nahe gebrachten Leben Jesu Christi nimmt unserem Gewissen eine Belastung nach der anderen. Es macht uns frei, ohne daß wir sündlos werden. Nicht Götter werden wir, sondern Menschen, die das Reich Gottes zu sich kommen lassen.

Wir können den Willen Gottes nur dann in unser Leben aufnehmen, wenn wir vom Bann des bösen Gewissens befreit werden. Wir können nur dann mit dem Heiligtum Gottes eins sein, wenn unsere Herzen entlastet, besprengt und geweiht sind. Nur die engste und nächste Berührung

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mit dem geopferten Leben Christi, nur die Begegnung und Vereinigung mit Christus selbst, wie er war und ist und sein wird, setzt das Herz in den Stand, vor Gott zu treten und mit ihm eins zu werden. So gibt es denn keinen Eintritt in das Heilige als nur durch das Blut Jesu: Sein unbeflecktes Leben, seine hingegebene Seele, sein geopferter Leib, sein lebendig machender Geist, der ganze Christus mit der ganzen Wirkung seines Lebens und Todes ist es, was uns mit Gott vereinigt.

Jesus ist der Weg zu Gott. Es gibt keinen anderen Gott als den Einen, der sein Gott und Vater ist. Wo wir ihn auch suchen, wir finden ihn in Jesus. Jeder versuch der Annäherung an den Vater aller, wie ihn der Sohn an uns herangebracht hat, ist vergeblich, wenn uns nicht in Jesus die Befreiung von aller Belastung gegeben wird. Ohne Vergebung der Sünden haben wir keinen Zugang zu Gott. Jesus gibt sie uns in dem Opfer seines Lebens, als in dem Opfer seines Leibes, seiner Seele und seines Blutes.

Der Ankläger der Brüder ist verstummt. Auch das Gewissen darf nicht mehr Ankläger sein. Selbst die mörderischsten Anklagen, die Menschenblut erheben kann, sind gestillt. Das Blut des ermordeten Bruders Abel ist gelöscht. Das bessere Blut des neuen Menschenbruders spricht lauter als jenes. Das Menschenblut hat einen neuen Vertreter und Führer gefunden, der es als der Bessere frei spricht und frei macht. Ermordet wie Abel, spricht er dennoch, statt gegen sie aufzutreten, für seine Mörder, weil er ohne Schuld einer der Ihren, weil er der einzige wahrhaft Ihrige geworden ist. Wenn er, der Menschensohn, für sie eintritt, kann niemand verdammen. Es gibt von nun an keine Anschuldigung mehr, die den Zutritt zu Gott verwehren könnte.

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In Christus wird das Gewissen unser Freund, wie es vor ihm unser Feind war. Vorher mußte es unser Leben verdammen. Nun aber sagt es "Ja" zu dem neuen Leben, das uns in Christus gegeben ist. Durch die Gemeinschaft mit Christus von aller Unreinheit befreit, nimmt der Geist des Menschen die Zusicherung und Gewißheit auf, die in Jesus Christus gegeben ist. So wird das Gewissen als Christusgewissen zum Beauftragten Gottes. Es wird die Stimme des Gesandten für unser Bündnis mit Gott. In dem Innenland unserer Seele hebt sein Auftrag an. In der Gemeinde tritt der Bund in Kraft. In der Aussendung tritt die Gesandtschaft vor alle Welt.

Die Gemeinde ist es, die in der Taufe den Bund des guten Gewissens mit Gott bestätigt. Der Bund des Glaubens vereinigt die Glaubenden. Die Taufe ist Feldzeichen und Kriegsfahne dieser Glaubenseinheit gegen alle Welt. Ohne Gemeinde ist keine Taufe. Das Wasser der Taufe ist reines Wasser des Einheitsgeistes, wie der Wein des Abendmahls die Einheit des reinen Blutes kündet. Ohne Gemeinde gibt es kein Mahl der Gewissenseinheit. Das Gemeinschaftsmahl der Liebe und Danksagung bekennt und verkündigt den neuen Bund als die siegesgewisse Einheit des Lebens und Blutes Christi. Das Brot und der Wein sind als Gedächtnis Jesu Christi Lebensbilder der Einheit, die viele Körner und viele Beeren gänzlich zu Einem gemacht hat. Nur von der Gemeinde aus wird in der Übereinstimmung aller Gewissenskräfte Gemeinschaft gebaut. Nur von ihr aus gibt es eine Sendung in alle Welt, die sich vor den Gewissen aller legitimiert. Von der Gemeinde aus wird die Einheit als die Freiheit Gottes proklamiert. Wo ihr Geist ist, ist Freiheit.

Der Einheit der Apostel als der Gemeinde hat Jesus seinen

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Geist als entscheidende Vollmacht für die Vertretung seines Reiches gegeben. Ihre Bevollmächtigung Zum Lösen und zum Binden, zum Vergeben und zum Liegenlassen gewährleistet die Möglichkeit gänzlicher Entlastung und Befreiung für den Eintritt in das Reich Gottes. Ohne die Vergebung der Sünde kann kein Gewissen leben. Ohne sie kann niemand das Reich Gottes sehen. Die im Glauben und Leben vereinigte Gemeinde verwaltet die Vergebung vor dem Gewissen aller, weil ihr das Leben Jesu und seine zukünftige Herrschaft für die jetzige Zeit anvertraut ist und vorbehalten bleibt.

Die falsche Prophetie vergibt ohne Vollmacht. Ihre Vergebung ist null und nichtig. Denn sie verändert das Leben nicht. Sie ruft "Friede", wo kein Friede ist. Sie spricht von Freiheit, wo alles unfrei bleibt. Sie nennt Gerechtigkeit, was ungerecht ist. Sie tröstet die Freudlosigkeit mit erlogener Freude und gestohlener Seligkeit. Sie verleugnet die Einheit und Gemeinschaft. In ihren Bezirken wird das Gewissen dumpf und stumpf. Es verliert seinen Auftrag. Die falsche Prophetie entzieht ihm jede Angriffsfläche, an der es sich betätigen könnte.

Wo aber die Wahrheit des Gottesgeistes Vergebung und Frieden ansagt, wird das Gewissen zu beständig verstärkter Tätigkeit aufgerufen. Es geht zum Angriff vor: Es muß Friede werden, wo kein Friede war. Die Freiheit bricht an, wo alles geknechtet war. Es muß Gerechtigkeit kommen, wo Ungerechtigkeit herrschte. Die Freude der Liebe bricht herein, wo alle Liebe und Freude erkaltet war. Es wird Gemeinschaft, wo alles ungemeinschaftlich war. Der Generalfeldzug gegen das Böse ist eröffnet. Kein Lebensgebiet kann sich dem Angriff entziehen. Der Widerstand bricht.

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Das Weltgewissen erwacht. Das Gewissen der Gemeinde ist im Vormarsch.

Die Voraussetzung für diesen Angriff der Sendung ist die Wirksamkeit des Gewissens im Innersten der Gemeinde. Jedes Wachstum in den Geschenken Gottes, jeder Auftrag seiner Wahrheit, jede Vertiefung in seiner Gemeinschaft verschärft das Gewissen und seine Arbeit. In der Nähe Jesu erkennen und verurteilen wir uns selbst mit wachsender Deutlichkeit und Bestimmtheit. Je länger wir den weg der Gemeinde gehen, um so mehr wissen wir uns auf die vergebende Gnade angewiesen. Es ist ein Beweis der Bezeugung Gottes in unserer Mitte, daß das Gewissen in der Gemeinde ebenso sehr an Zartheit wie an Kraft gewinnt. Nicht nur Liebewidrigkeiten und Gemeinschaftslostgkeiten seinerer und feinster Art will es verurteilen und beseitigen lassen. Auch jede Ermüdung und Unterlassung greift es an. Alle toten Werke straft es, wo sie nur immer die lebendige Beseelung durch den Geist Gottes vermissen lassen.

Das Gewissen spricht und wirkt ohne Urlaub und ohne Aufschub, solange Gottes Geist in seiner Gemeinde auf die Glaubenden einwirkt. Das gute Gewissen ist kein grabesstilles Gewissen. Sollte diese Stimme einmal zu schweigen beginnen, so wäre alles verloren. Nicht anders als durch einen zweifachen Betrug falscher Prophetie kann das Gewissen zu toter Stille gebracht werden, wenn wir uns zu dem Unglauben anlernen lassen, das Böse und die Zustände seiner Ungerechtigkeit als unabänderlich, als in ihrer Eigengesetzlichkeit unantastbar zu betrachten, ist das Gewissen verloren. Zu falscher Demut gegen das Böse, zu falscher Ergebenheit an fremde Gottheiten erzogen, gibt das Gewissen seinen widerstand auf und büßt seinen Kampfgeist ein. Der Gott

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dieser Welt und ihres Zeitgeistes hat das Gewissen verblendet. Er hat es um sein Ziel betrogen.

Wenn es noch Gefährlicheres gibt als diese Ergebung unter die Weltgeltung des Bösen, so ist es der zweite Betrug der falschen Prophetie, der in erheuchelter Selbstsicherheit das Gewissen beschwichtigt. Er ist die entgegengesetzte Waffe desselben Feindes. Er rollt die Front von der anderen Seite auf. Er führt durch krankhaft eingebildete Heiligkeit zu dem gleichen Resultat: zur Abstumpfung und Abtötung des Gewissens. Sobald wir uns selbst als geheiligt und unser Leben als Christus gleichgeformt ansehen, so muß das Gewissen verstummen. Dem Reich Gottes sind wir in dieser Einbildung ferner als je. Unsere Sattheit hat den Hunger und Durst verloren, ohne den es unter den Menschen kein Leben aus Gott geben kann, ohne den die Gerechtigkeit seines Reiches nicht zu uns kommen kann. Die tötliche Parallele ist in beiden Fällen erreicht: Wir gehören zu denen, die für ihr eigenes Gewissen wie mit einem Brenneifen gehärtet sind.

Unter den Selbstzeugnissen, in denen Paulus in das apostolische Innenleben Einblick gewährt, beweist das eingehendste, daß auch sein Gewissen nicht ruhte, sondern vielmehr durch das freie Geschenk Gottes ein ebenso gutes wie tätiges Gewissen geworden war. In dieser seiner lebendigen Betätigung ist es durch die Gnade von jedem Anstoß frei geworden. Was dem Apostel Jesu Christi das Zeugnis seines Gewissens bestätigt, ist Einfalt und Lauterkeit in aller seiner Betätigung und Verkündigung. Daß dies so ist, geschieht durch die Gnade Gottes, die den Ausgesandten zu seinem Arbeitsauftrag unter den Menschen befähigt, keine menschliche Kraft und Weisheit könnte ihn erfüllen.

Bewahrende und stärkende Hilfe gibt es für das tätige

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Gewissen nur in der vergebenden Gnade als der unverdienten Befreiung von aller Schuld. Nur durch einen Freispruch kann der Gefangene zu neuer freier Lebensarbeit gelangen. Wie es an dem nahenden Gerichtstage der Endgeschichte sein wird, so kann auch heute vor den Gerichtsschranken des Gewissens nur eins zur Entlastung und Freisprechung führen: Die vergebende Gnade durch das Blut des Gekreuzigten: Die Entlastung von aller Schuld durch die Tat des unschuldig Hingerichteten.

Das unverdiente Geschenk dieses Freispruches ist eine enddgiltige gerichtliche Begnadigung von höchster Stelle, die ihre Ursache nicht in dem Verhalten oder in dem Innenleben des Angeklagten hat. Leben und Blut, Geist und Seele eines anderen müssen von dem Gerichteten angenommen und in sein Wesen ausgenommen werden. Nur so kann er neues Leben statt des Todes erwarten. Der eine nimmt Leben und Tod des anderen auf und entrinnt so dem Tode, dessen sein Leben schuldig war.

Dieser Lebens- und Todes-Austausch hat nichts mit physischer Transfusion der Blut-Substanz zu tun. In menschlicher Heilkunde wird die Lebensschwache des einen durch die Blutkraft des anderen aufgefüllt, indem das lebenstrotzende Blut des Stärkeren dem Geschwächten von Ader zu Ader zugeführt wird. Die Menschen kennen außerhalb des Evangeliums Jesu Christi keine höhere Hilfe als die Seele und das Leben menschlichen Blutes. Ganz anders ist es bei Christus. Hier entscheidet der Geist des Schöpfers und niemals die Materie der Schöpfung. Hier wird keine Substanz übertragen. Hier geht es nicht von Blut zu Blut. Hier geht es von Geist zu Geist. Der Geist, der Gott ist, kommt zu dem Menschengeist, der keine Materie sondern Leben aus Gott ist.

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Jesus lebte im Geist Gottes. In diesem Geist brachte er sein Reich. Das reine Leben Jesu, aus dessen Höhepunkt seine vom heiligen Geist erfüllte Seele für uns verströmt ist, ist der Ausgangspunkt, von dem sein lebendig machender Geist dem menschlichen Geist zuströmt. In die Hände des Vaters gab der Gekreuzigte seinen Geist. Vom Vater aus sandte er den heiligen Geist seiner Gemeinde. Jetzt ist er als Herr und Gebieter der Geist der Gemeinde. Im Geist teilt sich Christus den Menschen mit. In diesem Geist geschieht es, daß sie nicht mehr ihr eigenes Leben, sondern kein anderes als einzig und allein sein Leben führen.

In diesem Geist ist Jesus mitten unter denen, die an ihn glauben. Mit allem, was sein Leben und Sterben vollbracht hat, ist er im heiligen Geist gegenwärtig. In diesem Geist kommt die Kraft zu uns, mit der er alle Instrumente und Waffen des Todes zerbrochen, alle Gifte und Bazillen des Bösen vertilgt hat. Die Tatsache und Tathandlung, in der alle Schuld gelöscht ist, wird im heiligen Geist als Kraft mitgeteilt.

Vom Tode Christi her empfangen wir die Kraft, mit allem Bestehenden zu brechen und dem toten Leben in uns selbst und um uns her abzusterben. Dies Sterben erfordert letzte und äußerste Kraft. In Jesus wird sie uns gegeben. Nun entscheidet nicht mehr unser und der anderen Leben, sondern nur noch sein Leben über unser Sein und Tun. Nun sind wir freigesprochen und begnadigt, was wir auch vorher waren und taten. Das neue Leben beginnt, wo das alte aufgehört hat.

Das Geschenk der Reinigung des Gewissens durch den Tod Christi bringt das inwendige Leben in die Gemeinschaft mit Gott. Es geschieht durch den heiligen Geist. Das Innerste

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der Seele hat im Glauben Zugang zu Gott. Der glaubende Geist hat Umgang mit der Nähe Jesu Christi. Unser Geist bringt sein Zeugnis in Übereinstimmung mit dem Geist Gottes. Unser Gewissen lebt nun im heiligen Geist. Der Geist Gottes leitet unseren Geist und dessen Gewissen. In der Kraftwirkung dieses seines Geistes erweist sich Christus als der Auferstandene und Lebendige. Durch ihn bewirkt er in uns und um uns her das neue Leben, das dem Reich Gottes entspricht. Dies Leben erfordert letzte und äußerste Kraft. In Christus, dem Lebendigen, ist sie uns gegeben.

Im Geist Jesu Christi breitet sich das Reich Gottes als Gerechtigkeit, Friede und Freude über das ganze Leben aus. Wer so an ihn glaubt, vermag sein Leben zu üben, daß es ohne Anstoß vor Gott und Menschen das lebendige Gewissen bewahrt, die entschlossene und beständige Abkehr von allem Bösen wird zur immer erneuten Hinkehr zu der liebenden Gerechtigkeit, zu der friedewirkenden Einheit als zu der Reinheit und Wahrheit des Reiches Gottes. Dieses Leben in Christus ist möglich. Im heiligen Geist wird es überall dort gegeben, wo man an Jesus Christus glaubt.

Das Gewissen hat in der Gebundenheit an Christus sein Ziel und seine Bestimmung gefunden. Das in das Herz aller Menschen eingezeichnete Sehnsuchtsbild der Gerechtigkeit findet in dem Wort und Vorbild des Mariasohnes sein vollkommenes Urbild. In dessen Werk hat es seine Vollendung gefunden. Diese heilige Wahrheit will dem Gewissen nicht von außen gegenüberstehen. Das Leben und Werk Jesu wird in das Herz und in das Tun hineingegeben. Der Glaubende wird zum lebendigen Brief Christi. Die Wahrheit Jesu Christi ist zum inneren wort geworden, das den fleischernen Tafeln des Herzens eingeschrieben ist.

Was diese Handschrift

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für alle lesbar macht, sind die Taten, die als Buchstaben des Geistes aus dem Herzen hervordringen und dem Leben eingedrückt werden. Das Gewissen wird erneuert und geklärt, indem die Heiligkeit des Willens Gottes im Herzen lebendig ist und in der Tat wirklich wird. Der innewohnende Christus durchleuchtet unser ganzes Leben. In allen seinen Bezirken und Gebieten verwandelt er es von innen nach außen. Er macht alles anders und neu.

Im Innersten ihres Geistes hat die Seele die Wahrheit aufgenommen. Das Gewissen gibt der Wahrheit die Ehre, indem es ihr gehorcht und an ihr Halt gewinnt. Das Gewissen darf mit einer zarten Kletterpflanze verglichen werden. Ohne halt verkümmert es kriechend am Boden. Es sucht das Hohe und Starke. Aber woran es sich auch emporrankt, es verändert sein Wesen nicht. Der Efeu nimmt niemals wuchs und Blattform des Baumes an, an den sein Leben gekettet ist. Und dennoch dient sein mühevolles Emporklimmen dem zur Verherrlichung, woran es gebunden ist. Der Gegenstand, dem es anhaftet, ist sein Schicksal. Stürzt der Stamm, so ist der Efeu unumgänglich in diesen Sturz verwickelt.

Das Gewissen sucht nach dem Felsen, der nicht stürzen und sich niemals verändern kann. Es sucht nach Gott. Es verlangt nach Christus; es drängt zu seinem Geist und zu seiner Wahrheit. In anderen Idealen, auch wenn sie die seelische Begeisterung bis zum Blutrausch steigern, kann es niemals zur Ruhe, niemals zur Festigkeit gelangen. Gewißheit des Gewissens lebt nur in der Absolutheit der Wahrheit.

Das Gewissen hat in sich selbst keine Gewähr. Es ist wie eine Waage, der die Gewichte fehlen. Gibt man ihr falsche Gewichte, so lügt sie umso schärfer, je feiner und empfind-

11 Arnold, Innenland

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licher sie ist. Das Wiegen auf falscher Waage ist betrügerischer, als es andere Lügen und Täufschungen sind. Nur die echten Gewichte geben dem Gewissen Wert. Ohne sie bleibt es bei unsicherem Zittern und Schwanken, bei gefährlicher Täuschung und betrügerischer Irreführung. Nur die absolute Wahrheit gibt dem Gewissen Gewähr und Geltung. Nur sie und ihre Lebensforderungen kann es mit Sicherheit vertreten.

Im Mittelalter haben die Femgerichte neben manchem Guten unendlichen Schaden angerichtet. Ihnen fehlte die klare Grundlage einer sachlich bestimmten Norm. Wir haben es erlebt, welche Verwirrung der Gewissen durch widerspruchsvolle und unübersehbare Verordnungen angerichtet wird, auch wenn sie von wohlmeinenden Regierungen und Behörden erlassen werden. Die sorgfältigst durchdachte Gesetzgebung bleibt verderblich, wenn sie sich nicht vor den Gewissen als sachlicher Ausdruck der absoluten Gerechtigkeit erweist.

Mörderische Befehle der Kriegsgerichte, unbegreifliche Urteile seelisch erregter Berichterstatter, unerhörte Ungerechtigkeiten falsch orientierter Zeitungsschreiber, verwirrende Aufrufe fanatischer Parteien und Bürgerkriegsorganisationen haben uns die Schrecken der mittelalterlichen Femgerichte unmittelbar nahe gebracht. Die Femmorde unserer Tage sind kein Zufall gewesen. Sie haben den Ungeist unserer Zeit offenbart. Fanatismus ist rasende Unsicherheit. Nur deshalb überschlägt er sich in unsinnigster Übersteigerung seines Hasses. Er hat das Licht und die Wärme eingebüßt. Er ist ohne Herz. Das Gewissen hat seinen Maßstab verloren. Es wütet ohne sachliche Grundlage gegen alles, was seiner krankhaften Erregung zuwider ist.

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Es war mehr als ein grotesker Einzelfall, als ein eifrig um Klärung seiner politischen Verworrenheit ringender Mann nach den großen Wahlkämpfen des Wahres 1932 in das Irrenhaus überführt werden mußte. Er hatte den Versuch gewagt, den Wahlversammlungen aller Parteien und sämtlicher Richtungen Glauben zu schenken. - Vielleicht war er verständiger und vernünftiger als die blind wählende Masse. Wie viel schwächer ist das Gewissen aller derer, die ihre Stimme abgeben, ohne jemals die Männer und Pläne der von ihnen gewählten Partei ihrem wirklichen Wesen nach erkannt zu haben.

Wie groß ist die Zahl derer, die in keiner Weise die Beweggründe und Richtlinien der durch ihre Wahl verworfenen Parteien erforscht haben. Ohne das eine gegen das andere würdigen zu können, wirft man seine Stimme in die Waagschale der Weltgeschichte. Das Gewissen hat man weggeworfen. Die Verantwortung unübersehbarer Schuld hat man auf sich geladen. Man hat sich ohne Orientierung des Gewissens angemaßt, schwerwiegende Entscheidungen über das Schicksal von Welten zu treffen.

Das Gewissen warnt: Tue nichts ohne zureichenden Grund. Handle niemals ohne tatsächliche Grundlage. Schreite zur Handlung, wenn du weißt, was du tust. Man kann sein Leben nicht anders vor dem Fluch unverantwortlicher Schritte bewahren, als wenn man die unverfälschten Gewichte der Wahrheit annimmt. Allein das im Herzen lebendige Buch der Gottesgerechtigkeit hat als Norm aller Entscheidungen zu gelten. Anders hat man keinen Grund unter den Füßen. Das Gewissen kann nur dann zu Urteil und Zeugnis gelangen, wenn sich ihm der Charakter Gottes in seiner unveränderlichen Gerechtigkeit aufs bestimmteste einprägt.

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Die sich widerstreitenden Menschenmeinungen relativer Richtigkeit und relativer Verkehrtheit können dem Gewissen zu keiner begründeten Entscheidung verhelfen. Nur durch das Gewicht der Wahrheit Gottes kann es zu klarer Stellungnahme gelangen. Es findet seinen Halt einzig und allein an dem Felsen des unverfälschten Christus. Er ist allein Vorbild, Wegweiser und Befreier. Er allein gibt Fundament, Grund und Ursache zu verantwortlicher Handlung. Es gibt keine andere Gerechtigkeit als die seines kommenden Reiches.

Alles andere verändert sich. Denn es ist unsicher. Es wandelt sich. Denn es ist unzulänglich. Es kommt und geht. Denn es hat keinen Bestand. Es hat keinen zureichenden Grund. Die Anschauungen der Menschen an den vornehmsten Höfen und an den besten Schulen schwanken und brechen. In weicher Biegsamkeit und in starrer Gegensätzlichkeit geht alles Menschliche hin und her. Nichts ist sicher. Alles ist relativ. Das Resultat ist klar: In ihrem Relativismus, der unversöhnlichen Gegensätzen Gleichberechtigung zuspricht, verliert die Menschheit jede Wertung.

Aller dieser Verwirrung gegenüber bleibt Jesus Christus, wie tausendfach man auch sein klares Bild relativistisch verändern und verfälschen mag, heute und immer gänzlich derselbe, der er zur Zeit des Augustus, des Herodes und Pilatus war. Er will und wirkt heute durchaus und absolut dasselbe, was er am Ende der Tage in seinem letzten Reich aufrichten wird. Nur der Unveränderliche ist die Entscheidung. Alles andere ist Aufschub und Verschiebung. Relativismus und Veränderlichkeit menschlicher Meinungen kann dem Lebenswillen nur Erkrankung und Auflösung bringen. Nur die Absolutheit des sich überall und immer gleichbleibenden Christuswillens gibt dem Leben Gesundheit. Gesundheit ist

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Tatkraft und Schaffenskraft, die in geklärter Entscheidung aus der Sicherheit des Lebensinstinktes geboren wird. Sie bedarf eines Lebensinhalts, der fest und beständig ist. Gesund wird das Gewissen nur dann, wenn es völlig an Christus gebunden ist. In nichts anderem kann es wirkliches Leben geben als in diesem unwandelbaren göttlichen Einfluß. Nur wenn der unvermischte Christus der Halt des Gewissens geworden ist, kann das Leben genesen. Nur in der Gesundung des inneren Menschen an Christus kann die heutige Not in Angriff genommen werden. An Christus orientiert sich die Heilung des Gewissens. Jesus ist es, der die Menschen unserer Tage heilt, wie er die Kranken seiner Zeit gesund gemacht hat. Christus ist es, der unserer Zeit denselben Weg der Rettung weist, auf dem er am Ende der Tage als der König Gottes alles zum Ziel führen wird. Die ungeheuren Aufgaben der gegenwärtigen Lage können nie und nimmer durch den heillos verworrenen Zeitgeist, sondern einzig und allein durch den Zukunftsgeist des Reiches Jesu Christi bewältigt werden.

Der Zukunftsgeist Christi will der Gemeinschaftsgeist der Gegenwart sein, wie er der Geist der Urgemeinde war. Der Strom des zukünftigen Reichtums erreicht uns in dem lebendigen Christus der Propheten und Apostel. Das apostolische Wort ist es, in dem Christus zu uns kommt. Das prophetische Wort ist es, in dem sein Geist unser Gewissen reinigt. Wie in ein kraftstählendes Wasserbad will er uns in die Wahrheit versenken. In dem Geist der Apostel und Propheten erweist sich der Geist Jesu Christi abermals und überall als unveränderlich eins mit sich selbst. Was er heute unserem Gewissen einprägt, ist nichts anderes als der sich gleich bleibende Inhalt dieser unveränderlichen Übereinstimmung mit

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sich selbst. Worin er heute die Einstimmigkeit der Gemeinde hervorbringt, ist ein und dasselbe, was er den Propheten und Aposteln wie der Gemeinde aller Zeiten als den einen Weg der Wahrheit und des Lebens ins Herz geschrieben hat.

Zu allen Zeiten verkündigt er dieselben zukünftigen Dinge. Allen Geschlechtern bringt er die Kräfte derselben zukünftigen Welt. Alle, die sie ausnehmen, vermögen zu allen Zeiten darnach zu leben. Stets erinnert er an die ewig gültigen Worte, die Jesus Christus ausgesprochen hat. Sie können und sollen von allen Geschlechtern der Erde getan werden. Durch unmittelbare Einigung mit dem eingesprochenen Wort dieses Geistes, das stets dasselbe bleibt wie das der Apostel und Propheten, wird das Gewissen aller Glaubenden stark und bestimmt. In dieser letzten Einheit ist es der Neuheit aller Ereignisse gewachsen.

Durch den Geist, der Christus in der ganzen Gemeinde aller vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Zeiten als den sich gleich bleibenden Gebieter verherrlicht, wird das Gewissen lebendig und fest. Der Geist Gottes erweckt aus dem Glauben den Mut, daß tapfer getan wird, was dieser Geist will und vermag. So wird der Glaube zu tatenfrohem Wirken. Sein Werk entspricht dem Reich desselben Christus, der da war, der da ist, und der da kommt.

Das Gewissen gewann im Anfang seine Stimme durch die wirksame Tatsache, daß der erste Mensch eine lebendige Seele war, deren Atem von Gott ist. Diesem Ursprung wird es nach dem Verderb der Seele nur dort gerecht, wo der letzte Mensch als lebendig machender Geist den seelisch dahinsterbenden Menschen ergriffen hat. Der apostolische Auftrag beruft sich nicht schlechthin auf das alte Gewissen der mensch-

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lichen Seele, wie es jedem Menschen von Natur gegeben ist. Der Apostel Jesu Christi stützt sein Zeugnis auf sein Gewissen im heiligen Geist.

Nicht ein zwiefaches Zeugnis ist es, was er damit für die Wahrheit seiner Aussage in Anspruch nimmt. Sondern es ist vielmehr die einigende Wirkung des heiligen, lebendig machenden Geistes, daß das Gewissen Gott gegenüber von dem Zwiespalt gesundet, in den es durch die seelische Verderbnis des Menschen geraten war. Gottes Geist reinigt den Menschengeist zu solcher Klarheit, daß sich der Eine mit dem anderen zu Einem Zeugnis vereinigen kann. Das Gewissen gesundet im heiligen Geist zum einstimmigen Zeugnis mit dem überlegenen Geist, der der Geist Gottes ist.

Wenn das Gewissen im heiligen Geist lebt, ist es in ihn so völlig hineingetaucht, daß es keine andere als nur dessen Luft atmet. Dessen Wesen und Charakter ist es, was von nun an das Gewissen bestimmt Als ein Gewissen im heiligen Geist verherrlicht es Christus, erinnert an alles, was Jesus gesagt hat und führt zu der tatkräftigen Erwartung seiner Zukunft. So erweckt es das angespannteste Wachen und Beten, daß der Mensch in gefährlichen Zeiten keinem anderen Geist unterliegt, daß er in neuer Anfechtung durch fremde Irreführung nicht abermals abstürzt. Bei dem neuen Sturz würde ihm mit der lebendigen Seele auch der lebendig machende Geist verloren sein.

Aber dieser Geist ist stärker als alle anderen Geister. Der heilige Geist wirkt in dieser Erweckung und Bewahrung des Gewissens auf nichts anderes hin als auf einen umfassenden Sieg über alle knechtenden Mächte und Gewalten. Er tut dies in der Verherrlichung Christi, in der Offenbarung Gottes und in der Geltung seiner Herrschaft. Die Macht

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Gottes befreit das Gewissen von allen anderen Geistesmächten. Niemand als der allgewaltige Gott selbst kann diesen Sieg erringen.

In dem griechischen Ausdruck ist das "an Gott gebundene Gewissen" so eng und fest auf Gott bezogen, daß die genaueste Übersetzung es geradezu als "Gewissen Gottes" wiedergeben müßte. Und so empfindet es auch das innere Leben: als ein Gewissen vor Gott, zu Gott und in Gott, als das Gewissen des Geistes Jesu Christi, als das Gewissen Gottes. In Gott durch Christus ist es von aller Irreleitung und knechtenden Gebundenheit frei geworden. Es lebt in Gott und ist Gottes geworden. Gott ist die Freiheit des Gewissens.

Wenn sich heute alle leidenschaftlichen Bewegungen der Völker auf den Kampf um Freiheit berufen, so schwebt ihnen ein letzter Gedanke des Willens Gottes vor. Freiheit ist der Gedanke Gottes für den Menschen. Ohne Freiheit ist niemand Mensch. - Frei aber ist der Mensch nur dann, wenn er nichts zu tun gezwungen ist, was dem Gewissen widerspricht. Die Freigabe gibt dem Gewissen seine ungehemmte Wirkungsmöglichkeit zurück. Von Freiheit kann man nur dort sprechen, wo das ganze Leben als geschlossene Gesamtheit auf allen Gebieten des Geistes und der Dinge die Freiheit seiner Bestimmung behauptet.

Frei ist ein Leben nur dann, wenn es in der Öffentlichkeit des Sozialen und wirtschaftlichen ebenso wie im Religiösen und Sittlichen der enger gefaßten Seele, wenn es im Berufsleben und Familienleben ebenso wie im innersten Glaubensleben nach letzter und innerster Berufung gelebt wird. Der Entscheidungskampf um die Freiheit geht um den Universalismus eines alles umfassenden Gewissens. Jeder andere

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Freiheitskampf ist vorgetäuscht. Jede Begrenzung des Freiheitsziels bringt Unfreiheit. Der deutsche Mensch hat Lehrer der Freiheit gehabt, daß er es wissen könnte: Die wahre Freiheit besteht in ungehemmter Entfaltung der vollen Bestimmung des ganzen Menschen. Die Freiheit lebt in der Ganzheit.

Man rust gegen die drohende Gefahr bleibender Unterjochung deutschen Geistes und deutscher Arbeit zur Sammlung und zum Kampf auf. Man sollte in diesem Beginnen zuerst und zuletzt die Bestimmung des menschlichen Geistes für die alles umfassende Freiheit des Gewissens klargestellt haben. Erst dann kann man unternehmen, was zur Freiheit führt. Ehe man zur Hingabe an die Aufgabe schreitet, muß die Aufgabe klar sein.

Der Aufruf zur Freiheit weckt Freiheit für alles, was das gesundete Gewissen will; oder er ist Täuschung und Lüge. Der Mensch soll wissen, wofür er befreit werden soll, ehe ihm gesagt werden kann, wovon er befreit werden muß. "Frei-wozu?" lautet die Frage. Freiheit ohne Ziel ist Unfreiheit. Was frei werden soll, ist der Wille des Guten. Wozu er frei werden soll, ist die gute Tat. Was die Tat gut macht, ist ihr Sinn und ihre Bedeutung. Solange das Gewissen ohne letztes Ziel und ohne letzten Inhalt in ödem Brachland liegt, kann es nicht zur Freiheit berufen sein. Nur die Wahrheit macht frei. Nur ihre Aufgabe gibt der freien Hingabe Wert. Teilwahrheiten sind unwahr. Ihre Aufgaben sind nichtig. Nur die ganze Wahrheit ist Freiheit.

Es gilt, jede Abhängigkeit von Menschen und menschlichen Maßgeblichkeiten abzutun, um sich zu der Freiheit letzter Bestimmung durchzukämpfen. Sie allein gibt dem Gewissen Ziel und Inhalt. Die freiwillige Knechtung unter menschliche

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Gewalten ist für das gesunde Gewissen Unfreiheit. Denn sie verlangt eine letztlich ziellose und wahrhaft inhaltleere Hingabe. Der Apostel Jesu Christi ruft uns auf, nicht abermals der Menschen knechte zu werden. Ein Abwerfen und Fernhalten scheinfreier Knechtung und verschleierter Sklaverei ist nur in der einen und einzigen Freiheit möglich, zu der uns Christus befreit hat. Der Gehorsam seines Glaubens ist die Freiheit. Denn er führt zu dem Leben, das dem heiligsten Müssen als dem heiligsten Sollen des gefunden Gewissens entspricht. Das heilige Sollen Gottes ist die heilige Freiheit des Menschen. Es ist das wahre Sein der Seele und ihres Gewissens.

Jesus Christus ist der einzige Führer der Freiheit. Er bringt keine verborgene Unfreiheit. Gegen die Freiwilligkeit des menschlichen Geistes unternimmt er nichts. Er weckt den freien Willen, alles das zu tun und nichts anderes als das zu tun, wozu jedes von der Wahrheit überzeugte Gewissen aufrufen muß. Der Herr ist der Geist. Und wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Sie ist freie Tatkraft zu freiem Handeln.

Wer einem anderen Führer die Verantwortung für das eigene Handeln übergeben möchte, wer einem menschlichen Führer Gehorsam leisten will, hat die Freiheit verraten. Er ist der Knecht eines Menschen geworden. Zu völligster Verderbnis aber wirb sein versklavtes Gewissen gebracht, wenn dieser verführerische Mensch zu einer Freiheit ruft, die keine Freiheit ist. Alle Führer menschlicher Geltung verderben die Gewissen. Deshalb sagte Jesus: "Ihr sollt euch nicht Führer nennen. Nur Einer ist euer Meister, ihr aber seid Brüder." Ebenbürtige Brüderlichkeit ist der Boden der Freiheit, auf dem das Gewissen gesundet. Sie allein

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verbürgt die Betätigung der reinen Liebe, die aus dem Glauben kommt.

Die Freiheit der Gemeinde ist Heilung und Gesundheit des Gewissens. Sie ist es in dem allein freien Geist, der der Geist Gottes ist. Die Herrschaft Gottes ist es, die dem Gewissen Freiheit bringt. Das Reich kommt. Die Heilung aller Schäden setzt ein. Das an Gott gebundene Gewissen wird frei und gesund. Jetzt kommt es zur Wirkung. Nun ist die Bahn frei. Die Arbeit beginnt. Das ganze Leben wird frei. Das Werk des Geistes wird angerichtet. Wen Christus frei macht, der ist wirklich frei. Seine Freiheit erobert die Wirklichkeit. An ihm gesundet das Gewissen in der Freiheit sachlich geklärter Entscheidung zu der Schaffenskraft instinkt-sicherer Lebensführung. Es hat in dem Willen des Geistes seinen Inhalt gefunden, das Reich Gottes ist die Heilung der Menschheit.

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Das Erleben Gottes.

Je erschütternder das geschichtliche Erleben einer Zeit ist, um so notwendiger wird die Erkenntnis der letzten Geistesmacht, die alles Geschehen durchwirkt und bestimmt. So gewaltige äußere Ereignisse wie die jetzigen erfordern eine Einsicht in den letzten Willen und sein Ziel. Aber je erregter die Zeiten werden, um so mehr drängen sich Vorläufigkeiten in den Vordergrund. Die Verwirrung aller Fäden scheint in einem derartig angespannten Augenblick jede Klarheit über die Endlösung zu verwehren. Die anwachsende Bedrängnis führt zu vermeintlichen Notwendigkeiten des vorübergleitenden Augenblicks. Zeitlich bedingt, wie diese Lösungsversuche sind, vermögen sie die Not nicht zu wenden. Versuch folgt auf Versuch; die Not steigt; nichts kann sie meistern; man versinkt in ihren Tageskämpfen und verliert den Ausblick auf die Wendung.

Die einen meinen in dem vaterländischen Gedanken als in dem geschichtlichen Auftrag der Nation das höchste sehen zu müssen. Die ersehnte Freiheit der Volksgemeinschaft erscheint als ein vorläufig Gebietendes, dem sich alles andere unterzuordnen und aufzuopfern hat. Die Verfechter der liberalen Freiheit für den Einzelnen treten mit dem Wettbewerb ihres unternehmungslustigen Individualismus sowohl gegen diese einen wie auch gegen die anderen in den Hintergrund. Kein Staatsschutz bewahrt sie vor der ihnen nahenden Bedeutungslosigkeit. Jene anderen aber glauben an einen Verlauf

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der Geschichte, der die bisher in diesem Wettbewerb Unterdrückten und Ausgenutzten in allen Nationen auf eine vorläufig unbeschränkte hohe der Macht bringen soll. Daß endlich eine klassenlose Gesellschaft der Gerechtigkeit und des Friedens die bisherigen Gegensätze vereinigen und zusammenschließen soll, schwindet im Kampf um die so bald als möglich zu erringende Macht fast gänzlich aus dem Bewußtsein.

Alle drei Richtungen mit ihrem auf und ab tauchenden Hoffen und Kämpfen erwarten von der prophetischen Kraft der Christus-Verkündigung nichts. Die Zwischen den beiden Extremen stehende Mitte hat keine Sorge, daß ihr selbstisches Leben vom Reiche Gottes her erschüttert werden könnte. Das Gewissen wird für das Umfassende der großen Not abgestumpft, wo der Einzelne die Wirtschaft sich selbst unterwerfen will. Ernster sind die Gedanken zur Rechten und zur Linken. Auf der einen Seite wollen sie im Gegensatz zu Christus der Religion den Dienst zuweisen, der angestrebten Machtordnung bedingungslos beizustehen. Ihr sollen sich die christlichen Gewissen ergeben und willig unterordnen. Das Gewissen wird zum Sklaven der Staatsmacht. Auf der anderen Seite sieht man im christlichen Bekenntnis den verhaßtesten Gegner. Man kennt vom Christentum nur die gesellschaftliche Macht des Klassenvorrechts, welche im Gegensatz zu Christus alle soziale Ungerechtigkeit mit heuchlerischer Gebärde zudeckt und die Gequälten auf ein besseres Jenseits verweist. Das christliche Gewissen erscheint als Gipfel der Ungerechtigkeit. Deshalb soll es ausgerottet werden.

Dem allen gegenüber hat die große bekennende Christenheit, wenn man von wenigen seltenen Ausnahmen absehen könnte, nichts zu sagen. Die prophetische Klarheit des ge-

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spanntesten und gewissesten Wartens auf ein letztes Reich liebender Gottesgemeinschaft ist schwächlichen Verfälschungen gewichen. Man glaubt nicht mehr, daß der Friede, die Gerechtigkeit und Brüderlichkeit des Gottesreichs eine gegenwärtige Realität ist, welche alle anderen Zukunftshoffnungen überstrahlen muß. Und doch sind alle Ausblicke in eine bessere Zukunft in Wahrheit der prophetisch-urchristlichen Hoffnung entlehnt und entnommen. Ohne diese wären sie nicht vorhanden. Aber nicht einmal die geschichtliche Bedeutung der urchristlichen Prophetie wird ernst genommen. In der tatsächlichen Lebenshaltung erkennt die allgemeine Christenheit die alten Gegebenheiten menschlicher Ordnung und Unordnung oder das, was uns menschlicher Wille auf diesem seinem Gebiet neu geben will, rückhaltlos an. Die urchristliche Erwartung wird vergessen. Weil man ihr nicht ernsthaft glaubt, hat sie für das heutige Christentum ihre alles umstürzende und verändernde Wirkung verloren.

Wohl verweisen viele mit Ernst darauf, daß Gott ganz anders ist als der Mensch, ganz anders als alles, was Menschen von sich aus wollen und tun. Sehr klein aber ist die Zahl derer, die an diesen ganz anderen Gott so wirklich glauben, daß sie das Heranrücken seiner Herrschaft sehen und fassen. Nur diese sehr wenigen legen Hand an, daß eine grundlegende Veränderung anheben muß und alle Menschen und alle Dinge angreifen soll. Das innere Denken setzt im Reichsglauben Gottes so völlig anders als in aller menschlichen Religion ein, daß es von Gott her für alle Dinge Gewißheit erlangt, daß für die äußeren Verhältnisse wie für das Innerste das Unmögliche möglich wird. Dieser Glaube an Gott mag im Menschen klein wie ein Saatkorn sein; dennoch wird er die größten Hemmnisse schwerster Gewichtigkeit versetzen.

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Dieser Glaube laßt das Zukünftige und Jenseitige in die Jetztzeit als in die Erde eindringen. Von dieser Kraft aus nimmt er die Gestaltung aller Dinge in Angriff. Der Glaubende hat es begriffen: Wenn man Gott im Jenseits läßt, so verleugnet man Jesus. Denn er hat gesagt und bewiesen, daß Gott so nahe heranrückt, daß alles geändert werden muß: "Ändert euch von Grund aus. Denn die Herrschaft Gottes ist herangerückt. Glaubt an diese Nachricht der Freude!" Aber Jesus wußte es: Von nur sehr wenigen wird diese sieghafte Freude aufgenommen. Die Menschen wollen der Eigengesetzlichkeit der Dinge mehr Glauben schenken als der alles umstürzenden Botschaft Gottes. Sie erleben die Dinge stärker als Gott. Sie sind Götzendiener. Denn sie dienen dem Geschöpf mehr als dem Schöpfer. Dem allen gegenüber muß der Glaube einsetzen, der unser Leben mit der schöpferischen Macht vereinigt. Sie allein bleibt allen geschaffenen Gewalten überlegen.

Über allem Geschehen steht Gott. Der Glaube kann nur dann dem Sturm aller Gewalten standhalten, wenn wir mit Gott eins sind. Nicht Menschen bleiben fest. Nur Gott ist unüberwindlich. In ihm allein gibt es die Freiheit der Seele, die der mächtigsten Gewalt gegenüber vor Knechtung bewahrt. Gott ist nahe herangekommen. Der Mensch kann in Gott sein. Gott will erkannt und erlebt sein. Davor aber erbeben wir. Das Erleben Gottes ist erschreckend. Denn es bringt die Entdeckung der Wahrheit. Wir fürchten das Licht Gottes, weil es unser dunkel erkennen läßt.

Gott fängt an. Das ist das Ende für den Menschen. Es ist das persönliche Nahen Gottes zu erschreckenden Menschen, wenn sie ihn erkennen und von ihm erkannt werden. Es ist das Herniederfahren des Höchsten zu uns Erniedrigten,

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welches alle Decken und Schranken fallen läßt. Nur im erschreckenden Erlebnis ist es möglich, daß Gott offenbar wird. Im Erleben Gottes erscheinen wir selbst vor ihm, wie wir sind. Solange wir vor diesem hüllenlosen Erkanntwerden als vor dem ungehemmten Erkennen Gottes zurückschrecken, bleiben wir der Übermacht der Außenwelt gegenüber hilflos und hoffnungslos verloren. Der Schrecken Gottes stößt uns ab und hält uns fern, solange wir den Dingen um uns her ergeben und geknechtet bleiben.

Gott ist wahrlich anders als wir sind. Es ist wahr, daß er unserem Unglauben fern gerückt ist. Wir haben sein Bild aus den Augen verloren. Aber es soll nicht dabei bleiben. Und es war nicht so. Einst waren wir für seine Nähe geschaffen. Gott fing an. Das war der Anfang für den Menschen. Einst war sein Nahen kein Schrecken für ihn. Gottes Ebenbild war ihm einst als Herrschaft des Geistes anvertraut. Als schöpferische Kraft der Einheit, als Liebe und Gemeinschaft war es am Menschen zu erkennen. Wir haben es eingebüßt. Wir haben Gott verloren. Nur Gott selbst konnte uns sich selbst und sein verlorenes Bild wiedergeben. Er tat es in Jesus Christus. In Jesus ist von neuem das Herz Gottes in unsere Mitte getreten. An ihm wurde von neuem deutlich, welch ein Wille und Geist Gott ist. Er erschloß es von neuem, welch ein Ziel und welche Wirklichkeit der Einheit und Liebe in Gott lebt. Er kam, den Willen des Vaters zu tun. Er überbrachte ihn uns. Er vollendet seinen Ratschluß. Er und der Vater sind eins. In Jesus ist von neuem Gott nahe. Dieser Nachricht gilt es zu glauben.

Das Nahen Gottes, das Jesus bringt, läßt Gott als Gott erkennen und macht den Menschen zum Menschen. Es verändert uns für Ihn, ohne daß wir Menschen Gott werden.

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Von dem Erschrecken vor dem ganz anderen Gott ist in dem Geschenk seiner Nähe das Eine Entscheidende unverändert geblieben: Nicht wir können vergottet werden. Wir bleiben anders als Gott ist. Aber Gott wird Mensch, um unser Gott zu werden. Gott fängt an. Das ist Neuanfang für den Menschen als solchen. Dies Erleben Gottes in Christus bleibt von aller menschenvergottenden Naturmystik Unendlichkeiten entsernt. Denn jene Einbildung meint in ihrem Wahn, eine Verschmelzung mit einem zum Menschen gehörigen All-Einen Göttlichen erlangen zu können. Für Jesus und seine Apostel aber ist der lebendige Gott der andere Geist, der unseren Geist richten muß. Er ist der Gute und Gerechte, der Reine und Heilige, wie ihn das Gesetz und die Propheten bezeugen. Wir aber sind ungut, ungerecht, unrein und unheilig. Gottes Wesen ist unserem Wesen entgegengesetzt.

Er ist Geist und ist Wille, wie wir es nicht sind. Er ist der Wille des Guten und Vollkommenen. Das sind wir nicht. Aber sein Gericht ist unsere Rettung. Es will aus allem Schutt unserer Entartung das Leben der Schöpfung herauslösen. Gott zersprengt unser jetziges Wesen mit allem unseren bisherigen Leben und Treiben. Er will das ursprüngliche und letzte Menschentum aus den Trümmern hervorholen. Wir liegen unter dem Berge. Die Steine werden gesprengt. Der Schutt muß weg. Ohne daß der Berg gesprengt wird, kann die Goldader nicht freigelegt werden. Diese Befreiung ist Liebe. Das Gold gehört an die Sonne. Ohne sie ist es dunkel wie Kohle. Gott will für unsere Armut, in der wir im Geist und Willen Verschüttete, Belastete und Leidende sind, barmherzig sein. Er löst jede Not und erfüllt jede Armut.

Als der Wille der befreienden Kraft und der bloß legenden

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Schenkung ist Gott nahe gerückt. Er ist es in Christus. Er ist der Gott der Vereinigung und Liebe für Menschen, die nicht frei, nicht eins und nicht liebend waren. Er führt eine Zukunft herauf, die seinen Willen als seinen Geist über alles andere herrschen läßt. Die Zukunft Gottes will jetzt und hier über Menschen gebieten, die durch sie zum wahren Menschentum verändert werden. Sein Reich der Einheit soll alles in Besitz nehmen, was uneinig gewesen ist. Hier ist Christus: Gott bleibt Gott. Der Mensch wird Gottes Mensch.

Mit ihm gibt es für uns keine Vereinigung wie die des Tropfens mit der See oder wie die des Funkens mit dem Flammenmeer. Denn wir sind nicht Lebensteile seines Wesens. Er ist nicht das größere Lebensmeer des uns eigenen Wesens. Es gibt kein "Wir" zwischen uns und ihm. Es gibt nur das "Du". Dies "Du" aber gibt es; und das ist mehr. Von Gott aus kommt es zu einer persönlichen Gemeinschaft des "Du" zum "Du". Sie ist ein sittliches Verhältnis der Willenseinheit und Tateinheit zwischen Gott und Mensch. Das ist das Unerhörte in Jesus Christus, daß es zu dieser Einheit kommt, indem die Wahrheit entschleiert wird. Ihr Licht tritt in aller Schärfe an uns heran. Wenn in Jesus Christus Menschen Gott erleben, so erfahren sie sein Wesen als Heiligkeit, die ihre Sünde verurteilt und sie dennoch in seine Einheit zieht. Gott bringt unsere verdorbenen Zustände als unheilige Ungerechtigkeit zu Bewußtsein. Und dennoch bringt er alles zu heiliger Gerechtigkeit.

Als schöpferischer Geist kann Gott und sein wirken nicht dabei stehen bleiben, daß er uns zu erschreckender Einsicht unserer Ungerechtigkeit bringt. Es ist viel, sehr viel, aber doch nicht genug, keineswegs genug, wenn wir uns verurteilt wissen, daß wir uns selbst, unser eigenes Wesen und Tun

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und alle unsere Verhältnisse mit allen durch sie bedingten Handlungen als Gott durchaus entgegengesetzt und feindlich erkennen. Wenn es klar ist, daß wir mit allen unseren Dingen und mit allen unseren Taten durchaus anders sind, als es Gott mit seinem Werk ist, und als er es von uns erfordert, so will sein alles neu schaffender Geist, daß wir mit allem unserem Tun nunmehr endlich so werden, wie Gott es will. Unser eigenes Werk soll aufhören, damit sein Werk beginnt. In uns soll es beginnen. Mit uns soll es errichtet werden.

Wer den Glauben an das gegenwärtige Eingreifen Gottes in seine Schöpfung als einen mystischen Erlebnisglauben ablehnt, wer nicht glauben kann, daß sich Gott am Herzen und im Leben des ihn aufnehmenden Menschen lebendig erweist, hat das Evangelium vergessen, wie es Matthäus, Marcus und Lukas und in besonderer weise Johannes weitergegeben haben. Er leugnet die Macht Gottes, wie Jesus sie offenbar gemacht hat. Wer ein auf den menschlichen Kopf beschränktes theologisches Denken als die einzige Erkenntnis des Glaubens hochheben will, verwirft die Lebenseinheit mit Gott und ihr aus dem Glauben kommendes Liebeswerk nicht nur für unsere Zeit und für unsere Zeitgenossen. Er hat die Apostel Jesu Christi und damit Jesus selbst verworfen. Wer aber Jesus verwirft, verwirft Gott, der ihn gesandt hat.

Jesus aber hat in dem Nahen Gottes als in dem Krafterweis seines Kommens unsere Kleinheit und Gegensätzlichkeit klarer offenbart, als es alle menschliche Dialektik vermag. Richtig ist und bleibt an jenen theologischen Bedenken das Eine, das für die Evangelien Grundlegende, daß wir der Größe Gottes gegenüber unserer Kleinheit aufs Erschrek-

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kendste inne werden. Diese überaus schwache Kleinheit gilt für unser Fühlen, Wollen und Tun ebenso wie für unser denken.

In Gottes Licht müssen wir vor ihm und vor uns selbst immer und überall in niedriger Kleinheit und dunkler Schwäche offenbar werden. Vor ihm können wir nur so erscheinen, wie wir wirklich sind. Selbstvergottung, Selbsterlösung und Eigenwert vergeht in seiner Nähe bis auf den letzten Rest. Sein Sonnenlicht offenbart unser Leben als Nacht. Seine Klarheit erweckt das veröunkelte Auge, daß wir die Berge von Schmutz erkennen, die uns bedecken und vergraben. Seine liebende Gerechtigkeit beweist die Ungerechtigkeit unserer Mammons-Herrschaft. Sein alles umfassender Friedenswille macht den Mordwillen und Grenzwillen aller unserer Ideale offenbar. Ob wir sie individualistisch, vaterländisch, proletarisch oder wieder anders begründen wollen, macht wenig Unterschied. Gottes Wahrheit und Wesenhaftigkeit stellt die Unwahrhaftigkeit und Unwesentlichkeit unseres privaten und öffentlichen Lebens ins schärfste Licht.

Das Erleben Gottes vereinigt und scheidet zugleich. Je tiefer seine Liebe in die Gemeinschaft mit seinem Herzen und in die brüderliche Vereinigung der Menschen hineinführt, um so ernster tritt der absolute Unterschied ins Bewußtsein, der zwischen unserer Sünde als Sonderung und seiner Reinheit als Einheit besteht. Es ist schärfste Gegensätzlichkeit, die zwischen dem Menschen und Gott besteht. Gott will die Einheit, ohne die Gegensätze zu verschleiern.

Eine Vereinigung mit Gott ist nur dann möglich, wenn alle Gott entgegenstehenden Mächte mit allen ihm widerstreitenden Tatsachen und Handlungen von Grund aus vernichtet

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werden. Deshalb muß Vergebung und Wegnahme, Lossprechen und Freimachen der grundlegende Inhalt jeder Erfahrung Gottes sein. Vergebung ist Wegnehmen des Gegebenen. Das Gottwidrige darf nicht da sein, wenn sich Gott vereinigt. Er will vollkommene Reinheit der Vereinigung. Deshalb muß alles weggenommen werden, was ihr entgegensteht. Das ist Vergebung. Ohne sie kommt Gottes Reich nicht.

Wer in Jesus Gott annimmt, wer in ihm Gottes Vergebung und Gottes wirken aufnimmt, umfängt unmittelbar Gott selbst. Im Glauben des Herzens wird Gott umfaßt. Denn Gott selbst hat das Herz ergriffen. Gott aber teilt sich niemals, wenn er sich mitteilt. Er gibt sich ganz. Das scharfe Bewußtsein eigener Nichtigkeit, Gespaltenheit und Sündhaftigkeit ist es, das als Wahrhaftigkeit die Aufnahme des unendlich Anderen und ewig Unteilbaren ermöglicht. Der Glaubende ist ganz mit Gott eins, weil nur Gott ganz und eins ist. Der Glaube ist Wahrheit. Denn er hält Gott. Weil Gott die Wahrheit ist, vergeht in ihm die Täuschung des Menschen. Das Herz weiß es aufs klarste: Das kleine Ich ist nicht im großen Ich aufgegangen. Noch weniger ist dies Kleinste in ein Größtes ausgeweitet worden. Der herniederfahrende Blitz hat die Spannung offenbart. Das Herz des Menschen als ein sehr klein bleibendes Ich betet in völliger Willenshingabe das große Du an, das sich ihm in unbegreiflicher Güte zu eigen gibt.

Der Glaubende gibt sein schwaches Bewußtsein nicht an das allmächtige Bewußtsein auf. Der Christ sucht im Gotteserlebnis keine Betäubung seines Verstandes. Er sieht in Gottes Geist kein Entschwinden der menschlichen Sinne. Er meint aber ebensowenig durch die Erkenntnis seiner Verstandes-

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kräfte Gottes Geist zu fassen. Er kann nicht glauben, durch die Einsicht seiner Gedanken Gott zu erkennen. Der glaubende Mensch maßt sich nicht an, durch die Intensität seines inneren Lebens, seines Gefühls oder seiner Willenskraft Gott erfassen zu können. Dem Glauben steht Gottes Größe so unantastbar gegenüber, daß der kleinen Menschenkraft keine Möglichkeit gegeben ist, Gott zu berühren. Vom Menschen her kann nichts zum Ziel führen, was die Einung mit Gott anstrebt. Wäre der Glaube eine Funktion des Menschen, so wäre er nichts. Nur Menschliches könnte sein Gegenstand sein. Nicht aber Gott könnte er fassen.

Nun aber greift Gott ein. Von ihm aus geschieht die Einung, die von uns aus unmöglich bleibt. Wenn das Wort "Glaube" seinen Sinn behält, so ist er die Gewißheit dessen, was nicht der Mensch, sondern was Gott, wirklich Gott ist und tut. Der Glaube gehört zu Gott. Er entstammt nicht dem Menschen. Gott ist es, der den Glauben schenkt und wirkt. Das Eins-Sein des Menschen mit Gott besteht in dem Glauben, der Gottes Sache ist.

In der Seele des Menschen äußert sich der Glaube in einem Verhältnis von Herz zu Herz, das Gott bewirkt. In dieser Glaubensvereinigung ist Gott der Wollende, Gott der Wirkende. In dem nach außen vor die Öffentlichkeit tretenden Leben äußert sich der Glaube in tätig wirksamer Liebe, die Gott bewirkt. Gott ist in diesem neuen Tun des Menschen der Liebende und Handelnde.

Der Mensch glaubt und tut, was Gott ist, will und wirkt. Der Glaube ist etwas, was nur Gott geben kann. Ohne Gott ist der Glaube nichts. Wo durch den Glauben Gemeinschaft gegeben ist, betätigt sie sich in einer lebendigen Wirksamkeit, die Gottes Wirken ist. Im Glauben wird Gottes Macht

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an der menschlichen Unmacht, Gottes Größe an der menschlichen Kleinheit offenbar.

In jedem entscheidenden Erleben tritt die Geringfügigkeit des Menschen der Größe Gottes, die Unzulänglichkeit des Menschen der Gewaltigkeit Gottes, das Unvermögen des Menschen der Macht Gottes gegenüber. Die ganze Menschheitsgeschichte durchzieht dieses Erleben Gottes als Überwältigung des Menschen durch Gottes übermächtige Überlegenheit. Das Erste, was menschliche Ahnung und Ehrfurcht von Gott erlebt, ist die gewaltige Macht, vor der alle Kräfte des Menschen ein Nichts sind.

Die ersten Propheten verhüllen wie Elias in schaudernder Ehrfurcht ihr Haupt, wenn es geschehen soll, daß Gott ihnen naht. Gott sehen sollen bedeutet für alle echten Menschen Entsetzen. Sein Anblick wirst in prophetischen Zeiten den Schauenden zu Boden und tötet ihn. Das Geheimnis der Größe Gottes ist für alle Zeiten der Ehrfurcht über alle Maßen furchterregend. So oft an die Menschen diese gewaltigste Ahndung herantritt, ist alle Menschenkraft bezwungen, wie einst das grimmig mächtige Untier des ungebändigten Chaos niedergeworfen und überwältigt wurde. Der Mensch muß erschrecken und erschaudern, so oft Gott ihm naht.

Die Größe, Macht und Stärke Gottes übersteigt alle Vorstellungen, deren der Mensch fähig ist. Für die Anschauungskraft des Menschen bleibt Gott so unerreichbar, daß er vergehen müßte, wenn er Gott sehen sollte. Wem könnte er Gott vergleichen? Wie könnte es für diese unfaßbare Größe und Gewalt ein Bild geben? Gott ist unerreichbar hoch unherrlich. So wissen es die Propheten, daß neben ihm keine andere Macht bestehen kann. Seinem Ratschluß kann nichts Menschliches genügen. Ihm kann keine Menschenmacht be-

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gegnen. Das Leben Gottes übersteigt alle Grenzen des Ursprungs und des Ausgangs. Es überragt alles Geschaffene um Unendlichkeiten.

Gott hat Macht über alle Völker der Erde. Er gewinnt Geltung über alle menschlichen Gewalten. Er wird über alle Welten gebieten. Einer so übergewaltigen Größe der Macht entspricht der unerhörte Ernst ihrer Forderungen. Der prophetisch ergriffene Mensch ahnt mit scheu erschauernder Ehrfurcht die Unverletzlichkeit und Unerbittlichkeit dieses übermächtigen Willens. Vor der Größe dieser Macht muß der Mensch verstummen, wie Hiob die Hand auf seinen Mund legen mußte.

Die Größe und Macht Gottes ist so überwältigend, daß mit der Menschheit auch die ganze Erde zu einem Schemel wird, auf dem Gottes Fuß Platz hat. Alles Unsichtbare und alles Sichtbare liegt unter den Füßen Gottes. Die für das menschliche Auge überwältigend große und übermächtig gewaltige Schöpfung ist die erschütternd großartige Anschauung, in der Gott dem kleinen Menschenherzen entgegentritt. Das kindliche Herz der alten Menschheit verwechselt Gott niemals mit der Natur. Auch dem anfänglichsten Glauben liegt jede Naturvergottung fern. Aber der kindliche Mensch erlebt Gottes Macht und Größe nicht ohne die Natur. Er kann nicht von der Schöpfung absehen, wenn er vor dem Schöpfer steht. In den geheimnisvollen Zusammenhängen der geschaffenen Welten ahnt das glaubende Geschöpf die Macht des Schöpfers, die allem Geschaffenen Größe, Leben, Zusammenhang und Einheit gibt. Der kleine Mensch steht in der Natur vor der Ahndung des großen Gottes.

Hier müssen wir einen Augenblick inne halten. Wir müssen uns innern, wir müssen uns in der Hetze des heutigen natur-

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fremden Lebens in Erinnerung bringen, wie überwältigend Gottes Macht in der Natur den Menschen entgegentritt. Kein Fortschritt der Wissenschaft hat diese gewaltige Tatsache verändert. Die ganze Geschichte der Menschheit beweist es. An der großen sichtbaren Schöpfung geht dem kleinen Menschen das um Unendlichkeiten größere unsichtbare Wesen Gottes auf. Die Schöpfung läßt die Kraft und Gottheit des Schöpfers erkennen.

Solange der Mensch in der Landschaft lebt, sind es vor allem anDeren die furchtbaren Schrecknisse der Naturgewalten, die ihn vor der Größe Gottes erzittern machen. In Erdbeben und vulkanischen Ausbrüchen zerfließen die größten Berge unter Gottes Schritten wie Wachs. Zu ebenso gewaltigen Zeichen seiner unheimlich nahenden Größe werden Blitz und Donner, Unwetter und Ungewitter, glühender Wüstenwind und das lodernde Feuer. Welche gewaltigen Naturerscheinungen es auch sein mögen, in ihnen allen ist es Größe und Macht, wasden Menschen erschüttert. Das Geschaffene ist urgewaltig. Der Mensch aber fühlt es: Über dem allen steht Gott. Der Schöpfer ist unendlich größer und mächtiger als die größten Mächtigkeiten der Schöpfung.

Nicht minder als vor jenen überlegenen Gewalten erbebt der geschaffene Mensch vor dem gewaltigen Geheimnis des Lebens. In allem Lebenden spürt der ehrfurchtsvolle Mensch ein letztes Geheimnis. Er wird sich bewußt: Der lebendige schöpferische Geisi muß größer sein als alles geschaffene Leben. Mit schaudernder Ehrfurcht steht der staunende Mensch vor dem lebensgewaltigen Baum, an der lebendig sprudelnden Quelle, unter den Leben spendenden strahlenden Tages-und Nacht-Gestirnen, mitten in der Fruchtbarkeit der Erde und ihres Lebens. Wie groß und lebensmächtig muß Gott

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sein, der das alles hervorbringt und am Leben erhält! In ein gewaltig erschüttertes und bewegtes Gemüt fällt die Forderung: Über alles dieses gewaltige Leben muß der große Schöpfergott zu unbestrittener Geltung kommen.

Mitten in der Natur ist es die Geschichte des Menschen, in der die alles überwältigende Macht Gottes als mächtiger Zorn und übergewaltiger Schrecken wie als Leben wirkende und einigende Liebeskraft geschaut wird. Mit bebender Ehrfurcht blickt der zur Ahndung erwachende Mensch auf die Anfänge seiner eigenen Geschichte zurück. Der in tiefem Geheimnis liegende Anfang der Menschheit kommt von Gott her. Gott ist es, der ebenso das Ende der Menschen in seiner Hand hat. Ohne Gott ist dem menschlichen Auge das Ende in das Dunkel des Anfangs gehüllt.

Wie an allem Lebendigen wird im besonderen am Leben des Menschen das Geheimnis des schöpferischen Gottes erlebt. Wie am Anfang und Ende ist es in der Mitte des Weges: Wie es der Weltenuntergang der Sintflut oder die Völkerzerspaltung auf der Kulturhöhe Babels bewiesen haben, ist es überall Gott, der der Menschheit erschreckend naht, so oft Todeskatastrophen über sie Hereinbrechen. Wie in der gesamten Natur bricht Gott in gewaltiger Macht in die Geschichte der Menschen ein, so ost furchterregende Schrecknisse die Menschheit erschüttern. Weltstaaten und Weltmächte sind Werkzeuge der Zornesgewalt, so oft Gottes Größe die Völker zu Boden schlägt. Alle Völker der Welt müssen dorthin gebracht werden, wo sie dem Gott aller Welten zu Füßen fallen.

Der Schöpfer aller Welt beherrscht den Ratschluß aller Zeiten. Wie an der Natur soll an der Geschichte allen Widerständen zum Trotz die Einheit, der Lebenszusammenhang, die Ge-

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meinschaft des Lebens, Leben und Friede als Gottes Wesen und als Gottes Kraft offenbar werden. So erscheint Gott dem prophetischen Blick als der Führer und Hirte der Geschichte. Alle äußeren Geschicke der Menschheit lenkt er auf das Eine Ziel hin, das die Vereinigung aller Völker in Einer Hürde ist.

So erlebt das Volk Israel in allen Weltereignissen, in allen Strudeln der Weltpolitik, wie in dem Untergang ganzer Welten Gott als den Gott der Geschichte. Der Schöpfergott allein hat Recht und Macht über alle Völker. Was auch geschehe: Gott richtet sich auf und greift nach dem Weltregiment, das ihm allein gebührt. Es ist der schöpferische Geist, der durch Schrecken hindurch auf die Einung hin der Weltengott werden muß.

In der Geschichte der Menschheit findet die erwachende Ahndung des werdenden Menschen die gleichen Spuren Gottes wie in der Natur. Wo das Bewußtsein zu klarerer Bestimmtheit gelangt, wendet es sich der Geschichte zu. Es kann nicht ruhen, ehe es dem vergangenen, dem gegenwärtigen und dem zukünftigen Geschehen seinen letzten Sinn abgerungen hat. So bleibt es klar: Der erwachende Glaube erlebt Gott niemals als Geschichte, als wenn der Ablauf des Geschehens mit Gott selbst verwechselt werden könnte. Aber er erfährt Gott niemals ohne die Geschichte. In der Geschichte undhinter ihren erschütternden Ereignissen ahnt der erwachende Mensch Gott. Hinter allen geheimnisvoll verwobenen Zusammenhängen, hinter jedem kleinen und großen Geschehen spürt derden Menschen ergreifende Glaube das letztlich alles bestimmende Eingreifen Gottes. Gott wirkt in allem Geschehen. Seine Größe überragt alle Geschichte.

Auf diesem Wege leuchtet in der Prophetie und der aposTod

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lischen Sendung Jesus Christus auf: Jesus als die Entscheidung aller Geschichte für die ganze Schöpfung! An Christus geht dem Menschen das Auge des Glaubens auf. Nun sieht er, wie weit die Schöpfung Gott gehört, und wie weit sie Gott entfremdet ist. Nun gewinnt er die entscheidende Schau für die Geschichte, wie weit sie Gottes Geschichte ist, und wie weit sie Gott abgekehrt und Gott feindlich ist. Der Glaube erblickt die nahende Entscheidung. In Jesus Christus ist die prophetische Wahrheit Wirklichkeit. Der durch ihn erleuchtete Mensch sieht das geschichtliche Herannahen des Reiches Gottes. In die entartete Schöpfung bricht der Schöpfer ein. An die abwegige Geschichte rückt der Weltenherrscher heran. Jesus Christus greift in die Geschichte ein und macht sie zur Endgeschichte.

Das Ende kehrt zum Anfang zurück. Der Morgenstern des neuen Aufgangs erscheint. Das Geheimnis des Lebens ist die Sonne der Zukunft. Das Ziel Gottes ist keine Vernichtung der Dinge. Die Auferstehung des Lebens ist der letzte Wille Gottes. Die widerstrebende Menschheit muß durch Gericht, Tod und Untergang hindurch. Im Feuer des Gerichts leuchtet als Ende des Alten der Anfang des Neuen auf. Erneuerung und Wiederherstellung wird als das Ziel allen Geschehens offenbar. Auferstehung aus dem Tode ist das Erleben Gottes.

Die kleine Welt des Einzelnen Menschen soll die große Welt der Geschichte Gottes widerspiegeln. Gott erleben heißt, sich so an das Ziel seines Reiches hingeben, daß man sein Todesgericht annimmt und seine Auferstehung glaubt. Die zukünftige Kraft kommt zu dem Glaubenden. Der wirkende Geist des kommenden Christus verleiht den Auftrag der Zukunft für die Gegenwart. Der prophetische Geist betreibt in der

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Auferstehung des Glaubens die Anrichtung des Gottesreichs. An dem hier gegebenen Platz beginnt im gegenwärtigen Augenblick das neue Leben. Der Charakter des kommenden Reichs soll mitten im Ablauf der Geschichte auf der jetzigen Erde vertreten werden.

Der jetzt lebende Mensch wird im Erleben Gottes in die Erdgeschichte der Schöpfung hineingezogen. Die Feuertaufe des Gottesgerichts will den Phönix aus der Asche erwecken. Das Sterben der alten Welt kündigt das Heraufkommen des Neuen an. Wenn das menschliche Herz von Gott berührt wird, ist es dem Tode nahe, weil das Leben zu ihm kommt. Der Tod Christi bringt die Auferstehung. Das in sich selbst dem Tode verfallene falsche Leben wird beendet. Das in Gott zur Zukunft erstehende Leben beginnt.

In der persischen Mystik zerstört das Opfer der Liebesfehnfucht das Leben für immer, wie die sterbende Motte sich der sengenfen Flamme hingibt und nichts als Verbrennung zurückläßt. Ganz anders ist es in Christus, in dessen Flamme kein liebend Glaubender schweigend vergehen soll. In ihm soll sich das schwächere Leben nicht an das Stärkere verlieren. Der Stärkere will das Schwächere nicht übermannen und verzehren. Christus tötet das Alte, um das Neue lebendig zu machen. Der totkranke Eigenwille soll sterben. Der erneuerte und veränderte Wille soll lebendig werden. Der alte Wille verfällt dem Tode, dem er zugewandt war. Der neue Wille wird frei, um dem anderen Leben zu gehören. Für das Leben ist er erweckt. In Gott ist ihm die kraft gegeben, diesem Leben in Tat und Wahrheit zu dienen.

Auferstehung des Menschen zum Leben aller Kräfte ist der Wille Gottes. Freiwilligkeit gehört zu dem Grundcharakter der Lebensneuheit. Die Auferstehung aus dem Tode führt

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zu einem Leben der Freiheit, dessen Realität den wirksamen Auftrag der größten Aufgabe vertritt. Wer das Gericht des Todes ohne diesen Auftrag des Lebens verkündigt, macht Gott zum tötlichen Richter oder zu einem kalt abgewandten Fremden. Er hat den lebendigen Gott verleugnet. Der lebendig machende Geist Jesu Christi läßt sich nicht in die Ferne verweisen. In ihm bleibt die erneuernde Liebesmacht des übermächtigen Lebens der Erde und ihren Menschen zugewandt. Die neues Leben schaffende Schöpferkraft Gottes naht allen, die das Leben wollen, wie es in Gott ist. Dieses Leben ist die weltenweite Herrschaft Gottes.

Der Leben schaffende Geist weht, wo er will. Er kommt, wie er will. Er weiß, wohin er will. Er sucht überall den Glaubenswillen, der keinen anderen Geist aufnimmt als einzig und allein diesen Geist des Lebens. Dem Glauben offenbart er sich als eine Kraft, die alle Fernen durchbricht. Er beweist sich als Allmacht, gegen die unsere Kraft ein Nichts ist. Nicht wir erwecken ihn, sondern er erweckt uns.

Seinem unmittelbaren Einbruch gegenüber muß alle menschliche Einbildungskraft die Waffen strecken. Hier wird alle menschliche Phantasie durch letzte Wirklichkeit überwunden. Die Wahrheit verdrängt alle Illusionen. Das verirrte und erkrankte Geistesleben wird beseitigt. Das ohne Licht und Wärme zu Grunde gehende Leben der sich selbst dienenden Körperseele wird überwältigt. Was in dem verzehrenden Feuer des nahenden Gottes vernichtet wird, ist das in sich selbst zum Tode verurteilte Eigenleben. Von dem Lebenskern Gottes abgesplittert, war es verloren, ehe es beseitigt wurde.

Das Leben im eigenen Wesen des Einzelnen wurde fälschlich noch Leben genannt, während es längst im Tode lag.

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Der Wahn, in dem der Einzelne sich im Todesrausch als den Einzigen wähnt, muß zerschlagen werden. Der krankhafte Dünkel, in dem der vermeintlich Einzige für sein Eigentum hält, was Gott gehört, muß sterben. Das andere Leben soll anheben, das Gottes Leben ist. Der Einzelne wird vom Eigenleben befreit und für die Größe und Macht Gottes gewonnen. Er wird in den Machtbereich Gottes aufgenommen. Das Tote gewinnt Gemeinschaft mit dem Leben.

Hier wird in der persönlichen Berührung mit dem Leben Gottes ein alles umfassendes Dasein gegeben, das nicht erkranken und nicht vergehen kann. Das Leben aus Gott verwirklicht seine unendliche Energie in einer Betätigung, die alle Glieder und Kräfte im Dienste der Gerechtigkeit lebendig macht. Der Mensch ist in die Sphäre des Gottesreichs aufgenommen. Das Wesen dieses Reiches ist die Herrschaft der Liebe. Die Liebe ist das Leben Gottes. Es ist das sittliche und soziale Leben der völligen Liebe, welches in den Glaubenden durch die göttliche Liebe des höchsten Gerechtigkeitswillens hervorgebracht wird. Der so befreite Mensch erlebt eine sich stets vervollkommnende Verwandlung in das Bild der strahlenden Liebesmacht, wie sie allein der Schöpfer und Gebieter dieses Lebens besitzt.

Ein solches Erlebnis Gottes bewirkt eine Wiedergeburt, die uns über alle ertötenden Abhängigkeiten emporhebt. Die neue Geburt ist die Pforte in das Reich Gottes. Der Beginn des Lebensverkehrs mit Gott bedeutet absolute Neuheit an Lebenskraft und Lebensfreude. Der Anfang des Lebens ist Geburt. Das neue Leben beginnt in neuer Geburt. Nur in Gott kann das Leben, das eigentliche Leben, das Leben im Vollsinne, beginnen. Nur wo Gott die unumschränkte Herrschaft hat, kann das Leben freie Entfaltung gewinnen. Gott ist

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Leben. Weil Jesus mit Gott eins war, konnte und mußte er sagen: "Ich bin das Leben". Weil er die Quellkraft seines Lebens in uns hineingibt, mußte er sagen: "Wer an mich glaubt, hat das Leben".

Weil er seinen Geist in unser Herz sendet, weil er selbst mit dem Vater in uns Wohnung macht, sollen und können wir sein Leben leben. Durch seine Kraft halten wir sein wort und tun seine Liebe. Wer behauptet, daß er in ihm bleibt, ist schuldig, zu leben wie er gelebt hat. Weil Jesus uns Gott als das ungehemmt wirksame Leben gebracht hat, kann er allein den Durft und Hunger nach der lebendigen Gerechtigkeit erfüllen und stillen. Nur Jesus hat in seinem menschlichen Dasein die Lebenskraft der völligen Liebe zur Auswirkung gebracht. Nur er kann uns Gott als das Leben offenbaren. Nur Jesus, der mit dem Vater eins ist; nur Jesus, der das Leben der Liebe auf der Erde geschichtlich verwirklichte, vermag uns Menschen das Geheimnis und die Kraft des Lebens zu erschließen.

In der Kraft, in der Jesus durch den in ihm wohnenden Geist alle anderen Geister verjagte, ist die Herrschaft Gottes zu den Menschen gekommen. An seinem Leben sollen wir es erkennen, was es heißt, dem Reich Gottes zuzugehören. Wir sollten von diesem Reich nicht zu sprechen wagen, wenn wir nicht in Tat und Wahrheit gewillt sind, jetzt und hier so zu leben, wie Jesus gelebt hat; jetzt und hier alle Dinge unseres Lebenskreises wie er unter die Herrschaft Gottes zu stellen. Wenn wir bitten, daß das Reich Gottes komme, sollten wir inne halten und nach unserer Bereitschaft fragen, ob wir alle Veränderungen annehmen und vertreten wollen, die die Herrschaft Gottes mit sich bringt.

Jesus zeigt es uns, daß das Reich Gottes nichts anderes

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bedeutet, als die unbedingte Geltung des höchsten Liebeswillens. Das letzte Reich ist die vollkommene Verwirklichung des Wollens Gottes, der das Leben und die Liebe ist. Die Unbedingtheit des Gotteslebens und der Gottesliebe duldet keine Einschränkung. Der Wille Gottes läßt keinen anderen Willen bestehen. Die Herrschaft der Liebe verbindet sich mit nichts, was die Liebe beschränken, was sie einengen oder abgrenzen will. Die Gottesherrschaft duldet keine andere Geltung neben sich. Das Reich Gottes besteht darin in Kraft, daß es Gerechtigkeit Gottes, Friede Jesu Christi und Freude im heiligen Geist ist.

Sie beginnt für die Jetztzeit inden Herzen, in welchen Gott und sein Friede regiert, weil Christus in ihnen Wohnung gemacht hat. Gott hat den Geist seines Sohnes in Menschenherzen gesandt. Das bedeutet Verpflichtung und Vollmacht, daß die von diesem Geist ergriffenen Menschen alle anderen Geister aus ihrem gesamten Lebenskreis hinausweisen. Das Reich Gottes bedeutet die Kraft, daß die Geistesgesetze dieses Reiches auch in der äußeren Gestaltung des Menschenlebens zur Geltung gebracht werden. Die Gerechtigkeit, die vor Gott besteht, regiert durch den heiligen Geist so wirksam, daß sie im gesamten Umkreis der von ihr bestimmten Menschen die soziale Gerechtigkeit des prophetischen Wortes aufbaut. Alle Geister menschlicher Vorrechte und sozialer Ungerechtigkeit werden durch den heiligen Geist abgewiesen und ausgetrieben.

Der Friede, der als Einheit Gottes in Menschenherzen regiert, macht Menschen zu Trägern und Bauleuten des öffentlichen Friedens. Von der Gemeinde Gottes aus werden alle Geister des Unfriedens, des Krieges und Bürgerkrieges wie die des Konkurrenzkampfes und des Eigentums vertrieben.

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Die Freude an der Liebe Gottes erfüllt die glaubenden Herzen so überströmend, daß ihre Liebe sich allen Menschen zuwenden muß. Einer nach dem anderen soll als Gegenstand der glaubenden Freude inden Umkreis der Liebe und in ihre völlige Gemeinschaft hineingezogen werden. Der Geist der Gerechtigkeit, des Friedens und der Freude ist der Geist der Gemeinde. Denn er ist der Geist des Reiches. Die Gemeinde Jesu Christi ist es, die das Reich Gottes in der Gegenwart auf die Erde bringt.

Der Geist Gottes ist eine im Inneren wirkende Kraft, die nach außen wirksam ist. Wer ihre soziale Auswirkung für den gänzlichen Abbruch und Neubau der menschlichen Beziehungen verleugnet, hat ihr innerstes Wesen verraten. Denn der Geist der Einheit will Gemeinschaft in allen Dingen. Er wirkt Einheit unter den Menschen, weil er Menschen die Einheit mit Gott bringt. Das durch ihn bewirkte Einssein betätigt sich in einem menschlichen Verhalten, das durch die Güte und Liebe Gottes alles Böse und Ungerechte der Menschenzu überwinden vermag.

Ein solcher Geist bewirkt für alle Lebenslagen eine Überlegenheit, wie sie nur in Gott ist und niemals von Menschen herrühren kann. Es ist der Wille des Glaubens, der die Erstarkung des Lebens zu überströmender Tätigkeit bringt. Dieser Glaube ist die Zuversicht des von Gott ergriffenen Herzens. In das glaubende Herz ist die Liebe ausgegossen. Durch den Geist ist es geschehen, durch den lebendigen und sachlichen Geist, der das Leben und die Sache Gottes mit sich bringt. Der Glaube ist etwas persönlich, sachlich und inhaltlich so klar Bestimmtes, daß er weder von dem glaubenden Herzen noch von seinem Gegenstand geschieden werden kann. Christus selbst ist dieser Glaube, so daß Paulus sagen

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muß: "Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebet hat."

Es gibt kein anderes Leben des Glaubens als das der Einheit und Gemeinschaft, in welcher Christus lebt. Der Glaube lebt in Christus. Das innerste Verhältnis der Einheit ist die Voraussetzung für die Wiederherstellung und Erneuerung des Lebens. Daß der Glaubende in Christus, und daß Christus in ihm ist, das ist die Kraft, die alle Verhältnisse des Lebens von innen heraus umgestaltet. Luther mußte diese Gegenseitigkeit zwischen Christus und dem einzelnen Herzen Inden herausforderndsten Worten zum Ausdruck bringen. Sein Erleben Gottes hat deshalb eine so unerhörte geschichtliche Bedeutung, weil er in jahrelangen Kämpfen auf allen Wegen menschlichen Bemühens vergebens um die Gerechtigkeit Gottes gerungen hatte. Sein ihn kennzeichnendes Bewußtsein der Sünde hatte ihn vor dem Angesicht Gottes in eine Qual gebracht, deren Größe und Schwere heute vielen unfaßbar ist. Wer den Schrecken vor Gottes Macht verloren hat, wird diese Qual niemals begreifen können. Wer aber Luthers Not nicht kennt, kann auch Luthers Glaube nicht fassen.

Gott erschien ihm so zornig, daß er nicht aus noch ein wußte. Er hatte keinen Trost. Er vermochte weder von innen noch von außen Trost zu finden. Die Seelenqual steigerte sich zu so höllischer Stärke, daß es keine Zunge aussprechen und keine Feder beschreiben könnte. Er mußte das Gefühl bekennen, gänzlich zu Grunde gehen zu müssen. Die Größe und Macht schlug ihn zu Boden. Die Furcht vor der Gerechtigkeit zermalmte ihn. Hilfe konnte ihm nur durch das Erleben der Liebe kommen. Er erfuhr sie in der Gerech-

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tigkeit der Gnade. Luther versteht unter dem uns so fremd gewordenen Wort der Rechtfertigung die Erfahrung Gottes, die uns in Christus, ohne unsere eigenen Bemühungen und Werke, "das Gutsein" des Glaubens verleiht, ohne das wir weder vor Gott noch vor uns selbst noch unter den Mitmenschen leben können.

Das Neue, das Luthers Herz und Leben auf eine völlig andere Grundlage gestellt hat, war das Tauschverhältnis zwischen ihm und Christus, Aufs schärfste und kürzeste hat er es in einem Brief an seinen Freund Georg Spenlein zum Ausdruck gebracht: "Lerne Christum, und zwar den gekreuzigten. Lerne ihm lobsmgen und an dir verzweifeln. Sprich zu ihm: 'Du, Herr Jesu, bist meine Gerechtigkeit, ich aber bin deine Sünde: du hast das Meine an dich genommen und mir das Deine gegeben; du hast genommen, was du nicht warst, und mir gegeben, was ich nicht war.' - Ja, lernen wirst du von ihm selber, daß er, sowie er dich angenommen hat, deine Sünden zu den Seinen, seine Gerechtigkeit zu der Deinen gemacht hat."

In diesem gegenseitigen Verhältnis der persönlichen Aufnahme und Hingabe ist von Luther das Wort erfaßt worden: "Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir." Er versteht dieses Bekenntnis ausdrücklich so, daß das Verbundensein des Gläubigen mit Christus so völlig ist, daß man den Glauben nicht von Christus scheiden noch trennen kann. Luther ist sich gewiß, daß man im Glauben getrost sagen kann: "Ich bin Christus - alles, was er hat, ist mein." Diese Sicherheit des Einsseins mit Christus beruht auf seiner Hingabe an uns. Sie lebt in unserer durch Christus bewirkten Hingabe an ihn. Der Glaube gibt ihm alles, was der Mensch ist und hat. Es ist das stärkste wollen, das in

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Menschen gewirkt werden kann, wenn es zu dieser Übergabe kommt. Der eigene Wille ist dazu niemals imstande. Von mir selbst auszusagen, daß ich nicht mehr lebe, ist nur dann möglich, wenn mein Wille mit dem Todeswillen Christi eins geworden ist. Alles, was ich gewesen bin, was ich gelebt und gewirkt habe, mußte dort sterben, wo Christus seinen Geist aufgab. Nur vom Grabe Christi aus gibt es die Auferstehung des freien Willens.

Es sind Stunden im schwarzen Turm, in denen wir zu diesem Erleben kommen. Es ist die Todeseinsamkeit des Gekreuzigten, die uns die Befreiung von der eigenen Geltung schenkt. Es ist der Todesschritt des Glaubens, der durch das Grab hindurch zu der Gewißheit des Lebens führt: Christus hat mich so wirklich angenommen, daß er, mit mir eins geworden, sagen muß: "Ich bin dieser arme Sünder; das ist: alle seine Sünde und Tod ist meine Sünde und mein Tod." In dieser Todeseinheit werden wir trotz des erschreckendsten Sündenbewußtseins von aller Sünde frei. Wir gelangen in dem Auferstandenen zum Leben.

Das Neue dieses Erlebnisses besteht darin, daß wir Christus in uns haben, und daß er unser Leben an sich genommen hat. Unser altes Leben ist uns abgenommen. Durch sein Leben haben wir an allem Anteil, was er ist. Alles, was er besitzt, wird in ihm uns gegeben. Derselbe Jesus, der gesagt hat: "Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf der Erde", verleiht uns seine Vollmacht. Derselbe Christus, der seine ungetrübte Einheit mit dem Vater bekennt, derselbe, der den Platz zur rechten Hand der kraft als den seinen einnimmt, macht uns in ihm der Gottheit teilhaftig. Der Menschensohn, der der letzte Adam genannt wird, ist unser - als seiner Brüder - Leben geworden. In ihm ist die Macht

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dessen in uns, der allen alles schenken kann. Der Weltenthron ist sein. Sein Reichtum ist unendlich.

Man vergißt oft, daß Luther nur das Ergreifen des köstlichen und edlen Schatzes - nämlich des Christus - als Glauben anerkannt hat. Dem Glauben Luthers konnte nur Christus selbst Inhalt geben. Nur Christus, "im Glauben im Herzen begriffen und wohnend", ist die Gerechtigkeit. Hier gibt es keine menschliche Definition des Glaubens; es geht einfach um Christus. Christus kommt herab zu uns und wird unser Leben. Sein Kommen ist Glaube; was er tut, ist Glaube. Die natürlichen Kräfte aller Frömmigkeit, Weisheit und Religion haben in allem ihrem Verstand, Willen und Gottesdienst keinen Glauben. Sie bemühen sich vergebens, zu Gott emporzudringen. Daß ich an Christus glaube, bedeutet, daß er, Christus, mit mir eins geworden ist. Es bedeutet, daß er in mir bleibt. Das Leben, das ich im Glauben habe, ist Christus selbst.

Die Tatsache, daß Christus in mir lebt, ist das Neue in meinem Leben, wo Christus ist, bleibt das verurteilende Gesetz ausgehoben. Hier ist Christus, der die Sünde verdammt und den Tod erwürgt! Wo er ist, muß alles weichen, was das Leben zerstört. Wer will uns von der Liebe Christi scheiden? Christus ist hier! Von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, kann uns keine Macht abtrennen, solange er, der Mächtigste, unser Gebieter ist. Wenn ich Christus verloren habe, ist nirgends Hilfe, nirgends Trost, nirgends Rat zu finden. Nichts als Todesschrecken ist über mir. Das Leben ohne Christus ist tot. Nur er ist Leben. Mit Christus sein ist Leben und Friede nach innen und außen. Das Leben Christi ist Energie. Gott ist Kraftentfaltung. Luther sagt ausdrücklich: "Ein gläubiger Mensch hat den Heiligen Geist; wo aber

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dieser ist, der läßt den Menschen schon nicht faul oder müßig sein, sondern treibt ihn zu allerlei Gutem, darin er seinen Glauben üben und christliches Wesen beweisen kann." In dieser Tatsache gilt es über Luther hinauszugehen. Denn hier liegt seine äußerste Grenze.

Daß Christus in mir lebt, bedeutet, daß er seine Kräfte in mir entfaltet. Christus will in uns seine Macht der Liebe, seinen willen zum Dienst, seinen Reichtum zum Schenken lebendig machen. Er will sich in der Mannigfaltigkeit seiner Gaben an allen denen auswirken, die ihn als ihr Leben angenommen haben. Daß Christus in uns lebt, bedeutet einen Reichtum des Dienens und des Wirkens, der nur an der Not gemessen werden kann, die ihm gegenübersteht. Wenn die Schalen des Zornes über die Welt ausgegossen werden, wenn die Not ins Unerträgliche steigt, so muß eine Gerechtigkeit verkündet und gelebt werden, die stärker ist als alle Ungerechtigkeit aller Welt, und die zugleich alle strafende Gerechtigkeit des Gerichtes in der Liebe erfüllt.

Christus läßt die Gerechtigkeit Gottes durch den Glauben zur Gerechtigkeit des Menschen werden. Die Gerechtigkeit Gottes will allen Menschen als das Gutsein der Liebe offenbar werden. Wo diese Gerechtigkeit ist, muß alles weichen, was ungerecht und eigennützig ist. Die Größe Gottes wird als Macht der Liebe offenbar. Es gibt nichts Größeres als sie. Wenn der Inhalt des Glaubens Christus Jesus ist, so muß dieser Glaube in seiner völligen Liebe ebenso tätig sein, wie er es war. Persönlich und sachlich muß der Glaubende dasselbe vertreten und tun, wie es Jesus vollbrachte. Die Liebe des Glaubens wird von dem Bewußtsein getrieben: Die Einheit Jesu mit dem Vater war eine so völlige, daß er sagen mußte: "Was Mein ist, ist Dein, und was Dein ist, ist

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Mein". Die Glaubenseinheit des Menschenherzens mit Christus ist so völlig klar, daß der Glaubende zu Christus wie Christus zu ihm sagen muß: "Das Meine ist Dein, und das Deine ist Mein".

Eine solche Gemeinschaft völligen Austausches muß von einem so vertauschten Herzen aus für alle Dinge dieselbe Kraft und Wesenheit offenbaren. Die für alle tätige Liebe sorgt dafür, daß das Mein und Dein in völliger Darangabe überall ausgetauscht und für alle in Einheit zusammengetan wird. Nun müssen auch die Glaubenden als Liebende einander zurufen: "Was Mein ist, ist Dein, was Dein ist, ist Mein". Die Liebe Christi drängt sie, darnach zu handeln und zu leben. Christus und sein Leben ist die Gerechtigkeit des Christen. Der heilige Geist treibt zu demselben Guten, wie es Jesus tat. Die Liebe des von Christus ergriffenen Menschen muß wie Jesus selbst alle Vorrechte verlassen. Wo man Christus als sein Leben bekennt, muß man um der Liebe willen wie er die freiwillige Armut erwählen, muß man wie er das Leben mit allem, was man ist und hat, ohne Vorbehalt für die Freunde und für die Feinde hingeben.

Wenn Jesus alle Gewalt und Macht übergeben ist, so muß seine Liebe unbedingt und ungehemmt das Leben derer beherrschen, die mit seiner Vollmacht ausgerüstet sind. Wenn er von dem Thron der Kraft aus seinen Geist und Auftrag in ihr Herz gibt, so muß der Inhalt dieses Auftrags das gesamte Leben erfüllen. Er muß alle Zustände und Verhältnisse des Lebens so umgestalten, wie es dieser sachliche Inhalt erfordert.

Wir sollten nicht sagen, daß wir an Christus und an sein Reich, daß wir an die Einheit und Gemeinschaft mit ihm glauben, wenn wir nicht alles ebenso hingeben, teilen und

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austauschen, wie er es getan hat. Wir dürfen nicht behaupten, daß sein Gutsein und seine Gerechtigkeit unser Gutsein und unsere Gerechtigkeit geworden sei, wenn wir den Armen und Erniedrigten nicht ebenso gehören, wie er ihnen alles gab. Wir können nicht glauben, daß wir des Starken teilhaftig wären, der alle Gewalt zur Rechten der Kraft verwaltet, wenn sein heiliger Geist das Werk seiner Gerechtigkeit und Gemeinschaft nicht wirklich in unserem Leben vollbringt. Wenn wir den Glauben haben, der Christus ist, muß die Wirkung des Glaubens im Werk der völligen Liebe offenbar werden. Wenn Christus in uns herrscht, muß seine Herrschaft von uns aus in alle Lande ausgehen. Wenn sein Geist in uns ist, müssen die Ströme dieses Geistes alles Land um uns her so verändern, wie es dieser Geist von dem kommenden Reich verspricht.

Es ist klar, daß so tiefgehende und weitgreifende Wirkungen für uns schwache, wandelbare und sterbliche Menschen beständig der Erneuerung und Vertiefung bedürfen, und das um so mehr, von je stärkeren Ablenkungen und je empfindlicheren Hemmungen sie bedroht werden. In Wahrheit ist es zu allen Zeiten nötig, daß die innere Erfahrung erneuert und vertieft wird. Stete Erneuerung gehört zu dem Wesen aller Erfahrung. Für die Sache des Geistes gilt diese Wahrheit ebenso wie für die Dinge des natürlichen, leiblichen Lebens. Die Erfahrung, daß die Sonne scheint, und daß unser Auge das Licht sieht, oder daß die Vögel singen und unser Ohr es hört, ist nur dadurch gegenwärtige Wirklichkeit, daß unser Ohr nicht taub, unser Auge nicht blind und unser Geist nicht stumpf ist. Vor allem aber können Sich diese Erlebnisse unserer Sinne und unseres Geistes nur dann erneuern, wenn das geschieht, was das Erlebnis aufnehmen

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soll, wenn Gottes Macht die Sonne jeden Tag neu aufgehen und die Vögel jedes Jahr von neuem singen läßt.

Wir werden wiedergeboren durch das lebendige Wort Gottes und durch den wehenden Geist Jesu Christi. Die Kraft und Macht Gottes lebt nicht in blasser Erinnerung. Sie wirkt nicht in toter Wissenschaft. Das Wort der Wahrheit, durch welches das neue Leben gezeugt ist, muß sich immer von neuem an unserem Inneren als lebendig und kräftig erweisen, wenn unser Geist nicht dem Tode verfallen soll. Der Geist des Lebens will als ein Beurteiler der Gedanken und Sinne des Herzens Seele und Geist Augenblick für Augenblick voneinander scheiden, damit wir nicht zu seelischen Menschen werden, die nichts mehr von dem lebendigen Geist wahrnehmen können.

Der Geist der Wahrheit will uns stets von neuem erfüllen und in seiner Gemeinde vereinigen. Christus will seiner Gemeinde wieder und wieder seine Vollmacht erteilen und seine Kraft geben, daß sie stets von neuem durch den heiligen Geist alle anderen Geister zu überwinden vermag. Es ist ein immer erneutes Werk des Geistes, daß das Wort Gottes unser Innerstes zerschneidet und alles ins schärfste Licht stellt, was uns verwirren will. Wir brauchen die Erfahrungen des lebendig machenden Geistes für das wirkliche Leben nötiger als das tägliche Brot.

Mit der Kraft dieser Wahrheit hat der Gebieter über alle Geister die andringende Gewalt des Versuchers abgewiesen: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das durch den Mund Gottes geht." Die Wahrheit Gottes muß stets von neuem ausgenommen und in beständiger Erneuerung verwirklicht werden, wenn das Leben nicht sterben soll. Deshalb sagt Jesus: "Meine Nahrung besteht

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darin, daß ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat." Gott lebt in der Handlung der Tat. Das immer erneute Aufnehmen des Wortes Gottes gibt jene Lebenskraft, die Gottes Leben wirkt und Gottes Taten tut, weil sie aus dem Herzen Gottes kommt.

In diesem Sinne hatte George Fox recht, als er im Jahre 1647 seine große Bewegung mit dem Ruf einleitete: "Auf den Geist, auf das innere Licht, auf das innere Wort kommt es an!" Denn das lebendige Wort will jeden Augenblick im innersten Grunde der Seele aufgenommen, es will persönlich ersaßt werden, damit es in der Tat sachlich verwirklicht wird. Nur so können wir beständig für die schwersten Kämpfe erstarken, wie Johannes seinen Gemeinden schreiben konnte: "Ihr seid stark, und das Wort Gottes bleibt bei euch, und ihr habt den Bösewicht überwunden." Nur wenn in steter Erneuerung in uns bleibt, was wir als unmittelbares Zeugnis der lebendigen Wahrheit empfangen haben, werden wir mit allem unserem Tun in dem Vater und in dem Sohn bleiben.

Das Wort Gottes hat uns von Anfang an in die Atmosphäre der Gnade geleitet. Jedes Erleben Gottes ist ein unverdientes Geschenk. In dem rückhaltlosen Aufdecken unserer Unfähigkeit und Gottwidrigkeit ließen wir uns von Gott erkennen. In der vollkommen unverdienten Liebe der Aufopferung seines Sohnes erkannten wir ihn. Wir haben Jesus als den heilenden Retter eines gänzlich zu Grunde gehenden Lebens erfahren. Durch seinen Tod haben wir Vergebung und Erlösung von schwerster Belastung erlebt. Jedes erneute Erleben Gottes führt uns tiefer und tiefer in das Bewußtsein des tötlichen Schuldzusammenhangs und in die Anbetung der unverdienten Gnade.

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Die tägliche Reinigung des Herzens übt uns, alles immer deutlicher zu sehen und aufs schärfste klar zu stellen, was uns von Gott trennen will. Er bleibt treu und gerecht, alles, was seine Einheit und Reinheit stört, zu vergeben und wegzunehmen, so oft wir bis in die letzten Folgen bereit sind. Wenn jemand sündigt, so braucht er den Anwalt, der Versöhnung und Vereinigung erwirkt. Jede Sonderung und Auflösung, jede Zerstörung der Lebenseinheit will Christus als der Fürsprecher durch seinen Geist als den Sachwalter zurechtbringen. Tilgung der Schuld und Befreiung des Schuldverhafteten für das Leben in Gott als Wiederherstellung der Einheit ist das Werk der Versöhnung.

Niemand kann die Erneuerung dieser Erfahrung einen Augenblick entbehren. Die Gemeinschaft mit Gott und die Einheit seiner Gemeinde wird ununterbrochen von allen Gewalten der Erde angegriffen. Jeden Augenblick ist sie in Gefahr, aufgelöst zu werden. Die Geister des Mammons, der Lüge, der Untreue und der Unreinheit belagern und bestürmen die Festung der Gottesgemeinschaft ohne Ruhepause. Wenn wir ihnen in den Außenforts unseres Seins einen noch so geringen Platz einräumen, konzentrieren sie den Angriff auf den Mittelpunkt. Ihr Sammelfeuer will das Herz betäuben und die Lebenseinheit zerstören. Die Seele unseres Blutes ist beständig zersetzenden Strahlen ausgesetzt. Wenn die uns umgebende Dunkelheit Macht über unsere Lebenshaltung gewinnt, verlieren wir die Gemeinschaft mit Gott. Wir liefern das Blut unserer Seele der unreinen Macht aus. Wir werden durch das Sperrfeuer schwarzer Strahlungen von Gott und seinem Reich abgesondert. Wir sind ohne Gott und ohne Gemeinschaft in der zersplitterten Welt.

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Das Licht der Einheit aber überstrahlt die Finsternis des Zerfalls. Dem Licht gilt es zu folgen. "Wenn wir im Licht leben, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns von aller Sünde rein." Die Hellen Strahlen des Gotteslichts sind stärker als die schwarzen Ausstrahlungen der zersetzenden Dämonie. Dunkel kann Licht nicht überwältigen. Nur muß der Glaube und das durch ihn bestimmte Leben dem Licht in fester Beständigkeit zugewandt bleiben. Wer den schwarzen Strahlen abgekehrt ist, kann von ihnen nicht ergriffen werden. Der Wille ist das Gebiet ihrer Einwirkung. Die Willenskraft ist das Organ, das sie zersetzen wollen. Bleibt der Wille von ihrer Vergiftung frei, so ist der Kampf gewonnen. Der im Licht lebende Wille schlägt die Angriffe der Finsternis ab. Das Licht siegt über die Finsternis. Der Lichtwille ist frei.

In Gemeinschaft stehen setzt ein Leben im Licht voraus. Die Klarheit und Reinheit des Lebens aus Gott führt zu der völligen Lebenseinheit, die alle Gewalten der Zerstörung und Auflösung überwindet. Mit der Seele Jesu als mit seinem Blut und Leben einig sein, bedeutet, daß die Reinheit seines Opfers von aller Verunreinigung, daß die alles vereinigende Machttat seines Todes von aller Uneinigkeit befreit. Diese Kraft bewirkt ein Leben, das in derselben Helligkeit und Glut erstrahlt, wie es das Leben Jesu war und ist. Das Licht Jesu Christi ist das neue Leben der völligen Einheit. Jede Gemeinschaftslosigkeit und Gemeinschaftswidrigkeit ist Dunkelheit und Kälte, die dem glühenden Licht Jesu abgewandt ist. Die Vereinzelung der Seele und ihre Unreinheit des Wollens ist dem Leben Jesu feindlich und fremd. Der Wille ist unrein und verdunkelt, so oft er die Klarheit des

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Lebens Jesu mit anderen Elementen vermischt, so oft er gegen die Treue der völligen Liebe und gegen die Gemeinschaft der völligen Vereiniguug verstößt, so oft er die Hingabe und Gelassenheit aller Güter verleugnet. Zum Eigenwillen, zum begehrlichen Willen und zum Eigentumswillen geworden, verläßt er das Licht und erwählt die Finsternis. Jede Uneinigkeit und Zerspaltung verleugnet die Kräfte, die von der aufgeopferten Seele Jesu ausgehen.

In dem Geist der Gemeinde, in dem Jesus jetzt und hier unter uns ist, bewirkt er die einige Gemeinschaft. Nirgends als in der Einheit ist die Wirkung des im Sterben hingegebenen Lebens Jesu lebendig. In seiner Gemeinde stehen wir in dem Erleben des Kreuzes. Das kreuz schuf die Einheit. Der Geist bringt sie. Es gibt kein Zeugnis des Geistes Christi ohne das Zeugnis des Blutes Jesu. Der Einheit geht die Beseitigung der Uneinigkeit voran. Der Geist bringt dem Ungeist den Tod. Die Kraft des Todes Christi läßt unser altes Leben sterben, damit das neue Leben anheben kann. Wer auf dem Kirchhof liegt, erscheint nicht mehr im Wirtshaus oder in seinem Eigentum. Er treibt kein eigenes Werk mehr. Er ist dem alten Treiben des Eigenwesens entnommen.

Wer mit Christus allem Eigenen gegenüber tot ist, bleibt allen Einflüssen des Eigenwillens und Eigennutzes abgewandt. Er lebt in der Kraft des aufgeopferten Lebens Jesu. In dieser Kraft opfert er sein altes, sein eigenes Leben, wie Jesus sein reinstes Leben geopfert hat. Er ist bereit, dieselbe Bluttaufe auf sich zu nehmen, die den Leib Jesu überströmte. In der Kraft inneren Sterbens ist zum Tode bereit, wer an den Hingerichteten glaubt. Auch zum leiblichen Tod in der Schande öffentlicher Verurteilung und Hin-

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richtung ist er bereit, wenn es um der Wahrheit willen sein muß. Auf diese Bereitschaft hin wird er in das Grab Jesu versenkt. Die urchristliche Taufe ist das Symbol der Sterbekraft und Auferstehungskraft. Als Zeichen der Ausgießung des heiligen Geistes bezeugt sie den Bruch mit allem Bestehenden und den Lebensbeginn des Neuen. Die Todeseinheit mit Jesus bringt die Lebenseinheit mit Gott. Nur durch das Opfer haben wirden Freimut zum Eingang in die Nähe Gottes.

Wer Gott in der Heiligkeit seiner Liebe erlebt hat, wie Jesus ihn uns nahegebracht hat, weiß es, warum Jesus gestorben ist. Gott will, daß wir im Sterben des Todes Jesu und in der Kraft seiner Auferstehung, im Tun der Worte Jesu und im Leben des Lebens Jesu mit der Seele seines Blutes eins sind und bleiben. Das geschieht durch den gegenwärtigen Christus als durch den lebendig machenden Geist. Es geschieht durch seine über uns ausgegossene Liebe, die im heiligen Geist unser Herz erfüllt. Seine Liebe zieht uns durch den heiligen Geist in die Gemeinschaft Gottes. Allem Schlechten und Ungerechten abgestorben, leben wir nunmehr dem Guten in der Gerechtigkeit der völligen Liebe.

Gottes Wesen kann sich niemals seines sittlichen Charakters, es kann sich niemals des Guten berauben, Gott vermag nicht mit dem Bösen in Gemeinschaft zu treten. Er kann sich selbst nicht auflösen. Gott ist das Gute. Für das Gute will er die Welt erobern. Nur wo das Böse gestorben ist, vermag das Gute zu leben. Unser gesamtes vom Bösen durchsetztes Wesen muß den Tod Christi als einen dem Bösen ersterbenden Tod, als unseren Tod erleben. Mit dem Gekreuzigten erleiden wir ein Sterben, das uns von allem befreit, was die Gemeinschaft mit Gott unmöglich macht.

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Dem Gericht des Todes Jesu ausgeliefert, werden wir in einem neuen Leben mit dem Herzen Gottes eins: Gott bricht ein. Das Neue beginnt. Das Böse bricht ab. Das Gute hebt an.

Die Liebe des Herzens Jesu hat das Gericht Gottes zur Erlösung gemacht. Die Einheit mit dem, der am Kreuz gerichtet wurde, bringt das Einssein mit seiner Seele als mit dem Wesenskern seines Lebens. Das bedeutet ungetrübte Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott. Die Gemeinschaft des Lebens ist die Überwindung alles dessen, was Sünde und Tod ist. Durch den Tod Christi werden wir zu seiner Auferstehung gebracht. In den Kräften seines aufgeopferten Lebens kommt das neue Leben Gottes zu uns. Es erweist durch die Wirkung des heiligen Geistes Jesus Christus von seiner Auferstehung her als lebendigen Sohn Gottes. In dem Sohn ist das Herz Gottes zu uns gekommen. Der Geist Gottes bringt uns sein Herz. In der Natur und Geschichte der Welt spüren wir seine Hand und den Schritt seiner Füße. In Jesus offenbart sich sein Herz. Und sein Herz ist mächtiger als alle seine Gewalt.

So wird das Wort vom Kreuz eine Gotteskraft, die sich vom Herzen Gottes her als Kraft zur Auferstehung beweist. Wenn Zinzendorf es seine Methode nennt, "das herrliche Lamm zu allem zu machen und keine andere Seligkeit zu kennen, als um ihn herum zu sein, ihm danken, ihm wohlgefallen", so meint er das lebendige Opfer, dessen Freude das Leben und Wirken der übermächtigen Liebe ist. Das Lamm nimmt die Herrschaft des Gottesreichs auf seine Schultern, weil es das Herz Gottes trägt. Wenn wir das Kreuz auf Tod und Leben annehmen, so fassen wir in dem Gekreuzigten den Auferstandenen. Wir glauben in ihm an die alles überwäl-

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tigende Lebensmacht der Liebe, die Gottes Herz ist. Zur Auferstehung und Gottesherrschaft offenbart sich das Kreuz als die sieghafte Macht der völligen Liebe. Jesus Christus ist als die Offenbarung der Liebe Gottes das Leben aus dem Tode. Sein Tod überwindet alle Weltmächte und jede tötliche Gewalt. Außerhalb der Todeskräfte seiner Liebe kann es keine Erfahrung seines allgewaltigen Lebens geben. Ohne ihn können wir nichts tun, was gegen Tod und Teufel bestehen könnte. Nur sein Gottesleben macht aus unserem Tun das lebendige Werk. Nur Werke des lebendigen Gottes sind lebendiges Werk. Die völlige Liebe als das überströmende Leben ist das lebendige Werk.

Wahrnehmungen und Erfahrungen, Bewegungen und Betätigungen sind nur so lange möglich, als Leben wirksam ist. Es gibt kein Leben wirkendes Werk außerhalb der Kraft des Lebens, das Gott ist, außerhalb des Lebens Gottes, das in Christus ist. Wenn das Leben entwichen ist, so erblindet das Auge und verwelkt die Hand. Das Ohr hat aufgehört zu hören. Der Geist kann keine Wahrnehmung zur Erfahrung machen. Der Wille kann kein Werk in Angriff nehmen. Der Tod ist ohne Kraft und ohne Werk. Die Lebenskraft entscheidet als Erlebniskraft über Tatkraft undSchaffenskraft. Gott allein ist Leben ohne Tod. Es gibt keine andere über Tod, Entartung und Verderbnis triumphierende Lebensenergie als die Gottes, der als das schöpferische Leben unendlicher Kraft alle Lebenskreife beherrscht.

Das Leben wird um so tätiger, je mehr Lebensgebiete und Lebenskräfte in den Umfang seines Erlebens aufgenommen werden. Das Leben muß um so mehr verkümmern, je enger der Kreis der Erfahrungen wird. Das Erleben Gottes um-

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schließt die Universalität und Totalität seines allgewaltigen Wirkens. Sein schöpferischer Geist ist ebenso extensiv, wie er die absolute Intensität ist. In das ganze Herrschaftsgebiet des Allmächtigen will uns Jesus einführen. Für das Leben aus Gott ist das Eine entscheidend, ob man Gott ganz oder nichts, ob man den ganzen Christus oder nur schwache Reflexe seines Bildes aufnehmen will. Der Glaube, den Gott wirkt, geht aufs Ganze. Oder er ist nichts.

Nur der ganze Christus für ein ganzes Leben verändert und erneuert alles. Ein halber Jesus für ein halbes Leben ist Irrwahn und Lüge. Der Geist des Lebens duldet keine Auswahl von Richtlinien oder Glaubenselementen, die sich ein eigenwilliger Geist aus der Wahrheit Gottes heraussuchen will. Die Wahrheit ist unteilbar. Christus läßt sich nicht zerlegen. Wer nicht in allen Dingen dieselbe Haltung einnehmen will, wie Jesus sie in geschlossener Ganzheit bewährt hat, hat ihn verworfen. Keine noch so künstliche Begründung seines halbherzigen Verhaltens schützt ihn vor dem Urteil: "Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich".

Wer wohl dies und jenes von ihm hören, lesen und erfahren will, zugleich aber alles ihm unmöglich Erscheinende durch abschwächende Auslegungen auszutilgen versteht, wird mit seinem ganzen noch so christlich erscheinenden Lebensbau Zusammenstürzen. Deshalb muß Jesus sagen, daß alle, die die Worte seiner Bergpredigt hören, ohne sie zu tun, Bauleuten gleichen, die auf fließendem Untergrund bauen. Ihr Gebäude ist von vornherein verloren. Es erliegt dem ersten Ansturm der feindlichen Gewalten.

So trägt Jesus seinen Gesandten auf: "Lehret alles halten, was ich euch geboten habe". Wer ihn liebt, hält sein Wort. Wer an ihn glaubt, tut alles, was er gesagt hat. Wer auch

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nur einen vermeintlich kleinen Teil seiner lebendigen Weisungen übergehen will, kann sein Leben nicht ausnehmen. Das Wesen des Lebendigen ist organische Einheit. Das Leben Jesu ist unteilbar. Es versagt sich ganz oder es schenkt sich ganz. Es ist lebendige Einheit, wer Jesus zerschneiden will, vergreist sich an seinem Leben. In seiner mörderischen Hand, die nach dem Leben greisen wollte, bleibt nichts als Totes zurück.

Der ganze Christus will der Gegenstand lebendiger Erfahrung, der ganze Christus will der Inhalt lebendigen Tuns sein. Sein Leben ist Ganzheit und Geschlossenheit, die sich mit nichts vermischen läßt, was außerhalb seiner Lebensgrenze steht. Das bedeutet, daß ihm alles zu weichen hat, was seiner Lebenseinheit und ihrer lebendigen Aufgabe zuwider ist. Das wahre Leben bekämpft das unechte Leben. Wo Christus sein Gottesleben entfaltet, löscht er alles andere Leben aus. Neben seiner völligen Liebe kann keine andere Liebe bestehen. Mit göttlicher Eifersucht vertilgt er jedes andere Bild, das wir - nur allzu oft als verfälschtes "Christusbild" - neben ihm aufstellen wollen.

Bernhard von Clairvaux weiß vor achthundert Jahren von dieser Erfahrung zu bezeugen: "Wenn Jesus zu mir kommt, oder vielmehr, wenn er in mich hineinkommt, so kommt er in der Liebe, und er eifert um mich mit göttlichem Eifer." Der ganze Christus will uns ganz. Er liebt die Entscheidung. Er liebt seine Feinde mehr als seine halbherzigen Freunde. Er haßt seine Verfälscher mehr als seine Antipoden. Was er verabscheut, ist das Laue, das farblos Graue, das Dämmerlicht, das verschwimmende alles vermischende zu nichts verpflichtende fromme Gerede. Das alles fegt er hinweg, so oft er naht.

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Er kommt zu uns, wie er ist. Er geht mit seinem ganzen Wort in uns ein. Er offenbart sich unserem Herzen in ganzer Geschlossenheit. In seinem kommen erfahren wir die ganze Macht seiner Liebe und die ganze Kraft seines Lebens. Alles andere ist Trug und Lüge. Jesus Christus naht niemandem in der Flucht einiger vorübergehender Eindrücke. Er bringt für immer das ganze Reich Gottes, oder er gibt nichts. Nur wer ihn ganz und für immer aufnehmen will, kann ihn erleben. Ihm ist es gegeben das Geheimnis des Reiches Gottes zu wissen. Jedem anderen verhüllt er sich in unerkennbaren Bildern. Wer außerhalb der völligen Hingabe steht, hört Gleichnisse ohne die Sache zu verstehen, die sie deuten. Mit sehenden Augen sieht er nichts. Mit hörenden Ohren faßt er nichts. Wer nicht das Ganze haben will, verliert das Wenige, das er zu haben meint.

Die Erfahrung Jesu Christi ist Bewährung oder sie ist Täuschung. Sie erweist sich als wahr, wenn sie den ersten Ursprung, den ganzen Weg und die letzte Zukunft Jesu Christi mit ausharrender Beständigkeit festhält. So besteht sie bis ans Ende. Die unüberwindliche Liebe des Geistes strömt in der Erkenntnis des ungeteilten Christus ohne Unterbrechung an Einsicht und Erfahrung über. Sie erfüllt das Leben mit der Frucht beständiger Gerechtigkeit; denn Christus, der ganze Christus, ist ihre Gerechtigkeit.

Die Lebenshaltung beweist, ob diese Glaubenserfahrung die Grundlage des Lebens bildet. Der Vater Jesu Christi ist der Schöpfergott. Jedes Erlebnis Gottes bedeutet gestaltende Kraft. Wo Leben aus Gott ist, ersteht die Lebensgestaltung, die dem vollen Bild Jesu Christi und damit dem Reich Gottes entspricht. Je schwächer das Leben ist, um so weniger Gestaltungskraft vermag es zu entfalten. Der Unter-

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schied zwischen vorübergehenden nur die Oberfläche streifenden Wahrnehmungen und einem tief grabenden beständigen Erfahren und Erleben beweist sich in der kraft der Wirkung. Wo Gott wirkt, geht er in die Tiefe und greift zugleich in die Weite. Er tut es als gestaltende kraft.

Wie manche reifen im eilenden Wagen durch alle Lande und streifen die Schönheiten der ganzen Welt. Ihre Augen überfliegen alle Eindrücke. Aber nichts wird ihnen zu eindringlicher Erfahrung. Ihr Leben ist unendlich viel ärmer geblieben, als das mancher Nachbarn, die nicht mehr gesehen haben als die Wiese und den Wald vor der Stadt, in denen aber jedes Aufblühen und Verwelken der Blumen und Bäume wie jede andere Regung der Natur zum befruchtenden Erleben geworden ist.

In den Städten der Menschen sehen die einen auf ihrem dahinfliegenden Gefährt nichts als die täuschende Außenseite des Lebens, während andere geringer geachtete Mitmenschen in der Freude der Liebe, in der täglichen Arbeit und in der Not der Welt die erschütternde Wirklichkeit erkennen und in den Todeskern wie in die Lebensmöglichkeit des Daseins eindringen. Das wahre Leben ist das umfassende Bewußtsein, das in die tiefe Wesenhaftigkeit der Dinge und Geschehnisse einzuschauen und zugleich in alle Weiten auszuschauen vermag. Es trägt das Leid der Welt. Es hungert nach Gerechtigkeit. Denn es hat Herz und ist Herz. Es ist Gottes Herz.

Bei den einen haben die überwältigenden Eindrücke der Weltnot, des Krieges und der ihm folgenden Katastrophen nichts anderes als Abstumpfung des Gewissens bewirkt, während die neuen Augen der anderen die wirkliche Gegenwart und die wahrhaftige Zukunft sehen, die ihnen vorher

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verschlossen war. Der neue Blick verändert das Leben und belebt das Wirken. Nur wer das Wesen aller Dinge und aller Geschehnisse bis auf den Grund auszunehmen vermag, nimmt die Erfahrung des Lebens auf, deren Wirkung bleibend ist. Wie der Geschichte werdende Gotteszorn, wie er über die heutige Welt dahinsegt, in alles erschütterndem Erleben das letzte Innerste treffen und das ganze Leben bewegen will, so gilt dieselbe Anforderung der Wahrheit noch stärker für das Erleben der Liebe, die in Christus Jesus als in dem Herzen Gottes erschienen ist.

Wir können von dem Wort und Leben Jesu noch so viel gehört und gelesen haben, wir können dem Buchstaben nach noch so viel davon zu sagen wissen, - wenn nicht der Geist und das Wesen seiner Liebe das ganze Leben bis ins Letzte ergreift und umspannt, so führt die tote Kenntnis zum Verderben. Der Buchstabe tötet. Der Geist macht lebendig. Sein Leben ist Liebe. Wenn die Wahrheit nicht als Wesenhaftigkeit der Liebe zum alles bestimmenden Element des Lebens wird, so tötet ihre Macht das Gewissen ab. Ohne die Liebe stirbt das neue Leben, ehe es geboren ist. Die Wahrheit wirkt tötlich, wenn ihre lebendig machende Wirkung verworfen wird. Wer sich gegen die alles verändernde Macht ihres lebendigen Wesens verhärtet, muß an der Wahrheit sterben.

An den Wirkungen ist es zu erkennen, ob die Erfahrung wesentlich oder nichtig, ob sie Leben weckend oder ertötend gewesen ist. Jedes Erlebnis des unverfälschten Christus bedeutet Energie, die sich als solche im Leben erweist. Durch Erneuerung des Sinnes wird eine Umwälzung und Veränderung bewirkt, in der wir uns selbst und alles andere aufgeben, um allein Gott und seinem Reich zu dienen. Die

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Wirkung beweist es, ob unsere Erfahrung Gott erlebt hat oder ob sie im Schleier der Maja haften blieb. Denn Gott hat eine kraft des Lebens und der Liebe, deren die Kreatur niemals fähig ist. Die Erfahrung Gottes bewirkt eine übermenschliche Liebe, weil sie das Leben Gottes bringt. Sie ergießt sich ins Herz. Der heilige Geist überbringt ihre göttliche kraft.

Erfahrung Gottes bedeutet kraft zum Wirken. Es gibt keine Liebe, die nicht im Tun lebendig wäre. Das Erleben Gottes ist als Leben der Liebe das Erlebnis der kraft. Als Befreiung von aller ungerechten, liebeleeren und eigenmächtigen Tätigkeit macht sich eine Fülle von Kräften frei, die zur fruchtbarsten Auswirkung der lebendigen Liebe gelangen. Die Liebe Gottes wird innerlich erfahren und entfaltet sich nach außen. Um so mehr müssen wir die Wirksamkeit der Liebe betätigen, je mehr der Glaube an Erkenntnis, Erfahrung und kraft gewachsen ist. Das Erleben Gottes ist die Übermacht der Liebe.

Die Folgen des Krieges und der jetzigen Weltlage erfordern eine kraft der Hingabe, wie sie nur in Christus lebt, wie sie allein im Herzen des mächtigen Gottes Jesu Christi gegeben ist. Der Not zu steuern, das Leid zu mindern wird nur einem Herzen möglich sein, das von der Übermacht der Liebe Gottes erfüllt ist. Nur in der kraft des allgewaltigen Gottes kann die heutige Last einer geschichtlichen Verantwortung getragen werden, die alle menschlichen Kräfte übersteigt. Um die jetzt so verwüstete Welt mit der Herrschaft Gottes und der Botschaft des Christus zu durchdringen, bedarf es der vollkommenen Kraft der übermächtigen Liebe, die jede Größe und alle Macht übersteigt.

Mitten in der zunehmenden Gewalt der Ungerechtigkeit,

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mitten in der weithin ausgebreiteten Herzenskälte und Grausamkeit unserer Zeit soll die Liebe offenbar werden, die höher ragt als alle Berge der Erde, die reiner und Heller erstrahlt als alle Gestirne des Himmels, die gewaltiger unmächtiger ist als das Erbeben der Erde und der Ausbruch aller ihrer Vulkane, die größer ist als alle Weltmächte und herrschenden Gewalten, die stärker auf alle Geschichte einwirkt als alle Katastrophen, Kriege und Revolutionen, die lebendiger ist als alles Leben der Schöpfung und ihrer gewaltigsten Mächte. Über aller Natur und in aller Geschichte erweist sich die Liebe als die letzte Macht des Allmächtigen, als die letzte Größe seines Herzens, als die letzte Offenbarung seines Geistes.

Das Erleben Gottes ist die Liebe, die alles überwindet, was ihr entgegensteht. Sie ist die Kraft der neuen Schöpfung. Sie ist der Geist der kommenden Gottesherrschaft. Sie ist das alleinige Element des neuen Aufbaus. Sie ist der Vorbote der neuen Zeit. Sie ist die organische Kraft der Einheit. Sie ist der Aufbau der neuen Menschheit. Die Gemeinde Jesu Christi ist es, deren Einheit diese Liebe verwirklicht. Ihr Aufbau ist die Sammlung. Wer nicht mit ihr sammelt, der zerstreut. Ihr Leben ist die Vereinigung. Wer an ihrer Vereinigung nicht teilnimmt, bleibt im Tode. Der Leben wirkende Geist Jesu Christi richtet ihr Werk mitten in der Zeit des Untergangs auf. Hier wird in Christus Gott erlebt. In der Gemeinde der völligen Liebe bringt der Geist Gottes das Christusreich der völligen Gerechtigkeit auf die Erde. Das Erleben Gottes bedeutet die Herrschaft Gottes in der Gemeinde Jesu Christi.

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Der Gottesfriede.

Das unbedingte Lebensbedürfnis des Menschen verlangt nach umfassender Universalität und allseitiger Harmonie. Das unmittelbare Lebensgefühl empfindet die organische Einheit aller Geisteskräfte und Willenskräfte als das dem Menschen gesetzte Leben. Die wirkliche Lebenserfahrung erweist jedoch kleinliche Beschränkung, disharmonische Zersplitterung, unorganisches Durcheinander und Gegeneinander der Geister und ihrer Strebungen als das heutige Schicksal einer unfriedlichen Menschheit. Man hat kein einheitliches Lebenszentrum, von dem das gesamte Denken und Wirken ausstrahlen könnte. Es fehlt die gemeinsame Rückbeziehung auf einen lebendigen Mittelpunkt, von dem die wirksame Einheit bestimmt sein müßte, wenn das Leben sich in einheitlicher Kraft als Leben erweisen sollte. Die wirksame Einheitlichkeit des Lebens ist dem einzelnen Menschen wie der Menschheit als solcher verloren gegangen.

Ein klares Gewissen könnte den Frieden nur dort anerkennen, wo er in einer Tätigkeit lebendig wäre, deren harmonische Auswirkung die ganze Lebensfülle umfaßt. Wenn die Einheitlichkeit des lebendigen Seins sich nicht in bewegter Betätigung und reicher Mannigfaltigkeit beweist, kann weder von Friede noch von Harmonie die Rede sein. Nur der Kirchhofsfriede des Todes kennt unbewegte Ruhe und lautlose Stille. Das Leben aber ist mannigfache Wirklichkeit und bewegte Tatkraft, wo der lebendig machende

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Geist des Gottessriedens die Menschen erfüllt und vereinigt, betätigt er seine unendliche Kraft in einer Wirksamkeit der Liebe, die ebenso vielseitig wie einheitlich, ebenso bewegt wie geschlossen, ebenso mannigfach wie ganz und ungeteilt ist. Der Friede Gottes ist die lebendig wirksame in unendlichem Reichtum bewegte Harmonie des vollkommenen Lebens. "Wer mich findet, findet das Leben," lautet seine Offenbarung.

Das Leben Gottes ist die Liebe. Deshalb ist er der Gott des Friedens. Er ist der Wille der Einheit. Die höchste und größte Macht des Allmächtigen bringt in Jesus Christus als in der Offenbarung seines letzten Willens einen Frieden, wie ihn keine Welt bieten kann. Jesus bringt den Frieden Gottes zu den Menschen. Das Aufleuchten des Angesichts Gottes in Jesus Christus gibt den Frieden, der innerster Friede des Herzens, Landfriede der Gerechtigkeit und Waffenfriede der Feindesliebe ist. Der Friede Gottes ist die Einheit seines schöpferischen Geistes, der die Zerrissenheit des Menschen und der ganzen Welt in Gottes neu zu schaffende Friedenseinheit bringen will.

Wenn Gott sein Volk mit Frieden segnet, so wird man niemals allein an den Seelenfrieden und ebenso wenig ausschließlich an den Waffenrieden denken dürfen. Der Friede mit Gott bewirkt die neue Ordnung eines Friedensreiches, die sich nach innen und nach außen durchsetzt. Der Friedefürst Gottes, der im Lande des Friedens gebietet, macht die Treue und die Gerechtigkeit zur Grundlage des Friedens. In seiner Herrschaft küssen sich Gerechtigkeit und Friede. Wo Gott heilt und gesund macht, gewährt er vollkommenen Frieden auf dem Boden der Treue und des Glaubens. Wer seinem Geist folgt, sagt mit dem Propheten:

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"Solange ich lebe, soll Friede und Treue herrschen". Die Beständigkeit des Gottesfriedens erfordert Treue der Gesinnung und Lebenshaltung bis ans Ende.

Gott schafft den Frieden auf der Grundlage einer Gerechtigkeit, die ihrem Wesen nach zu nichts anderem als zum Frieden dienen kann. Der Herrscher des Friedens weiht und heiligt den Menschen und das menschliche Leben durch und durch zu seiner völligen Reinheit und Einheit. Er fordert die Hingabe des Lebens und aller seiner Güter. Seine neue Gerechtigkeit läßt die Elenden und Armen das ihnen verloren gegangene Land ererben, in dem ihre Freude in großem Frieden bestehen foll. Ohne die Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden. Ohne daß das Land der Erde den Armen zurückgegeben wird, bleibt die Gerechtigkeit auf der geraubten Erde verloren. Die Gerechtigkeit für die der Erde beraubten Elenden fordert das gute Werk, daß alles herausgegeben wird, was sich der Eigenwille gegen Gottes willen angeeignet hat. Die Gerechtigkeit Gottes überwindet den Eigenwillen und das Eigentum. Das Eigene des Menschen ist das Hindernis der Gotteseinheit. Der Friede Gottes tritt in dem Tun des Guten an die Stelle des Bösen, das den Unfrieden bringt.

Allen denen und nur denen, die Gutes tun, indem sie alles der Liebe hingeben, gehört der Friede. Er entströmt der Barmherzigkeit Gottes. Er offenbart sein Herz. Wo sein Friede herrscht, ist alles vollauf gut. Der Weltfriede Christi richtet für alle Menschen und für alle Dinge die Ordnung der Liebe und der Gerechtigkeit auf. Der Gottesfriede soll als die Zukunft des Reiches Gottes sowohl die Zustände der großen Welt, wie die Verwaltung der Heimatgemeinden aufs völligste beherrschen und durchdringen. Er tut es von

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der Einheit der Gemeinde Jesu Christi aus als von der Einheitlichkeit des innersten Lebens aus. Der Friede Gottes offenbart die einheitliche und unendliche Kraft des Herzens Gottes in der Gemeinde Jesu Christi. Seine alles überwältigende Übermacht will alle Dinge und alle Wesen zur Gotteinheit durchdringen und beherrschen.

Wenn Gott spricht "Friede sei mit dir!", wenn der Auferstandene seinen Jüngern "Frieden" überbringt, wenn die ersten Christen und alle gewaltigen Christusbewegungen des Mittelalters und der Reformationszeit einander den Frieden angesagt haben, so müssen wir die Freude und Sicherheit, die Gewißheit und die Kraft erkennen, die in dieser Mitteilung der Einheit Gottes gegeben ist. Der Friede Gottes bringt die Gnade Jesu Christi und die Kraft des heiligen Geistes. Er umschließt die gesamte Übermacht der Gottes-Herrschaft, die als die Einheit des schöpferischen Geistes alles Geschaffene zu Gottes Einheit heranbringen will. Wer an die alles überragende Macht Gottes glaubt, ist für den Sieg seines Friedens mit Mut und Sicherheit erfüllt. Der Glaube an den Frieden Gottes ist Tapferkeit des siegesgewissen Herzens.

Der Friede steht im Gegensatz zur Furcht. Denn er überwindet als die Einheit des Gotteslebens die Furcht vor der Auflösung des Todes. So wurde Gideon der Friede als Mut zum Leben angesagt: "Fürchte dich nicht, du wirst nicht sterben!" Der Unfriede gehört zu dem Reich des Todes. Der Friede läßt das Leben über den Tod triumphieren. Der Unfriede trägt die Furcht des Todes. Der Friede ist die Freiheit für das tapfere Leben der Gerechtigkeit. Der Unfriede ist die Knechtung unter die Ungerechtigkeit und die in ihr begründete Todesangst. Alle Kriegsrüstungen werden

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mit der Gefährdung der Sicherheit begründet. Sie verweisen auf die Angst vor Bedrängnis und Gefahr. Sie fürchten Unfreiheit und Ungerechtigkeit und bringen doch selbst nichts anderes als ungerechte Knechtung. Auch der Unfriede des Existenzkampfes als des Einzelkampfes ums Dasein rührt aus der Schwäche und aus der Furcht. Auch er bewirkt nichts anderes als Unfreiheit und Ungerechtigkeit. Wer sich fürchtet, ist ohne die Vollendung der Liebe.

Die Lebensangst ist es, welche den Menschen verwehrt, Frieden zu halten und Gerechtigkeit zu wirken. Wo die Schwäche der Furcht durch die Macht der Liebe aufgehoben wird, tritt die Kraft des bleibenden Friedens auf. Sie bewirkt den Aufbau ewiger Gerechtigkeit. In der Liebe ist keine Furcht. Die völlige Liebe verjagt die Angst. Ein Waffenstillstand, der die Heere aus Furcht vor der Wiederaufnahme der Feindseligkeiten in Bereitschaft liegen läßt, darf nicht Friede genannt werden. Ein "wehrhafter" Friede ist un wahrhaftiger Friede. Wahrhaftiger Friede ist nur dort, wo seine Herrschaft, wie es dem Hause David zugesagt wird, ewiglich und immer bleiben soll. Nur der ewige Friede ist wahrhaftiger Friede.

Nur Gott beherrscht die Ewigkeit. Der Mensch regiert nicht die kleinste Spanne der ihm gesetzten Zeit. Es gibt keinen anderen Frieden als den Gottesfrieden. Alle Friedensbeschlüsse der Völker und ihrer großen Kongresse und Konferenzen haben immer wieder vom ewigen Frieden sprechen müssen. Sie wissen, daß ein vorübergehender Friede bedeutungslos ist. Und dennoch meistern sie ihn nicht. Die bedeutsame Schrift Imanuel Kants vom Jahre 1795 trägt von der Warte seines reifsten Alters aus die kennzeichnende Überschrift "Zum ewigen Frieden", wie der Quäker William

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Penn hundert Jahre vorher den Frieden für Europa als einen ebenso gegenwärtigen wie zukünftigen Frieden gefordert hatte. Beide verweisen auf den göttlichen Charakter des Friedens. Nur das vollkommene Leben hat kein Ende. Dem Sterblichen und allem seinem Beginnen ist eine kurze Frist gesetzt. Nur der Gottesfriede und das Reich seines vom Tode erstandenen Friedefürsten nimmt niemals ein Ende. Das Menschenwerk hat Gottes Werk zu weichen: "Wenn seine Herrschaft groß wird, nimmt der Friede kein Ende."

Beständiger Friede kann nur von der unsterblichen Ewigkeit her gewährleistet werden. Mit zeitlich bedingten Kräften kann er niemals aufgerichtet werden. Nur die unendliche Kraft Gottes kann Einheit aufbauen und Frieden bewahren. Alles Sterbliche verfällt der Auflösung und Zersetzung. Der Tod muß vom Leben überwältigt werden, wenn Einheit des Lebens gewonnen und erhalten werden soll. Wenn es heißt, daß Gott sein Volk mit Frieden segnen wird, dann wird zugleich zugesagt, daß er die Kraft geben wird, die Gottes ewige und unveränderliche Macht ist. Gott ist das Leben. Gott ist die Kraft. In der Kraft seines Lebens ist er der Gott des Friedens.

Als schöpferische Kraft ist Gott das wirkende und schaffende Leben der aufbauenden Einheit. Seine Freude am Frieden ist die Lust an der tätigen Wirksamkeit. Sie fördert die Arbeit gegenseitiger Hilfe. Sie will die Werte schaffende Gemeinschaft des Werkes. Der Gottesfriede beruht auf der schöpferischen Gerechtigkeit. Friede ist Gotteswerk. Ohne den Schöpfer ist kein Friede in der Schöpfung. Wie es keinen äußeren Frieden ohne den inneren Frieden der sozialen Gerechtigkeit gibt, wie es ohne die Gemein-

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schaft schaffender Arbeit keine Gerechtigkeit geben kann, so gibt es ohne Gott keinen Frieden. Gott allein ist die Liebe. Nur die tätige Auswirkung seines Liebesgeistes schafft Frieden.

Gibt man den Unterdrückten und Armen nicht alle Möglichkeiten und Gotteskräfte gegenseitiger Hilfe, beschenkt man sie nicht selbst mit allen Kräften und Gütern dieser Hilfe, so soll man vom Frieden schweigen. Friede ist gegenseitige Hilfe tätiger Gottesliebe. Wo diese Kraft nicht wirksam ist, bleibt alles tot und friedlos. Wer nicht den tätigen Frieden des liebenden Gemeinschaftswerkes aufbaut, dessen nach außen gerichtetes Friedensgerede ist falsche Prophetie. Es kann nicht Friede werden, was er Frieden nennt. Es fehlt die Sache des Friedens: Der Aufbau der Einheit in der Kraft gegenseitiger Hilfe.

Als zu David, dem König Israels, fremde Gesandte von Friede sprachen, sagte er ihnen: "Wenn ihr im Frieden zu mir kommt, was nur heißen kann, mir zu helfen, so soll mein Herz mit euch sein." Nur die Betätigung gegenseitiger Hilfe, nur die Aktivität des gegenseitigen Dienstes ist lebendiger Friede. Der tote Friede, der in nichts anderem als in der Negation wie etwa in der Beseitigung des Krieges besteht; die Friedensforderung, die sich darin erschöpft, daß man keine Waffen tragen und keine Menschen töten soll, ist eine leere Nichtigkeit. Dasselbe gilt von der Behauptung eines Herzensfriedens, der sich auf nichts anderes berufen kann als auf die Löschung der Qualen innersten Unfriedens.

Der Gottesfriede bringt die Kraft des Lebens Gottes. Er bringt die Macht seiner Liebe. Er besteht im wirksamen Dienst. Er lebt in handelnder Tat. Zu dem ersten Ruf "Die

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Waffen nieder!" gehört das zweite Wort "An die Werkzeuge!" "Lasse vom Bösen und tue das Gute!" Wende dich vom Kriege ab und baue mit allen Kräften am Gemeinschaftswerk des Friedens. Friede ist Werk und Aufbau.

Der Friede wird geboren, indem der Leib der Gerechtigkeit ans Licht gebracht wird. Die Gemeinde Jesu Christi ist der Organismus dieses Leibes in Gerechtigkeit, Friede und Freude des Geistes. Deshalb sagt der Psalmist beides: "Die Berge sollen den Frieden bringen; die Hügel sollen die Gerechtigkeit herantragen! Zur gegebenen Zeit wird dir Gerechtigkeit aufgehen. Mit ihrer Sonne bricht der Tag des großen Friedens an." In Jesus ist der Tag angebrochen. In Christus naht er aufs neue. Der Friede ist gewährleistet, wenn die Gerechtigkeit aufleuchtet.

Der Liebe soll das Land erschlossen werden. Die Friedenseroberung der Erde geschieht in der Jetztzeit vom glaubenden und denkenden Herzen aus durch die Gemeinde. Wenn in den Mauern der Stadt Friede herrschen soll, muß für alle der rechte Rat tätiger Gerechtigkeit gefunden werden. Die Stadtgemeinde Gottes verwaltet den Rat des Friedens. Wer den Gottesfrieden will, muß die Gedanken des Friedens denken, die Gottes Gedanken sind. Die Gemeinde ist die Trägerin des Herzens Gottes in den Gedanken Jesu. Aus den die Wahrheit Jesu denkenden Herzen ersteht der Rat der Liebe und die Tat des Werkes: Wo Gott wirkt, ist Glaube. Der Glaube ist Tat. Der Glaube wirkt Liebe. Die Liebe weiß Rat. Die Forderung Jesu, daß wir das scharfe Salz der Wahrheit bei uns zu tragen haben, zielt auf den Frieden ab, den die Glaubenden untereinander haben und der Welt überbringen.

Die Wahrheit räumt mit der Unordnung des Unfriedens

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auf, damit die Ordnung des Friedens erstehe. Der Gott des Friedens will als Gott der Ordnung die unorganische Zerspreitung unserer Gedankenwelt, er will die frieeewidrige Mißordnung aller dinge unserer Welt beseitigen. Die Menschen können ohne Jesus Christus den Weg des Friedens nicht finden, weil sie ihn nicht kennen. Und sie kennen ihn nicht, weil ihre Gedanken auf die auseinander laufenden Wege des Unfriedens gerichtet sind. Über die Grundbedingungen wahrhaftigen Friedens sind sie ebenso im Unklaren, wie über seine notwendigen Auswirkungen.

Wenn wir alle anderen Pfade als auseinanderbringend und zum Untergang führend erkennen und meiden sollen, wenn wir den Schritt auf den Weg des Friedens setzen sollen, wenn wir mit dem Frieden in der Hand zu friedlosen Menschen gehen sollen, so muß uns der Geist der Weisheit die ganze Wahrheit erschließen, die in Gottes Einheit verborgen liegt. Unser Herz muß im Licht der Wahrheit unerbittlich wahrhaftig werden, wenn unser Leben der Weisheit des Friedens nachkommen soll. Nur der Aufrichtigkeit wird durch die Wahrheit der Gottesfriede gegeben. "Schaue nach dem, was aufrichtig ist, dann wirst du Frieden haben."

Nur dem Aufrichtigen wird Weisheit gegeben. Nur der Weisheit erschließt sich der Weg des Friedens. So oft Gott vom Frieden redet, spricht er gegen den Unfrieden als gegen die Torheit. Die Lebensweisheit Gottes ist es, dieden Frieden sucht. Neid und Streit sind die Kennzeichen der Torheit als der irdischen, seelischen und teuflischen Weisheit, die nichts als Unordnung und Böses mit sich bringt. Die von Gott kommende Weisheit bringt den Frieden. Denn sie ist voller guter Taten der Barmherzigkeit. Ohne Heuchelei wendet sie sich unparteiisch allen Menschen zu. Gottes Weisheit um-

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faßt alles. Solange wir uns der Besamtheit des Ganzen entziehen, solange wir in kleinlicher Weise das Einzelne und Vereinzelte in den Vordergrund stellen, bleiben wir in zerrissener Unwahrhaftigkeit und Zerrüttung. Wir stehen im Unfrieden. Wir versinken im Unwesentlichen. Wir verharren in der Torheit. Wir bleiben im Tode.

Wer ausschließlich von seinem Seelenfrieden reden will, wer nicht mehr vom Frieden weiß, als daß er diesem und jenem Einzelnen sein Seelengefühl übermitteln will, wer nicht den ganzen Gottesfrieden des letzten Reiches vertreten kann, bleibt in der beschränkten Torheit als in dem niederziehenden Sumpf der Vereinzelung. Dasselbe gilt von dem entgegengesetzten Fehler des Friedensfreundes, der ohne den Frieden mit Gott und ohne die soziale Gerechtigkeit völliger Gemeinschaft vom Weltfrieden spricht, der ohne den Kampf gegen die Geister des Unfriedens, ohne Feindschaft gegen das Eigentumswesen des Mammons, ohne die Gegnerschaft gegen die Lüge gesellschaftlicher Unechtheit und ohne den Geisteskrieg gegen die Untreue der Unreinheit "Pazifismus" will. Das Leben beider Abwege vertritt den Unfrieden, der auf der Torheit als auf der Abstumpfung gegen die alles umfassende Wahrheit beruht.

Friede ist Wirklichkeit in der Treue der Weisheit. Das Reich Gottes ist die Vereinigung der Liebe mit der Wahrheit. Deshalb ist die Einheit äußeren Friedens mit innerer Gerechtigkeit der vollkommene Wille der Liebe Gottes. Nur jene Herzen haben Frieden, nur jene Menschen bringen und bewirken ihn, die die ganze Wahrheit lieben. Gottes Wahrheit bringt Weisheit und Aufrichtigkeit. Denn sie wirkt die völlige Liebe. Die Liebe ist die letzte Wahrheit. Sie bringt den Frieden.

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Menschen können nur dann Frieden halten, wenn sie die Wahrheit Gottes im Herzen tragen, wenn sie in Aufrichtigkeit seiner völligen Liebe nachleben. Allein die Wahrheit in der Liebe als die Liebe in der Wahrheit ist das, was den Frieden bewirkt. Wenn wir tun, was Gott uns aufträgt, werden wir in der Wahrheit der Liebe allen Menschen Salz und Kraft, Güte und Hilfe bringen. Güte und Treue in der Liebe der Wahrheit gewährleisten den Frieden.

Aus den Gedanken des Guten wird der Friede geboren. In seiner Kraft will man für alle und für alles das Gute. Ein Herz, das Schlechtes denkt, betrügt sich selbst und alle anderen um den Frieden. Es wird unglücklich und verbreitet das Unglück. Wer aber durch das Gute zum Frieden wirkt, bringt die Freude des Lebens zu den Menschen. Gut ist allein die Liebe, die aus der Wahrheit kommt. Schlecht ist alles, was gegen die Liebe verstößt, die die Wahrheit Gottes und seines Weltalls ist. Wer die Gedanken des Guten für alles und für alle mit der niemals versagenden Kraft völliger Liebe vertritt, verwirklicht den Gottesfrieden, der die letzte Wahrheit des göttlichen Ratschlusses ist.

Der Friedefürst heißt zugleich der wunderbare Ratgeber, der Starke Gottes und der ewige Vater. Das Reich, das auf den Schultern des Menschensohnes ruht, ist die Herrschaft des Friedens, weil es den Rat der Weisheit, die Kraft der Stärke und die Göttlichkeit des Vaters Jesu Christi in sich trägt. Der Schöpfer der neuen Schöpfung ist es, der das Gotteswerk des ewigen Friedens aufrichtet. Gottes Ratschlag führt den Frieden als das Reich seiner Herrschaft herauf.

Die Ruhe und Sicherheit, die Gottes Haushalt des Friedens mit sich bringt, gibt Freiheit für die Hingabe an die Aufgabe.

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Wenn die Hände vom Verteidigungskampf frei sind, sollen sie für den Aufbau der Gottesstadt gerührt werden. Wenn der Faustkeil nicht als Waffe gebraucht wird, dient er als Werkzeug. Wenn die Glieder nicht mehr in die Kämpfe der Ungerechtigkeit eingesetzt werden, arbeiten sie für die Gerechtigkeit. Das allein ist die Menschwerdung der Menschheit. Die Treue hingebender Arbeit ist der Gottesfriede tätiger Gemeinschaft.

Der Friede Gottes ist strömend wirkende, ist wehend schaffende, ist allgewaltige Kraft. Er allein vermag alle Mühlen menschlicher Arbeit in Gang zu bringen. Er ist dem gewaltigen Strom übertretender Wasser vergleichbar, dessen Tiefe und Bewegtheit mit überwältigender Macht die größte Leistung vollbringt. Wer den Wohlstand des Volkes, wer den Aufbau der Stadt, wer die Gesundung der menschlichen Gesellschaft, wer fruchtbare Arbeitsgemeinschaft an Stelle der zerstörenden Arbeitslosigkeit vor Augen hat, muß den Frieden wollen, wie Gott ihn will. Nur im Frieden gibt es schaffenden Wohlstand nach innen und außen. Der Friede ist als Gemeinschaftsarbeit einer völlig einigen Gesellschaft die alleinige Position innerer und äußerer Wohlfahrt.

Die Liebe ist als Gottesfriede das Band der Vollkommenheit, das alles das zu völliger Hingabe und gemeinsamer Tätigkeit vereinigt, was zersplitternd auseinander gebrochen war. Für alle noch so ungleichartigen Dinge will der Gebieter des Friedens in mannigfacher verschiedenheit Einheit begründen und Einheit erhalten. Für die Lösung aller noch so entlegenen Fragen haben die Friedenswirker den Gottesfrieden zu vertreten. Das innerste Wesen Gottes offenbart eine Kraft, die alles bewältigt. Sie übersieht nichts. Sie läßt nichts liegen. Sie wendet sich allem zu. Gottes Herz ist die größte

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Macht aller überirdischen Welten. Es ist die umfassendste Kraft aller ewigen Kräfte. Seine Friedensherrschaft wird von einem Meer zum anderen, von der einen äußersten Grenze bis zu den letzten Flüssen der anderen Grenze reichen.

Allen, die nahe sind, und allen, die ferne sind, verkündigt Jesus den Frieden. Sein Friede gehört zu der Waffenrüstung seiner Sendung, in der man zu weiter Wanderung beschuht sein muß, um die Gesandtschaft seiner Wahrheit in alle Lande tragen zu können. Die Botschaft des Friedens ist eine kämpferische Aufgabe, die alle Länder durch die Waffen des Geistes für Gottes Herrschaft erobern soll. Nur für diesen Auftrag will der Herrscher und Feldherr des Friedens mit uns sein. Wie sein Friede in der Entscheidungsschlacht der aufgeopferten Seele Jesu begründet wurde, so sollen auch wir bereit sein, im Kampf für den Frieden das Leben zu lassen. Wer nicht im Kampf der Wahrheit zu fallen bereit ist, kann nicht für den Frieden leben.

Als Jesus seinen Gesandten den Auftrag gab, das herannahen der Herrschaft Gottes zu verkündigen, sollten sie jedem zu ihrer Aufnahme geöffneten Hause die Kraftwirkung des Friedens ansagen. Mit der vollen Unbedingtheit der Wahrheit Gottes kam ihr Friede über das Haus, das sie besuchten. Sollte das Haus nicht willig und bereit sein, so mußte der Friede wie eine Schleuderwaffe wieder zuden Händen der ihn aussendenden Krieger der Friedensarmee zurückkehren. Der Friede ist die Salzkraft des Feuers, er ist die Geisteswaffe des Reiches Gottes. Er ist das Schwert des Geistes.

Der Friede ist das Flammenauge der Armeen Gottes. Er ist der Kriegsgesang seiner Heerscharen: "Ehre sei Gott in der Höhe! Es sei Friede auf Erden für die Menschen des guten Willens!" In der Kraft dieses Friedens zog der Messias-

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könig in die Mauern Jerusalems ein. Nicht das Streitroß für eine auf beiden Seiten blutige Schlacht bestieg er. Das Reittier der Armut und des Friedens trug ihn, als ihn der Zuruf begrüßte: "Heil dem, der im Namen des Herrschers kommt! Friede ist mit ihm!" Wehrlos zog er seinem Tode entgegen. Siegend opferte er sein Leben der Gründung des Friedens. Der Friede Jesu Christi trägt den unmörderischen Kampf vollkommener Geistesherrschaft gegen die Gewalt des blutigen Schwertes in alle Welt. Wer den Friedenskonig erblickt, geht im unbefleckten Frieden in sein Reich ein, wenn er auch wie erden erschreckenden Todesstrom durchschreiten muß.

Der Gottesfriede ist todesmutiger und sieghafter Kampf des Geistes wider den Ungeist teuflischen Unfriedens. Der Gott des Friedens will den Satan in kürzester Frist unter die Füße des Geistes zertreten, wie Jesus die Todeswaffen des Feindes in wehrloser Hinrichtung zerschlagen hat. In der Durchführung des äußersten Kampfes bis in den wehrlosen Tod richtet er den Frieden auf. Er kommt nicht, um jene schlaffe Kampflosigkeit zu bringen, die man Frieden zu nennen pflegt. Er bringt das scharfe Schwert des Geisterkampfes, der seine Geistesträger dem Tode opfert, ohne seine Feinde zu töten.

Jesus ging in den Tod, um den Frieden zu bringen. Er tötete niemanden. Er wurde getötet. Wehrlos und ohne Schonung seiner selbst ließ er seinen Leib am Holz zerbrechen, um aus feindlichen Völkern ein einziges einiges Volk des Friedens zu machen. Er hob in seinem Tode die Feindschaft der Volker auf, um die eine einzige einheitliche Menschheit zu schaffen. Im Todeskampf seines sterbenden Leibes hat er der Menschheit ihren neuen Leib als seinen lebendig

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einheitlichen Organismus des Friedens gegeben: die Gemeinde Jesu Christi.

Wer diesem neuen Leib der Einheit angehören will, muß bereit sein, von Feindeshand denselben Gisftkelch anzunehmen, in dieselbe Bluttaufe feindlichen Todesgerichts untergetaucht zu werden, dieselbe feindselige Ermordung zu erleiden, wie Jesus den schimpflichsten und grausigsten Tod erlitten hat. Wer für den Frieden Gottes leben will, muß ohne Schonung seines eigenen Lebens denselben Todeskampf auf sich nehmen, den Jesus für das Reich des Friedens bis zum Ende durchgeführt hat. Deshalb erschrickt das Menschenherz in erbebender Furcht, wenn der Auferstandene mit den Zeichen des Todes vor ihm steht und ihm seinen Frieden mit dessen scharfer Sendung übergeben will.

Der kämpferische Friede Jesu Christi ist der Menschheit unbekannt. Die Menschenwelt kennt nichts anderes als die mörderische Waffenrüstung des Hasses oder die unlautere und unschöpferische Weichlichkeit eines kampflosen Friedens, der keine Einheit hervorzubringen vermag. Sie kennt nur die blinde Wut des Massen mordenden Kriegszustandes oder die Unwahrhaftigkeit der falschen Prophetie, die für die Schonung des eigenen Lebens sorgen will, ohne einen wirksamen Frieden vertreten zu können.

Weil sie nicht wissen will, welche Opferwege zum Frieden führen, fehlen der Menschheit die bis ins Letzte durchdachten Gedanken des göttlichen Einheitswillens. Nur das letzte Opfer des wehrlosen Lebens in rückhaltloser Bekämpfung alles dessen, was die Einheit des schaffenden Friedens verhindern will, erweist die ungeheuchelte Wahrhaftigkeit, auf deren Boden der Friede ersteht. Das Herz des vollendeten

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Opfers ist die alleinige Kraft, die als größte Macht aller Welten den Frieden heraufzuführen vermag.

Das völlige Opfer der für die Einheit kämpfenden Liebe erfordert innerste Reinheit des Herzens für die einheitliche Reinheit der gesamten Lebenshaltung. Weil das Todesopfer Jesu die Seele eines reinen Lebens verströmte, weil er einen unbefleckten Geist unvermischter Gottesliebe den händen des Vaters übergeben konnte, siegte er als der Reine über den Todesfürsten der unreinen Geister. Die Reinheit sühnt und muß auferstehen. Ungesühnte Unreinheit führt zum Tode und verbleibt dem Tode. Ein unreines Leben könnte auch durch sein Todesopfer keinen Frieden erkämpfen. Die Einheit erfordert Reinheit.

Die ungezügelten Lüste der Jugend bringen den tötlichen Unfrieden der unreinen Geister. Sie untergraben das Vertrauen und zerstören die Treue. Sie lösen den Zusammenhang des Lebens auf. Der Friede der lebendigen Einheit vermag nur in der reinen Luft vertrauender Treue zu leben. Die Atmosphäre des Lebens und aller lebensfähigen Gemeinschaft ist Reinheit, Vertrauen und Treue. Wer seine Kraft für den lebendigen Frieden einsetzen will, muß die Heiligung erjagen, welche die Weihe des gesamten Lebens für Gottes reine Sache ist.

In dem Duldmut und in der Demut des Opfers Jesu Christi ist die Reinheit einer der Lebenseinheit Gottes geweihten Lebenshaltung verborgen. Sie will unser Leben erobern. Sie soll unserem Leben in seinem reinen Geist unvermittelt geschenkt werden. Der Gottesfriede ist unmittelbar mit der unverdienten Gnade eins. Allein das unmittelbare Geschenk Gottes kann es bewirken, daß unser Leben in jedem Augenblick unbefleckt und unsträflich im Frieden angetroffen wird.

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Was Gottes unmittelbares Eingreifen schenkt, wirkt unbedingten Frieden. Gottes Herz ist Friede. Alle Gaben seines Geistes sind Gaben des Friedens, die der reinen Lebenseinheit seiner Gemeinde dienstbar sind.

Das Haus Gottes trägt den Frieden. Es duldet keinen Hausfriedensbruch, keinerlei Arger und Zank im Inneren und keinen haß und keine Feindschaft nach außen. Jeder Unfriede ist aus diesem Hause verbannt. In ihm wohnt die Freude an allen Schenkungen Gottes als die Freude an allen Gegenständen seiner Liebe. Wo Gott das frohe Herz der alles umfassenden Liebe verleiht, sammelt sein Friede das Volk in schaffender Einheit. Wo Gott die Gerechtigkeit des Glaubens wirkt, gibt diese als Gerechtigkeit Gottes den Frieden mit Gott als seinen Friedenswillen für alle Menschen. Die Gesinnung des heiligen Geistes, der die Glaubensgemeinde erfüllt, ist Leben aus Gott als Friede mit Gott und als Friede für alle Menschen. Die Frucht, die der Geist der Gemeinde bewirkt, ist Friede durch die Liebe, weil sie die Freude des Gotteslebens ist.

Der Friede ist die Tochter des Glaubens. Wie der Glaube übersteigt der in ihm geborene Friede alle menschliche Vernunft. Als Geburt des Geistes Jesu Christi bewahrt er die Herzen und Sinne in Jesus Christus. Was die Gedanken und Forderungen der Vernunft niemals können, vermag die Einheit, die der Geist Gottes erzeugt. Der Glaube empfängt sie, wie es in Maria geschah. Was geboren wird, ist hier wie dort der Leib Jesu Christi. Die Gemeinde der Geistesgeburt aus dem Glauben ist Gottes Einheit des schöpferischen Geistes. Sie übersteigt als solche alles Menschliche. Sie hat die Kraft, das Herz des Glaubenden zu regieren und zu bestimmen. Vom glaubenden Herzen aus bringt sie den Frieden

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in alle Welt. Wie die Geburt Christi, so geschieht jede Berufung der Gemeinde Gottes in der Einheit des Friedens. Ihre Wege sind nichts als Friede, wie der Friede unter allen Völkern das Ziel des ganzen Wirkens Jesu Christi war und ist und bleibt. Deshalb ist es die Seligkeit der von Gott gezeugten Söhne und Töchter, Frieden zu schaffen, nichts anderes als Frieden zu bewirken. Dem Frieden gehört das Reich Gottes.

Gott selbst ist in seinen Söhnen und Töchtern, denn als Friedenswirker tragen sie den Segen Gottes. Weil sie Gottes Befehle ausrichten und zu seiner Freude leben, setzen sie alles daran, mit jedermann Frieden zu halten, obgleich sie wohl wissen, daß der Friede der Erde nur die Frucht des Glaubens an Christus sein kann, obgleich sie volle Klarheit darüber haben, daß ohne dessen Gottesgeburt die Gottlosen, solange sie dem Leben fern bleiben, keinen Frieden halten können. Wie das Ziel aller Worte Jesu die Lebenseinheit mit Gott und der Friede unter allen Völkern ist, bieten seine Gesandten allen Menschen den Frieden als den Weg des Lebens an.

Der Friede ist die Verkündigung der Gesandten Jesu Christi. Er beherrscht alle Gebiete ihres Lebens und alle Bezirke ihres Wirkens. Wie Christus der Gebieter und König des göttlichen Friedens ist, wie er das alles umfassende Reich ewigen Friedens in seiner mächtigen Hand hält, tragen auch sie den Namen des Friedefürsten. Sein Reich besteht ihnen nicht in machtlos friedlichen Worten, sondern in der Kraft der Friede wirkenden Einheit. Sie erfahren die Kräfte seiner zukünftigen Friedenswelt. Von der Friede wirkenden Gegenwart des Gemeindegeistes ausgesandt, tragen sie die Macht des Friedens in alle Welt. Deshalb kämpfen sie um alle die

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Dinge, die zum Frieden dienen. Sie bemühen sich um jede Besserung aller Verhältnisse zum heiligen Aufbau des Gottesfriedens.

Als Glaubenshoffnung und Zukunftserwartung ist ihnen der Friede die Sache gegenwärtiger Kraft. Als größte Hoffnung der Zukunft ist ihnen der Friede die Summe aller Ratschläge und Ratschlüsse Gottes. Gott als der Beherrscher ihrer Zukunft, Christus als ihre Erwartung des Kommenden, der heilige Geist als die offenbarende Kraft aller zukünftigen Dinge erfüllt sie mit gewissester Freude und unantastbarem Frieden. Ihr Friede steht über allen Bedingtheiten des Augenblicks. Denn er kommt von dem, der da ist, der da war, und der da kommt.

Wie die neue Gemeinde und ihre prophetische Sendung hat die ganze Prophetie des alten Bundes den Frieden als die Zukunft Gottes verkündet, in der jeder Krieg und alle Feindschaft ihr Ende finden. Die alte Prophetie und die neue Prophetie sind eines. Was die Propheten des alten und des neuen Bundes der blutenden Menschheit zu bringen haben, ist das Gottesreich des Gottesfriedens. Der Bund des Friedens, den Gott aufrichtet, soll die Raubtiernatur aller herrschenden Gewalten beseitigen. Die tierische Wildheit und Bosheit wird aus dem Lande des Friedensreiches gänzlich verbannt.

Die Opfernatur des Duldmutes siegt über die Raubtiernatur der Vergewaltigung. Anstelle der listigen Beschleichung und gewalttätigen Tötung tritt die Regierung des Lammes. Die ihr Leben hingebende Liebe des neuen Menschen tritt an die Stelle der Leben mordenden Ungerechtigkeit und Gottesentfernung des alten Menschen, der von dem ersten Adam und dem ersten Brudermörder her das Menschenbild eingebüßt

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hatte. Zu der letzten Menschwerdung der Menschheit führt ein Menschensohn, der der letzte Adam heißt. Die ganze Seele der Bibel ist von dieser Gewißheit erfüllt. Alle Wege ihrer Gottesgeschichte führen die Menschheit zu diesem Ziel. Es ist das Ziel Gottes in aller Geschichte der Menschen.

Das Buch der menschheitsgeschichtlichen Offenbarung Gottes beginnt mit Frieden und endet im Frieden. Die innersten Tiefen der Bibel, ihres Lebens und ihrer Seele sind Friede und bleiben Friede. Überall führt der Verlust der Gottesgemeinschaft zu mörderischem Unfrieden. Aber niemals erlischt der Morgenstern der kommenden Friedenseinheit. Nach dem Bruch mit dem ersten Friedensreich des menschlichen Ursprungs erfolgt sofort der Schritt zum Brudermord, der nicht gerächt werden darf. Das Geschlecht des Brudermörders schreitet zur Städtegründung. Die großstädtische Gemeinsamkeit des Hochbaus von Babel führt zu schwerster Verwirrung, Zerspreitung und Kriegsspannung der Völkergegensätze. Die Empörung gegen Gott hat überall Erhebungen der Völker zu Aufruhr und Krieg zur Folge. Das Herz Gottes offenbarte sich dennoch nach seinem alles überflutenden Gericht über eine unorganische seinem Geist widerstreitende Menschheit von neuem in der Aufrichtung des Friedensbundes unter den Farbenzeichen des Wolkenbogens.

Der Vater des Glaubens wird von einer geheimnisvollen Priestergestalt einheitlicher Friedensherrschaft zum Friedefürsten geweiht. Der patriarchalische Glaube wendet sich stets von neuem dem Frieden zu, weil der Glaube Abrahams, Isaaks und Jakobs als Glaube an den einen Gott sich als Kraft der Einigung bekunden muß. Deshalb ist der beste Segen dieser Erzväter des Gottesvolkes wie der spätere Segen seines ersten Verföhnungspriesters Aaron der Frie-

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denssegen. Obgleich der erste Hohepriester der Kriegszeit des Gesetzgebers angehört, gipfelt sein Segen in dem Frieden, den der letzte Hohepriester verwirklichen sollte: "Jehova setze, wirke, gebe dir Friede!" Durch Moses kommt das Gesetz zum Volk. Mit dem Gesetz greift das Schwert und der Krieg ein. Durch das dem verlangenden Volk im Zorn Gottes gegebene Königtum gewinnt die israelitische Kriegsmacht ihren Höhepunkt. Aber trotz aller Kriegslieder ersehnt das Herz der Volkspsalmen und Königslieder den Frieden, der von Gott kommen soll.

Die Propheten verkünden den Frieden als die Gabe der Gerechtigkeit, die vor Gott besteht und von Gott aus die ganze Welt besetzen soll. Mitten in dem Sturm und in der Brandung erschütterndster und verderblichster weltgeschichtlicher Ereignisse steht die unantastbare prophetische Friedensbotschaft wie ein Fels, der nicht zerbrochen werden kann. Der kommende Helfer und Führer des Gottesvolkes wird den Sturm des tosenden Völkermeers zu stillen wissen. Als Friede der Menschen erhält er für uns den Namen: "unser Friede". Vor der Kraft und Wahrheit seines Friedens vergeht jede Täuschung. Der alttestamentliche Prophet sieht in den ihn umgebenden Zuständen den schreienden Gegensatz zu der Gottesgerechtigkeit des kommenden Friedenskönigs. Seine richtende und rettende Gerechtigkeit muß als wirkende Liebe und als durch sie erwirkter Friede alles Unheil der Jetztzeit ohne Schonung durchhellen und überleuchten.

Wenn es um Gott geht, geht es um seine Schöpfung. Wo der Gottesfriede auftaucht, wird der Mensch an der Wurzel menschlichen Unfriedens getroffen. Die menschliche Ungerechtigkeit, die sich als sozialer Unfriede offenbart, ist als Feindschaft gegen Gott das Hindernis des Friedens, das rücksichts-

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los enthüllt und gekennzeichnet werden muß. Wer sich an den Menschen versündigt, frevelt an Gott. Der Geist des Friedens fordert Gerechtigkeit. Der göttliche Geist der Prophetie greift das soziale Leben an der Wurzel seines Giftbaumes an. Er enthüllt das wirtschaftliche Unrecht, wie schmachvoll der hart arbeitende Mensch, aller Lebensinhalte beraubt, zum Unfrieden verdammt ist.

Durch die Hand des Arbeiters werden unverdiente Vorrechte gespeist. Ungerechte Vorrechte sind es, die den Unfrieden nähren. Der Klassenhochmut und Kastengeist entmenscht und entgeistet das Volk. Die Ungerechtigkeit, die Mensch gegen Mensch tagtäglich verüben, empört den Gott des Friedens wider die Menschheit bis zur höchsten Glut seines Zornes. Die Wertung der Menschen nach Geld und Geldeswert wird durch die Propheten Gottes in ihrer ganzen Verderbtheit enthüllt. Alle werden für den Zustand und die Lage derer verantwortlich gemacht, denen kaum eine Menschenwürde, kaum eine Lebensfreude und nirgends ein Friede übrig bleibt. Von der Liebe der menschlichen Gesellschaft verlassen, sind sie dem Unfrieden preisgegeben.

Gegen die Abstumpfung und Entartung der Menschenliebe als gegen die Verderbnis des sozialen Gewissens richtet sich die Prophetie des Friedens. Gegen den liebeleeren Eigentumswillen steht der Prophetismus auf. Gegen den Herrschaftshochmut und Versklavungsgeist richtet der Friedensprophet seinen Kampf. Der rücksichtslose Besitzwille und die kalte Geldliebe der Reichen, die geschäftliche Übervorteilung der Unterdrückten fordert die Propheten des Friedens auf den Kampfplatz des Geistes. Der prophetische Geist ruft zum Bruch mit allen Dingen der Gewalt und des Reichtums auf. Niemand gilt dem Propheten als ehrlich, der in seinem

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Hause Güter ansammelt, die zum Schaden anderer durch Taten der Gewaltsamkeit angehäuft wurden.

Der prophetische Geist zieht alle die zur Verantwortung, die durch ihr Urteil den Armen und Niedrigen unterdrücken und zertreten Helfen, indem sie dem Reichen gegen die Besitzlosigkeit Recht geben. Jeder Luxus wirkt sich nach dem Wort des Propheten Amos auf Kosten der Bedürftigen aus. Die kostbare Wohnungs - Ausstattung ist wie das reiche Essen und Trinken in weiten Räumen nur durch Vergewaltigung der Notleidenden möglich. Nur durch Bedrückung der Bedürftigen kann die Wohlhabenheit ihr reiches und bequemes Leben führen. Andere Propheten schleudern ihr Wehe gegen die Feinde des eigenen Volkes, deren Kleider und Möbel durch Pfändung armer Leute zusammengebracht wurden: "Ihr reißt den Leuten die Haut vom Leibe und das Fleisch von den Knochen." "Ihr nährt euch vom Fleisch meines Volkes."

Der Prophet deckt den schändlichen Frevel des üblichen Planens auf, wie man neue Felder und neue Häuser zur Festigung und Vergrößerung des eigenen Vermögens gewinnen könne. Jesajas ruft sein "Wehe"' über alle aus, "die Haus an Haus reihen, Feld an Feld rücken, bis für die anderen kein Platz mehr bleibt". Schon Moses hatte das Wort des Herrn: "Mein ist das Land." "Mir gehört die Erde." Sie darf kein Erbgut des Eigentums sein. Wie der Landbesitz wird der Geldzins als Gottlosigkeit entlarvt. Sie sind die beiden Hände des gierigen Mammon. Hesekiel verurteilt alles Nehmen von Zinsen durch das ihm von Gott gegebene Wort: "Mich hast du vergessen!"

Derselbe Prophet spricht es aus, daß die Gerechtigkeit Gottes nur dort wirksam wird, wo man niemanden durch Geldforde-

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rungen oder karge Lohnsätze bedrückt, wo man für seine Schuldforderung keine Verpfändung vornimmt, wo man sein Brot den Hungrigen gibt, wo man mit seinen Kleidern den frierenden kleidet, wo man nicht auf Zinsen ausleiht und von niemandem Zins annimmt, wo man also sein Eigentumsrecht an die Liebe weggegeben hat.

Alle Propheten wollen die wirtschaftliche Knechtung besiegt, die Sklavengespanne losgelöst, die Erniedrigten in die Freiheit geführt, die Wandernden ins Haus geleitet, die schlecht Angezogenen neu eingekleidet sehen. Hosea bringt die prophetischen Forderungen auf den einen kurzen Ausdruck: "Halte auf Liebe und Recht und warte beständig auf Gott!" Alle Propheten wissen es, wessen es zu dem allen bedarf: Ein neuer Geist muß über die Menschen kommen. Auch über die Unterdrückten und Erniedrigten muß der Geist Gottes ausgegossen werden, wenn ihre Not gewendet werden soll. Mit einem soll es beginnen; und auf alle soll es kommen: Der Gott der Gestirne und ihrer Heerscharen, der seine Herrschaft auf der Erde antreten wird, hat seinen Geist auf den Einen gelegt, dessen Gerechtigkeit niemals ermatten wird, bis sie als der Friede auf der ganzen Erde fest gegründet sein wird.

Mit Gerechtigkeit wird der Geistesträger die Geringen und Elenden beurteilen und zu schützen wissen. Mit dem Wort der Gerechtigkeit wird er die Gewalttätigen zu schlagen wissen. Er heißt: "Gott ist unsere Gerechtigkeit." Seine Gerechtigkeit wird den Frieden bringen. Wenn er sein Recht sprechen wird, werden die Schwerter und Spieße zu Werkzeugen friedlicher Arbeit umgeschmiedet werden. Kein Volk wird gegen das andere die Waffen erheben. Niemand wird sich zum Kriege vorbereiten. Der König der Gerechtigkeit wird

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die Streitwagen und Kriegsmaschinen gänzlich ausrotten; denn das ganze Land wird von der Erkenntnis Gottes bedeckt sein, wie der Meeresboden von den Wassern der See. Jahrhunderte überschallt der prophetische Ruf der Gerechtigkeit als das vorauseilende Echo des kommenden Friedens. Jahrtausende überbringen die prophetische Norm des Friedens für die Erde und ihre Menschheit. Diese Stimme ist vernehmlicher als das brüllende Stampfwerk aller Kriege der Welt. Der nahende Tag des Friedefürsten ist größer als alle Ruhmestage aller Geschichte. Das Menschenwerk kommt zum Stillstand! Gottes Werk kommt über die Menschheit! Der alle umfassende Endfriede kommt über die zerrissene Gesamtheit! Das Werk Gottes greift in die Tiefe und umspannt die Weite! Unmittelbar bricht es herein! Mitten im Zusammenbruch steht der Friedensmann auf, ohne den es zu keinem Frieden kommen kann.

Dem Friedensmeister folgen die Friedensleute. Sein Charakter ist das Lebensblut ihrer Friedensordnung. Sein Geist beseelt ihre Einheit. Es ist der Geist für die kleinen Leute und gegen die großen Tyrannen. Es ist der Geist des Friedens gegen den Krieg. Der Friedensritt auf dem ärmsten Reittier rottet die Reiterei aus, zerbricht die Kriegswaffen und eröffnet den Landfrieden. Der Friedensreiter gibt die Gefangenen frei und erlöst die Unterdrückten. Seine Majestät des Gottesfriedens ist von den fürstlichen Gestalten der Gerechtigkeit, der Wohlfahrt und der den Armen aufstrahlenden Huld umgeben.

Kein Waffenfriede ohne soziale Gerechtigkeit! Kein Prophet kennt einen Abrüstungsfrieden, keiner von ihnen kennt eine Umwandlung der Mordwaffen zu Kulturwerkzeugen ohne die soziale Erneuerung und Vereinigung, welche den Ge-

16 Arnold, Innenland

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brauch aller Werkzeuge und aller ihrer Produkte den Armen zurückgibt.

Schon der Prophet Moses hatte es verkündigt: "Es soll niemals und nirgends ein Armer unter euch sein!", obgleich er wohl wußte, daß es Arme in der Welt geben wird, solange die Ungerechtigkeit nicht bis aus den letzten Rest aus ihr verschwunden ist. Nur wo die Kräfte der Gesamtheit für den Frieden gesammelt sind, nur wo der Herzensfriede aller Volksglieder die Bruderliebe zu uneingeschränkter Geltung bringt, kann die Armut aus der Öffentlichkeit verschwinden. Weil Jesus den Herrschaftsantritt der Liebe nahen sah, konnte und mußte er sagen: Glück den Armen! Wehe den Reichen!

Ganz nahe ist die Majestät Gottes an das Land der Erde herangekommen! Huld und Treue, Gerechtigkeit und Wohlfahrt küssen sich! Die Treue entspringt aus dem Erdboden! Die Gerechtigkeit schwebt vom Himmel herab! Von dem Innersten des Menschen aus dringt der Friede in alle Lande vor, weil er wie der Blitz von der höchsten Höhe Gottes her auf die Erde herniederfährt. Er tut es als Gerechtigkeit. Er wird es als Klarheit und Einfachheit. Er ist es durch die Liebe der Brüderlichkeit und der Billigkeit. Die lodernde Flamme der herniederfahrenden Leuchtkugel verzehrt den Unfrieden.

Die Beseitigung des Reichtums ist der Friedenseroberung ebenso zu eigen wie die Niederwerfung der Waffengewalt. Gegen die unerhörte Gewalt beider Mächte tritt der sie überwältigende Glaube auf. Bei den Armen begegnet er tieferem Verständnis. Dort ist der Wille zum Frieden am stärksten. Dort ist er echt, wenn die Armut an Gütern mit dem Hunger und Durst der Geistesarmut vereinigt ist. Das

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Gottesreich will als Brüderlichkeit und Billigkeit alle die in völliger Einheit verbinden, welche mit hungernden Herzen nach der Gerechtigkeit verlangen. Deshalb muß der Reichtum und seine Übersättigung abgebaut werden.

Deshalb fordern die Propheten mit unbeugsamem Nachdruck, daß jeder pomphafte Aufwand in Kleidung, Wohnung und Geselligkeit bis auf den letzten Rest beseitigt wird. In allen Dingen soll äußerste Schlichtheit aufgebaut werden. Die Einheit erfordert Einsalt und Einfachheit. Der Stil der Einheit trägt die Schönheit der einfachen Linie. Anders kann kein sozialer Friede erreicht werden. Der Kreis und die Gerade sind die Symbole der sammelnden Liebe und ihrer wahrhaftigen Wahrheit. Wenn keiner mehr aufwendet als es die anderen tun, wenn niemand die Gestaltung des Lebens in Eitelkeit verschnörkelt, werden alle in die Gemeinschaft leuchtender Klarheit hineingezogen. Wenn Vorrecht und Überfluß aufgehoben werden, ist die Gerechtigkeit durchgebrochen.

Die soziale Ungleichheit zerstört durch ihre gesellschaftliche Klüftung den Gemeinsinn. Sie zersetzt jede Möglichkeit der Gemeinschaft. Sie muß mit aller Schärfe des Geistes angegriffen werden, wenn die Sache des Friedens vorwärts gebracht werden soll. Luxus und Geiz, Eigentum und Reichtum sind die Wurzeln des Unfriedens. Deshalb rennt der Beginn der großen Prophetie in Amos aufs schonungsloseste die ungleiche Verteilung der Glücksgüter an, worin ihm in derselben Schärfe Hosea und alle anderen Propheten gefolgt sind.

Was für die Wurzel gilt, umfaßt ihre Früchte. Die Gewalttat der Tötung und ihres Waffenkrieges ist und bleibt als die bitterste Frucht der Ungerechtigkeit der Gipfel des Un-

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friedens. Deshalb muß Jesajas für das Recht des Friedens feststellen: "Der Gewalttätige hat ein Ende". Der Friede der Christusgerechtigkeit wird kein Ende nehmen. Die Weltreiche werden als kriegsreiche alle miteinander vernichtet werden. Reich, Gewalt und Macht über alle Dinge unter dem ganzen Himmel werden dem heiligen Volk des Höchsten gegeben werden. Denn es ist das Volk des Friedens und der Gerechtigkeit. Die Weltreiche mit ihrer Raubtiernatur werden ohne Unterschied hinweggeräumt, ob ihr Wappenschild den Adler, den Löwen, den Bären oder andere Raubtiere tragen mag. Der Menschensohn ist gekommen, die Werke des Teufels zu zerstören.

Die Stunde der Entscheidung naht: "Fordere von mir, so will ich dir die Völker zum Raub geben, der Welt Enden zum Eigentum." "Die Völker werden sich freuen und aufjauchzen, daß du die Welt recht richtest, daß du es bist, der die Leute auf Erden regiert." "Singet unter den Völkern, daß der Herr König sei; er richtet die Völker recht." "Der Himmel freue sich und die Erde sei fröhlich. Der Herr ist König. Im Reich dieses Königs liebt man die Gerechtigkeit. Er hilft den Elenden herrlich."

Der neue Bund nimmt diese Verkündigung auf und verwirklicht sie, wie es Hesekiel vorausgesagt hatte: "Ich will ein einiges Volk aus ihnen machen im Lande; sie sollen allesamt einen einigen König haben; sie sollen nicht mehr in zwei Völker noch in zwei Königreiche geteilt sein." In Christus wird Wirklichkeit, was Jesajas gesagt hatte: "Du Elende, über die alle Wetter gehen: Ich will alle deine Kinder großen Frieden lehren. Man soll in deinem Lande keinen Frevel mehr hören, von keinem Verderben hören in deinen Grenzen." An der Gemeinde Jesu Christi erfüllt sich, was Jere-

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mias sagt: "Es kommt die Zeit, daß die Stadt des Herrn nimmermehr zerrissen wird.'"

Der Geist der neuen Gemeinde sagt es durch Petrus: "Verändert euch von Grund auf. Wendet euer Leben um. Eure Sünden müssen vertilgt werden. Die neue Zeit der Erquickung strahle herein! Sie kommt von dem Angesicht des Weltengebieters! Die kommende Zeit ist es, die den Herrscher sendet. Euch wird er vorher angesagt. In himmlischer Kraft wartet Jesus Christus, bis die Zeit gekommen ist, zu welcher alles herangebracht wird, was Gott von Beginn der Welt her durch den Mund aller seiner heiligen Propheten angesagt hat."

Jesus Christus ist das Ziel der Menschheitsgeschichte. Die alles überschauende Prophetie Gottes kündet seinen endgiltigen Frieden an. In ihm wird alle Feindschaft gelöscht, jeder Krieg niedergelegt und aller Streit zum Aufhören gebracht. Christus ist der erste Anfang und das verjüngende Ende der von Gott geschaffenen Menschheit. Er ist der erste und der letzte lebendige Buchstabe des göttlichen Friedensplanes. In Jesus neigt sich der bisherige Lauf der Menschheitsgeschichte seinem alles erneuernden Abschluß zu. Die längst ersehnte endlich in ihm herankommende Einheit des Friedens ist es, die die völlig andersartige, die gänzlich neue Gottesherrschaft heraufführt.

Das Reich Gottes naht. Der Wille Gottes soll endlich zur Geltung kommen. Am Verborgenen des Herzens wird das Geheimnis des Namens offenbar. Das erste und letzte Anliegen Jesu in seinem gesammelten todesbereiten Lebenswillen erfleht nichts anderes als dies Eine: die Ehre Gottes als die Ehre seines Herzens. Das in ihm erschienene Herz Gottes ist es, dem Jesus die Zukunft geweiht weiß.

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Alle, die in Christus an die Zukunft des Gottesherzens glauben, sind von nun an in jeder Gegenwart und an allen Plätzen dem vollkommenen Friedenswillen hingegeben. So zeigen die ersten Bitten des Vaterunser für das innerste Begehren des engsten Jesuskreises die Friedensprophetie des alten Bundes in der Erneuerung letzter Absolutheit: Den Namen! Den Willen! Das Reich!

Alles, was Jesus sagt und tut, bringt die Verwirklichung der prophetischen Friedensherrschaft. Sein Werk bestätigt die Wahrhaftigkeit aller prophetischen Versprechungen. In der Gemeinde Jesu Christi erfüllt sich die von der Prophetie verkündete Bundesgemeinschaft nicht anders als in seinem kommenden Reich. Das alte prophetische Wort hat die messianische Friedensherrschaft angebahnt. Aus allen Völkern strömt nunmehr die kommende Bürgerschaft des Friedensreiches zusammen. Um Christus sammelt sie sich. Die ganze Welt wird von der Gemeinde aus zu der allgewaltigen Heiligkeit vollkommenen Friedens aufgerufen.

Das alte Volk Gottes ist und bleibt der Ausgangspunkt für das neue Volk der Einheit. Jedoch in Jesus sind alle nationalen Schranken gefallen. Sein Reich ungehemmter Einheit verbreitet sich über alle Nationen. Der zersplitternde Zeitgeist der Weltgeschichte wird angesichts des sammelnden Zukunftsgeistes bedeutungslos. Alle nationalen Abgrenzungen sind von der Gemeinde aus für immer aufgehoben. Die in Christus geweihten Erben der alten Bundeseinheit breiten die Gebäude des Friedens über die ganze Erde aus. Denn Gott gehört alles Land. Jesus hat seine Friedensherrschaft von der anderen Welt her in die Menschenwelt eingeglüht.

Der Glutgeist der alten Friedensprophetie kommt in Jesus

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Christus für alle Zukunft zur vollendeten Auswirkung. In der Gegenwart hebt es an: Der prophetische Friede dringt in der Gemeinde Jesu Christi als gegenwärtige Liebe, als gegenwärtige Gerechtigkeit und Wahrheit bis zur letzten Konsequenz vor. Wie alle Propheten kennt ebenso Jesus keinerlei Ausgleich der zerstörenden Gegensätze. Seine prophetische Wahrheit weiß von keiner Vermittlung durch Zugeständnis und Nachgiebigkeit. Er ist nicht irenisch im Sinne des Kompromisses. Sein Friede schließt keinen Vertrag mit dem Unfrieden. Er kennt keine Synthese mit dem feindlichen Gegensatz. Er vernichtet den Unfrieden. Seine Gegnerschaft gegen dessen Wurzeln bleibt unerbittlich.

Rücksichtslos schleudert er das siebenfache Wehe gegen die heuchlerischen Zerstörer aller wahrhaftigen Einheit. Ihre Antwort ist mörderisch. Die vollkommene Friedenserscheinung Jesu Christi und seiner Gemeinde muß, der prophetisch wahrhaftigen Voraussage entsprechend, von sämtlichen Mächten der Weltwirtschaft und von jeder Staatsregierung mit schärfster und tötlichster Gewalt bekämpft werden. Der umso fester und klarer erglühende Charakter des unbedingten Friedens liefert seine Träger dem flammenden Schwert der Gegner wehrlos an die Hand. Die Bergrede Jesu vertritt als schärfste Prophetie des Friedensreiches den alle Tode erleidenden Widerstand des Friedenswillens. Gegen die friedensbrecherische Gewalt der ganzen Welt hält sie den passiven Widerstand des Kreuzes: Das Kreuz gegen das Schwert!

Das Kreuz aber ist der Radikalismus der Liebe. Der Friede der Bergpredigt geht den Dingen an die Wurzel. Er schenkt der Liebe den letzten Rest von Eigentum bis auf Hemd, Rock und Mantel. Sein Friedenswille gibt die ganze Ar-

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beitskraft ungeteilt an die totale Gemeinschaftlichkeit völliger Einheit. Seine Aufopferung schreitet gelassen zur Verdoppelung der Wegstrecke und Arbeitszeit, so oft es die Liebe gebietet. Seine Friedensgemeinde liegt ohne Urlaub im aktiv schöpferischen Generalstreif gegen die gesamte sie umgebende Ungerechtigkeit des öffentlichen Unfriedens. Jesus kennt in diesem Bruch mit allem Bestehenden keinerlei Rechtsstandpunkt berechtigter Ansprüche. Er läßt seine Gemeinde keine Prozesse führen. Er läßt sie in keinem Gericht sitzen. Er gebietet ihr, jede Religionsübung zu unterlassen und abzubrechen, so oft es die brüderliche Vereinigung erfordert, so oft es um die Aufrichtigkeit der brüderlichen Einheit geht. Die Erhaltung und Wiederherstellung der Liebeseinheit stellt er gegen den unechten Kultus ungeeinigter Frömmigkeit.

Die Bergrede Jesu gibt unbedingten Auftrag und umfassende Vollmacht, der Gewalt des Bösen niemals den geringsten Widerstand zu leisten. Nur so kann der Böse zum Guten gemacht werden. Der Liebeswille Jesu läßt sich lieber zweimal schlagen, als daß er ein einziges Mal einen Schlag erwiderte. Die Liebe geht über alles. Sie läßt keine andere Regung zu. Auch in der Ehe hält sie die Treue und bekämpft jede Trennung und Scheidung. Sie beherrscht das verborgene Gebet als Vergebung. Sie bestimmt das öffentliche Verhalten als absoluter - auch den Feind, ja ihn insbesondere - umfassender Liebeswille völliger Versöhnung. Anstatt jemals Fluch und haß, Beleidigung und Feindschaft allein oder in Gemeinschaft erwidern zu können, kennt sie nicht die geringste Teilnahme an Feindseligkeit, Streitigkeit und Kriegführung. Durch keine feindliche Gewalt läßt sich die Liebe beeinflussen. Durch keine Wandlung der Situation kann die

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Haltung Jesu oder seines Nachfolgers verändert werden. Was auch geschehen mag: Er tut nichts als lieben, nichts als Friede üben, nichts als Gutes erwünschen, Gutes erbitten und Gutes wirken, wo der Friede Jesu Christi wohnt, erlischt der Krieg, zerschmilzt die Waffe und vergeht die Feindseligkeit. In Jesus ist die Liebe schrankenlos geworden. Sie ist zur Alleinherrschaft gelangt.

Hier endlich wird die Gerechtigkeit des prophetischen Ansatzes vollkommen verwirklicht. Die Gerechtigkeit Jesu Christi ist besser als die aller Moralisten und Theologen, besser als die aller Sozialisten, Kommunisten und Pazifisten. Denn in ihr strömt der Lebenssaft der lebendigen Zukunstspflanzung völligen Friedens. Hier wirkt die SalzKraft des innersten göttlichen Wesens. Hier erstrahlt das Licht des Gottesherzens als das Leuchtfeuer der Stadtgemeinde. Deren Türme verkünden Freiheit, Einheit und Hingabe. Hier will und tut man für alle, was ein jeder für sich selbst ersehnte. Hier sammelt niemand ein eigenes vermögen. Hier erkaltet kein Herz in eisiger Angst und Sorge um die Existenz des eigenen Durchkommens. Hier herrscht der Friede der Liebe.

Hier sind alle Bürger ohne Ablenkung auf das Eine Ziel, auf Gottes Wille und Gottes Herrschaft, auf Gottes Herz und Gottes Wesen gesammelt. Hier steht keiner im Gegensatz zum anderen. Hier verurteilt man niemanden. Hier drängt man keinem etwas auf. Keiner wird verachtet. Niemand wird vergewaltigt. Und dennoch herrscht die Liebe als Wahrheit. Dennoch weiß man an der Frucht der Tat das Wesen des Innersten zu erkennen. Man ist sich hier völlig im Klaren, daß ein so entschlossener Gemeinschaftswille den schärfsten Kampfwillen der ganzen Umwelt auf den Plan ruft. Der sammelnde Zusammenschluß völliger Einheit wird als

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Provokation aufgenommen. Als volkswidrige Menschenfeindschaft und als aufreizende Exklusivität empfunden, wirkt er empörend auf alle, die sich mit der Masse weder fähig noch willig wissen, den Ruf einer so völligen Gemeinschaft anzunehmen. So kommt es zum unvermeidlichen Zusammenstoß. Niemand kann ihm entrinnen.

Die lebendige Gemeinschaft der Herzen in fest gefügter Sammlung aller Arbeitskräfte und Lebensgüter erscheint als vollendeter Gegensatz zur Lebenshaltung der ganzen Welt. Diese Tatsache muß besonders überall dort erbittern, wo man für ideal begründete Gewalttat Hilfskräfte sucht. Denn hier wird jede feindselige Handlung unter allen Umständen verworfen, wie bedeutsam man sie auch zu begründen vermag. Hier schließt man jede Teilnahme an einem kriegerischen, polizeilichen oder gerichtlichen Vorgehen aus, wenn dieses auch zum Schutz des Guten noch so sehr gerechtfertigt erscheint. Hier hat man keine Gemeinschaft mit gewalttätigen Aufständen, wenn diese auch im Namen der unterdrückten Gerechtigkeit als notwendig erscheinen. Das bloße Dasein und Sosein eines so symbolischen Lebens fordert rechts und links alles zum Kampf heraus, dem die Exekutive der Gewalt als höchste Pflicht der Stunde erscheint.

Die Erwartung des kommenden Friedensreichs wirkt durch die in ihr notwendig gegebene Lebenshaltung völliger Gemeinschaft in höchstem Grade beleidigend auf alle, die sie für unmöglich halten. Solange man sich dieser ständigen Hochzeitsgesellschaft versagen will, solange diese so große und zugleich so vertraute Friedensvereinigung, Tischgemeinschaft, Lebenseinheit, Arbeitsverbindung und Verwaltungsgemeinde nicht genehm sein kann, solange bleibt nichts

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anderes übrig als sie zu bekämpfen und schließlich - wenn auch mit Widerwillen - zu dem Versuch ihrer Vernichtung zu schreiten. So kommt es trotz der Absolutheit und Universalität dieser Friedenshaltung infolge der Unbedingtheit und Totalität ihres Gemeinschaftswillens notwendig zu schwersten Kämpfen und schärfsten Zusammenstößen. Umso mehr müssen sie sich mehren und steigern, je näher die Friedensgemeinde dem endgiltigen Friedensreich entgegenrückt.

In der Gemeinde ist der Anfang des kommenden Reichs mit voller Macht und herausfordernder Klarheit gegenwärtig. Vor der letzten Entfaltung und Ausdehnung der Friedensherrschaft muß es zum Endkampf des Unfriedens gegen die stärkste Macht des Friedens kommen. Die Schwere und Furchtbarkeit der letzten Kämpfe wird umso überraschender sein, als sich die Friedenshaltung der Gemeinde von neuem bis zum wehrlosen Märtyrertod vollenden wird. Auf der anderen Seite kann unter keinen Umständen Ruhe gelassen werden. Denn dort kann die selbstische Sonderung Einzelner Menschen und ganzer Völkergruppen nicht aufgegeben werden. Man kann und will sich die Wurzel der Sünde als des Fluch bringenden Unfriedens nicht nehmen lassen. Man behauptet sie als unerläßliche Notwendigkeit.

Man kann dem Frieden nicht trauen. Man will nicht glauben. Man verwirft die bessere Zukunft. Man vertraut lieber dem Götzen der Gewalt als dem Geist der Liebe und dem Gott des Friedens. Eigentum fordert Rechtsschutz und Gewalt. Man will das Eigene nicht aufgeben; man will sich nicht beschenken lassen. Man verlangt sein Recht. Man verwirft die Gnade. Die Sünde bleibt unter dem Gesetz. Das Gesetz bleibt Unfriede. In harter Hand behält es Gericht

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und Schwert. Sein blutiges Gericht trifft den Einzelnen. Seine unheimliche Bewaffnung zerschlägt ganze Völker. Sie vergiftet große Erdteile und zerstört endlich die ganze Erde. Sünde und Gesetz erzwingen den Tod. Gott selbst muß endlich im Gegensatz zu dem letzten Willen seines Herzens zu diesem nach aller Gesetzmäßigkeit notwendigen Zornesgericht sein "Ja" sagen.

Wenn sich die Herzen der Völker gegen den Einen Einzigen Weg seines reinen Liebeswillens gänzlich verhärten, fordern sie selbst das Gericht als naturnotwendig heraus. Das Unnatürlichste tritt unausbleiblich als unvermeidliche Naturkatastrophe aus ihnen selbst heraus. Wie Gott die Menschen in unreinste und verderbteste Entartung ihres Liebeslebens dahingeben muß, so oft sie den schöpferischen Willen verachten, so müssen die Wutfackeln der Bruderkriege über sie dahinbrausen, wenn sie aus freien Stücken den Friedenswillen verwerfen. Gott selbst führt in seinem Zorn das von den Menschen eigenwillig erzwungene Gericht herauf. Von neuem wiederholt sich die alte Lage der Dinge. Wie der Zorn Gottes einst seinem geliebten Volk den Kriegskönig geben mußte, weil Kriegslust und eitle Gier nach Großmachtstellung auch damals Gottes Königtum verworfen hatte, wie das Gesetz Gottes weiter vorher Blutrache und Todesstrafe anstelle der abgelehnten Geistesführung treten ließ, wie die Wasserflut das geistabgewandte Fleisch begraben mußte, so läßt das Gericht Gottes endlich die feurige Kriegsflut über den christusfeindlichen, seine letzte Steigerung erfordernden Unfrieden Hereinbrechen.

Das Schicksal ist unentrinnbar. Es handelt sich um Ursache und Folge. Der Krieg ist das Karma des Unfriedens. Er ist die notwendige Folge der Gemeinschaftslosigkeit. Er ist die

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Todesfrucht der zerstörten Gottesgemeinschaft. Er ist das unausbleibliche Gericht über die ihm eigene Ursache. Die Abtrennung von Gottes Einheit, die Zerteilung des Lebens in feindliche Gegensätze, die Ungerechtigkeit und Uneinigkeit der Menschen in Eigentum und Eigennutz ist der Ursprung des Krieges. Der Krieg richtet sich selbst. Er offenbart den Charakter seiner Ursache als Unfrieden mit Gott und als Uneinheit der Menschen. Der Krieg ist die Ausgeburt des begehrlichen Willens. Er ist die Hölle der Uneinheit. Er steigert die Notwendigkeit der Sünde bis zur Selbstzerfleischung. Er treibt das tötende Gesetz zum Völkermord. In ihm überschlägt sich die liebeleere Ungerechtigkeit in mörderischer Gesetzlosigkeit.

Der letzte Sinn des Krieges als des unsinnigen Gipfels richtenden Gesetzes und entfesselter Gesetzlosigkeit ist die Erkenntnis der Sünde. Sein Gericht soll die Menschheit zusammenschlagen und zurichten, - daß endlich in ihrer Mitte das Verlangen nach der Überwindung der Todesursache aufsteigt, daß endlich die Sehnsucht nach der Gemeinschaft Gottes alles andere vergessen läßt. Zur Abschaffung des Krieges muß die Wurzel der Sünde aufgedeckt und beseitigt werden. Ist die Ursache der Sonderung aufgehoben, so ist Platz geschaffen, daß Einung und Gemeinschaft Hereinbreche. Von nun an rührt sich keine Hand mehr, kein Fuß mehr für die Ausgeburt der Hölle, die man Krieg nennt. Wo die Sünde beseitigt ist, schwindet der Brudermord. Die Bahn wird frei. An dem leeren Platz ersteht der Gottesfriede. Die Buße wirkt den Glauben. Der Glaube bringt den Frieden. Das Evangelium ist Beseitigung der Sonderung für Herstellung der Einheit.

Zur Sünde gehört das Gesetz. Zum Gesetz gehört die Tötung.

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Diese drei stehen zusammen. Jesus Christus hat den alles vernichtenden Todesdreibund von Gott aus durch den Heiligen Geist für immer besiegt und hinweggeräumt. Er zerbrach die Sünde als die Waffe des Todes. Er zerriß die Handschrift der Anklage und des Gerichtes. Sein Tod entlarvte die Ursache der Tötung. Ihren Ursprung riß er hinweg. Auferstehung und Einheit des heiligen Geistes setzte er an die Stelle der Auflösung. Er setzte sie an den leeren Platz der hinweggeräumten Sonderung und Sünde.

Das Gesetz des Moses brachte den Krieg und mußte ihn regeln. Die Gnade und Wahrheit des Evangeliums bringt Einheit und ordnet Gemeinschaft. Staatsgesetz und Völkerrecht bestimmen die Verfolgung aller gesetzwidrigen Vergehen. Sie erfordern Kriegführung, Gefangenschaft und Tod. Die Söhne des Geistes Christi halten und bewahren den Frieden, erwirken die Freiheit und verwalten die Vergebung. Ihre Geistessendung verbreitet die Einheit des Lebens.

Wo Christus die Regierung übernimmt, wird jede andere Machtherrschaft mit aller ihrer Todesgewalt aufgehoben. Wo der Geist der Gnade herrscht, schwindet das Gesetz der Obrigkeit. Das Gericht des Todes weicht der Rettung und Heimholung zum Leben. Die Sammlung tritt anstelle der Feindschaft. So ist es in der Gemeinde. So wird es am Ende sein, bis die erste und letzte Frucht der Gottestrennung, der Tod selbst, hinweggetan wird. Alle Werke der Feindschaft werden zerstört, der letzte Feind kommt zuletzt daran. Zuvor muß Feindschaft und Feindseligkeit aller Art niedergelegt sein. Alles, was feindlich ist, führt zum Tode und bringt den Tod. Die Hilfstruppen der Todesmacht werden zuerst aufgerollt. Zuletzt trifft esden Kern. Zuerst wird der Baum

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mit der Wurzel bei Seite geräumt. Dann geht es an seine Giftfrucht bis auf ihren letzten Kern, bis zur Beseitigung des Todes.

Noch breitet sich das mörderische Böse zu größter Geltung aus. Je mehr die Macht der Liebe wächst, umso mehr treibt sie den Wuchs der tötlich giftigen Feindschaft in die Höhe, dasselbe gilt umgekehrt. Die Gipfelhöhe des ausgereiften Bösen fordert die Ausrodung der Todespflanzung zur Stunde der Reifung. Sie macht Platz für die Anrichtung des Gottesgartens. Eine doppelte Entwicklung einander extrem entgegengesetzter geschichtlicher Ereignisse treibt zur Entscheidung. Beide Linien führen zum Abbruch und zum Neuanbau. Alle Geschichte verläuft von unten herauf und von oben herab. Sie läuft von beiden Seiten auf einen einzigen Punkt zu. Die apostolische Prophetie verfolgt beide Reihen bis ans Ende. Der Endpunkt ist der Treffpunkt: Das Gericht und das Reich. Beide Linien werden von "religiös" bewegter Hand gezogen. "Satanismus" und "Glaube" sind die geheimnisvollen Kräfte der doppelten Linienführung aller Geschichte.

Auf der Seite der tötlichen Macht des Bösen steigert sich die Gottwidrigkeit der Lebenslüge und ihres mörderischen Verderbens zu der wahnwitzigen Überheblichkeit, im Haufe Gottes in erstaunlicher Wunderpracht den allerhöchsten Platz zu behaupten. Es ist die falsche Prophetie der abgefallenen Kirche, die Gewand und Gebärde des Friedenstieres wie eines Opferlammes zur Schau trägt und mit heuchlerischen Mitteln die Propaganda des Kriegsdrachen treibt. In der Gestalt des Lammes redet sie wie der Drache. Sie steht gegen das Lamm. Zur Bekämpfung der Friedens-Gemeinde vereinigt sie sich mit dem anderen, mit dem kriege-

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rischen Untier, mit der menschlichen Weltmacht aller bewaffneten Völker.

Ungedeckt und ohne blutige Wehr zieht die Gemeinde des Friedens der übergewaltigen Doppelmacht entgegen. Sie versagt beiden Mächten die Anbetung und weiß es: Das übermächtige Babylon wird fallen. Noch zwar sitzt das abtrünnige ungetreue Weib fest auf der Weltmacht der herrschenden Gewalten. Noch zwar bleibt es im Hochgefühl seiner Macht von dem Märtyrerblut seiner Opfer berauscht, Aber der Atem der anhebenden Christusherrschaft fegt es hinweg. Die von unten aus verdoppelte Großmacht wird von oben her gebrochen. Der lügnerische Drache des Unfriedens wird ausgefchaltet. Der Krieg wird gebannt. Das Friedensreich kommt.

Auch der letzte von der Nacht her aufbrechende kriegerische Ansturm der menschlichen Großmächte, der wie jeder Krieg von neuem den Charakter der entfesselten Satansmacht an sich trägt und deshalb folgerichtig abermals gegen das Reich Gottes anrennen muß, wird zu Boden geschlagen. Der letzte Weltenbrand des Endkrieges muß alle Staaten der Gewalt mit allen Großmächten der Welt für immer vertilgen und vernichten. Der neue Aeon beginnt mit der endgiltigen Beseitigung aller Gewalten des Krieges. Die Vereinigung der Hochzeitsfreude und die Tischgemeinschaft des Liebesmahls treten an die Stelle der Kriegsgreuel, der Feindschaft und des Todes.

Wie die alte Prophetie, in einsamer Größe von einer Welt von Feinden umgeben, um so mehr gegen das Priestertum ihrer Kirche und gegen das Königtum ihres Staates in Gegensatz treten mußte, je mehr das Doppelgesicht beider Gewalten ihr Reich nach dem kriegerischen und prachtge-

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wattigen Vorbild der heidnischen Großmächte auszubauen suchte, - so muß ebenso die apostolische Prophetie des Urchristentums je langer um so glühender gegen die blutige Gewalt der Staatsmacht und gegen alle sie heuchlerisch unterstützende, in Wahrheit von Gott abgesallene Religion ankämpsen.

Der Gott Abrahams, der der Reichsgott der Propheten ist und bleibt, will nach dem Glauben der Apostel als der Vater Jesu Christi nicht ein Gott des Gesetzes bleiben. Er ist derselbe Gott, der er zur Zeit des Gesetzgebers und Propheten Moses war. Aber der Weg seines Herzens siegt über die Wege seines Zornes. Der Geist seines Friedens tritt an die Stelle des Gesetzes. Was das Gesetz nicht konnte, vollbrachte Gott in Christus. Sein Geist bewirkt es: Der Glaube an den Gott und Vater Jesu Christi gehorcht dem Frieden, weil der Gegenstand des vollkommen gewordenen Glaubens der Gott der vollendeten Liebe ist. Es ist der Gott der Geschichte, der alle Linien des geschichtlichen Verlaufs in den einen einzigen Weg seines Christusfriedens Zusammenkommen und auslaufen läßt.

Es gilt das innerste Herz Gottes von den umgürteten Hüften seines Gerichtes zu unterscheiden. Auch in den dunklen Gluten des Gerichtes lebt der verborgene Strahl seiner reinen Liebe. Das tötlich treffende Gericht seiner Nähe ist liebenäher als die kalte Ferne einer abgewandt vorgestellten Gottheit. Furchtbar sind die ehernen Schritte des Gotteszornes. Schrecken bringt es, in die Hände seines Gerichtes zu fallen. Aber sein erbebendes Herz breitet in der Verborgenheit für alle seine Feinde den Mantel der Liebe aus. Schön und Freude verbreitend sind die Füße seiner Gesandten, die vom Berge her die Botschaft des Gottesherzens dem

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Tal des Gerichtes überbringen. Allen Menschen haben sie Frieden anzusagen. Ihre Botschaft ist klar: Das Gericht Gottes mündet in sein Herz. Es hat ihn selbst getroffen. Das Herz wird König! Seine Gesandtschaft weint bitterlich, daß der Friede verloren war. Ihr gibt es kein schwereres Gericht alsden Verlust des Friedens. Nun aber überreicht sie die versiegelte Botschaft. Das Wunder des Herzens ist stärker als alles Gericht.

Mögen die Berge in vulkanischen Ausbrüchen zerschmelzen, mögen die Hügel dem erschütternden Erdbeben erliegen, mag die Erde schwanken und bersten, mag das Gericht der Zornesmacht hohe Gewalten zertrümmern: Die Liebe des Herzens Gottes als der Farbenbogen seiner Vollkommenheit kommt nimmer zum Schwanken. Die Sonne seines Herzens bestrahlt die vernichtende Wand des zornigen Ungewitters. Der Wolkenbogen des Friedens überbrückt die Wetter des Zornes. Mögen völkerbund und Weltfriede zerscheitern. Mögen alle Verträge zerreißen. Gottes Bundesring zerbricht nicht. Die Gerichtszeiten kommen. Sie sinken ins Grab. Der Friede ersteht. Er bleibt. Er verändert sich nicht. Friede ist das letzte Wort Gottes. Er ist sein Herz. Der letzte Wille Gottes ist und bleibt der Friede.

Wer sein Auge nicht mehr an die geschichtlichen Werkzeuge des Gerichtes, nicht mehr an die menschheitlichen Behälter des Zornes verliert, wer sich in letzter Einsicht des tiefsten Geschehens dem Herzen Gottes, als dem Herzen seines Geschichtswerkes zuwendet, ist mitten in den mörderischen Kriegswirren der ihn umtosenden Ungerechtigkeit in den Friedensgarten eingetreten. Der geschichtliche Jesus ist das Herz Gottes. Als der kommende Christus bringt er es zur Weltgeltung. Er gibt Befehl und Vollmacht, das

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Schwert in die Scheide zu tun und für immer abzulegen. Das Herz Jesu schaut in banger Klarheit auf die Katastrophe hinaus, die in größten Völkerkriegen und blutigsten Volksumwälzungen alle Weltreiche und die ganze Weltwirtschaft zertrümmern muß. Er weiß, daß um des Unfriedens willen die Stunde des Zornes dem Tag des Friedens vorausgeht. Der im letzten Gerichtsweg nahende Kulturuntergang bildet einen der Grundzüge seiner großen prophetischen Rede, eben derselben Rede, die Johannes und Paulus in gewaltigem Ausbau in die apostolische Prophetie aufgenommen haben.

Der furchtbare Kelch kann nicht vermieden werden. Der Acker muß gerodet sein. Das verderbende Unkraut muß verbrannt werden. Nach seinem letzten Ausbruch soll es niemals wieder neuen Mordsamen verbreiten können. Das Unheil muß als solches deutlich vor aller Augen stehen, wenn es ausgetilgt werden soll. Politische Wirren, Kriegsausbruch und Revolution, wirtschaftliche Nöte und erschreckende Naturvorgänge müssen die Menschheit noch einmal dem ihr eigenen Unfrieden ans Messer liefern. Aber inmitten des höllischen Tobens offenbart sich das Paradies des Friedens. Wer, von dem erhöhten Grauen der letzten Verwüstung umgeben, ohne Blutvergießen in der unangetasteten Bruderliebe des heiligen Gotteswerkes verharrt, besteht das äußerste Gericht wie die letzte Katastrophe.

Die alte Welt bricht in grauenvoller Selbstverwüstung zusammen. Die Gemeinde Jesu Christi bleibt an allen Greueln unbeteiligt. Die tobende Weltmacht kann die unantastbare Friedenshaltung der Christusgemeinde nicht ertragen. Der Ingrimm aller kriegerischen Gewalten verfolgt die gesammelte Einheit des Gottesfriedens, die mitten im Sturm der

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äußersten Not nicht das geringste Kriegszeichen des unmenschlichen Raubtieres annehmen will. Die Macht der Liebe widersteht der Gewalt des Unfriedens. Gerade deshalb ersteigt die Wut der Verfolgung ihren Höhepunkt. Der prophetische Geist des Friedenskönigs durchschaut die Spannung dieser letzten einander entgegengesetzten Mächte der Liebe und des Hasses als die alles erschütternde Spannkraft der Geschichte und Endgeschichte. Er sieht es: Die Wehen der letzten Not müssen der Geburt des Weltenfriedens vorausgehen.

Die schauerlichen Geburtswehen der letzten Zeit gehören zu dem Fluch des Todes, den der Verlust des ersten Menschheitsfriedens mit sich gebracht hat. Ohne das letzte Gericht über den furchterregenden, sein letztes Unkind austragenden Unfrieden kann der Gottesfriede des großen Advent nicht geboren werden. Unmittelbar vor dem Anbruch des Neuen muß die ungeheuerlichste Not alles Alte zerbrochen haben. Alle Einrichtungen der menschlichen Gesellschaft müssen umgestürzt werden. Alle ihre Stempel der Gewalt und der Sklaverei müssen ausgetilgt sein. Auf dem unveränderten Boden des Unfriedens kann kein Friede gepflanzt werden. Der Pflug fetzt ein. Er schafft den Neubruch. Der Anbruch der Gottesherrschaft führt den erschreckenden Abschluß der Weltgeschichte herbei, um auf ihren Trümmern die von aller Vermischung gereinigte Gerechtigkeit ewigen Friedens heraufführen zu können.

Mitten in die rasend gewordene Welt des Unfriedens ander Ungerechtigkeit läßt Christus das unbefleckte Reich des Friedens Hereinbrechen. Aber diese unvermittelt herniederfahrende Zukunft ist in dem Geist Jesu Christi unmittelbare Gegenwart: In seiner Gemeinde ist der Friedenswille jetzt

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und hier Tat und Leben. Gottes Weltgericht vernichtet die bösen Gewalten des Unfriedens, um durch die letzte und größte Katastrophe der Kriegsgeschichte hindurchschreitend den ewigen Frieden herbeizubringen. Die Regierung Gottes muß zu diesem letzten Schritt schreiten, weil sie keinen Bund mit den Mächten der Ungerechtigkeit einzugehen vermag. Unter den zermalmenden Soldatenstiefeln schreitet das Herz Gottes als der abermals gekreuzigte Christus in unveränderlicher Liebe hindurch: Es ist die Gemeinde des Gekreuzigten, die den Gottesfrieden unangetastet dem kommenden Tag entgegenträgt.

Der Geist Jesu Christi läßt die klare Luft des letzten Friedensreiches mitten in die unheilschwangere Schwüle einbrechen. Sein Evangelium bringt Reinheit, Versöhnung und Einigung. Sein neuer Geist ist die Legitimation des Friedensreiches. Der zukünftige Ratschluß ist durch Petschaft und Siegel des Geistes schon jetzt und hier der Gemeinde anvertraut und übergeben. Die Gemeinde Jesu Christi verkörpert die Gemeinschaft des völligen Friedens. In der Jetztzeit wird durch sie Leben und unvergängliches Wesen ans Licht gebracht. Dem Töten und Morden ist sie als Trägerin des Friedensreiches für immer entnommen.

Die in die Herzen der Gemeinde eingegossene Gottesliebe kann durch keine Macht der Gewalt in die Stunde der Versuchung eingeführt werden. Wie Jesus nicht zum römischen Soldaten gemacht werden kann, so können die Glieder seiner Gemeinde weder Polizeipräsidenten noch Fliegeroffiziere, weder Artilleristen noch Landjäger sein. Weder das Gift noch die Bombe, weder die Pistole noch der Degen, weder das Henkerschwert noch der Galgen können ihre Waffen sein. Als der Brief Christi, als die Offenbarung des

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Herzens Jesu haben sie nichts anderes als das Ebenbild der letzten Liebesklarheit weiterzugeben. In der Anwesenheit Christi haben sie seine Ankunft, in seiner gegenwärtigen Offenbarung haben sie seine kommende Erscheinung zu vertreten.

Das Verborgene der letzten Friedenszukunft, das Unsichtbare der kommenden Friedenswelt wird an der Gemeinde sichtbar. Alle sollen dieses Gotteswerk sehen. An ihm sollen alle den Vater Jesu Christi ehren. Das reine und unverfälschte Bild Jesu ist die alleinige Hoffnung der Zukunft. Die Gemeinde ist seine hochgereckte Fackel. Sie ist die leuchtende Bergstadt. Die Sterne der Prophetie durchleuchteten die Nacht des Unfriedens. Sie überzogen Jahrhunderte hindurch die Himmelskugel der Weltgeschichte. Der Sternenhimmel der Prophetie läßt am Abend der Geschichte die Götzendämmerung der großen Kriegsgewalten sich niedersenken. Am Ende der Tage stieg am Firmament der Prophetie der Morgenstern des Friedenskönigs auf. Er als der Morgenstern der Gemeinde führt die dämmernde Nähe des kommenden Tages herauf. Die Gemeinde ist mit der Sonne des Friedens vermählt. Wer den Morgenstern in seinem Herzen aufsteigen läßt, ist aller kriegerischen Weltmacht entnommen. Er gehört mit jedem Pulsschlag dem nahenden Tag des großen Gottesfriedens.

Das Morgenrot der neuen Zeit läßt die unsichtbare Stadt des Friedens aufleuchten. Das verborgene Land der Gemeinschaft taucht auf. Im heiligen Geist der Gemeinde senkt sich das neue Jerusalem herab. Es ist die Stadt der Vollkommenheit, die Stadt ohne Tempel, die den Kultus abgeschlossen hat. Ihr Gemeinschaftsleben ist der Friedenstempel des großen Königs. Die Gemeinde trägt das sieben-

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fache Leuchten des Friedenssabbath, an dem das eigene Werk des Menschen für immer ruhen soll, weil an ihm das große stille wirken Gottes angehoben hat. Die Friedensstadt der Freude offenbart den Lichtglanz der neuen Schöpfung. Das Erste ist vergangen. Das Letzte tritt in Kraft. Es wird alles neu.

Es ist die Sammlung von allen vier Enden, es ist die Vereinigung vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels, es ist die Einheit der noch Lebenden und der lebendig Verherrlichten, es ist das Gottesreich des Friedens, dessen Zukunftskraft in der unwandelbaren Gemeinschaft des Geistes und des Lebens beginnt, die für unsere Zeit den Namen "Gemeinde" trägt. Hier rüstet sich die Braut im Frieden der Stadtgemeinde zum Empfang des Verlobten. Mit leuchtenden Fackeln des Geistes will sie dem Festmahl seiner Hochzeit entgegen gehen.

Der Festtag des Friedenskönigs richtet den Thron seiner Regierung auf. Seine unendliche Freude bringt die Betätigung seiner Herrschaft. Für die Arbeit seiner Regierung stehen Stühle bereit. Wille und Tat krönen sein Fest. Die Feier der Befreiung von dem großen Untier der blutigen Gewalt und von dem mächtigen Weib der ungetreuen Verführung bringt wirkendes Leben und bestimmendes Regiment. Das Fest eröffnet die Herrschaft des priesterlichen Königtums auf dem Boden der Versöhnung als in der Wirklichkeit tatenfroher Vereinigung. Es ist die tätige Feier der vollendeten Friedensherrschaft, worauf die Braut des Königs gerüstet ist.

Diese Botschaft der apostolischen Prophetie wurde Johannes als gewisseste Nachricht der nahenden Zeit übergeben. Es ist die "Offenbarung Jesu Christi, welche ihm Gott gegeben

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hat, um seinen Knechten zu zeigen, was in der Kürze geschehen soll." Der zwischen den sieben Leuchtern der Gemeinde erscheinende Christus empfängt von der weltregierenden Majestät, die von den vierundzwanzig Ältesten und den vier strahlenden Lebewesen der Sternenschöpfung umgeben ist, die Buchrolle der Zukunft. Er allein, der der Glaube der Gemeinde ist, vermag sie zu öffnen. Deshalb also ist diese letzte Zukunft des aufstrahlenden Friedensreichs seine Gegenwart. Sie ist es in der Gemeinde, so daß Johannes seine Offenbarung den sieben Gemeinden als ebenso der Gegenwart wirklichkeitsnahe wie der Zukunft gewiß niederzuschreiben hatte: Was jetzt ist, ist als das, was darnach geschehen wird, das Geschaute. Das Jetzige des Glaubens und das Kommende der Hoffnung ist für den schauenden Seher das Gleiche. Die bleibende Einheit ist die Liebe.

Das zukünftige Reich Gottes ist mit seiner vollkommenen Gerechtigkeit, mit seinem vollendeten Frieden und mit der Freude seiner Liebeseinheit in der Gemeinde des heiligen Geistes Gegenwart. Der Friedenskönig bewirkt inmitten der Gemeinde jetzt und hier deren unangreifbare Friedensgemeinschaft, die nach außen wie nach innen nichts anderes als Frieden zu bringen hat. Selbst die Verschließung des Satans für die "tausendjährige" Festzeit ist in der Erlösung und Vereinigung Christi gegenwärtige Wirklichkeit des jetzt und hier getätigten Friedens. Die Gemeinde ist das offene Friedenstor der Jetztzeit für den Eingang in das Reich der Zukunft. Für die glaubende und einige Gemeinde ist der Satan gebunden. In ihr ist seine Zwietracht und Feindseligkeit abgeschafft. Das Friedensreich ist gewonnen. Die Waffen sind niedergelegt. Christus ist König. Er ist es jetzt und hier als Kopf und Herz der Gemeinde.

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Sein Liebesgeist und Einheitswille dringt von der Gemeinde aus in alle Welt vor. Diese gegenwärtige Tatsache verbürgt die Gewißheit der Zukunft, daß er es ist, der die ganze Schöpfung erobert. Als Neuschöpfung wird durch ihn der zerrissene Kosmos Lebenseinheit. In Christus vergeht die alte Welt. Es ersteht die neue Kreatur. Jesus ist der neue Mensch der Gemeinde. Er ist es als der Menschensohn des kommenden Reichs. In ihm ist die Gottesherrschaft durch den gegenwärtigen Glauben Bruderliebe und Feindesliebe geworden. Sein Gemeindeleben soll das lebendige Gleichnis sein, an dem es dem glaubenden Auge ersichtlich wird, zu welcher Friedenseinheit Gott die Erde erobern will. Das Stadtbild des Friedens wird der heutigen Welt an der Gemeinde erkennbar. Es ist der Wegweiser zur Zukunft. Alle sollen es kennen. Kein Fleck der Erde darf im Dunkeln gelassen werden. Das hoch gehaltene Licht durchläuft alle Räume. Die Lichtstadt sendet Lichtträger aus. Die Lebensgemeinschaft der Bergstadt ist mit der Wanderreligion der Aussendung identisch.

Urchristliche Gemeinde-Einheit und Apostolat des Friedens sind eines. Die brüderliche Gemeindebildung sendet allen Bewohnern der Erde ihre Kraft zu, die Kraft zur Eintracht und zum Frieden ist. Die Strahlen der kleinen Sonnenstadt reichen hin, die ganze Welt zu erhellen. Die apostolische Zeit weist der urchristlichen Gemeinde die weltumspannende Aufgabe zu, die Sache des Reiches Gottes in unvermischter Klarheit nach allen Seiten auszustrahlen. Nichts anderes als die eine einzige Sache hat sie zu vertreten. Nicht nur die den Aposteln unmittelbar folgenden Generationen lassen das aufs deutlichste erkennen; sondern weit hinaus bis ins dritte Jahrhundert halten nachgeborene Geschlechter durch

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dieses klare Licht der urchristlichen Wahrheit die langsam und nachhaltig auskommende Verdunkelung auf.

Die apostolische Sendung ist es, auf die sich die nachapostolischen Ältesten frühester Zeit berufen haben. Der prophetische Geist ist auch Justin um das Jahr 150 der Verkünder einer mit den Aposteln eingetroffenen Zukunft. Daß die "Schwerter zu Pflugscharen, die Lanzen zu Sicheln" umgeschmiedet sein sollten, daß nimmer Volk gegen Volk zum Schwert greifen, daß man das Kriegführen verlernen sollte, das alles ist ihm "jetzt eingetroffen". "Denn von Jerusalem", von der Stadtgemeinde völliger Einheit und absoluter Gemeinschaftlichkeit, "gingen Männer in die Welt hinaus", die "der Rede nicht mächtig", "durch die Kraft Gottes" "dem ganzen Menschengeschlecht von dem kommenden Messias gesandt waren": Sie kamen, um allen das Wort Gottes als die Tatsache des vollkommenen Friedens zu überbringen, die Tatsache eines Friedens, in dem "wir uns jeder Feindseligkeit enthalten."

Ganz ebenso schildert Justin noch einmal das frühe Christenleben um das Jahr 160 als ein Treiben der Ehrfurcht, der Gerechtigkeit, der allgemeinen Menschenliebe und der glaubenden Zukunftserwartung, so daß er auch hier bezeugen muß: "Auch wir hatten uns einst auf Krieg und Mord nicht weniger gut als auf alles andere Böse verstanden. Aber wir alle, wo wir auch immer auf der weiten Erde wohnen mögen, wir alle haben die Kriegswaffen umgetauscht: Schwerter gegen Pflugscharen, Lanzen gegen Ackergeräte."

Noch schärfer schreibt es um das Jahr 180 Theophilus an Autolykus nieder: "Sogar das bloße Zuschauen bei lebensgefährlichen Sportkämpfen ist uns versagt. Wir können

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weder aktive Teilnehmer noch zuschauence Mitwisser von Taten sein, die Menschen den Tod bringen. Selbst unsere Augen und unsere Ohren sollen bei keiner Mordtat mitwirken. Von jedem Miterleben Tod bringender Taten haben wir uns fern zu halten, fern selbst vom Zuhören, wenn derartige Taten auch nur in Gesang und Lied verherrlicht werden". Nicht nur jede äußere, selbst die innere Teilnahme am Krieg ist ausgeschlossen. Jede Helden-Propaganda des Blutvergießens wird abgelehnt. Denn "in der Gemeinde Jesu Christi wird Gerechtigkeit gelebt; der Glaube wird durch die Tat bezeugt; hier bewahrt die Gnade und schirmt der Friede. Gott ist hier König."

Origenes schreibt am Ende dieses frühen Zeitabschnitts die urchristliche Konsequenz dieser Glaubenshaltung mit den unmißverständlichen Worten nieder: "Der Christ darf gegen niemand das Recht des Schwertes üben. Die Gemeinde Jesu hat eine ganz andere Politeia." Sie hat eine ganz andere öffentliche Verantwortung, einen ganz anderen politischen Auftrag, ein ganz anderes Bürgertum, eine ganz andere Gestaltung des Gemeinschaftslebens, als es die militärische und juristische Macht der Staatsgewalt haben muß.

Deshalb könnte nach Tertullian, der wie Origenes in das dritte Jahrhundert hinein wirkt, ein Träger eines Staatsamtes nur dann als Christ angesehen werden, wenn er sein Amt "ohne Verurteilung, ohne Strafverordnung, ohne Kette oder Kerker und ohne Folter, ohne Strafe über Leben und Tod und ohne das Absprechen der bürgerlichen Ehre" ausüben würde. Das dritte Jahrhundert enthält also trotz der aufsteigenden Großkirche noch immer dieselbe Einsicht, für die im zweiten

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Jahrhundert Athenagoras die scharfen Worte geprägt hat: "Das Bedrängen von Menschen mit Prozessen, in denen es um Leben und Tod geht, ist Frevel an Menschensteisch." Verübe man diesen Blutsrevel an Christen, so vergreife man sich an solchen, die vor Schlägen sich nicht einmal zurückziehen dürsten; niemals könnten sie einen Schlag erwidern.

Für das nachapostolische Christentum war es ebenso klar wie für die ersten Christen der Urgemeinde, was Origenes noch im Jahre 248 gegen Celsus geschrieben hat: "Man darf von Christen keinen Kriegsdienst fordern." Man tut es ja auch nicht bei Priestern: "Wir ziehen mit dem Kaiser nicht ins Feld, auch dann nicht, wenn er es verlangt." Nur durch ihr von Christus bestimmtes Gebet stehen die Christen für die Obrigkeit ein: Nur durch das Gebet um den Frieden tun sie es, nur durch das Gebet um die Gemeinschaft des neuen Menschentums, nur in dem Gebet, daß allen Bewohnern der Erde Eintracht und Friede gegeben werde, nur in der Fürbitte, daß die Regierungen aller Völker im Frieden und in gewaltloser Güte ihre Vollmacht ehrfurchtsvoll ausüben, nur in dem Glauben, daß in der Kraft der Auferstehung vom Tode der Friede des neuen Lebens gewirkt werde.

Der streng im Sinne der Gemeinde noch vor dem Jahre 100 geschriebene erste Clemensbrief und auch die sehr viel weniger kirchlichen Thomasakten, die bald nach dem Jahre 160 geschrieben wurden, erweisen in solchen Worten völligste Übereinstimmung mit Origenes. Justin konnte und mußte sagen, daß alle Mächte und Reiche der großen Welt mit Angst auf Jesus blicken und dennoch anerkennen, daß die Christusgläubigen überall als Friedensträger auftreten.

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Er schrieb ferner um das Jahr 150: "Mehr als alle anderen Menschen sind wir euch Helfer und Bundesgenossen zum Frieden." Tertullian faßt die Stellungnahme des frühen Christentums, von der Zeit der Apostel bis ins dritte Jahrhundert, in die Worte zusammen: "Nur ohne Schwert kann der Christ Krieg führen. Die göttliche Fahne und die menschliche Fahne passen nicht zusammen: - Das Feldzeichen Christi und das Feldzeichen des Teufels!"

Der Krieg ist nichts anderes als die mächtigste Gewalttat einer überall wirksamen Dämonie. die Kriegsfahnen tragen die mörderischsten Mittel einer auch ohne sie ununterbrochen bestehenden Feindseligkeit zum ungehemmten Sturm voran. Der "Weltfriede" ist Kriegszustand mit anderen Mitteln. Friede ist er nicht. Nicht nur der Krieg, auch der dem Kriege zu Grunde liegende Unfriede politischer "Friedenszeiten" ist satanisch. Er betreibt im fälschlich so genannten "Frieden" auf allen Gebieten den dämonischen Frevel am Leben. Es ist durchaus nicht nur der Ausbruch militärischer Feindseligkeiten im Völkerkrieg und Bruderkrieg, gegen welchen die Friedensträger der Gemeinde aufstehen müssen. Es ist ebenso die überall wirksame private Schädigung, am deutlichsten die Vernichtung keimenden Lebens, die das frühe Christentum als "Mord" und "Kindermord" kennzeichnet. "Menschenmörderinnen" nennt es jene Frauen, die "durch eingenommene Arzneien" "eine Fehlgeburt herbeiführen" oder doch in stiller Einwilligung an sich geschehen lassen.

Die Träger des Friedens kennen alle trüben Quellen der tötlichen Entzweiung. Als gefährlichstes Wurzelgebiet mörderischen Unfriedens bekämpfen sie die Kaufmacht der Gelddherrschaft ebenso leidenschaftlich wie die Untreue der Liebesbeziehungen. Tertullian bezeugt, daß der Geist "alles

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gemeinschaftlich macht, nur eines nicht: die Frauenliebe." Die Drachensaat der Begehrlichkeit ist im bevorrechtigten Eigentum ebenso wie auf jenem Lebensgebiet die wesenhafte Wurzelkraft des überall ausgebreiteten Kriegszustandes - eines latenten Kriegszustandes zwischen Menschen, die alle miteinander als Brüder und Schwestern für ein reines und gemeinsames Gottesleben bestimmt sind.

Das Geld ist im prophetischen Glauben des frühen Christentums eine "Quelle der Gottlosigkeit und der Meisterlosigkeit, ein Führer zum Kriege und ein Werkzeug der Kriegführung. Es ist die verhaßte Plage und Qual eines nur fälschlich so genannten Friedens." "Solange die Erde durch Übervorteilung der anderen unter Geldbesitzer verteilt ist, solange Eigentümer des Geldes eine Erde innehaben, die so viele ernähren könnte, solange werden die Armen ausgebeutet und die Erniedrigten in Unterdrückung gehalten." Solange kann es unter den Menschen niemals zur Gerechtigkeit, unmöglich also zum Frieden kommen, der ohne Gerechtigkeit und ohne Liebe nicht einen Augenblick bestehen kann.

Wenn es sich nach den Worten dieser frühchristlich weithin anerkannten Prophetie wie ebenso nach dem Zeugnis Justins um die Kraft handelt, brüderliches Zusammenleben ungestörter Freundschaft zu verkündigen, weil die Zeit des Zusammenwohnens für das Land naht, dessen Besitz Gott versprochen hat, - wenn todesmutige Märtyrer vor der Anklagebehörde erklären, kein Reich der gegenwärtigen Weltzeit anerkennen zu können, vielmehr nur Einen Gebieter zu kennen, der der König aller Könige, der Herrscher aller Völker sein muß, - wenn in den Aufnahmebedingungen der frühchristlichen Gemeinde nach Hippolyt noch im dritten Jahrhundert ein jeder zurückgewiesen und aus-

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geschlossen wurde, der nicht alles Töten, auch jedes gesetzlich gebotene Töten, für immer ablehnen wollte, - so ist es deutlich, in welchem bis aufs äußerste verschärfsten Gegensatz Machtstaat und Gemeinde einander herausgefordert haben und herausfordern mußten.

Der überaus besonnene nachapostolische Prophet Hermas, der vielleicht vor dem Jahre 100, sicher aber vor 155 in Rom gewirkt hat, faßt diesen Tatbestand in folgenden eindringlichen Aufruf zusammen: "Ihr wißt, daß ihr im Ausland wohnt. Der Stadtstaat, der der Eure ist, ist weit von dem Staat entfernt, der euch hier umgibt. Wer sich Äcker, Häuser, hinfällige Wohnungen und kostbare Ausstattungen erwirbt, wie es hier nach der Lebensart des Weltstaates üblich ist, kann nicht erwarten, in dem ganz anderen Stadtstaat heimisch zu werden, dem er angehören sollte. Unseliger Mensch! Bedenkst du nicht, daß dir nichts von dem allen hier gehören darf, daß du dich mit diesem Besitz unter eine deiner Berufung wesensfremde Macht stellst? Willst du dem Stadtgesetz deiner Berufung abschwören? Willst du das wirklich für das Eigentum an Äckern und anderen Dingen tun? Willst du wirklich nach dem Gesetz des hier herrschenden Stadtstaates leben? So kannst du in dem anderen Stadtstaat, nach dessen Heimat du verlangst, nicht aufgenommen werden. Du hast sein Lebensgesetz verleugnet. Man muß dich ausweisen. Werde dir klar: Du wohnst im Ausland! Begnüge dich mit dem Notwendigsten! Du darfst nicht mehr an der Hand haben, als gerade nur das, was zum Leben ausreicht. Zu aller Zeit stehe in Bereitschaft!"

Eine so scharfe Anforderung kann nur an solche gestellt werden, in deren Herzen der Geist der völligen Liebe lebt. Die

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Friedenshaltung des frühen Christentums ist nur in der Kraft des Evangeliums möglich. Nur wo die höchste Bestimmung des Reiches Gottes das ganze Herz ausfüllt, kann diese Stellungnahme gefordert werden. Nur wo die Berufung der Friedensgemeinde das ganze Leben in Besitz nimmt, kann die Konzentration auf die Sendung zum Bruch mit allem Bestehenden führen. Nur wo der Geist der Einheit den innersten Frieden erwirkt, kann der Friedenskampf gegen den Unfrieden der ganzen Welt gewagt werden.

Nur in der Gemeinde Jesu Christi ist das Zentrum der Lebenskraft gegeben, die diese Haltung ermöglicht. Der Friede mit Gott ist es, der den Friedenswillen unter den Menschen verwirklicht. Ohne das Wollen der völligen Liebe, ohne das Wirken des Christusfriedens ist es unmöglich, gegen alle Gewalten der Welt einzustehen. Nur der Friede des Herzens in der Einheit der Gemeinde befreit von der öffentlichen Geltung des Unfriedens. Ohne den inneren Frieden kann man nichts für den äußeren Frieden tun. Wo der innere Friede gegeben ist, bewirkt erden äußeren Frieden.

Die Harmonie der vereinigten Herzen erweckt durch das Zusammenwirken aller Kräfte jene Höchstleistung der Friedenswirkung, wie sie nur in der Gemeinde möglich ist. "Ohne Seelenruhe wird nichts Großes." Nur wenn das Herz in dem Zentrum der Vereinigung zum Frieden kommt, kann von der Einen Einheit aus die Stoßkraft gewonnen werden, die ins Weite geht. Ohne den Frieden des Herzens müssen alle Anstrengungen der Menschen einander entgegen-arbeiten. Jede gute Wirkung wird durch die Gegenwirkung aufgehoben. Deshalb sollte man nicht eher an die Friedensfrage herantreten, als bis man in Wahrheit entschlossen ist, den Gottesfrieden als Gemeindefrieden anzu-

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nehmen, wie er in dem Evangelium Jesu Christi und in der Kraft seines heiligen Geistes gegeben ist.

Friede bedeutet in Gott konzentrierte Sammlung und als solche die größtmögliche Kraft. Pestalozzi hat diese Grundbedingung aller Erziehung mit dem Wort gekennzeichnet: "Der Glaube an Gott ist die Quelle der Ruhe des Lebens - die Ruhe des Lebens ist die Quelle innerer Ordnung - die innere Ordnung die Quelle der unverwirrten Anwendung unserer Kräfte: die Ordnung in der Anwendung unserer Kräfte wird wiederum Quelle ihres Wachstums und ihrer Bildung zur Weisheit." Der Friede des Herzens führt zur Einheit der Gemeinde, deren Geistesordnung alle Kräfte zum rechten Einsatz bringt.

Die Kräfte wachsen in der Harmonie des Zusammenwirkens. Die göttliche Weisheit des Friedens ist die geordnete Gemeinschaftsgestaltung wirksamen Lebens. Solange wir in der Ferne sind, können wir die Harmonie nicht erleben. Die Entfernung von Gott ist die verhängnisvolle Ursache des Unfriedens. Ihr aussichtsloser Widerstand verzehrt das Leben. Gegen die innere Bestimmung anstehen ist Tod. Die Sünde als die Ferne ist das Verderben der Menschen. Ihr Wesen ist nichts anderes als Widerstand gegen Gott,- ohne den wir nicht leben können.

Der Friede des Herzens beruht auf der Einheit mit Gott. In der Ferne von Gott ist kein Friede. Nur wo die Seele dahin stille wird, daß sie schweigend den verborgenen Einfluß Gottes aufnehmen will, kann die Kraft inneren Friedens erstehen, die zur Tat zu schreiten vermag. Nur wenn unsere Aufmerksamkeit auf Gott gesammelt ist, kann die Wärme-Energie über uns kommen, ohne die wir in Dunkel und Kälte versinken. Deshalb hat Tersteegen betont, daß sich

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das wirksame Leben der innerlichen Stille unterordnen muß, damit die Seele niemals mehr ausgibt, als sie einzunehmen vermag. Der wirksam Tätige braucht Stunden, in denen er selbst und all sein Tun zum Schweigen kommt, damit Gott im Grunde der Seele reden und handeln kann. Im Mittelpunkt unseres Geistes wollen die Worte des Friedens wirken. Draußen im Lärm unserer Arbeit können wir sie nur allzu oft nicht vernehmen.

Jenes Wort im Munde des großen Friedensbringers, daß die belastete Seele bei ihm Ruhe finde, gab mit seiner weiteren Mahnung zum verborgenen Gebet vielen den Charakter der "Stillen im Lande". Manche kreise nennen sich "Die Schweigenden" oder "Die in diesem Leben zur Ruhe gelangen". Ost schleicht sich hier jedoch die allzu menschliche Neigung ein, den Grundwillen Jesu zu überhören, daß die Sammlung zur Kraftquelle der Tat werden soll. Willenlos in schweigender Stille versinken heißt dem Leben verlorengehen, zu dem Jesus aufgerufen hat.

Von der alten Gefahr mönchisch absterbender Abgeschiedenheit ist selbst Augustin nicht immer freigeblieben. Er konnte das Eingehen in die Freude darin sehen, daß die Seele mit aller ihrer Vorstellungskraft und Einbildungskraft zum Schweigen käme, bis sie selbst von ihrer Versenkung fortgerissen und verschlungen würde. Ein solches Absterben einer "uninteressierten Liebe", wie es Fenelon nennt, ist nichts anderes als selbstgewollter Tod. Es ist nicht Gott und sein Reich, sondern das Nichts des Nirwana, in dem man versinken will.

Selbstbesinnung in Gott bewirkt niemals Betäubung, sondern vielmehr die lebendigste Zusammenfassung aller Kräfte. Sie ist das rettende Stahlbad für die Klärung des Urteils wie für die Erstarkung des Charakters. Gott ist persönlicher

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und heiliger Wille. Er hat nichts von einem dunklen Urgrund in sich, in dem alles versinken könnte. Der dunkle Sumpf unseres Unterbewußtseins, der tiefste Grund unserer eigenen Seele, ist nicht der Gott, der uns erlöst. Er isr nicht mehr als ein unergründlicher Spiegel unserer Eigenheit in allen ihren guten und schlechten Erlebnissen. Gott ist es, der ganz andere Gott, der diese Nacht erhellen will, daß wir wie der verlorene Sohn zu uns selbst kommen, daß wir die Nähe Gottes als das Offenbarwerden der verborgensten Finsternis und als das Hereinbrechen des Lichtes ersehnen und erfassen.

Aus der Ruhe der Gleichgültigkeit müssen wir, - durch das Verstummen der Verzweiflung hindurch, - zu der heiligen Stille inneren Friedens vordringen, wie es Hildebert von Tours mit folgenden Worten zum Ausdruck gebracht hat: "Es gibt ein dreifaches Schweigen. Das erste kommt aus der Unbekanntschaft mit der Not, das zweite aus der Verzweiflung an der Rettung, das dritte aus dem Gefühl wiederderlangter Lebenskraft. Bevor das Gesetz in die Welt trat, erkannte der Mensch seine Krankheit nicht; darum schwieg er und fragte nach keiner Hilfe. - Als das Gesetz gegeben war, deckte es die bösen Wunden auf; das Schweigen löste sich sofort; die kranken suchten Hilfe bei den Werken des Gesetzes, Aber all ihr Suchen war hier vergeblich; müde und matt vom Seufzen und Schreien verstummten sie wiederum. - Endlich ist nun das allmächtige Wort des Vaters gekommen und hat das Schweigen von neuem gehoben. Denn da er Frieden geredet und Gnade verheißen hat, so machen sich die kranken von allen Seiten zu ihm auf und bitten ihn, den Arzt der Seele, mit großer Inständigkeit um Rettung. - Einst aber, wenn die volle Gesundheit wird hergestellt

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sein, werden sie um nichts mehr zu bitten haben. Dann tritt das dritte heilige Schweigen ein, das nimmermehr enden wird."

Die dritte Stille der Anbetung bedeutet jedoch als der tätige Friede des Reiches Gottes werktätige Stille schöpferischer Lebenskraft. Sie führt zu ungeahnter Wirksamkeit, die vorher durchaus verhindert war. Wer durch die Tiefen der Not gegangen ist, kennt die Ursache der alle Kraft zerstörenden und alles Wirken ausschließenden Krankheit, wie David sie kennzeichnet: "Es ist kein Friede in meinen Gebeinen wegen meiner Sünde!" Aber er darf die Lösung finden. Gott hat dem Gehemmtesten den Weg gebahnt.

Es ist die Welt innerster Gegensätze und kämpfender Unwetter, über welche sich der Farbenbogen seines Friedens spannt. Sein Geheimnis ist die Offenbarung seines Herzens im Liebeswillen, durch den er die Gerichtswolken in unverhülltes Licht verwandelt. Der Sonnenbogen kann ohne Gerichtswetter nicht gebildet werden. Nur der Eine kann ihn heraufführen, der selbst ohne Dunkel ist, der aber dennoch die Gerichtswolke in sein Lichtleben aufgenommen hat, damit wir in ihm den Friedensbogen erblicken.

Jesus ist unser Friede. Er hat uns mit Gott in völligste Versöhnung und Vereinigung gebracht. Sein Tod ist das Evangelium des Friedens; denn er bringt die Sünden zum Sterben, in denen wir von der Einheit ausgeschlossen waren. Das Geschenk der Gnade hat den Friedenszustand gegen den Zwiespalt gesetzt. Wer Christus als seinen Versöhner annimmt, hat Frieden mit Gott. Durch sein Kreuz ist das Hindernis beseitigt, welches uns dem Einfluß Gottes entzogen hatte. Durch die Innewohnung Christi unterwirft sich das Herz der Herrschaft Gottes. Im Willen Gottes ist es zur

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Einheit gelangt. Wer mit Gott eins wird, hat Frieden. Er ist der Friede, wie der Sohn seiner Versöhnung der Herrscher des Friedens und als König der Freude der König des Friedens heißt.

Wenn sein Evangelium des Friedens das Herz erreicht, deckt Gott in jener überwältigenden Erleuchtung alle Hemmnisse auf, durch welche die Harmonie unmöglich gemacht war. Sammlung ist nur dann möglich, wenn alle Quellen des Zwiespalts unwirksam gemacht werden. Das Wesen aller inneren Spaltung, dieden Frieden verhindert, ist Abtrennung und Widerstand. Die Sünde ist Unglaube und Feindschaft. Deshalb ist der Dienst des Friedens auf das Eine gerichtet, den Gehorsam des Glaubens so herzustellen, daß alles beseitigt wird, was die Einheit mit Gott verhindern und zerstören will.

Zeugnisse wirklicher Erfahrung geben Klarheit, wie der innere Friede den Zwiespalt überwindet. August Hermann Francke war einer der Männer, deren Friede eine Schaffenskraft der Liebe hervorgebracht hat, die ihre Wirkungen bis in die Gegenwart beweist. In großer Angst des Unglaubens und Zweifels hatte er einst den Gott gerufen, den er nicht kannte. Er wurde so plötzlich erhört, daß der Friede sein Herz überflutete, wie wenn ein Strom das Land unter Wasser setzt, bevor sich jemand besinnen kann, daß der Deich gebrochen ist:

"Denn wie man eine Hand umwendet, so war all mein Zweifel hinweg; ich war versichert in meinem Herzen der Gnade Gottes in Christo Jesu; ich konnte Gott nicht allein Gott, sondern meinen Vater nennen. Alle Traurigkeit und Unruhe meines Herzens ward auf einmal hinweggenommen; hingegen ward ich als mit einem Strom der Freuden

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plötzlich überschüttet, daß ich aus vollem Mute Gott lobete und preisete, der mir solche große Gnade erzeiget hatte. Ich stand ganz anders gesinnt auf, als ich mich niedergelegt hatte. Denn mit großem Kummer und Zweifel hatte ich meine Knie gebogen, aber mit unaussprechlicher Freude und großer Gewißheit stand ich wieder auf."

Die Erforschung religiöser Erfahrungen hat von neuem festgestellt, daß Unruhe und Gespaltenheit dem Erlebnis des Friedens vorangehen muß. Qual der Gewissensnot als ein die ganze Seele umfassendes Sündenbewußtsein ist die erste Triebfeder, die die Seele zum Friedensschluß drängt. Zugleich ist es das letzte Verlangen nach Reinheit und Vollkommenheit, nach Harmonie und Gottesgemeinschaft, das wie ein Sturm vor der Stille das Herz zum Frieden treibt.

Man darf die Erscheinung des schuldbeladenen Gewissens nicht überall auf auffallende Verfehlungen zurückführen wollen, die der herrschenden Moral ins Gesicht geschlagen hätten. Es Handelt sich vielmehr um die niederdrückende Überzeugung einer alles durchdringenden Disharmonie und Schuldverhaftung, die durch die Ferne von Gott verursacht ist. Das gesamte Leben des heutigen Menschen wird als "Sündenheit" erlebt, weil es überall gänzlich der Freude des Friedens, der Kraft der Gerechtigkeit und des vereinigenden Gotteswerkes ermangelt.

Starbuck, der aus zahlreichen Berichten Erlebnisse diesen Charakters zusammengestellt hat, verzeichnet als das Wesen der inneren Unruhe, die dem Zustand des Friedens vorausgeht, ein verzweifeltes Sündenbewußtsein, das sich mit dem Ringen nach einem neuen und besseren Leben vereinigt. Das niederdrückende Gefühl der Gottesentfremdung und ein mit ihm Hand in Hand gehender Zweifel führen zu pessi-

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mistischer Traurigkeit, zu tiefer Angst und Hilflosigkeit. Dem intellektuellen Zweifel entspricht das Bestreben, dem Schuldbewußtsein solange als möglich Widerstand zu leisten. Umso größer wird die Qual. Furcht und Zweifel, Sündengefühl und Gemütsdruck beweisen sich als die Wehen der kommenden Geburt.

Die neue Geburt ist die enge Pforte zum Friedensreich. Der innere Friede wird als Befreiung erfaßt, als das Freiwerden von der dunklen Sünde, als die Erlösung vom Fluch. Die Geburt erblickt das Licht der neuen Welt. Man sieht das Reich Gottes. Je schroffer der Gegensatz zwischen der eigenen Schwäche und Hilflosigkeit auf der einen Seite und der nunmehr geschauten Kraft und Herrlichkeit auf der anderen Seite als der Gegensatz zwischen Mensch und Gott erfaßt wird, um so gewaltiger tritt das Neue in Erscheinung. Die Sache Gottes tritt an die Stelle des Menschen und seiner Not. Der Friede des kommenden Reiches bringt die Vergebung der Zerrissenheit und Sünde und die Harmonie mit Gottes Liebesmacht. Alle Kräfte des vorher vergeudeten Willens sind nunmehr in neuer, vorher nie gekannter Klarheit auf Gott und sein Reich gerichtet. Wie man im Kriege die Segnungen des Friedens ahnen lernte, so beruht der Friede des Herzens auf der Stärke des Gegensatzes zu Sünde und Disharmonie, zu Schwäche und Zerrissenheit. Nur in dieser Spannung zwischen der zersplitterten Kraftlosigkeit des Menschen und der Energie des Gottesfriedens kommt es zum Leben.

Deshalb ist an Paulus das Wort ergangen: "Laß dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in dem Schwachen mächtig." Desbalb mußte Luther sagen: "Gott ist ein Gott derer, so da betrübt, arm, elend, unterdrückt, verzwei-

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felt und allerdings in allen Dingen zu nichts gemacht sind; an denen kann Gott sein recht natürlich Werk üben, das da ist: die Niedrigen erhöhen, die Hungrigen zu speisen, die Blinden zu erleuchten, die Armen und Elenden zu trösten, die Sünder gerecht, die Toten lebendig und die Verdammten und verzweifelten selig zu machen."

Es ist das Wesen Gottes, gerade dort seine Übermacht zu beweisen, wo das Dunkle und Schwache die letzte Hoffnung zerstört hat. "Wo die Sünde mächtig geworden ist, ist die Gnade um vieles mächtiger geworden." Gottes Wille ist es, die eigene Kraft des Menschen zerbrechen zu lassen. In kranker Selbstliebe muß sie sich im engsten Kreise des eigenen Seins zu Tode erschöpfen. Das hiermit gegebene Ende des Eigenen ruft nach dem Anfang des Anderen. Die Geburt des Glaubens setzt ein. Der Glaube dringt zur Liebe Gottes, zur Zukunft seines Reiches vor. Aus dem Glauben ersteht die Liebe als eine tätige Liebe zu Gott und Christus, - als Freude an Gottes Schöpfung und an den Menschen, als siegesfrohe Erwartung des Gottesreichs, als Einheit mit der Gemeinde Jesu Christi, als Leben der neuen Schöpfung Gottes. Gänzlich neu und unerwartet kommt es über den Glaubenden. Es handelt sich um die überraschende Erfüllung des Jesuswortes: Das Aufgeben des Selbst bedeutet die Gewinnung des Lebens. Ein neues Leben, das wahre Leben Gottes tritt an die Stelle des vorherigen, das ein eigenes, ein unechtes Leben war. Wer sein Leben lieb hat, verliert es; wer sein eigenes Leben haßt, erhält das wahre Leben.

Das neue Leben besteht in der Absolutheit ungespaltener Ganzheit, wie sie nur in Gott gegeben ist. Das vorherige Leben ließ zwei Ichheiten in ihrem unversöhnlichen Gegen-

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sah nebeneinander bestehen: das Ich, wie es ist, und das Ich, wie es sein soll. Der Friede des Herzens bewirkt die völlige Hingabe des ungeteilten Willens an das neue Leben. Sie läßt das heilige Soll über das unheilige Sein triumphieren. "Dann erst wird Gott in uns geboren, wenn alle Kräfte unserer Seele, die bis dahin gebunden und gefangen waren, ledig und frei werden, und in uns ein Stillschweigen wird aller Absichten, und unser Gewissen nicht mehr straft." Es ist das Aufgehen aller Absichten in dem inneren Müssen des heiligen Sollens, was der Seele Einheit und Freiheit gibt. Es ist die Freiheit des Gehorsams, worauf der Friede der Weihnacht beruht. Der Geburtengrund trägt den Frieden. Maria glaubte. Sie gehorchte. Der Geist kam. Christus ward geboren.

Maria merkte auf das Wort und behielt es im Herzen. Das an den Propheten ergangene Wort hatte gelautet: "Wenn du auf meine Gebote merktest, so würde dein Friede zum Wasserstrom." Die Fluten des Geistes dringen in die Tiefe. Das Flußbett ist bis in den verborgensten Grund ausgefüllt. Mag der Wasserstand steigen und sinken, in der Tiefe ist die Fülle. Der Friede Gottes dringt in den Grund. Ohne den Grund sind alle religiösen Übungen und christlichen Formen nichts als Täuschung: Nebel - aber kein Strom. Die Wirkung beginnt im Innersten, um von dort aus alle Lebensgebiete bis in die äußersten Fernen zu durchdringen. Das Wasser, das Jeus gibt, ist ein Brunnen der Tiefe.

Entscheidend ist das Innerste. Jesus ist der Entdecker des Herzens. Auf das, was dort vorgeht, richtet er sein Auge. Dorthin legt erden Finger. Er sieht den wahren Zustand. "Er wußte wohl, was im Menschen war." Er brachte die Klarheit: Was im Herzen regiert, gewinnt Herrschaft über

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das Leben. "Ein guter Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens Gutes hervor; ein böser Mensch bringt aus dem bösen Schatz seines Herzens Böses hervor, Aus der Fülle des Herzens redet der Mund." Aus dem Herzen kommt die Tat. Wie das Herz, so die Tat. Der Friede des Herzens bewirkt die Lebenshaltung des Friedens. Der Geist Jesu wirkt zuerst und zuletzt auf das Innerste. "Der Friede Gottes regiere in euren Herzen!" "Eure Herzen und euren Sinn wird der Friede Gottes bewahren. Er übersteigt allen Verstand. Er bewahrt in Christus Jesus."

Das Wort des Friedens dringt in die Tiefe. Das lebendige Wort wirkt lebendigen Frieden: "Was ich sagte, habe ich zu euch geredet, aus daß ihr in mir den Frieden habt!" Durch das halten im Herzen wird das Wort zur Tat. Das Tun des Wortes ist der Felsenboden der Friedenseinheit. In Jesus besteht der Friede, weil durch sein Leben und Tun die Gemeinschaft mit Gott gegeben ist. Das Leben Jesu führt uns zu den Quellen der innersten Kraft und zeigt zugleich ihre übermächtigen Auswirkungen bis an das Ende der Welt, bis an das Ziel aller Zeit.

Er verbarg sich vor der Menge in abgelegener Heide, auf einsamem Berg und in stillem Kahn. Er liebte den Frieden der Einsamkeit in der Begegnung mit Gott. Er liebte es, seine Kräfte in der Stille Gottes zu sammeln. Ganze Nächte verbrachte er im Gespräch mit Ihm. Aber niemals war beschauliche Ruhe sein Ziel. Die Abgeschiedenheit Jesu ist der Quellort lebendigen Wirkens. Er suchte die Kraft, deren er für die Schwere seiner Aufgabe bedurfte. Aus der Stille ging er zu den Menschen. Aus der Einsamkeit kommend versammelte er Tausende und stieß in die Großstadt vor. Seine Sendung geht in alle Welt. Seine Liebe heilt den

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Leib und rettet die Seele. Es war ein Leben tätiger Liebe, das für den weitesten Umkreis der Kraftentfaltung der konzentrierten Sammlung bedurfte. In der Stille zu Gott gewann er die Kraft zum Vorstoß, bis in das letzte Werk bittern Todes.

Der Friede Jesu ist etwas durchaus anderes als eine Stimmung unbewegter Abgekehrtheit. Den falschen Frieden undberükrter Seelenruhe mag der Mensch ohne Gott zu erzwingen suchen. Die kühle Stille des abgekehrten Selbstlebens ist dem Gottesfrieden fern. Gott wirkt einen anderen Frieden: Das Bewußtsein des gewissesten Geistes und die Tätigkeit des erfülltesten Lebens für die letzte Bestimmung: für das umfassende Reich! Das Leben des Gottesbewußtseins wird zur Quelle reichster Betätigung. Das Ausgefülltsein des herzensgrundes gibt die gegründete Gewißheit, daß der Gekreuzigte die alleinige Ursache eines innerlichsten und zugleich umfassendsten Friedens ist. Er vertilgte die Sünde, die keinen Frieden aufkommen ließ. Er schuf das Friedenswerk der völligen Vereinigung.

Wie ein Strom jede Stunde neue Wasser dahinfließen läßt, so lebt der Friede Gottes in der sich ununterbrochen erneuernden Erfahrung des in uns wirkenden Christus. Er will in uns bleiben, damit wir in der größten Not dieselben Taten des Friedens tun, die er getan hat. Wie Wolkenbrüche und Regengüsse das Strombett erweitern und vertiefen, müssen Zeiten schwerer Stürme und gewaltiger Unruhen der Verinnerlichung und Verstärkung des Friedens dienen. Die Not soll uns zu jener letzten Entschlossenheit leiten, die die Schrift die Buße nennt. Die göttliche Traurigkeit fruchtbarer Reue bewirkt den Frieden als die rechtschaffene Frucht der Buße. Kein hereinbrechender Sturm vermagden Cha-

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rakter des Friedens zu ändern. Er bewährt ihn. die Oberfläche des Wassers kann Wellen werfen, als ob der Strom zurückfließen wollte. Aber er ändert die Richtung nicht. Die Fülle des Wassers geht ihren unbeirrbaren Weg.

Der Friede macht stark. Seine Tapferkeit ist ohne Furcht. Die Gedanken des Friedens, die Gott mit uns hat, suchen nicht das Leid ohne den Mut der Freude. Der Friede ist als Gemeinschaft mit Christus Frucht desselben Geistes wie die Freude und der Duldmut. Die Geistesfrucht des Friedens ist die Liebe aufbauender Brüderlichkeit. Ihre Kraft ist das Reich der Gerechtigkeit. "Was durch den Frieden gesät wird, ist Frucht der Gerechtigkeit. Das Reich Gottes ist in der Gemeindehaltung der gegenwärtigen Erdperiode wie in der letzten Zukunft "Gerechtigkeit und Friede und Freude im heiligen Geist."

Das Reich Gottes in den Herzen ist die Grundlage der Herrschaft über die ganze Erde und über alle Welt. Der Friede der Gemeinde Jesu Christi ist der beauftragte Vorbote für den Frieden der Zukunft und aller Ewigkeit. Wie es Franz von Assisi vor jeder Rede und bei jeder Begegnung tat, wie in der täglichen und völligen Gemeinschaft der "hutterischen" Brüder einer dem anderen Frieden bot: "Der Friede sei mit euch", so gilt es heute, dem Unfrieden der ganzen Welt das Wort der wahren Bruderschaft entgegenzustellen: "Ihr habt den Frieden zu verkündigen. Hegt ihn im eigenen Herzen. Sorgt dafür, daß durch eure Gemeinschaft der Liebe alle zur Eintracht geführt werden: zu schaffender und schenkender Gerechtigkeit des Friedens!"

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Licht und Feuer.

Düsterstes Unglück und kälteste Ungerechtigkeit hat es in jeder geschichtlichen Epoche gegeben. Zu allen Zeiten erwies sich der Geist der Menschen gegen das alltägliche Leid der Masse als kalt, gleichgültig und abgestumpft, mochte sich die Not auch noch so erschreckend anhäusen. Die Menschheit bedarf in entscheidenden Zeiten eines erneuten gewaltigsten Anstoßes, um zu erfassen, welche Finsternis und Kälte über ihr lagert. Ohne das Gericht über die Ungerechtigkeit gibt es keine Rettung. Eine so allgemeine und anhaltende Not wie die gegenwärtige drängt zur Besinnung auf die Ursache allen Unglücks. Erst wenn die Verschüttung freigelegt ist, ergießt sich die Quelle der Abhilfe.

Die Stunde der Dunkelheit fordert den Glauben an das hereinbrechende Licht. Ihm wird alle Finsternis weichen, wie der Morgen über jede Nacht siegt. Das häßliche und Grauenvolle der kalten Finsternis und ihrer mörderischen Geister soll auf das Erschreckendste in das Bewußtsein eindringen. In letzter Hilflosigkeit soll der Mensch nach der Stunde der Erlösung Ausschau halten. Befreiung und Erleichterung vermag kein Mensch zu schaffen. Die Hilfe muß aus der anderen Welt kommen. Unter der alles erdrückenden Last des nächtlichen Alb muß der Ausblick aus das befreiende Licht des herabfahrenden Feuers aufbrechen, wenn nicht alles Leben in der kalten Nacht des Todes versinken soll.

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der Lichtglaube will den Anblick der alles erkältenden Dunkelheit überstrahlen. Das Licht siegt über die Finsternis. Aber der dunkle Tod bekämpft das leuchtende Leben. Das Erkalten der Liebe steigert die Ungerechtigkeit ins Unendliche. Die Finsternis haßt das Licht. Im erzwungenen Rückzug leistet sie heftigsten Widerstand. Der strahlende Glanz des aufweckenden Lebens ist erschreckend schmerzhaft für alle, die dem starken Licht entfremdet sind. Die Gewöhnung an die herrschende Dunkelheit macht ihnen den aufflammenden Lichtglanz zur unerträglichen Qual. Es brennt in ihren Augen wie Feuer. Das siegende Licht wird zum Gericht. Es ist die strahlende Flamme des Liebe fordernden Lebens, die die Dunkelheit des Unfriedens richtet und die Kälte der Ungerechtigkeit zur Flucht zwingt.

Wenige Tage nach Pascals Tode fand man in dem Futter seines Anzuges ein Blatt vor, welches er als kostbarste Erinnerung an sein innerstes Erleben acht Jahre hindurch ununterbrochen bei sich getragen hatte. Auf diesem Pergament beginnt die erschütternde Schilderung der alles überwältigenden Erleuchtung mit dem allein für sich stehenden Wort: - Feuer. - Jesus brachte die Flamme des Gerichtes und der Rettung. Das Feuer wollte Jesus entzünden. Nichts wollte er lieber, als daß es brennte. Er brachte der Erde die brennende Glut. Jedoch nicht der frevelnde Feuerraub eines zweiten Prometheus ist es, was er der verdunkelten Menschheit übergibt. Sein Feuergeschenk ist keiner neidischen Gottheit entwendet. Hier ist Gott der Gebende. Jesus ist der Feuerstrahl eines Gottesherzens, das seine ungehemmte Glut über die Menschen ergießt.

Gott selbst ist der Schenkende. Geist gab Gottes Feuerbrand der Sohneshand. Die Fackel des Zornes wurde zum Spen-

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der des Lebens. Die Glut des Gerichtes ergoß sich in das Feuer des Lebens. Sie lebt in dem befreienden und sammelnden Licht der Liebe. Jesus weiß, was vom Anbeginn aller Geschichte das lodernde Feuer dem bangenden Herzen bedeutet. Er weiß, welchen zitternden Schrecken die flammende Glut über die abgeirrte Horde gebracht hat. Er weiß es: Es gibt kein Feuer ohne verzehrendes Gericht über das absterbende, über das verdorrte und verhärtete Leben.

Die vom Himmel fallende Flamme des Blitzes, das aus der Tiefe hervorbrechende Feuer der Vulkane, die Feuersäule brennender Waldriesen, das Feuergeschoß des glühenden Berg-Atems, - der zündende Blitz des rollenden Donners, die alles entflammende Lava der erbebenden Erde - das Feuer des Himmels und das Feuer der Tiefe erfüllt den erwachenden Menschen wie alle Geschöpfe der Erde mit schaudernder Ehrfurcht. Die grenzenlos überlegene, die über alles gewaltige Macht des flammenden Zornes erschüttert den Menschen in tötlicher Furcht.

Bevor das Feuer seine leuchtende und wärmende, seine schützende und vereinigende Kraft offenbaren kann, muß seine vernichtende Zornesflamme das verzehrende Gericht offenbaren. Die Gluten des Herzens Gottes sind zu fürchten, ehe sie ihren letzten Sinn erschließen. Die unreinen Augen des Propheten mußten erzittern, daß sie vergehen müßten, wenn sie den Gott der aufblitzenden Heerscharen in seinem Himmelsfeuer erblicken sollten. Gott selbst sagt es: "Du vermagst nicht, mein Angesicht zu sehen. Kein Mensch kann mich erblicken und am Leben bleiben!" Der Mensch ist zu tief der dämonischen Dunkelheit verfallen, als daß er das feurige Licht des heiligen ertragen könnte. Feuer verheert, tötet dem Tode Geweihtes, alle Gewalten des Neides.

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Feuer verzehrt. Das Licht ist Gericht. Es bringt dem Toten den Tod. Das trockene Holz nährt das Feuer. Nicht der Strahl der leuchtenden Flamme, sondern der lichtwidrige und lebensfeindliche Charakter der Verfinsterung ist die Ursache des Feuertodes. "Daß dir im Sonnesehen vergehet das Gesicht, find deine Augen schuld und nicht das große Licht."

Die kalte Nachtnatur ist die Ursache, daß der Mensch nicht im verzehrenden Feuer wohnen kann, die Herausforderung der kalten Nacht ist es, auf die das Feuer hereinbricht. Gottes feurige Flamme ist Antwort. Auch auf das Rufen des Glaubens antwortet sie mit flammender Glut. Im Feuer fährt Gott auf den Berg des Moses herab. Sein Wort ist niemals etwas anderes als Feuer. Seine Stimme sprüht Flammen. Blitzstrahlen gehen von ihm aus. In seinem Herzen ist brennende Glut. Sein Thron besteht in Feuerflammen. Der thronende Herrscher erstrahlt inwendig in Feuer. Überall ist er von Flammen umkleidet. Seine Diener und Boten sind flammende Strahlen. Von Gott geht Feuer aus. Aus ihm redet er. Sein Mund strömt es aus. Er läßt es vom Himmel herabfahren. Fressendes Feuer geht vor ihm her. In ihm kommt Er. Sein Wesen ist verzehrendes Feuer. Er läßt Blitz und Schwefel regnen. Wie Feuer fährt sein Grimm heraus, so oft sein Zorn beginnt. Sein Geist entzündet das Gericht, so oft er das Feuer ruft. Wer auf Gott wartet, harrt des Gerichts und des Feuers. Im Feuergericht erstrahlt das Licht seiner Rettung.

Jesus leuchtet in Todesfinsternis auf, wie die Sonne über der dämmerlosen Tropennacht. Paulus erblindete, als er ihn sah. Aber er sollte das Licht nicht für immer fürchten. Paulus konnte nicht blind bleiben, nachdem ihn das Licht

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zu dem Apostel Jesu Christi geführt hatte. In dreitägiger Stille wahren Gebets öffnete sich dort sein inneres Auge für das Sonnenlicht der Gemeinde Jesu Christi. Das Auge ist für das Licht geschaffen. In demselben Grade, in dem das vom Licht geborene Leben Raum gewinnt, wird das Auge lichtfest. Die überschwengliche Strahlung macht es leuchtend und klar.

Der Adlerblick des Prärie-Indianers wie der des arabischen Wüstenbewohners erhellt sich in der schattenlosen Lichtglut ihrer Landschaft. Je mehr Lichtglanz das Auge aufnimmt, eine um so strahlendere Helligkeit erträgt es. Liebe zu Gott ist Liebe zum Licht. Die Schönheit Gottes ist strahlender Glanz. Licht ist sein Kleid. Jesus ist das Licht der Welt: Wer ihn liebt, hungert nach seinem Feuer. Wer ihn kennt, dürstet nach dem Licht, das alle Sonnen überstrahlt. Angelus Silesius mußte ausrufen: "Nimm hin der Sonnen Licht: mein Jesus ist die Sonne, die meine Seel' erleucht't."

Die Entfernung der die Erde erleuchtenden Sonne können wir uns in unseren Maßen nicht veranschaulichen. 150 Millionen Kilometer sind für irdische Begriffe unfaßbar. Welche Wirkung hat dieses ferne Reich des feurigen Lebens! Wie blendet das weltenferne Licht! Unsere stechend weiße Magnesiumflamme erscheint gegen den fernen Lichtball schwarz wie Tinte. Wie könnten unsere Gedanken folgen, wenn der lichtwachsende Sirius 5000 mal Heller ist als unsere Sonne, wenn die Strahlen der Capella an einem Tage so viel Licht aussenden, wie die Sonne in einem Jahre!

Für menschliche Maße ist die kraftwirkung unvorstellbar, die die Nähe eines solchen Sonnenriesen ausüben muß. Ihrer Lebensenergie gegenüber verschwindet unsere klei-

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nere Sonne wie eine Kerze. Das gesamte Weltall, wie wir es am Himmel sehen, ist ein unendlicher Lichtozean vieler Millionen dieser übergewaltigen Fixsternsonnen. Nacht gibt es nur in dem eigenen Schatten der dunklen Planeten. Wenn wir aus ihm gänzlich heraustreten könnten, wären wir einer unfaßlichen Gewalt des göttlichen Lichtmeeres ausgesetzt!

In Jesus naht der Erde ein Feuerlicht, das unendlich viel mal stärker ist, als die Zusammenballung aller Sonnen. Die Schritte Jesu nahen im glühenden Feuer. Seine Augen sind lodernde Flammen. Sein Angesicht strahlt in der Überkraft aller Sonnen. Sieben Leuchter goldnen Feuers umgeben ihn. Sieben Sonnensterne sind in seiner Hand. Sein Licht wirst zu Boden: Wie ein Toter fällt der Apostel zu seinen Füßen nieder. Der Lebendige aber gab ihm die Auferstehungskraft strahlenden Lebens. Er vertraute ihm das strahlende Geheimnis der Gemeinde als das Geheimnis des Reichs. Er ist der aufgehende Morgenstern. Welch eine Wirkung das siebenfache Sternenlicht seiner Gemeinde hat, welche Macht mit dem Morgenlicht des kommenden Sonnentages hereinbricht, soll uns an dem Wesen des Sonnenfeuers offenbar werden. Der Geist der Einheit ist das vom Himmel herniederfahrende Licht Gottes, dem Glanz aller Sonnen in innerster Wesenheit verwandt.

So gilt es denn, das Wesen der Sonne und des Feuers zu fassen, wenn man die Sendung Jesu begreifen will. Unsere Sonne ist ein zentrales Weltenfeuer, von dem unser Planet sein Leben hat. Ihre sammelnde Kraft hält die sie umgebenden Welten zusammen. Ihre Glut bewahrt uns vor dem Kältetod. Ihre Wärme erweckt das Leben der Pflanzen und Tiere. Ohne ihr Licht müßte alles Leben in Finsternis er-

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sterben. Der kleine Bruchteil von Lichtkraft, den unser Planet von der so weit entfernten Sonne erhält, genügt zum Erzeugen und Erhalten des unermeßlichen Lebens, das wir auf der Erde kennen. Jede Kraftäußerung der Erde, jeder Luftzug der Winde, der Kreislauf der Gewässer, jede Bewegung eines Tiefseefisches, jeder Pulsschlag unseres Herzens ist eine Wirkung der Sonne. Welche stählende Kraft schenkt sie für Leib und Seele! Ohne sie sind wir dem Tode verfallen.

Sämtliche Organismen der Erde könnte man als lebendig gewordene Sonnenstrahlen bezeichnen. Das Licht und seine Wärme ist der Erhalter alles Lebendigen. Die Energie des Lichtes ist es, die den in der Erde verwurzelten Pflanzen die Möglichkeit gibt, sich aus der Luft wie aus der Erde zu ernähren und so am Leben zu bleiben. Nicht anders als nur bei Licht vermögen die grünen Pflanzenzellen diese erhaltende Lebenstätigkeit auszuüben. Und es gibt kein Lebewesen, mag es sich auch noch so sehr an die Finsternis gewöhnen, das ohne das Licht oder ohne die Organismen der Lichtwelt leben könnte. Die Sonne ist König und Herz der Tiefe wie der höhe. Die Sonne ist das Feuer, von dem alles lebt was Leben hat.

Es ist wahrlich nicht von ungefähr, daß Gottes Wesen und sein in Christus erstrahlender Glanz mit Sonne, Licht und Feuer verglichen wird. Die von Paulus bezeugte Tatsache, daß Gottes unsichtbares Wesen seit der Erschaffung der Welt an seinen Werken wahrnehmbar ist, wurde von jeher zuerst und zuletzt an dem Licht der Sonne und an der Glut des Feuers erkannt. Hier zeigt sich in besonderer Wucht und Klarheit jene ewige Macht und göttliche Größe als an den Werken der Schöpfung erkennbar. Von jeher erschienen den Menschen

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Sonne und Feuer als einzigartig bedeutsame Sinnbilder der heiligen göttlichen Machte.

Immer wieder wurden in der Menschheit der Schöpfer-Gott, der Geist der leuchtenden Sonnenglut und der Gewalthaber des Gewitterblitzes in zusammengefaßter Einheit verehrt. So war auch in Ägypten der Gott des großen ewigen Lichtes als der Schöpfer aller Dinge und als der wahre Himmelsgott die höchste Gottheit. Der leuchtende Gott ist der Eine, der alles offenbart und aufdeckt. Der Leben schaffende Licht-Gott ist die alles Tote und kalte verzehrende und zum Leben erweckende Glut. In Indien sagte man von ihm: "Die Strahlen des Lichtes verkünden die feuerglänzende Sonne, wie sie sich prächtig erhebt das Weltall zu erhellen. - Das wünschenswerte Licht der göttlichen Sonne möge unsern Geist erwecken!" - Das Auge der Sonne erschien den Alten als über alles wohltätig, als die schauende Kraft, die das Gute erwirkt. "Wenn das Sonnenauge sich in seiner Reinheit im Osten erhebt, so überzieht es den Himmel, die Erde und das Firmament mit seinem alles erleuchtenden Lichtnetz."

So war es denn ein uralter brahmanischer Gebetswunsch: "Möchten wir, - im Schutz der göttlichen Macht den Himmel über der Region der Finsternis betrachtend, - der Gottheit nahen als dem strahlendsten Licht!" Der Apostel hat in seinem Brief an die Römer diese heidnische Erkenntnis des Wesens Gottes aufs klarste gewürdigt; aber er hat mit den Propheten des alten Bundes zugleich aufs stärkste die Kehrseite betont, daß dieses leuchtende Buch der Natur in jenen Zeiten und Räumen, die außerhalb der letzten Licht-Offenbarung in Christus liegen, niemals ohne verderblichsten Irrtum, niemals ohne götzenhafteste Verkennung gelesen wurde. Sonne und Feuer werden stets aufs neue aus einem licht-

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vollen Sinnbild des göttlichen Wesens zum vermeintlich selbständigen Sonnengott und Feuergott, zum "obersten aller Planetengötter", zum Spender allen Lebens selbst. Wenn der lichte Himmelsgott an seinen leuchtenden Geschöpfen in seinem alles Geschaffene unendlich überragenden Wesen erkannt werden soll, so erhöht der irrende Mensch nur allzu oft das von Gott geschaffene Licht zum Götzen als zur vermeintlich obersten Gottheit selbst. So bringt der unglückliche Mensch an das strahlend geschaffene Licht seine ertötende Verdunkelung heran. In der Betrachtung der religiösen Bedeutung der Sonne und des Feuers gilt es also die Tatsache der heidnischen Vergötzung nicht weniger zu bedenken als die Wirklichkeit der ausdämmernden Gottesahnung.

Das Glühende und Flammende, das Leuchtende und Strahlende war den Menschen von jeher das Göttliche. Der Name für Gott rührte bei bedeutenden Völkern von jenem Wort her, welches das strahlende Licht kündete. In der alten nordischen Sprache wurde Gott, der Himmelsvater, als der lichte Himmel angerufen, fast ebenso wie in der prophetischen Wahrheit "das Reich der Himmel" das Reich Gottes ist. Der mächtige Geist des göttlichen Himmelslichtes erscheint wie die Sonne allen Menschen als lebenspendende und lebenerhaltende Kraft des Weltenfeuers. Am leuchtenden Weltganzen stieg dem abgewichenen Menschen die Ahndung göttlicher Einheit auf. So gelangte der Mensch zum Bewußtsein der Licht-Einheit, die allein das höchste Leben wecken und wirken sollte. Licht und Feuer flehte der Mensch vom Himmel herab. Bei den Ureinwohnern Amerikas dämmerte diese Erkenntnis in der verdunkelnden Rauchwirkung des Feuers nach: "Großer Geist, komme herab, Feuer und Erde!"

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Von den ersten Anfängen der Menschheit her war es allen noch so schwach Erleuchteten bewußt und offenbar: Was gut und edel, was schöpferisch und Leben wirkend ist, ist leuchtende Wärme und glühende Helligkeit. Lichte Wärme und Leben der Liebe gehören dem Menschenbewußtsein aller Zeiten zusammen. Licht und Schönheit sind eines. - Aber nicht überall erstrahlt das Licht. Die Sonne geht unter. Dem Tag folgt die Nacht. Der strahlend glühenden Helle, dem guten Kraftgeist des Lichtes steht im Bewußtfein aller Jahrtausende der böse und unheimliche Geist des Dunkels undder Kälte gegenüber. Was blind und häßlich ist, was Erleuchtung und Erkenntnis verhindert, was alles Leben bedroht und ertötet, ist die ungeklärte, von dunklen Gefahren erfüllte und alles zum Erkalten bringende Finsternis. was gegen den Tag ist, ist Nacht. Was das erwachende Leben des Frühlings aufhält, ist Wintertod. Was gegen die Wärme ist, ist ertötende Kälte. Was gegen die einigende Liebe ist, bewirktden zersetzenden Tod. Der Tod bedroht das Leben. Zwischen dem Licht und der Finsternis ist Feindschaft und Kampf bis aufs Letzte gesetzt.

Der Mensch ist in eine unerhörte Spannung zwischen Tod und Leben hineingestellt; er ist für das glühend belebende Licht berufen: Kann er die kalte ertötende Dunkelheit überwinden? Vermag er jene in Kälte erstarrende Finsternis zu besiegen? Besteht er den Kampf gegen diese gefährlichste Macht, die ihn beständig von innen und außen umgibt? - Der gute Geist des Lichtes war vom Uranfang her als der göttliche, als der führende Held des Lebens offenbar. Der böse Geist der Finsternis war von Urbeginn an der Feind. Er war der nächtlich düstere Dämon des Todes. Zwischen beiden steht der kämpfende Mensch wie zwischen Himmel und

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Hölle. Dieser Kamps erfüllte sein Leben. Das Herabfinken der Nacht fürchtete er bangend als die kalte Gefahr des Todes und der Hölle. Das Heraufsteigen des leuchtenden Tages begrüßte er jubelnd als die nahende Glut des Lebens und des Himmels.

Das Licht war ihm Leben und Kraft. Der Morgen der Sonne stieg ihm strahlend zu heldenhaftem Siegeslauf am Himmel empor. Nichts Weiches und Weichliches, nichts Schwaches und Unterliegendes sah er in Sonne, Licht und Feuer. Die siegende Kraft des Lichtes war ihm mit strahlenden Sonnenpfeilen und mit leuchtender Blitzwehr gewaffnet. Der starke Sonnenheld des strahlenden Morgens und des leuchtenden Frühlings verschmolz ihm mit der Donnergottheit des alles bedrohenden Blitzes zu feuriger Einheit. Die Lichtgottheit der Sonnenkraft galt ihm wie der Donnergott des blitzenden Gewitters als männlich und mannhaft. Der Frühling der steigenden Sonne war ihm der jugendliche, der tapfere Kriegsheld, der als triumphierender Sieger den alternden Riesen des mächtigen Winters überwand. Er allein konnte es sein, der über die Erde und alle ihre Bewohner eine neue, die sonnige Zeit heraufführen sollte, die ersehnte, die erwartete Zeit! Sie allein kann Leben, das starke, das sprossende und bleibende Leben erwecken.

Am Ende der Tage sollte das Licht über die Finsternis triumphieren. Der Endfrühling aller Welten und aller Zeiten sollte einst die gesamte jetzige Zeit als die kalte, tote und dunkle Winterszeit, als die ertötende Eiszeit der heutigen Welt für immer abtun und Hinwegschmelzen. In der altchristlichen Zeit schrieb Hermas, ein Prophet der damaligen römischen Gemeinde, sein Buch vom Hirten, in dem er diese uralte Einsicht im urchristlichen Sinne erneuert hat. Es ist sein

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drittes Gleichnis, in dem er es aussprach: "Die jetzige Weltzeit ist Winterzeit. Die kommende Weltzeit ist Sommerzeit." - Welche Tatsachen liegen dieser prophetischen Sprache zu Grunde? Um alles zu begreifen, was das prophetische Wort von der Sonnenkraft Gottes, von dem Licht in Christus, von dem Feuer des Geistes, von dem Aufgang des leuchtenden Tages im Kommen des Reichs, von der Leuchtkraft und Einheitsglut der lebendigen Gemeinde zu sagen hat, gilt es, sich vor Augen zu stellen, was in der Natur Sonne und Feuer von jeher ist und bedeutet.

Nichts kann uns die gewaltige Bedeutung der leuchtenden Glut klarer vor Augen führen als der Uranfang der verstoßenen Menschheit, jene Urzeit des Menschen, in welcher ihm in der Ferne von Gott das Feuer zum ersten Mal begegnet ist. Als Schrecken und Grausen kam es zum Menschen. Und dennoch wurde es so bald als Lagerfeuer und am Opferaltar entzündet! Adam war einst ein Herr über das Feuer. Das Licht schien in ihm. Was aber geschah nach dem Verlust dieses Lichtes? Wie erlebte der in das Dunkel hinausgestoßene erste Mensch das Feuer? - Der vom Himmel herniederfahrende Blitz und das Krachen des Donners stürzten in einen flammenden Augenblick zusammen. Der Waldriese entbrannte lichterloh. Alles entfloh. Bald aber hatten sich an dem niedergeworfenen glühenden Baum Menschen gesammelt und gelagert, um an ihm das Feuer als das Ihre zu nähren und so den Schutz ihrer ersehnten Gemeinschaft zu finden.

Und weiter geschah es: Die Tiefe des Berges grollte. Der Untergrund der Erde erbebte und krachte. Dem rauchenden Berg entstiegen riesenhohe leuchtende Feuersäulen; Steingeschosse und Aschenregen wurden in hohem Bogen empor-

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geschleudert, - in einem Augenblick weit über das Land hin ausgestreut. Ein sich langsam dahinwälzender Strom blutigrot glühender Masse wand sich zu Tale. Wo Baum oder Strauch in den Weg traten, wurden sie von dem glühenden Atem erfaßt: Alles ging in Flammen auf! Aber langsam erblaßte die rote haut der dahinrollenden Lava. Wie eine übergewaltige Schlange lag sie da. Zu einem heißen Wall geworden, bedeckte sie das Bett des Tales. Der Mensch aber wagte es, sein Lager an den langsam erstarrenden Lavawall heranzurücken. Je näher er ihm kam, umso warmer wurde und blieb es, auch mitten in der kalten Tropennacht. Und berührte ein trockenes Holz den gefährlichen Glutstrom, der den Menschen mit schützender Wärme bestrahlte, so entbrannte der Ast in Heller, leuchtender Flamme. Hier entzündete sich das Feuer ebenso wie es bei dem vom Blitz getroffenen Baum gewesen war. Und je mehr Holz der Mensch hinzu tat, umso wärmer und leuchtender wurde die lodernde Flamme.

So ist es gekommen, daß der Mensch es lernte, mit dem furchtsamen Schrecken vor der übermächtig verzehrenden Glut eine ehrende Dankbarkeit zu verbinden; denn hier war ihm ein Element begegnet, das mit dem Zorn vernichtender Gewalt das liebende Geschenk des Lebens verband. Dieses brennende Element wollte der Mensch in Ehrfurcht bewahren. Er mußte es nähren und pflegen. Er lernte es annehmen und aufnehmen. Bald begann er es zu entlehnen und auch dorthin zu tragen, wo kein einschlagender Blitz und kein hervorbrechender Vulkan neue Funken wecken wollte. Der Mensch hütete das Feuer. Glühend und glimmend nahm er es mit sich, um es am rechten Platz durch kleinste Holzteile zu lodernder Flamme zu entfachen. In beständiger Sorgfalt

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erhielt er die dem tötenden Blitz und dem vernichtenden Vulkan entlehnte Glut am Leben. In die Kälte und Dunkelheit trug er sie hinein, um sie immer erneut zur Flamme zu entfachen. Er lernte das Feuer zu pflegen.

So verehrte der Mensch den Feuerfunken als ein ehrwürdiges Heiligtum, als ein wahrhaft heiliges Gut, das die Gottheit niemand anderem als allein der Menschheit geschenkt hatte. Kein Tier hatte an diesem Gut aktiven Anteil. Keine Tiergemeinschaft pflegte das Feuer, wie der Mensch es tat. Kein Tier nahm es mit sich. Nur die schwache Gemeinschaft der Menschen war es, die niemals und nirgends ohne Feuer war. Nur Menschen sind Feuerträger. In ihrer Hand darf der Funke nicht verlöschen. Feuerbewahrer ist der Name des Menschen. Niemals durfte er sein Feuer vergessen. Von Hand zu Hand gab er es weiter. Als Feuergeber und Feuerentlehner beweist sich der Mensch dem Ursprung wie dem Ziel nach als Gemeinschaftswesen. Feuer verbindet die Menschen in gegenseitiger Hilfe. Auch der Fremdeste war von Urbeginn an von dieser Gemeinschaft umschlossen.

Die Pflege des Feuers war für die menschliche Gemeinschaft grundlegend. Die Strahlung des Lichtes und der Wärme entfaltete sammelnde Kraft. Das Lagerfeuer bedeutet Bildung und Wahrung der Gemeinschaft. Das Forterben des Gemeinschafts-Feuers von Geschlecht zu Geschlecht ist wertvollstes Erbgut der ältesten Menschen. Überall bleibt die Flamme der Vereinigungspunkt aller ersehnten Gemeinschaft. Sie ist es, die Lebensgemeinschaft bewirken soll. Die Nachftammen jenes himmlischen und abgründigen Schreckens zu hegen und zu nähren verweist auf die neue Menschwerdung, nachdem das erste Licht des Gottesbildes in dem gefallenen Menschen verschüttet war. Hier tauchte nach dem

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Verlust des ersten Gottesfriedens die Ahndung auf, daß Feuergericht Feuergeschenk bedeutet, daß der Zorn der höchsten Gewalten neue liebende Gnade in sich trägt. Feuerdienst will Gottesdienst werden. Der den verlorenen Gott ehrende Mensch will durch das Holzopfer die wärmende Glut am Leben erhalten. Er will, daß ihr Licht in keiner Nacht verloren gehe. Er will, daß die Gemeinschaft der Menschen gesammelt werde und versammelt bleibe. Auch ihre Nahrung sollte hier wie ihr Leben vor Verwesung und Tod bewahrt werden. So sollte am Lagerfeuer, am Herdfeuer und am Altarfeuer Stammesgemeinschaft, Volksgemeinschaft und Menschheitsgemeinschaft erstehen. Das Licht des Paradieses war entschwunden. Die ungetrübte Gottesgemeinschaft war verloren. Konnte das neue Gemeinschaftsfeuer den Weg zu dem verlorenen Gott erhellen?

Durch das Feuer gelangte der Mensch sehr langsam mehr und mehr zu jener Beherrschung der Naturkräfte, zu der er in dem verlorenen Garten berufen war. Freier und freier schien er, vor allem für Wahl und Wechsel seines Aufenthaltsortes zu werden. Wachsend fühlte er sich von den äußeren Bedingungen der Landschaft und des Klimas unabhängiger. In Feuer-Gemeinschaft suchte er zu jener Freiheit und Herrschaft zu schreiten, die er mit der Lichtgemeinschaft Gottes eingebüßt hatte. Wieder sammelte ihn ein glühendes Licht um einen lodernden Mittelpunkt. Es wies ihm durch die bedrohliche Nacht einen gemeinsamen weg zu beherrschender Freiheit. Die Helligkeit der Flamme schien ihn von dem Todeshauch der Kälte wie von all den Naturmächten, die ihn nach dem Verlust des Gottesfriedens von einander reißen und verderben wollten, befreien zu sollen.

Von der Furcht der Nacht und von der Knechtung durch die

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Natur auch nur ein wenig befreit, konnte der Mensch es wagen, langsam an eine Beherrschung der Dinge heranzutreten, die ihm mit dem Paradies Gottes verloren gegangen war. So lernte er seine Nahrung in Gemeinschaft teilen, lernte sie konservieren und für die ganze Schar genießbar erhalten. So schritt er von dem Lagerfeuer auf offener freier Erde zu dem geschützten Gemeinschafts-Herd zweier übereinander gelagerter Steinschichten, zwischen denen das heilige Feuer ununterbrochen glühen und für alle beständig weiter brennen sollte. Hier sollte es als ehrfurchtgebietendes Geheimnis der erhofften Menschengemeinschaft immer und ständig dem Stamme erhalten bleiben.

Einst hatte Angst und Schrecken zur gemeinschaftlichen Flucht vor dem unberechenbar überlegenen Feuerzorn der Gottheit geführt. Jetzt verband gemeinschaftliche Ehrfurcht den Menschen der Flamme. Denn er hatte es erfahren, was die gefährliche Glut der Horde gab: Schutz vor der Gefahr des kältetodes wie vor den bösen Gewalten der Nacht: Erhaltende Lebenskraft, Erhaltung auch für die im Feuer gesalzene Nahrung. Mehr und mehr aber wurde die sammelnde Kraft als das stärkste Element des Feuers erfaßt. Die ersehnte Gabe des Lebens und der Gemeinschaft war größer, als es die mörderische Zerstörung des verzehrenden Blitzes und des Feuer speienden Berges gewesen war, die einst die Menschen auseinander getrieben hatte. Was Schrecken des Todes und der Zertrennung gewesen war, sollte zur Kraft des Lebens und der Sammlung werden.

So suchte der Mensch das mörderische Grausen der alles zum Erfrieren bringenden Eiszeiten zu überstehen. So überschritt er jene Todeszeiten, die weit gewaltigere Tiergeschlechter in weite Ferne vertrieben oder völlig zum Aussterben ge-

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bracht hatten. Nur so konnte er, dessen Glieder unbewaffnet waren, sein Leben gegen die ungezählten Mordgeschöpfe der Nacht behaupten. Nur so Widerstand sein Herz den über alles gefürchteten Geistern der Finsternis.

Das Feuer hatte Schutz gegeben. Deshalb wurde es geschützt. Als schützender Sammelpunkt der menschlichen Gemeinschaft wurde es zum Kernpunkt der menschlichen Wohnstätte. Für das Feuer wurde das Haus geschaffen. Im schützenden Bemühen um die Flamme, als Feuerschutz entstand das menschliche Haus. Das heilige herdfeuer ist nicht ohne Grund und Ursache der Inbegriff der Häuslichkeit. Für die Wahl des Lagerplatzes war nicht das Finden oder Errichten eines deckenden Verstecks, in dem der Mensch sich etwa hätte verbergen wollen, sondern vielmehr der Flammenschutz, die Schirmung der Feuerstelle das allein maßgebende Moment. War das Feuer vorden verlöschenden Winden geschützt, so verscheuchte seine lodernde Flamme alle den Menschen bedrohenden Gefahren, während kein noch so sorgfältig gewähltes Versteck die schleichenden Gewalten ferngehalten hätte.

Im Freien bei helfenden Bäumen wurde der Feuerplatz hinter schirmend aufgerichteten Wänden vor löschendem Sturm und seinen Regenfluten behütet. Wo es das Gegebene war, wurde hier und da in einer die Flamme hütenden höhle die Feuerstätte errichtet. Überall aber sollte der Schutz des werdenden Hauses vor allem anderen dazu dienen, die Flamme am Leben zu erhalten. Nicht das Haus, sondern das Feuer war es, was die Menschen vor dem Kältetod der eisigen Nacht wie vor dem Schreckenstod des nächtlichen Feindes schützen sollte. Nicht der Mensch, sondern das Feuer war es, was man durch Wand und Dach zu schützen suchte. Dessen Schutz war eine heilige Sache. Heiligste Verpflichtung

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war es Funken und Flamme zu schützen. Das Wohnhaus erstand als heiliger Schutz des Herdes.

So ist denn der Name dieses Hauses, dessen lebengebender Mittelpunkt für immer Funke und Flamme bleibt, ebenso wie der Name des Tempels, dessen Heiligtum im Feuer brennt, "Feuerstelle". Einst war das offene Lager des wandernden Stammes durch den Hellen Brand des Feuerplatzes zur Heimstätte geworden. Nun entstand um die beständig zu schützende Flamme herum das Haus. Aus dem Windschirm, der nicht den abgehärteten Menschen, sondern vielmehr das Feuer hüten sollte, wurde der Feuerhof, die schützende Behausung der umhegten Flamme. Und weiter: Als der Windschirm zur gedeckten Hütte geworden war, blieb abermals das Herdfeuer der maßgebende Faktor der Menschenwohnung. Zuerst wurde das Feuer auf der bloßen Erde bereitet. Allmählich wuchs eine Steinerhöhung heran, die zum Malherd als zum bedeutsamen Mittelpunkt der Wohnstätte werden sollte.

Das Mal des Herdes war das Merkmal der heiligen Stätte. Es war die Kennzeichnung der großen Sache. Es war das heilige Zeichen erhabenster Bedeutung. Der Malherd wurde Altar und Denkmal. Nicht nur im Tempel bezeichnet der Altar die rauchende Opferstelle des heilig stammenden Gottesherdes; dasselbe Wort ist es, das für die Feuerstelle des Kochherdes in jedem "profanen" hause gebraucht wurde; auch sie war heilig. Die Brandstelle des täglich bewohnten Hauses war den ersten Menschen ebenso unantastbar wie das Altar-Feuer im Tempel. Die Ursache dieser Haltung ist klar. Licht und Wärme blieb als Geschenk der Gottheit die sammelnde Kraft der Gemeinschaft. Der Herd blieb der ehrfurchtsvoll zu hütende kristallisationspunkt des gemein-

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samen Lebens. Er blieb es von der Urgemeinschaft der Menschen her.

Wie für die lebende Hausgemeinschaft war das Mal der Feuerstelle auch für die Toten von höchster Bedeutung. Die menschliche Gemeinschaft wechselte in der ersten Zeit ihres gemeinsamen Lebens beständig ihren Platz, um von Ort zu Ort weiter zu ziehen, während die alten Stammesführer einer nach dem anderen dahinstarben. Überall, wo der Weg vorüber geführt hatte, entstanden heilige Male zur bleibenden Erinnerung und ständigen Weihe. Überall, wo heilige Gemeinschaftsfeuer gebrannt hatten, überall, wo Lager der Sammlung die Opferstätten religiöser Vereinigung gewesen waren, häufte man Erde und Steine zu einem Hügel auf, der beständig erhöht und erweitert wurde. Die ersten Denkmale der Menschheit waren dem Ewigen geweihte Male alter Feuerstätten.

Sie galten den Vorüberziehenden mit Recht als heilige Gräber. Denn die Gräber der frühen Menschen, besonders derer unter ihnen, die führend wirksam gewesen waren, wurden an den herdplätzen jener alten Lagerfeuer errichtet, an denen sie in der Mitte der Ihren gelebt und gewirkt hatten. An seiner geliebten alten Feuerstätte sollte der Verstorbene die ihm gebührende Ehrung empfangen. Wie also der Altar des Tempels und der Herd des einfachen Hauses dieselbe verehrende Weihe erfuhren, so wurden an derselben Feuerstelle auch Grab und Herd zur Einheit. Das Grabmal war zu einem für immer geweihten Ort geworden, indem man den ehemaligen Feuerplatz, an dem der Verstorbene lebend Anteil gehabt hatte, durch Umstellen des Herdes und des Grabes mit einem Steinkreis als Heiligtum umhegte. So entstand der "Hügel der Anbetung", von dessen Gottesverehrung und Götzendienst die Bibel erzählt.

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Und wie bei den Toten war und blieb es bei den Lebenden. Der eingehegte Platz des Hofraumes, der immer fester um die Feuerstätte herum erstand, - bis schließlich der geschlossene Hof, die "Hofraite", erbaut war, - beheimatete die lebenden Menschen in gleicher Weise wie jener Steinkreis die toten. Der lebendige Mittelpunkt war und blieb für Lebendige wie für Tote der heimische Herd als der heilige Herd. Der Hof des Menschen als sein das Feuer umgrenzender Wohnraum war der umzäunte Platz der Feuerstelle. Das Herdfeuer blieb der Inbegriff des Hofes, wie es für immer der Inbegriff des Hauses und der Häuslichkeit bleibt. Zaun und Stadt, Hof und Burg, sie alle deuten mit demselben nordischen Wortstamm auf das umbaute Feuer. Um das Feuer herum als um den bleibenden Mittelpunkt entsteht das einzelne Haus, das über der Feuerstelle das Dach aufbaut. Und um dieselbe Feuerstelle ersteht der Hof, an dessen Zäune und Mauern sich die gedeckten Wohnhäuser angliedern: Das Feuer ist das zentrale Geheimnis der Wohngemeinschaft aller Menschen.

So galt denn die Flamme des Herdes als die vereinigende Kraft der ansässigen Hausgemeinschaft, wie sie vorher als Lagerfeuer die sammelnde Energie der Wanderhorde gewesen war. Und wenn es die beständige Neigung aller Menschen ist, ihren Gemeinschaftswillen auf die kleine Gruppe des eigenen Stammes zu beschränken, so wurde wiederum das Feuer zur Anregung der Freundschaft von Stamm zu Stamm. Nicht nur als Grundlage der Gastfreundschaft bahnte es zwischen Fremden Friede und Einheit an, sondern auch im freien Verkehr von Stamm zu Stamm wurde das Verleihen und Entlehnen des Feuers selbst dort zur Grundlage freundschaftlicher Beziehungen, wo zuvor Feindseligkeit geherrscht hatte. Durch Übertragung von Herd zu Herd und von Volk zu Volk

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wurde das Feuer als Zeichen des Friedens und der Einheit verschenkt und gewonnen.

Das erste Symbol des Friedens und das erste Geschenk der Gastfreundschaft war der glimmende Funke des Feuers, das Gemeinschaftszeichen des Stammes. Wieder ist es der dienst an den Toten, der uns Nachgeborenen die freundschaftlichen Beziehungen der Lebenden beweist. Die Nahrungsgemeinschaft, Feldgemeinschaft und Feuergemeinschaft der frühen Menschheit offenbart sich an ihrem Totendienst. Dem Toten wurde in sein Grab mit der Nahrung Feuer mitgegeben, wie die Lebenden mit dem Lebendigen Gemeinschaft der Nahrung wie des Feuers geübt hatten. In gegenseitiger Hilfe und Fürsorge teilte der Urmensch Nahrung und Feuer in Gütergemeinschaft und Lebensgemeinschaft, wie auch die feuergeweihte Flur und Weide von dem ganzen Stamm oder Dorf gemeinschaftlich verwaltet wurde. Auch der Tote sollte wie jedes andere Glied des Stammes mit den Lebensgütern der Gemeinschaft versorgt werden. Er darf nicht einem hungrigen, kalten und finsteren Grab überlassen bleiben. So teilte man ihm von dem gemeinschaftlichen Essen mit oder weihte ihm ein Stück des Feldes mit dessen voller Ernte. Aber die Hingabe des Feuers ging weiter als die der Nahrung. Sie wollte für die Überlebenden nichts von dem zurückbehalten, was dem Toten zukam.

Deshalb löschte man von alters her für die verstorbenen alle Feuer, an denen sie bis zum letzten Tag ihres Lebens teil gehabt hatten; ihnen sollte die ganze mit ihnen in lebendiger Gemeinschaft geteilte Flamme als geweihte Gabe überlassen bleiben, so daß man nunmehr nach dem Verlöschen der alten verlassenen Feuerstellen gänzlich neue Feuer anzünden mußte. Noch heute löscht die Kirche am Karsamstag als zum Toten-

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fest Jesu alle alten Feuer, um die neuen Flammen am Ostermorgen zu entzünden, daß an ihnen alle Haushaltungen ihre Osterscheite, Scharhölzer oder Osterkerzen anzünden sollen. Wie die Urmenschen in dem Mitgeben des Feuers ihren Glauben an das Weiterleben der Toten bezeugten, so erschallt heute bei der neuen Entzündung der Kerzen der Ruf: "Christ ist erstanden!"

Der Glaube für das Leben nach dem Tode entsprach dem, was den Überlebenden auch für die ihnen verbleibende Lebenszeit als das Beste und Höchste galt. Was man den Toten gab, konnte nichts anderes als das sein, was man den Lebenden wünschte und verlieh. Und in der Tat: Wie den Verstorbenen für ein neues und anderes Leben, so wurde auch den Mitlebenden zu jedem neuen hiesigen Unternehmen Wegzehrung und Feuer auf den Weg gegeben. Feuerträger oder Feuerjungfrauen als Begleitmannschaft waren für jeden Aufbruch und Neuanfang unentbehrlich. Wenn die zu neuer Ansiedlung geweihte und am ersten März ausgesandte Jungmannschaft der Römer wie die der Germanen als der Gottheit geweihter "heiliger Lenz"den Mutterstamm verlassen sollte, hatte dieser "Weihefrühling" des Volkes das Heimatfeuer mit sich zu nehmen, während daheim alle Feuer verlöscht wurden. Die heilige Hütung wie auch die Neuentfachung des Funkens und der Flamme war den Feuerjungfrauen anvertraut, die durch keine Mannesliebe und durch keine Kindergeburt an diesem Priesterdienst gehindert werden dursten, so daß auch für die späteren Vestalinnen als für die geweihten Hüterinnen der heiligen Tempelflamme Keuschheit strengstes Gebot blieb.

Auch die ständige Erhaltung und Bewahrung des zurückbleibenden und ansässigen Stammes war von dem heiligen

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Feuerdienst abhängig. Stammesdauer und Feuerdauer galten als eines. Das eine bedingte das andere. Wie das Feuer verlosch, wenn der Stamm ausstarb, so verlor sich die Selbstständigkeit des Völkchens, sobald das Feuer zu brennen aushörte. Und ging der Wanderschar doch einmal die Flamme aus, so holte man, um nicht Fremden dienstbar zu werden, den neuen Funken vom alten heimatlichen Herd, wie Gretter der Held die stürmischen Wogen des Fjord durchschwamm, um auf demselben gefährlichen Weg in erhobener Hand das heimische Feuer zurückzubringen. "Man hegt", wie Homer in der Odyssee sagt, "den Samen des Feuers, um nicht in der Ferne zu zünden."

Durch das Feuer war die Heimat dem Stamm und seiner Gottheit geweiht. Wie die Flamme des Landes überall in heiliger Gemeinschaft gehalten wurde, so war von jeher auch bei den Germanen das Land als "Allmende" eigentumsloser Gemeinschaftsbesitz, gemeinsame Mark der "Allgemeinde". Mit "Feuer heiligen" bedeutete den Norwegern, daß sie durch die ihnen zugehörige Gemeinschaftsflamme ein Land für ihre Gemeinschaft zu eigen nahmen. Wo ihr Funke entbrannte, war ihre Heimat. Das heimatliche Feuer gehörte wie das mit ihm in Besitz genommene Land der ganzen Volksgemeinschaft.

Das Teilhaben am Stammesfeuer war wie die soziale Gemeinsamkeit des Landbesitzes eine religiöse Angelegenheit. Das versagen des Feuers bedeutete Verbannung aus dem Lande der Heimat. Die Feuerverweigerung konnte nur dann ausgesprochen werden, wenn der Entbehrende unter der Strase religiöser Verbannung stand. Dem Gericht der Götter anheim gegeben, hatte er allen Anteil an den Lebenselementen seines Volkes verloren. Einzig und allein unter der

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Strafsanktion der göttlichen Gewalt als unter ihrem Bann konnte das erbetene Feuer verweigert und das heimatliche Land verboten werden.

Das Ausstößen aus der Gemeinschaft und aus ihrer Heimat, das schwerste Schicksal, welches den Menschen treffen konnte, hieß deshalb "die Gemeinschaft von Wasser und Feuer entziehen". Wenn jemandem kein Feuer mehr geliehen wurde, so sprach auch niemand mit ihm, wie es Herodot in seinem Bericht über Aristodemos von Sparta bezeugt. Nicht anders wurde bei den Römern der Verlust des Bürgerrechts, wie es im Kornelischen Gesetz geschah, dadurch ausgesprochen, daß ihm Wasser und Feuer versagt wurde. Auch die Ächtung bei den Germanen hatte dieselbe Wirkung, daß dem Gebannten niemand Feuer leihen oder Wasser reichen durfte. Von dem gesamten Gemeinschaftsleben des Volkes war er abgeschnitten.

Das Gewähren und Versagen des Feuers machte alle Menschen gleich, Auch der Frau gegenüber bewies sich die Wirkung der Flamme als Erhebung zur Ebenbürtigkeit bis zur priesterlichen Würde. Vor dem Feuer sind alle Menschen gleich. Wie bei den Vestalinnen und jenen dem Dienst des heiligen Frühlings geweihten Feuer tragenden Jungfrauen der Wikinger und anderer Germanen, so hatte die Frau überall die größte Bedeutung für die Gewährung dieses heiligen Dienstes wie für seine Versagung. Fast stets war sie es, die der Herdflamme wartete, sie wahrte und unterhielt, die sie mit sich trug und mit beständig bereit gehaltenem Nährstoff zu versehen hatte.

Vielleicht war es auch die Frau, die als erste die Geburt des Feuers aus der Reibung der Hölzer hervorgebracht hat; denn nicht anders ist das neue Entfachen der erstorbenen

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Flamme bei den Menschen aufgekommen als aus der Arbeit, bei der man zur Nahrung des Feuers wie beim Bereiten der Werkzeuge Holzmehl aufhäufte. Bei der Arbeit entbrannte aus der heißen Reibung und aus dem Häufen feinster Holzteile der neue Funke der ersehnten Flamme. Zum priesterlichen Dienst wurde diese heilige Funktion der Arbeit am feuernährenden Stoff. Aus den beiden Hölzern, Feuervater und Feuermutter genannt, erzeugte sie durch rasche heiße Drehung das Feuer, um es, wie die Edda zu sagen weiß, "so heran wachsen zu lassen, daß es sogleich weithin Botschaft tragen konnte". Diese Feuererzeugung und Flammengeburt war, von Männern oder Frauen geübt, von Urbeginn an heiligster Gottesdienst. Der Priester trug bei den Indianern den Namen des Feuermachers, wie die Priesterinnen der Römer den der Feuerjungfrauen.

Auch das Hakenkreuz des Feuerrades, zugleich ein Zeichen des rollenden Sonnenrades, verweist auf diese älteste heilig gehaltene Entfachung der Flamme. Das Hakenkreuz ist das uralte Bild der im rechten Winkel aneinander gelegten Zündungshölzer. Ihre rasche Drehung und zündende Kreisung kündet dieses Symbol wie bei einem schwingenden Rad durch die dahineilend gedachten Haken an den Enden der Hölzer. Aus der Bewegung ersteht der Funke. So wurde denn im fernen Osten das Hakenkreuz als Feuerkreuz der uralten Zündung das Urzeichen für Ursache und Wirkung. Die drehende Reibung war als Ursache für die Feuer-Wirkung erkannt worden, offenbar mit der Einsicht in die Wirkung der Sünde als in das Karma des Bösen eine erste Erkenntnis dieses bedeutsamen Gesetzes.

Daß wir dieses Feuerkreuz der beiden Hakenhölzer schon in der jüngeren Steinzeit vorfinden, beweist, wie es nach allem

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hier Erwähnten nicht anders sein kann, seine allgemein menschliche Bedeutung. Das Entfachen des Feuers durch die Drehung der Hölzer ist als das Lebenszeichen und Gemeinschaftszeichen der ganzen Menschheit Gemeingut aller Völker. Es gehört als Sinnbild des Feuerzündens und des Sonnenrades der Urmenschheit an. Es gebührt allen ihren Nachkommen ohne Unterschied der Rasse und des Blutes. Deshalb ist es nicht zu verwundern, daß es sich als das Zeichen der lebenspendenden Macht des Sonnenlichtes und des Feuerentzündens wie bei allen Indogermanen auch bei den Phöniziern Kanaans erhalten hatte. Auch den jüdischen Landbewohnern Kanaans gehört das Feuer, seine Zündung und seine Gemeinschaft.

Der heilige Dienst der Feuerbewahrung und der Feuerzündung mit ihrer alles verzehrenden Verbrennung führte bei allen Völkern zum Feueropfer des heiligen Altars. So huldigte auch das Volk Israel jeden Morgen und jeden Abend Jahwe-Jehova durch das aufsteigende Rauchopfer und durch das emporflammende Brandopfer. Die Darbringung des Rauchaltars wird im neuen Bunde zu dem feurig geopferten Eintreten Jesu Christi als des Hohenpriesters für sein Volk, durch seine und des heiligen Geistes Anwaltschaft zugleich zum Aufsteigen der flammenden Gebete seiner heiligen, die auch als tägliches Dankopfer bezeichnet werden.

Das Brandopfer des Feueraltars war als Ganzopfer Israels nicht nur das häufigste sondern auch das allgemeinste, das umfassendste und völligste Opfer, - wie an ihm Abraham, der Erzvater Israels, eine unbegrenzte Opferbereitschaft bewiesen hatte, als er den einzigen Sohn der Verheißung zum Feueropfer hingeben wollte, - und wie es schon vor den Erzvätern Noah nach seiner Errettung aus der alles ver-

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derbenden Sintflut in dem Verbrennen des ganzen Tieres als des Sinnbildes völliger Hingabe zu dem Himmel des Friedensbogens Gottes aufsteigen ließ. Deshalb mußte Paulus den Tod Jesu als das Feueropfer, seinen Kreuzesgalgen als den Brandopferaltar des neuen Bundes bezeugen; Johannes aber sah und hörte die getöteten Blutzeugen Christi - wie Geister der Alten am Mal und Grabe der Feuerstelle - unter dem Brandopferaltar! In der Bluttaufe wurde die Frage Jesu beantwortet: "Könnt ihr mit demselben Feuer getauft werden, wie es über mich kommt?" Die Bluttaufe des Gekreuzigten und des ihm folgenden Todesmartyriums der Gemeinde beweist die Hingabe des Ganzopfers wie auf dem Feuerherd des Brandopfers.

Die Flamme eines so auf das Letzte verweisenden Opfers durfte auch im Volk Israel nur dem heiligen Altarfeuer entnommen werden. Kein "fremdes" Feuer durfte an den Altar herangebracht werden. Wie bei den ältesten Menschen sollte auch hier das auf dem Brandopfer-Tisch lodernde Feuer niemals zum verlöschen kommen. Als ewiges Feuer war es Gott geheiligt. Der Steinherd oder Steintisch, der zuweilen auch damals noch unter Hinzunahme von Erde und Rasen errichtet wurde, hieß zur Zeit der Propheten der "Gottesberg" oder der "Gottesherd". Als der Feuertisch war er der Altar Gottes.

Zugleich Schlachtstätte und Feuerstätte, ließ er die Brandopfer aufflammen, noch im zweiten Tempel Israels nach dem so überaus altertümlichen Brauch aus unbehauenen Steinen errichtet. Moses hatte einen solchen Feuer-Altar umgeben von zwölf Steinhaufen als dem israelitischen Hof des Heiligtums wie die ältesten Menschen aus Erde, Josua mit den ihn umstellenden Gesetzessteinen wie die späteren

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Urmenschen aus unbehauenen Steinen errichtet. Wie auf diesem ältesten Altar, bei dessen Brandopfer schon Abel erschlagen wurde, soll die zur Bluttaufe bereit stehende Hingabe des neuen Bundes ohne jede verschnörkelte Künstelei einer Reichtum vortäuschenden menschlichen Kunst in ursprünglichster Einfachheit schlichtesten und ärmsten Menschentums dargebracht werden. Bei der Verkündigung des in der Feuertaufe am rohen Galgen Hingerichteten Jesus kann sein Apostel nur ohne jede Redekunst und hohe Weisheit wirksam sein. Das Feueropfer erfordert letzte Einfachheit als die Echtheit des Ursprünglichen.

Es war jener einfache Brand-Altar des Tempelhofes, an dem der Prophet Jesaias die alles Gesagte umfassende Vollbedeutung des Gottesfeuers erkannt hat: "Gott hat zu Jerusalem einen Herd." "Jahwe hat zu Zion Feuer." "Jehova wird über alle Wohnungen seines Berges Licht gebendes Feuer schaffen, daß es die dunkle Nacht brennend durchleuchte!" "Das Licht Israels wird Feuer sein." "Sein Geist wird richten und ein Feuer anzünden."

Als Blitz des Himmels fährt das Feuer des Herrn von oben herab, um dort einzuschlagen, wo es hin will. Als Elias, der einzig übrig gebliebene Prophet Jehovas Hunderten von falschen Propheten als Vertretern des Sonnengötzen Baal und seiner Mond- und Venus-Göttin Astarte gegenüberstand, forderte er die Bereitung zweier Altäre, des einen für jene Götzen und des anderen für Jahwe, den Gott Abrahams, Isaaks und Israels. Seinen Altar baute Elias aus zwölf Steinen auf; denn er sollte wie bei Moses der Feuerherd des Zwölfstämme-Volkes Jehovas sein. Er umgoß ihn mit Wasser. Denn auf beide Altäre sollte Holz und Opferstier, jedoch kein Feuer von Menschenhand gelegt werden. Die

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Baals- und Astarte-Priester sollten ihre Götzen, Elias wollte seinen Gott um das Herabsenden des zündenden Feuerblitzes anrufen: "Welcher Gott mit Feuer antworten wird, der sei Gott!"

Hier entschied sich der Kampf zwischen dem Feuergötzen und dem von Gott kommenden Feuer. Das rasende Rufen der Sonnen- und Mond-Priester fand keine Antwort. Auf des Elias Anrufung aber fiel das Feuer Jehovas herab. Es traf seinen Altar und fraß in lodernder Glut Brandopfer, Holz, Steine und Erde und verzehrte mit seinen Flammen das feuerfeindliche Wasser: Der Flammenblitz erwies es: "Jehova ist Gott. Jahwe ist Gott. Der Herr ist Gott!"

Das vom Himmel herniederfahrende Feuer ist das lodernde Zeichen, in dem der Bundesgott den Menschen naht. Denn er ist der schöpferische Geist des Zentralfeuers, der Himmel und Erde, Sonne, Licht und Glut und alles Leben erschaffen hat. Das verzehrende Feuer kündet das Nahen Gottes. Als Abraham, der Erzvater des Gottesglaubens, um ein Bundeszeichen bat, das alle seine Zweifel beseitigen könnte, war es die Feuerflamme Gottes, die zwischen die zur Rechten und Linken auseinander gelegten Opferstücke fuhr, wie Bündnis schließende Menschen zur Bekräftigung ihres Gelübdes zwischen den Teilen des zerlegten Tieres hindurchschritten. Das Bündnis des gelobenden Gottes ist der Bund des Feuers. Ihm gilt es zu folgen.

Als in der Wüste die Bundeswohnung der Stiftshütte aufgerichtet war, lagerte über ihr als über dem Feuerhaus Gottes die leuchtende Flamme und ihre Rauchwolke. Wenn dieses Feuer Gottes nicht vorausziehen wollte, blieb das Volk an seinem Lagerplatz und wartete des Feuerzeichens, auch wenn es Monate dauern sollte! So oft aber die Flamme

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mit ihrer rauchenden Wolke vorausging, erfolgte der Aufbruch der feuergebundenen Schar. Das führende Licht des Feuers war ihnen Gottes ruf, Gottes Atem und Gottes Wort. Gott, der Feuersender selbst war ihr Feuerträger, ohne dessen Vorausschreiten kein neuer Aufbruch möglich war.

Und weiter: Wie Gott dem Propheten Moses für dessen Beauftragung im brennenden Busch als Feuerflamme erschienen war, so ist sein Wort auch dem Jeremia ein brennendes Feuer, das in seinem Herzen glüht, um im Munde des Propheten zur lodernden Flamme zu werden. So heißt es auch von Elia, daß er wie ein brennendes Feuer mit seiner Prophetie hervorgebrochen ist. Feuer und Rauchdampf sind die Zeichen Gottes, die wie ein flammendes Wort hereinbrechen, um seine Ehre zu künden. Sie sind es als Zornesfeuer und Gerichtsfeuer ebenso wie als Liebesfeuer und Vereinigungsfeuer.

Niemals erscheint Gottes Lichtfeuer ohne verzehrendes Gericht über das Alte, über das Verwelkte und Verdorrte, über das Unlebendige, Ungemeinschaftliche undUngerechte, über alles dem Tode Verfallene. Niemals darf es die Menschheit vergessen, daß das Feuer des Himmels und des Abgrunds im Blitz und Vulkan zuden Menschen gekommen ist. Als Schrecken schlagt es in die kalte Dunkelheit des nächtlichen Unfriedens ein. Es übergießt die dürre tote Landschaft mit dem Feuermeer des Grausens. Es offenbart und verzehrt die Finsternis des Bösen, des Todes und der Zertrennung. Es ist und bleibt das Gerichtsfeuer, das den abgehauenen Baum und die unfruchtbare Spreu verbrennen muß.

Gott ruft es zum letzten Gericht über das verfinsterte Weltall auf, wie er es über das unreine und entartete Sodom und Gomorrha und über die tyrannisch versklavende Ungerechtigkeit

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Ägyptens kommen ließ, wie es in der Wüste die aufrührerisch entzweiende Rotte Korah und andere widerwillige Israeliten treffen mußte. Himmel und Erde wird es verzehren. Sie werden - wie ein Juwel zur Feuerprobe - für ein Flammenmeer aufbewahrt, das an jenem Tage entzündet werden soll, an dem das letzte Gericht gehalten wird, dessen Verderben alle Entzweiten und von Gott Getrennten treffen wird.

In ihm entbrennt jenes dunkle und finstere Feuer der schwarzen Strahlen quälenden Rauches, das der Segnungen geheiligter Flammen entbehrt. Dieses letzte Geheimnis des Gerichtes ist das höllische Feuer der Ausstoßung und Verbannung. Es ist von aller Gemeinschaft des Lebens, von aller schützenden und befreienden Kraft seiner Lager- und Herdfeuer abgetrennt. Es ist der dunkle Nebel düsterer Verbrennung, der den Nachtgewalten der Finsternis zugehört. Die Bergpredigt Jesu sagt es an: Dieses letzten Gerichtsfeuers ist schuldig, wer die Gemeinschaft der Liebe zerstört, - wer den Bruder der Verachtung preisgibt und ihm die Menschenwürde abspricht, - wer hungrige und Durstende ohne Speise und Trank, - wer Obdachlose und Unbekleidete ohne Bedeckung läßt, - wer an kranken und Gefangenen vorübergeht. Er ist schuldig, weil er ein Mensch ist, der Gott und die Liebe vergessen hat.

Die herzenskälte, die sich vor dem Unglück der Mitmenschen verschließt, die Ungerechtigkeit der kalten Seele und die Ungemeinschaftlichkeit des verhärteten Gemüts führt jene Verbannung herbei, die den Schuldigen in die verzehrende Finsternis der Gemeinschaftslosigkeit ausstößt, weil sein Wesen von Grund aus dessen Eigenschaften angehört. Jesus spricht es aus, daß dieses schwerste Gericht unumgänglich ist,

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so oft es das allen anderen Mitteln unzugängliche Dasein des zertrennenden, auflösenden und zerstörenden Unfriedens aufdecken und bis ins Letzte vollenden muß. Aber in dem Munde Jesu will das Ansagen des nahenden Gerichts zur Rettung werden. Sein Feuer richtet das Böse, indem es den Weg aus dem Herrschaftsgebiet der Finsternis in das Reich des Lichtes weist. In seiner Hand wird die Fackel des Zornes zum Spender des sammelnden und erhaltenden Lebens.

Er ist der Feuerbringer Gottes. Das frühe Christentum bewahrte als seinen Ausspruch jenes denkwürdige Wort: "Wer mir nahe ist, ist dem Feuer nahe! Wer mir ferne ist, ist dem Reich fern." Jesus erglüht wie Feuer und Sonne; er bringt das Gericht des Feuergeistes; er begründet in dem herannahen des Lichtreiches die Feuergemeinschaft seiner Hausgemeinde. Mit ihm kommt das Gottesreich, in dessen Herrschaft Gott selbst die leuchtende Sonne ist, die alle geschaffenen Sonnen für immer in Schatten stellt. In der Licht-Einheit Jesu Christi ist das Gottesherz der glühend flammenden Liebe zur Erfüllung seines ewigen Willens gelangt. Der Sohn ist der Sonnenheld, der keiner geschaffenen Sonnen bedarf, wenn er den Sieg der kommenden Lichtzeit heraufführt. Sein Strahl ist verzehrendes Feuer und Leben schaffendes Licht. "Gleichwie die Sonne sich aller Essenz einergibt, welche nur ihre Kraft einnehmen will, also schallet die Stimme Gottes durch alle Menschen, aber auch als Stimme des Zornes. - Wenn ein Kraut nicht Saft hat, so verbrennet es der Sonnenstrahl; hat es aber Saft, so erwärmet es der Sonnenstrahl, davon es wächset." Ist man nicht bereit für Gottes Liebesfeuer in dem Lichtsieg Jesu Christi, so erliegt man dem Grimm des alles verzehrenden Feuergerichts.

In der Liebesflamme des nahenden Christus erfüllt sich der

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lodernde Zorn des Feuergerichts. In seiner Glut hört die Vernichtung auf. In seinem Lichtgeist hebt das Leben an. Seine Gefolgschaft weiß, daß sie nicht wie der hereinfahrende Elias vernichtendes Feuer auf die Feinde der Sache herabrufen oder es gar selbst ausschleudern könnten. Sie wissen, wie liebend der Geist ist, dessen Kinder sie sind. Ihr Feuer des aufstrahlenden Gottesherzens offenbart sich wie bei dem auffahrenden Elias an Sonnenwagen und Feuerrossen, die die befreiten Geister aller Völker in Gottes einigendes Lichtreich fahren. Ihre lodernde Glut zeigt sich an den Feuerflammen ihrer Liebes-Sendung, an den Lichtgluten ihrer Freudenbotschaft. Ihr Wesen ist das der ausgesandten Gottesboten, deren Dienst allen denen das Licht der Himmelswelt bringen will, die das heil des Letzten Reiches ererben sollen.

Die Aussendung Jesu Christi trägt den heiligen Geist als den leuchtenden Feuergeist der völligen Liebe. Ihre Glut entstammt der kommenden Lichtwelt. Sie läßt ein Feuer entbrennen, das alles Unheilige verzehrt und alles Göttliche zu strahlender Leuchte entzündet. Jesus ist gekommen, um auf der Erde ein Feuermeer anzuzünden. Auf dessen Entbrennen ist sein ganzer Wille gerichtet. Er ist der letzte, der niemals gefallene Urmensch, der als der Träger des Flammengeistes allein der Lichtträger, der Glutbewahrer und Feuerentzünder sein kann. Seine Flamme des Geistes ist die letzte Möglichkeit der Menschwerdung, der Gottesvereinigung und der Brudergemeinschaft.

Der erste Adam hat seine Vorrechte heiligster Berufung eingebüßt. Aber Gott wollte nicht, daß die Lichtbestimmung seines Ebenbildes den Menschen verloren bleibe. Er sandte der Erde die Gottesflamme und Liebesglut des letzten Adam.

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In ihm bricht von neuem das glühende Licht Gottes ein, in dessen Weißgluthitze die auferweckende Kraft, die Licht und Leben spendende Energie der neuen Schöpfung lebt, nachdem die alte Natur die ihr einst verliehene Möglichkeit des Lichtlebens verscherzt hatte.

Durch die lodernde Geistesflamme Jesu Christi wird der in Todesfurcht geknechtete Mensch von allen tierischen und höllischen Nachtgewalten befreit, daß er nunmehr die Herrschaft des Geistes über die alternden Naturkräfte, auch über Seele und Leib der ersten Schöpfung antreten soll. Keine andere Macht als allein der heilige Geist Jesu Christi bewirkt königliche Freiheit; denn nur er, der mächtiger als alle anderen Geister ist, vermag die Geltung und Herrschaft des Vaters Jesu Christi zum Siege über die knechtenden Gewalten des Todes zu bringen.

Die schützende und sammelnde Kraft der Geistesflamme vertreibt nicht nur die mörderischen Geister der Nacht; sie verdrängt nicht nur die alles zum Erkalten bringende Eiszeit des herrschenden Weltgeistes; sondern sie bringt in diesem ihrem lodernden Schutz das für unsere Weltzeit allein Entscheidende: die um das Altarfeuer des Gekreuzigten versammelte Gemeinde, die Hausgemeinschaft Gottes und ihre in alle Welt ausgeschickten Sendscharen.

Der Mittelpunkt dieses neuen Volkes ist die neue Feuerstelle der neuen Gemeinde; wieder ersteht um sie der Hof ihrer Wohngemeinschaft. Um das strahlende Feuer des heiligen Geistes baut sich ihr geistiger Tempel zu einem greifbaren Haus Gottes auf: Es ist die Stadt auf dem Berge, deren Licht in alle Lande strahlt: Ihre Stätte der Anbetung brennt im Geist; sie leuchtet in der Wahrheit. Das Feuer des heiligen Geistes bringt der um den Flammenthron Christi ge-

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sammelten Glaubensschar die obere Gemeinde der verherrlichten Blutzeugen herab. Die Abgeschiedenen und die Zurückgebliebenen sind in der Geistesflamme lebendig vereinigt. Die Einstimmigkeit des im Haus Gottes zu völliger Gemeinschaft gesammelten Volkes ist die Einheit der oberen Gemeinde, die in jenem vollkommenen Licht wohnt, zu dem kein sterbliches Leben unseres Erdschattens Zutritt hat.

Von der oberen Stadt her hat die Liebesglut des vollkommenen Einheitsgeistes die Führung. Sie führt das schwache Glaubensvolk nicht nur zur Gütergemeinschaft der Nahrung, des Landes und aller Dinge; sie bringt es nicht nur zur Lebensgemeinschaft aller seiner Arbeit; sie leitet es zum Weitergeben der Flamme in Gastfreundschaft und feuertragender Sendung: zum Botendienst an allen Menschen der ganzen Erde. Die Einheit der Gemeinde wird zur Friedensnachricht des Licht-Reiches für alle Welt.

Dieser Dienst der Feuerbringung ist es, für den die heilige Flamme des reinen Gemeinde-Geistes unvermischt erhalten bleiben muß. Die Feuergemeinde bewahrt ihre Dauer nur dadurch, daß sie die heilige Flamme bis zum Letzten zu hüten und zu ehren weiß. Die glaubenden und liebenden Menschen ihrer Einheit schützen nicht sich selbst, sondern die Flamme des Geistes, die die alleinige Sicherung des wahren Lebens ist. Sie suchen nicht ihr eigenes Leben zu erhalten, sondern allein das des heiligen Feuers, an das sie ihr eigenes Wesen verloren haben. So allein gewinnen sie das wirkliche Leben, das umfassendes Leben für alle werden soll. Ihre Feuerstätte brennt für alle Welt, ohne von deren unheiligen Feuern andere Elemente aufnehmen zu können. Kein eigenes Wesen, kein fremdes Feuer anderer Altäre, kein anderer Geist darf an sie herangebracht werden.

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Der Lichtaltar der Gemeinde ist heilig; das Werk ihrer Liebe ist anderer Art als das der Menschen.

Aber ihr leuchtendes Feuer verglimmt, sobald die Nährstoffe fremder Flammen oder der Atem anderer Gluten mit ihm vermengt werden sollen. Wenn eine solche Gemeinde das Licht der unverfälschten Liebe vergißt und ihre ursprünglichen von liebefremden Beimischungen rein gebliebenen Werke verleugnet, so wird ihr Leuchter umgestoßen, daß er verlöschen muß. Sobald einem solchen Völkchen das unantastbare Feuer des heiligen Geistes weggenommen ist, hat es seine Freiheit und seinen Auftrag verloren. Sein erlöschender Herd hört auf ein Altar zu sein; des Feuers der Gottesliebe beraubt ist er nichts als wertlose Asche. Sein lichtloses Haus ist kein Tempel Gottes mehr. Mit der verlorenen Glut ist die Einheit und Gemeinschaft erloschen. Sie ist unmöglich geworden. Ohne den Mittelpunkt des heiligen Lichtfeuers vermag die Gemeinde sich niemals wieder zu sammeln. Nur ein neues Erflehen heiliger Geistesflammen aus der Heimatgemeinde der oberen Stadt könnte ein so verlorenes Volk von der erneut herrschenden Knechtung und Gemeinschaftslosigkeit befreien.

Ohne das Feuer des heiligen Geistes stirbt die Gemeinschaft. Sie verläuft und verfließt in die Knechtung unter fremde Völker, in deren Mitte andere Flammen brennen, - unheilige Gluten menschlichen Eigenwerks und dämonischer Blutbegeisterung! Ihr durch das Geistesfeuer Gottes der Allgemeinde geweihtes Land verfällt nunmehr samt seiner Arbeit und seiner Nahrung dem Eigentum des Eigennutzes und der gemeinschaftlichen Selbstsucht, während es in der Gemeinde endlich, endlich Gott gehört hatte! In der Gemeinde Christi war es im kleinen und Verborgenen wahr geworden, was

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am Ende der Tage im Großen in Erscheinung treten wird: "Die Erde ist des Herrn!" Sie gehört Gott. Kein Stück ihres Landes darf zum Eigentum einzelner Menschen beansprucht werden. Wo der Geist des letzten und ewigen Königs herrscht, gehört das Land den Lichtfeuern seiner Gemeinde und seines Reichs. Wo die Gottesflamme erlischt, wird es Gott geraubt und verfällt dem Eigentum. Das Leben der Gemeinschaft ist tot.

Aber die Botschaft des Evangeliums ist Auferweckung vom Tode. Von der Totenauferstehung an erweist sich Christus in dem stets erneuten herniederfahren des heiligen Geistes als der Sohn Gottes. Wenn die alte Flamme erloschen ist, -wenn sie nur noch den verstorbenen Alten angehört, die an ihrem Altar einst Treue gehalten hatten, während die Lebenden, nunmehr der sammelnden Feuerstelle entbehrend, in Todesknechtschaft auseinander fließen, - so will der Geist des Auferstandenen neue Feuer entfachen, um von neuem die Gemeinschaft des Lebens unter der Losung aufzurichten: Entzündet die Lichter! Der Herr ist wahrhaftig auferstanden!

In der Osterbotschaft und in der Pfingstflamme des heiligen Geistes bricht der jugendliche Weihefrühling auf, um der Gemeinde des Auferstandenen durch das heilige Feuer des ewigen Geistes neues Land zu weihen. Immer von neuem sind jung erweckte Scharen ausgezogen. Einst schuf - hundert Jahre nach der ersten völligen Gemeinschaft Jerusalems - eine neue Ausgießung des Feuergeistes in kleinasien von neuem Gemeinde, - eine Lebensgemeinschaft, die für das Bild des göttlichen Stadtstaates als für das allein heilige Werk auf das von Gott herabkommende Jerusalem wartete. In gemeinsamer Gastfreundschaft erwartete man die Stadt

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der heiligen Ordnung göttlicher Gerechtigkeit. In der Hochspannung dieser Erwartung traten Feuer tragende Jungfrauen vor die glaubende Versammlung, führten die Totenklage der Buße und beweinten die Gott entfremdete Lebensweise der Menschen. Das Evangelium wurde hier mit jener seiner Zukunftskraft eigenen Wirkung verkündet, daß die jetzige Lebensgestaltung dem kommenden Reich entspricht. Die dienende Gemeinde sollte es lernen, die heilige Lebenshaltung so zu verwalten, wie sie das reinigende Feuer der Gotteszukunft zur zusammenfassenden Harmonie wahrer Gemeinschaft führt.

Diese Feuerjungfrauen der wartenden Gemeinde besang nach mehr als abermals hundert Jahren Methodius der Märtyrer: "Von oben her, Jungfrauen, scholl die totenweckende Stimme, dem Bräutigam eilend entgegenzugehen, im weißen Schmuck mit den Lampen, eh' der Morgen kommt. Erwachet, ehe verschwindet in der Tür der Herr: Dir weih' ich mich, und lichtwerfende Lampen tragend, Bräutigam, begegn' ich dir. Christus, du bist Lebensfürst, sei gegrüßt, Licht, das nie untergeht: hör' unsern Ruf! Der Chor der Jungfrau'n ruft zu dir; Lebensblüte, du Liebe selbst, Freude, verstand, Weisheit, ewiges Wort: Dir weih' ich mich, und lichtwerfende Lampen tragend, Bräutigam, begegn' ich dir. Geraubt ist dem Menschen das Paradies nimmermehr; denn du gibst es wieder ihm, wie einst, durch göttlichen Befehl, - das Land, aus dem durch des Drachen listenreiche Kunst er fiel. O Unvergänglicher, Unerschütterlicher, Glückseliger! Dir weih' ich mich, und lichtwerfende Lampen tragend, Bräutigam, begegn' ich dir.'"

Wie es der Märtyrerbereitschaft jener Geistesbewegung entsprach und wie Methodius selbst im Jahre 311 den Märtyrer-

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Ttod erleiden sollte, läßt er auch hier die Feuer tragenden Jungfrauen ausrufen: "Fliehend der listigen Schlange tausendfache Schmeichelei erdulde ich Feuers Brand und wilder Tiere schrecklichen Anfall, dich erwartend vom Himmel her!" Seine Erwartung ist Feuerbereitschaft des lodernden Geistes. Jesus tauft mit dem heiligen Geist und mit Feuer. Wer sich für die Erwartung seines Reiches rüstet, bereitet sich in seinem Geist zur Feuertaufe des Martyriums. Der Erde bringt Jesus das Feuer. Mit der Geistesflamme seines Gerichtsbrandes und Liebeslichtes bringt er der Erde Feuer des Brandopfers, Läuterungsfeuer letzten Leides. Als der bittere Christus bringt er salzendes Feuer äußerster Not. Zum Brandopfer salzt sein Feuer. Die tötend verzehrende Verfolgung herausfordernd, ruft die leuchtende Fackel seiner Sendung zum letzten Opfer!

"Alle, alle müssen mit Feuer gesalzen werden." "Ihr dürft über die Feuersglut nicht erstaunt sein. Sie entbrennt zu eurer Läuterung." "Die Zeit ist da, zu der das Gericht am Hause Gottes Anfang nimmt." Wie Gold soll der Glaube seine äußerste Feuerprobe bestehen. Durch die Not erprobt Gott die Herzen, wie Feuer das Silber prüft. Was jeder gebaut hat, wird der kommende Tag ausweisen. Der Tag Gottes offenbart sich in alles zerschmelzendem Feuer. Alles, was die Völker erarbeitet haben, kommt in die brennende Glut. Gott wird Silber und Gold in schmelzender Flamme Herausstellen. Sein Brennen ist wie das Feuer des Goldschmieds.

Die reinigende Feuerwirkung ist den Menschen von jeher in ihrer alle Tiere und alle Geister der Nacht verscheuchenden Kraft offenbar gewesen. Die höhenfeuer der Frühlings- und Oster-Zeit sollten ebenso wie die Sonnwendfeuer des tiefen

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Winters und des hohen Sommers das Land und seine Quellen von allen Mächten des Unheils befreien und säubern. Die Feuertaufe des Geistes Jesu Christi bewirkt als die reinigende, als die alles Unsaubere und Unholde verbannende Feuerflamme die Läuterung durch die Not wie vor allem anderen das Gerichtsfeuer der Gemeindezucht.

In dem Geisteslicht der glaubenden Gemeinde sondert die Feuerscheidung stets aufs neue alles Verderbliche und Eigene aus. Alles was vor der Reinheit der heiligen Flamme nicht zu bestehen vermag, wird ausgeschieden und hinweggeräumt. Das Geheimnis der Gemeinde ist der in ihr leuchtende Christus. In dem reinen Feuer des heiligen Geistes offenbart er sich als gegenwärtig. Die Klarheit seines Lichtes duldet keine Befleckung. Das Geheimnis der Gemeinde ist die gereinigte Erwartung des kommenden Glanzes göttlicher Majestät. Die Lichtwelt des kommenden Reiches duldet keine Verdundkelung der sie erwartenden Gemeinde. Das reine Licht Gottes läßt keine Verdüsterung an seinen Leuchter herankommen.

Schon der Gläubige in Israel bekannte: "Der Herr ist mein Licht." Er rief zu Gott: "Lasse dein Angesicht über mir aufleuchten!" Er wußte von einem Leben vor den leuchtenden Augen Gottes. Er ließ sich von seinem Licht und seiner Wahrheit leiten und voranführen. Er gelangte bis zu dem Zeugnis: "In deinem Licht sehen wir das Licht." Das Licht kennt nichts als Licht und lehnt jede Vermischung ab. Der Prophet verkündet das Lichtwerden des Erleuchteten: Was belichtet ist, wird licht: "Stehe auf! Leuchte! Denn dein Licht ist gekommen; der strahlende Glanz Jehovas ist über dir aufgegangen." Wo Licht ist, leuchtet alles. Das Licht will ohne Verfinsterung Licht sein und Licht bleiben.

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Aber dem Gläubigen des Alten Bundes fehlte das Geheimnis, das der Verwaltung des Apostels anderer Nationen anvertraut wurde. Ihm fehlte das Geheimnis des in der Gemeinde lebendigen Glanzes zukünftig aufstrahlender Herrlichkeit, dessen innerliche Seite nichts anderes sein kann als das Licht des "Christus in euch"! Das Innerste wird eins mit dem Letzten und Äußersten. Auf dem Leuchter der Gemeinde brennend, kündet es die zukünftige Welt; es verkündigt den Tod Christi und seine Wiederkehr. Es kündet das Brandopfer der Gegenwart wie das Weltenfeuer des letzten Tages.

Daß Christus durch den Glauben in den Herzen wohne, ist das Gebet des Apostels. Jesus Christus, der Abglanz der strahlenden Majestät, gibt Licht für das Reich Gottes. Er ist das wahrhaftige Licht, welches alle Menschen erleuchtet. Sein Licht strahlt in die Finsternis aller Menschen hinein. Es bringt einen jeden zu der großen Entscheidung, die es erweisen soll, ob er die Finsternis mehr liebt als das Licht, oder ob er sich von der Finsternis zum Licht umwenden will. Wo dieses Geschehen einsetzt, geht in den neu zu Gebärenden der wunderbare Umschwung vor sich, der die Gegensätze schroff herausstellt: sie waren vorher Finsternis in sich selbst. Nun aber werden sie Licht in Christus. Sie kommen an das Licht der Welt. Sie erblicken es. Sie werden errettet von der Obrigkeit der Finsternis, damit fortan das Feuer der Vereinigung als das Licht des Friedens in ihnen regiere. "Wie ein Feuer das Eisen durchglühet, und wie die Sonne ein Kraut durchwirket, daß das Kraut sonnisch wird, - also auch herrschet Christus in dem ergebenen Willen und gebäret den Menschen zu einer neuen himmlischen Kreatur."

"Wo man sich ganz einergibt, fällt der Funke göttlicher Kraft

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als ein Zunder ins Zentrum der Lebensgestaltnis. Er eineignet seine Kraft dem ganzen Wesen und Wirken in einem Seelenfeuer, das Adam in sich zu einer finsteren kohle gemacht hatte. Das Licht der göttlichen Kraft entzündet sich darin. So ist die Kreatur nicht mehr ihr Eigentum, sondern das Werkzeug des Geistes Gottes." Von der Herrschaft inneren Lichtes aus wird ein alles umfassendes Licht-Leben gestaltet, das alle bisherige Verworrenheit in Klarheit verwandelt. Es schließt die Werke der Finsternis aus. Es führt zu dem hingebenden Wirken, wie es dem verbrennenden Licht eigen ist. Es sendet seine Strahlen durch die sich selbst aufzehrenden Taten der Liebe in weiteste Umkreise. Sogar Ekkehart hat die tätige Kraftwirkung des Lichtes erkannt, wenn er gesagt hat: "In dieser Geburt ergießt sich Gott dermaßen mit Licht in die Seele, daß des Lichts in dem Wesen und in dem Grunde eine solche Fülle wird, daß es herausdrängt und überftießt in die Kräfte und sogar überfließt in den äußeren Menschen." Das Licht ist Wirkung und Klarheit. Das innere Licht bedeutet als das wirkende Geheimnis des "Christus in euch" Klarheit für das erleuchtete Herz - Klarheit über Christus selbst und sein Werk - Klarheit über das menschliche Innere und über das Böse in aller Welt - und Klarheit in der Leitung des Lebens für ein Verhalten und Wirken, wie es der Quelle des Lichtes entspricht.

Licht ist Klarheit. Es will niemals dunkle Unbestimmtheit mit sich bringen. Das Zeugnis vom Licht soll deutlich sein. Selbst ein Ausdruck wie der der Mechthild von Magdeburg, die so gern von dem "fließEnden Licht der Gottheit" spricht, leidet an einer gewissen Verdunkelung. Sie spricht mehr von dem ausgebreiteten Strom als von dem spendenden Quell.

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Das Licht des Mondes verhindert nicht, daß man seine Erhöhungen und Gebirge wie seine gesamte uns zugewandte Fläche aufs klarste erkennen kann. Nur so weit der Mond in Finsternis versinkt, entzieht er sich unserer Schau. In der Erforschung der Sonne senken wir unser Auge bei all ihrem strahlenden Glanze in ihre Tiefen. Zn ihnen eröffnet sich dem forschenden Auge ibr Inneres, so oft es sich in wirbelnden Sonnenstürmen vor uns auftut. Jedes Licht entstrahlt einer Quelle als einem Spender seiner Kraft. Die rechte Erleuchtung muß zu dem letzten Ziel gelangen, den Lichtträger selbst zu erfassen. Unvermittelt und unmittelbar will sich das Licht erschließen. Wir empfangen das Licht in umso empfindlicherer Abschwächung und Veränderung, je mehr Brechungen und Widerstrahlungen es durchlaufen hat. Es gilt das Wagnis, dem Leuchtkörper unmittelbar ins Antlitz zu sehen. Es gilt ibn selbst in uns aufzunehmen, wie er ist.

Eine Mystik, die an ein Untertauchen in ein bewußtloses Dunkel denkt, ist sternenweit von der apostolischen Erleuchtung entfernt, in welcher Paulus durch den Geist zu erkennen vermag, wer Gott selbst ist und was sein Herz ist. Das innere Licht des Geistes umfaßt die Tiefen der Gottheit. Es offenbart unserem Geist, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was in keines Menschen Herz gekommen ist. Nur Licht sieht Licht. "Wir können auch nicht den kleinsten Funken von ihm ergreifen, es sei denn, daß in unser Gemüt der entzündete Gottesgeist selbst eingehe als ein Feuer. Wenn in der Tiefe nicht dasselbe Wesen wäre wie die Sonne, so finge es nicht der Sonne Glanz. Das Sehen kann nur eitel Licht göttlicher Kraft sein. Es muß etwas da sein, das der Sonne Licht sähet. Es ist der Stern in deinen Augen. Christus, als der Morgenstern in deinem Herzen schaut in dir die

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Sonne der Zukunft." Nicht der Mensch ist die schauende Kraft. Das innere Licht ist nur deshalb zum Tiefblick in die Undendlichkeit befähigt, weil es mehr als Vernunft ist, mehr als menschliches Vermögen, mehr selbst als die letzte Tiefe des menschlichen Gewissens. Ist es doch in Wahrheit der allem menschlichen Denken überlegene Geist des Menschensohnes, der in dem Glaubenden Gottes Geist erkennt. Er allein ist der Schauende. Er ist das Licht im Auge, der blickende Augenstern, der sich selbst als das erleuchtende Licht bekannte. Das Licht zündet in dem Schauenden das Leben an. Jesus Christus leuchtet dem inneren Auge als letzte Lebenswirklichkeit neuer Gottesschöpfung. Als schöpferisch erleuchtende Klarheit Gottes, als letzte Bestimmtheit seines Wesens dringt er in das erkennende Herz. Als der Lichtbaum des Lebens und der Erkenntnis breitet er seine Wurzel in die Tiefe und seine Äste ins Weite. "Die Wurzel ist der Freudengeist, welcher in des Lebens Anzündung aufgehet. Wenn die Seele vom heiligen Geiste angezündet wird, so triumphiert sie in dem Leibe; in ihr geht ein großes Feuer des neuen Lebens auf."

Der Urgrund im erleuchtenden Licht ist die reine Klarheit seiner Quelle als seines Trägers. Sein Erkennen beruht für ewig auf dem unfaßlichen Gegensatz zwischen ihm und der Finsternis des menschlichen Lebens. Was Finsternis bedeutet, kann nur im Licht aufgedeckt werden. Finsternis wird nur dann offenbar, wenn sie durch Licht beseitigt wird. Ohne Beseitigung der Dunkelheit gibt es keine Erkenntnis der Lichtquelle. Das Aufnehmen des Lichtes bringt befreiende Erlösung. Vergebung ist Wegnahme der verfinsternden Gewalten der Nacht. Die Reinigung der Landschaft des menschlichen Lebens von den Geschöpfen und Werken der

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Finsternis erfolgt aus der Übergießung des Landes mit strahlender Helligkeit. Nun ist Land und Leben in die Gemeinschaft des Lichtes getreten. Die Dunkelheit ist gebannt. Die erlöste Kreatur leuchtet in der Anbetung der Licht strahlenden Gotteshöhe auf. In ihr wohnt das Herz des Gotteslichtes. Was vorher im Dunkel lebte, wird von ihr aus in die lichte Gemeinschaft des Gottesherzens zurückgeführt.

Die erleuchtende Strahlung des Lichtherrschers bewirkt sein Erleben. Das Schauen im Licht sieht ihn, wie er ist. In der kommenden Lichtwelt wird mit dem inneren Auge alles Leben und Wirken in sein Lichtwesen umgestaltet sein. "Alsdann werden die Sonne und die Sterne vergehen; denn es wird das Herz als das Licht Gottes leuchten und alles erfüllen. Wenn das Herz Gottes triumphiert, so ist alles freudenreich." Bis zu dieser Verwandlung soll die heute noch unvollkommene Erkenntnis der glaubenden Gemeinde stückweise zur letzten Schau vorangeführt werden. Tiefer und tiefer soll sie in das Geheimnis des göttlichen Herzens hineingeleitet werden. In Jesus Christus soll sie das innerste Gottesherz von den Schritten Gottes unterscheiden lernen, in denen sein Weltgericht Geschichte der Völker macht.

Die Brüder, die man nach Jakob Huter Hutterische Brüder nennt, haben vom Urbeginn ihrer Entstehung bis in unsere Tage hinein die letzte lichte Tiefe in Gottes Herzen von den gewaltigen Außenwirkungen seines lodernden Zornes zu unterscheiden gewußt. Besonders in ihren großen Artikelbüchern und Rechenschaften haben sie es mit ihrem Wortführer Peter Rideman aufs klarste bezeugt, daß die Rute des Zornes Gottes die ruchlosen Völker noch heute strafen muß, während in Christus der Zorn längst aufgehört hat,

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well in ihm das ganz andere Reich des Segens, das ganz andere Regiment der Liebe und der Wohltat angehoben hat. "Der Zorn hört überall dort auf, wohin der Segen kommt und gekommen ist."

Wer diesen Unterschied nicht kennt, vermag zu keinem Verständnis des Gotteslichtes zu gelangen. Weil nur in Christus der völlige Segen des Gottesherzens offenbar geworden ist, weil nur Christus selber der Segen der völligen Liebe ist, so kann sich alles das durchaus nicht in Christus schicken, was im Fluch des Zornes als in der Ungnade des ergrimmten Gerichtes gegeben und geordnet bleibt. Und umgekehrt kann des Segens und der Liebe Kind niemals des Zorns und der Rache Diener sein. Was der Vater in Christus geordnet hat, wird in Christus bleiben und niemals geändert. Es ist Liebe, Friede, Einigkeit und Gemeinschaft. Was aber Gott außerhalb seines Christus eingesetzt und geordnet hat, ist Tod und Zorn, Ungnade, Fluch und Rache. Das alles kann nicht bestehen bleiben, wie es der Prophet Hosea für die Gewalt der Obrigkeit aufs schärfste ausgesprochen hat: "In meinem Zorn gab ich dir einen König; in meinem Grimm nehme ich ihn wieder."

Christus ist das Widerspiel aller Weltregenten. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Deshalb mußte er es aussprechen: "Die weltlichen Fürsten und Gewaltigen beherrschen das Volk, ihr aber tut das nicht." Also ist ein Christ keine Obrigkeit, und eine Obrigkeit kein Christ. Die Obrigkeit muß Schwert und Gericht üben. In der Gemeinde Christi endet Krieg und Schwert, Gerichtshandel und gerichtlicher Prozeß. Christus vergilt nicht Übles mit Üblem. Seine Nachfolger erweisen in allem ihrem Tun seine Wesensart. Sie handeln, wie er es getan hat. Sie widerstreben dem Bösen nicht.

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Sie halten dem Schlagenden den Rücken und dem Raufenden die Wange. Sie haben das Reich der Liebe zu offenbaren. Das Gericht der Obrigkeit ist verordnet Blut zu vergießen, die Gemeinde Christi aber Seele und Leben zu erkalten. Das staatliche Gericht soll und muß das Übel in Anrechnung bringen; die Gemeinde Christi soll es mit Gutem vergelten. Die richtende Obrigkeit muß die Feinde ihrer Ordnung hasten und verfolgen; die Gemeinde Christi hat sie zu lieben.

Mit dem Werkzeug der Obrigkeit straft Gottes Zorn die Bösen. Durch sie zwingt er ihm entfremdete Völker, sich vor äußerstem Schaden zu bewahren, daß nicht das ganze Land mit Blutschuld bedeckt werde, daß nicht die ganze Erde vertilgt werden muß. Christus stellt seiner Gemeinde eine durchaus andere Aufgabe. Sie hat dem gewalttätigen Gericht des Weltstaates den Frieden der Einheit und die Freude der Liebe als eine brüderliche Gerechtigkeit entgegen zu halten. Sie baut und hält ihre Einheit mit keinem anderen Werkzeug als dem der Liebe und des Geistes. In ihrem Glauben hört Tod und Gesetz auf. In der Gemeinde hebt die Freiheit des Reiches Gottes an.

Wer Christus eingepflanzt ist, beweist Christi Sinn und Geist als unwandelbare Liebe. Er tut das Gute und hat die gewalttätige Strafe über das Böse weder zu fürchten noch zu üben. Die Strafe der Gewalt und ihres Gerichtes liegt außerhalb Christi und seiner Gemeinde, wie alles das Böse, das diese Strafe erfordert, außerhalb ihres Lebens bleibt. In Christus löst sich das innerste Herz der Liebe Gottes von dem geschichtsnotwendigen Zorn seines Weltgerichts, in welchem er die Heiligkeit seines Willens durch gesetzliche Gewalten behaupten muß.

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Den tiefen Grund dieser umfassenden Erkenntnis der Brüder hat hundert Jahre nach ihrem Sprecher Peter Rideman der andere schlesische Schuster Jakob Böhme als den Unterschied zwischen dem Zornesfeuer und dem Lichtherzen Gottes zu fassen gesucht: Gott ist Liebe und Zorn, Feuer und Licht; aber er nennet sich einen Gott allein nach dem Licht seiner Liebe. Er nennet sich Gott nicht nach seinem Zorn, sondern nach seiner Liebe. Was nicht seiner Liebe ist, das ist seines Zornes. Er wird aber nicht nach allem Wesen Gott genannt, sondern nach dem Lichte; mit ihm allein wohnt er in sich selbst.

Der äußere Mensch lebt mitten unter den Dornen des Grimmes Gottes. Die Liebe Gottes wohnt als das Licht in sich selber. Die Finsternis ergreift es nicht; sie weiß auch nichts davon. Das Leben des Menschen stehet im Streit; an ihm soll die ewige Herrschaft Gottes nach Liebe und Zorn, nach Licht und Feuer offenbar werden. In der Finsternis ist Gott ein zorniger Gott und ein verzehrendes Feuer. Finsternis erfordert Feuer. Wenn die Finsternis unmittelbar am Licht angezündet werden sollte, so hätte das Licht keine Wurzel; wenn kein Feuer erboren werden könnte, wäre auch kein Licht. Darum muß das Grimmenreich sein; der Zorn ist die Ursache der Feuerwelt. Er ist Gericht über die Finsternis. In ihr wohnt er. Man heißet ihn nicht Gott, sondern Gottes Zorn.

Der Teufel hat den Zorn Gottes angezündet. Er wollte in seinem eigenen Willen sein; er wollte sein eigener Gott sein, um nach seinem Willen in starker Feuersmacht über alle und in allen zu herrschen. Cholerisch ist seines Feuers Natur und Eigenschaft; sie gibt starken Mut, jähen Zorn und das Aufsteigen der Hoffart; sie will immer Herr sein, wie es der

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Gewalt entspricht. In ihr ist Strenge und Herbigkeit, Angst, Marter und Unruhe. Der Feuerwille bringt Angst. Ohne die Angst wäre kein Feuer. In Gottes Zorn geschah es, daß der Teufel die Liebe verlor. Im Feuerwillen begegnen sich Teufel und Gott. Die Gewalten des Zornes, des Gerichtes und des Schwertes sind heidnisch. Sie bleiben dem Herzen Gottes fern. Sie können niemals christlich sein. Und dennoch sind sie von Gott eingesetzt. Denn es gäbe keine heilige Majestät Gottes, wenn nicht sein Zorn wäre, der das Dunkle salzt und schärft, daß es in Feuer verwandelt wird.

Als Schwert und Krieg frißt dieser zwischen Gott und Teufel entbrennende Zorn das gottlose Wesen in sich selbst auf. Ein jeder Kriegsmann ist eine Rute des Zornes Gottes. Mit ihm straft Gottes Gericht die Menschen in seinem Grimm. Der Kriegsmann gehört in die Grimmesordnung, durch die Gottes Zorn Länder und Königreiche einrichtet und umstürzet. Das dürr werdende Holz erfordert das Feuer. Gottes Zorn ist von Ewigkeit her gewesen, gleich wie das Feuer im Holz verborgen lieget. Die Anzündung mußte ihren Anfang nehmen, sobald das Holz verdorrte, sobald sich der eigne Wille von Gottes Herzen abgewandt hatte.

Aber Gott wollte, daß aus verzehrenden Gluten mörderischen Feuers ein höchstes Licht der Liebe erboren würde. In ihm sollte die andere Majestät Gottes, die letzte Hoheit seines Herzens offenbar werden. Der düster brennende Zorn ist nicht Gott sondern ein höllisches Feuer. Aber wenn kein Feuer wäre, so käme kein Licht. Gottes Zornfeuer wird zu einem Grund seiner erbarmenden Liebe, als nämlich des Lichtes in seinem Herzen. In den entscheidenden Zeiten seines Gerichts soll seine Liebe offenbar werden. Das letzte Gericht wird in der hohen Zeit Gottes zur Hochzeit seines Liebes-

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reiches. Das Feuer wird vom Licht überwältigt. Aus brennender Qual soll ein hohes Freudenreich erstehen. Sobald das verbrennende Feuer hoch empor lodert, leuchtet das Licht auf. Das Licht nimmt alle lebendigen Eigenschaften des Feuers auf: Das weckende Leben, das Sammeln und Sichfinden, die Gottesgemeinschaft des Kreises, des Lagers und des geweihten Hauses.

Allein es ist eine Entscheidung geworden zwischen der Liebe im Licht und dem angezündeten Zorn in der Finsternis. Im Licht ist Gott ein barmherziger und liebender Gott; nur in der Kraft des Lichtes heißet er Gott. Die Lichtwelt, welche Gott selber ist, hat keine Begierde zum Verderben. Es ist kein Fünklein in Gottes Herzen, das das Böse begehren könnte, auch nicht als Strafe! In Gott entspringet eine große Freude der Liebe aus dem Brunnquell seines Herzens. So ersteht der Kampf um den Menschen. Das Herz Gottes will ihn haben; denn er soll sein Bild und Gleichnis sein. Das Reich der Grimmigkeit will ihn auch haben, denn er gehört zu dem Gemüt der Finsternis.

Vom Paradies der Liebe war die Seele des Menschen einst zum Feuerleben des Zornes hinausgeschritten. So starb sie an Gottes Licht und ging in ihre Selbheit ein: in das Eigentum. Sie starb an Gott und lebte in lauter Angst dem strengen Zorn Gottes. Aber von neuem kam der Strahl des Lichtes an sie heran und sprach zu ihr: Aneigne dein Gemüt in die Liebe Gottes, daß du in dem Zentrum deines Lebens aus dem Herzen Gottes geboren werdest. Es soll das Licht seines Herzens in deines Lebens Licht scheinen! Du sollst mit ihm eines werden! Du hattest deinen Willen von meiner Liebe abgebrochen und warst in die Feuersmacht des Zornes geraten. Nun will ich meine Liebesstrahlen mit

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hellem Licht in dein angsterfülltes Feuerleben einführen. Als Liebe will ich deine Feuerangst in die eröffnete Flamme meiner Freude verwandeln. Als Essenz des Lichtes will ich meine Liebesstrahlen in ein licht-erneuertes Leben und Wirken hineingeben."

So leuchtet aus dem Herzen Gottes das freudenreiche Lichtleben mit Kraft in alle Kräfte. Mit Licht und Kraft werden sie alle zum Werk der Liebe angezündet. Der Wille wird zusammengefaßt, Licht zu gebären. Der erleuchtete Blick bricht blank wie ein Feuerblitz aufs schnellste hindurch, fähret auf aus dem Herzen und entzündet sich hoch im Liebewillen; er ist nun nicht mehr ein grimmiger Blitz; er ist eine Macht der großen Freude geworden. Christus ist diese Freude. Das freudenreiche Licht des Sohnes Gottes ist es, das als Liebesfeuer in dem erleuchteten Herzen aufgegangen ist. Von nun an soll dessen nach außen gewandtes Leben in allem Werk den innersten Geist der Lichtwelt offenbaren. Dieses Lichtes Wesen heißt Gottes Reich. Aus der innerlichsten und subtilsten Liebe Christi heraus ersteht das Freudenreich.

Der rechte Glaube an das Reich Gottes ist Kraft, Geist und Leben eines leuchtenden Lichtes, das Gottes Herzen entquillt. Er ist letzte lebendige und wirkliche Kraft Gottes. Seine brennende Kraft ist die flammende Liebe, welche aus seinem Herzen herausleuchtet. Sie vollbringt das Werk. Der wesentliche Glaube ist Christus selber, der des erneuerten Menschen Leben und Licht ist. In dem glaubenden Christen brennt er als Liebe empfindende Kraft. Die Liebe der Gemeinde ist der Glaube an das Herz Gottes. Von dort aus ergießt sich sein Lichtmeer in alle Lande.

Christus ist die Liebelust eines Lichtscheines, der über die Feuerlust des Grimmes zur Herrschaft kommt. Als die Seele

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das Licht verlor, sprach Gott den Namen "Jesus" aus. In ihm ist Gottes Zorn gelöscht. Christus ist das Herz Gottes, das über alle Auswirkungen seines Zornes triumphiert. Zu allen Ländern, wohin Gottes Zorn gekommen war, eilt sein Herz. Christus sendet sein Licht in alle Welt. Allen Völkern leuchtet er auf. Sein Licht scheint ohne Unterschied einem wie dem anderen. Dem Gottlosesten, den der schärfste Zorn Gottes in verzehrendem Feuer ergriffen hat, steht die Pforte der Lichtgeburt offen.

In Christi Tod sterben die Christen dem Zorn und seinen grimmigen Ordnungen ab. Wo ein Christ ist, ist er mit Christus allen Elementen des Zornes abgestorben. In Christi Geist als in der Liebe des Gottesherzens ist er zu einem neuen Menschen geboren, welcher in der anderen Gerechtigkeit der liebenden Geduld lebt. Wo in der Finsternis das Zornesbrennen gewesen war, ist nunmehr ein Liebebrennen, das aus dem leuchtenden Herzen Gottes aufstrahlte. Der Brand des Zornes und das Leuchten der Liebe sind zweierlei. Das eine ist dem anderen so fremd wie Tag und Nacht. Keines begreift das andere; keiner stehet das andere.

Ein jeder Mensch aber trägt vom Urbeginn her Beides in sich. Es ist, wie wenn der Arm zur rechten Hand in die lichte Majestät eingehen und der Arm zur Linken in ihrem Feuer-Urstand bleiben wolle. Welche der beiden Eigenschaften im Menschen erweckt wird, die brennt in ihm; und ihres Feuers wird die Seele fähig. Ergibt sie sich den Eigenschaften des Zornes, so frißt dieser um sich und unterwirft alles den Ordnungen seines strafenden Grimmes. Ergibt sie sich aber dem Herzen in Gott, so erfährt sie, daß der dort wohnende heilige Geist Jesu Christi keinen Zorn kennt, keinen Krieg führt und keine gewalttätige Strafe handhabt. Er liebt nur und gibt nur.

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Die Weisheit des Gottesherzens begehrt keinen Tod und keinen Krieg, wie es der Zorn tut. Die Kinder dieses Herzens dürfen nicht töten und können keinen Krieg führen. Sie brauchen keine mörderische Waffe. Als Christ kann niemand Kriege führen. Wer das tut, tut es als Heide in der Ordnung des Zornes, niemals aber als Christ in der Ordnung der Liebe. Kein Christ führt Krieg. Nur dort urständet Krieg und Zerbrechung von Ländern und Städten, wo das drehende Rad der Rache und der Schuld, der Vergeltung und ihrer Ursache würgen, morden und töten muß. In Christus ist Ursache und Wirkung des rollend vernichtenden Rades aufgehoben.

Der Mars verblaßt und schwindet, sobald die Sonne aufgeht. Dem sonnigen Himmel weichen alle Gewitter des Feuerblitzes. Das Herz Gottes vertreibt die Wolken seines Zornes. Selbst mitten im Gericht triumphiert es über den Zorn. Von der Hand dieses Herzens geführt, durchschreitet die Gemeinde die Feuer des Geschichtszornes, ohne mit ihnen Fühlung zu haben. Die Gemeinde Jesu Christi ist tot für die Elemente der Zorneswelt. Sie vermögen ihr nichts anzutun. Allen ihren Wesenheiten ist sie entrückt. Weil sie alle in der Finsternis verwurzelt sind, bleibt die Lichtgemeinde ihnen allen abgewandt.

Dem Geiz des Eigentums und seiner stolzen Ehre ist sie als der letzten Wurzel allen Übels abgestorben. Die Angst der Falschheit und die ungetreue Begierde, diese häßlichsten Ausgeburten höllischen Feuers, hat sie hinter sich gelassen. Sie verabscheut des Mammons Herz und Willen, des weltgebietenden Mammons, der als der große Antigott in seinem Krieg und Streit Gesellschaften und Klassen, Länder und Königreiche aufbaut, um sie wieder zu zerbrechen. Die Ge-

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meinde unterscheidet die Geister. Sie weiß, worauf sie wartet, was sie liebt und woran sie glaubt. Sie weiß, was sie verlassen hat und niemals wieder aufnehmen kann.

In der Morgenröte des künftigen Tages stehend kann die Gemeinde an den weltbeherrschenden Werken der nächtlichen Finsternis und an den zeitgeschichtlichen Zornesgluten ihres Feuergerichts keinen Anteil haben. Worin sie lebt, ist Christus. Worin sie wohnt, ist das Herz Gottes. Was sie tut, ist das Werk der Liebe. Was sie glaubt und erwartet, ist die Lichtherrschaft. Ihre Glieder sind schwache Menschen; aber der in ihr wohnende Geist ist die leuchtende Glut des Gottesherzens. Gewiß kann das Kraut darum, daß die Sonne in ihm wirket, nicht fagen, es fei Sonne. Ganz gewiß kann das glaubEnde Glie- der Gemeinde, darum, daß Christus in ihm wohnet und wirket, nicht fagen: "Ich bin Christus." Dennoch aber soll die glaubende Gemeinde in demselben Maße in das Bild seiner leuchtenden Schönheit verwandelt werden, in dem sie mit aufgedecktem Angesicht sein Wesen schaut. Die Schau des Glaubens geht ebenso wie die Verwandlung der Zukunft als eine Erleuchtung vor sich, die aus dem Herzen Gottes quillt. Christus, der kommende Herr der ewigen Lichtwelt, offenbart sich in seinem wunderbaren Licht als der Geist seiner Gemeinde.

Christus wohnt im Lichtthron des Herzens Gottes und zu gleicher Zeit in dem geistbeseelten Körper seiner Gemeinde. Um das Jahr 1000 hat Simeon in dieser Erfahrung einen Gefang an Gott gerichtet, der von der Lichtgemeinde dieses neuen Geistleibes und von der Erleuchtung seiner Glieder Wesentliches zu sagen weiß: "Dein ganzer, unbefleckter, göttlicher, unvermischter und in unaussprechlicher Weise vermischter Körper blitzt im Feuer deiner Göttlichkeit; das ist es,

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was du mir geschenkt hast, mein Gott. In meinem Herzen ist er und wohnt im Himmel: hier und dort sehe ich ihn in gleichem Leuchten. Er ist mir gegenwärtig und strahlt in meinem armen Herzen, kleidet mich in unsterblichen Glanz und durchleuchtet alle meine Glieder. Teilhaft werde ich des Lichtes, teilhaft der Herrlichkeit; und mein Angesicht leuchtet wie dessen, der mein Begehren ist; - ich habe den Bildner aller Dinge bei mir! Ihm gebührt der Ruhm und die Ehre jetzt und in Ewigkeit."

Gott selbst, der in seinem Sohn das Licht aus der Finsternis aufleuchten läßt, hat "einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesichte Jesu Christi." Im lebendig machenden Geist seiner Gemeinde offenbart sich sein strahlender Glanz von Angesicht zu Angesicht. Bei den besten nur "auswendig" gelernten "Glaubenssätzen", bei allem nur buchstabischen Bibellesen und bei allem äußerlich bleibenden Gehorsam muß das Bild seiner Liebe verblassen. Je heller und lebendiger das innere Auge der glaubenden Gemeinschaft wird, um so offener wird es für die Erleuchtung in dem vereinigenden Geist Jesu Christi, um in stets wachsendem Grade die überschwengliche Größe seiner strahlenden Kraft zu fassen. Gerade für die Treuesten in Ephesus bittet Paulus um diese erleuchteten Augen des Verständnisses. Nur wer den Herrscher des Gottesreiches selbst als erleuchtendes Licht im Herzen hat, kann an jener letzten Kraft und Klarheit erstarken, die in der Gemeinde Jesu Christi die unendliche Lebensmacht des Lichtes offenbart.

Mit dem Grundelement der inneren Erleuchtung, in dem uns der Lichtherrscher selbst offenbar wird, verbindet sich unlöslich die wachsende Klarheit über den rechten Weg, der

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im Licht der Wahrheit zum Ziel Gottes führt. Der große Weckruf des Geistes: "Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten", lebt im Zusammenklang mit dem dringlichsten Aufruf zu einem Leben, wie es allein Kindern des Lichts entsprechen kann. Es geht um das neue Sein und werden der Gemeinde, das geradezu selbst "als ein Licht" bezeichnet werden muß; denn es lebt in der Einheit mit Christus: Ihr seid das Licht der Welt; denn der Christus des letzten Reiches ist euer Herr. In seiner Gemeinde ist er jetzt und hier aller Welt Licht.

Dieses Licht duldet keine Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis. Es deckt im Innersten des Herzens wie im Äußeren des Lebens alles auf, was heimlich, schändlich, und ohne gute Wirkung ist. "Alles wird offenbar, wenn es vom Licht gestraft wird." Durch die Lichtwirkung wird es enthüllt und verwandelt. "Denn alles, was offenbar wird, ist licht." Licht ist Klarheit. Deshalb erneuert sich in dem Lichte Jesu Christi das Erlebnis der alten Gläubigen: "Unsere Missetaten stellest du vor dich, unsere unerkannte Sünde in das Licht vor deinem Angesicht!" Das Licht erschließt die Verschlossenheit der Nacht. Es führt die ehrliche Offenheit herbei, in der allein Überzeugung gewirkt werden kann. Gott bewirkt das Aufgeschlossensein letzter Entschlossenheit, in der man dem Lichte Raum gibt, alles Dunkle als verhaßte Finsternis abtut, alle düstere Schuldverhaftung erkennt und läßt, um im Lichte Jesu Christi zu dem Leben seiner Gemeinde erneuert zu werden.

Licht wirkt nicht wie Dynamit. Aber es ist stärker als dieses. Die Waffen des Lichts bekämpfen die Werke der Finsternis ohne jede mörderische Gewalt. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Und dennoch beseitigt sie zur vorgerückten

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Stunde des nahenden Tages die erstarkenden Mächte der Nacht und ihre gewaltigen Werke. Wer sein feindseliges Tun mit Finsternis bedecken will, mag Berge von Gedanken und Taten finsteren Hasses aufhäufen, so viele er will. Aber wir wissen, daß es Strahlen gibt, die in aller Stille auch durch festeste Wände stärkster Burgen hindurchdringen. In dem vollkommenen Wirken des Geisteslichtes ist eine beseitigende und überwindende Macht verborgen, die stärker als alle vernichtenden Gewalten ist.

Eine der denkwürdigsten Entdeckungen ist die der Stoßkraft des Lichtes. Jeder senkrecht einfallende Lichtstrahl übt einen Druck aus, still, sanft und fest, wie es der Charakter des Lichtes ist. Hierdurch erklären Astronomen den von der Sonne abgewandten Schweif des Kometen. Durch die Einwirkung der Sonnenglut steigen aus dem Kern des in der Sonnenferne verdunkelten Schweifsternes Wolken auf. Durch den Druck der Sonnenstrahlen werden ihm Stoffdämpfe fortgetrieben, aus denen sein weiter Schweif ersteht. Das Licht vertreibt die ansteigenden Nebel. Es zerstört nichts. Aber wo ihm eine andere Welt naht, treibt es aus deren Innerem alles das still und fast unmerklich hinaus, was es an seinem Platz nicht dulden will. Ohne daß wir der Weltensonne nahen, bleibt uns alles Licht erloschen. "Wenn das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein?" Ohne geöffnete, dem göttlichen Licht zueilende Augen sind und bleiben wir blind. Wie ein Blindgeborener durch die Vorstellungen und Begriffe seines Verstandes nimmer sein Augenlicht ersetzen kann, vermag uns auch die Schärfe unserer eigenen Vernunft niemals zu innerem Licht zu verhelfen. Nur das Offnen des inneren Auges durch die Son-

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nenkraft bringt uns das Licht, das aus der fernen Gottesnähe auf uns einstrahlt.

Der Glaube ist ein Licht Gottes, das aller menschlichen Vernunft überlegen bleibt. Das Glaubenslicht ist nichts anderes, als das Herannahen und Eingreifen Gottes. Wer in der Sonne ist, dem mangelt nicht das Licht. Sobald das innere Auge erleuchtet und gesammelt, - "einfältig", - auf den einen Beherrscher des Zentralfeuers gerichtet ist, wird alles licht und klar. Dem Auge des Glaubens ist es gegeben, das vollkommene Licht zu sehen und zu fassen. Wär' nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt' es nie erblicken. "So schaue darauf, daß das Licht, welches in dir ist, nicht verdunkelt wird! Wenn dein Leib kein einziges Stück Finsternis in sich hat, so wird er ganz licht sein, wie wenn ein Licht dich mit hellem Blitz durchleuchtet!"

Mit elementarer Macht naht die Erleuchtung Gottes. Unvergeßlich sind die Augenblicke, in denen ein heller Blitz die tiefschwarze Hülle der Nacht aufdeckt, jedes Versteck enthüllt und alles Gewürm des Dunkels ans Licht bringt, jenes Raubzeug der Nacht, das sich jedem Lichtstrahl entziehen möchte. "Wer Arges tut, hasset das Licht. Er will nicht an's Licht kommen, auf daß seine Werke nicht gestraft werden." Größer aber als der Blitz der Nacht ist der Anblick des Sonnenaufgangs, besonders dort, wo unsere nordische Dämmerung den Gegensatz zwischen Tag und Nacht nicht zu verschleiern sucht. Mit dem Licht erwacht das Leben. Die Vögel des Tages singen, die Blumen des Lichtes öffnen sich, und das ganze Land erstrahlt im Morgenglanz. So ist es, wenn der Morgenstern Gottes den Sonnenaufgang des Lebens heraufbringt. Wer das Licht ersehnt, steht ihm offen. Was das Licht liebt, eilt ihm entgegen. "Wer die Wahrheit

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tut, der kommt an das Licht, daß seine Werke offenbar werden; denn sie sind in Gott getan." Das Licht ist Entdecker, Befreier und Führer. Überall, wo es durch das innere Leuchten zu einem Leben in Gott kommt, überall, wo Inneres und Äußeres dem leuchtenden Antlitz Christi entgegen kommt, überall, wo seine Kraft das Dunkel beseitigt, beginnt die Führung des gesamten Lebens durch das innere Licht. Die glaubende Gemeinde findet den Weg, der zum Lichtreich führt. Er liegt klar vor ihren Augen. "Wer bei Tage wandert, stoßt sich nicht. Denn er sieht das Licht, das die Welt hell macht. Wer aber des Nachts wandert, stößt sich, weil kein Licht bei ihm ist." Der Weg muß erleuchtet sein, wenn man ihn finden soll. Das Licht will unsere gesamte Lebensweise in eine einzige aufs klarste bestimmte Richtung bringen. Es will unser ganzes Leben auf den einen Weg leiten, der der einzige Weg ins Reich Gottes ist.

Ewige Worte der Wahrheit bezeugen diese für Leben und Wert Richtung gebende Wirkung: Wir müssen wirken, so lange es Tag ist. Wenn die dunkle Nacht kommt, kann niemand arbeiten. Es gilt das Tageslicht zu nutzen. Deshalb sagt Jesus: "So lange ich in der Welt bin, bin Ich das Tageslicht: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir folgt, wird nicht in der Dunkelheit wandern; er wird das Licht des Lebens haben. Wandert, so lange ihr Licht habt; die Finsternis soll euch nicht überfallen! Wer bei Dunkelheit wandert, weiß nicht, wo er hingeht. Vertrauet dem Licht, so lange ihr es habt. Lichtkinder sollt ihr sein."

Schon der alte Gottesbund wußte es: "Der Pfad des Gerechten ist wie das glänzende Morgenlicht, das stets Heller leuchtet bis zur Tageshöhe! Der Weg der Gesetzlosen ist dem

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Dunkel gleich; sie erkennen nicht, worüber sie stolpern und stürzen." Die göttliche Führung vorausschreitenden Lichtes bedeutet Bewahrung vor den Irrlichtern und Abwegen täuschender Nacht. Gott hat aus der Quelle seines Lichtes die klare Sicht gegeben, in der Richtung gehalten wird. In dieser Sicht kann der Weg nicht verfehlt werden. Für Nächte bedeckten Himmels ist den Wanderern eine Helle Laterne in die Hand gegeben: Das Wort Gottes, welches dem dunklen Weg vorausleuchtet, bis der Tag angeht und der Morgenstern aufgeht!

Durch das Wort offenbart sich dem neuen Bunde Jesus Christus als das führende Licht. Er ist die Erfüllung der alten Worte: "Die Gebote des Herrn sind hell und erleuchten die Augen. Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht für meinen Weg." Auch die Leitung durch das innere Licht des Geistes Jesu Christi geschieht durch die Leuchte des Wortes. Seine Wahrheit trägt jedoch einen neuen für alle Jetztzeit entscheidenden Maßstab, der die Lauterkeit und Einheit des leitenden Lichtes beweist: Dieser Maßstab ist die Einstimmigkeit der Christusgemeinde aller Zeiten. An ihr läßt Gott seine Lichtgedanken ohne Ablenkung kund werden. Die Gemeinde Jesu Christi ist die Lichtstadt, die auf der Gemeinschaft des in ihr aufleuchtenden Geheimnisses beruht.

Als die einst urchristliche Gemeinde zur Reformationszeit den Leuchter ihres einigenden Lichtes in schwerster Verfolgung von neuem aufgerichtet hat, war es nach Jakob Huter sein Mitarbeiter Peter Rideman, dem für sie entscheidende Worte der Wahrheit gegeben wurden: "Die Kirche Christi ist ein Fundament und eine Grundfeste der Wahrheit. Sie ist eine Ampel, ein Lichtstern und eine Lucerne der Gerechtigkeit. In ihr wird der ganzen Welt das Licht der Gnaden

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vorgetragen und vorgehalten, auf daß ihre Finsternis, ihr Unglaube und ihre Blindheit dadurch erleuchtet und licht würde, daß auch sie den Weg des Lebens sähen und kennen lerneten. Derhalben die Kirche Christi erstlich, - wie eine Lucerne ganz von dem Licht durchleuchtet und licht wird, - von Christo ganz und gar durchleuchtet ist, auf daß zum zweiten sein Licht aus ihr auch anderen scheine.

Wie die Lucerne Christi mit dem Licht göttlicher Erkenntnis durchleuchtet, helle, licht und klar geworden ist, so erstrecket sich solcher Glanz und Schein in die Ferne, um auch anderen, die noch in Finsternis wandeln, zu leuchten, wie auch Christus selber befohlen hat: "Lasset euer Licht leuchten vor den Menschen, auf daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen." Welches aber nicht anders denn durch die Kraft und Wirkung des Geistes Christi in uns geschieht oder geschehen mag und kann. Wie aber das natürliche Licht einen Strahl und Schein nach seiner Art von sich gibt, dem Menschen damit zu leuchten, also gibet auch das göttliche Licht den Strahl und Schein seiner Art von sich, wo immer es in einem Menschen angezündet ist; welches Lichtes Art aber ist wahre göttliche Gerechtigkeit, Heiligkeit und Wahrheit; die leuchtet aus ihrem Lichtstern oder aus ihrer Lucerne, das ist: aus der Kirche Christi, zu erleuchten jedermann, heller und klarer denn die Sonne."

Allen dahin Licht zu bringen, was das Geheimnis der Gemeinde bedeute, bezeugt der Apostel Jesu Christi als jene ihm geschenkte Gabe, die untrennbar mit dem Geheimnis des kommenden Christus verbunden ist. Das innere Licht Jesu Christi offenbart als seine Art die Einheit und Zukunftsbestimmung der Gemeinde. Die Erleuchtung des heiligen Geistes hat das untrügliche Merkmal, daß sie zu völliger

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Einmütigkeit, zu ungestört harmonischem Einklang mit allen Gliedern der Lichtgemeinde führt.

Das Licht des Gottesherzens offenbart das Geheimnis der Gemeinde als des leuchtenden Leibes Jesu Christi. Dieser Leib kann nicht finster sein. Sein Auge ist klar und hell. Es ist auf seinen Blickpunkt gesammelt. Es nimmt das Licht auf. In ihm wohnt nichts anderes als der leuchtende Christus selbst. Er ist der Glaube der Gemeinde. Seine Zukunft ist ihre Erwartung. Der kommende Strahl seiner Majestät erfüllt sie jetzt und hier. Der Ruhm seiner Ehre ist die Hoffnung ihres Lebens.

Eine Belebung der bekennenden Christenheit und ihrer Sendung kann nur von der lebendigen Gemeinde der Lichtliebe ausgehen. Die Fackel des einen einzigen Führers sammelt ihre Lichtschar, um einst mit ihr sein Sonnenreich aufzurichten. Nur die Leuchter der Gemeinde können der Finsternis der Erde das Licht der Zukunft weisen. Von ihren sieben Leuchtern, auf welchen der Geist Jesu Christi als das nunmehr alles bestimmende Licht ruht, geht die umgestaltende Wirkung der nahenden Gotteszukunft aus: Du strahlend Morgensonne, du zehrst die Flammen auf. Du bist der Gluten Wonne. Du siegst im hohen Lauf!

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Der heilige Geist.

Die Gabe der Innerlichkeit ist ein zweischneidiges Schwert. Die Literatur des deutschen Volkes beweist es, daß das tiefe Gemüt Gott und seine Wahrheit, - nicht weniger aber den Satan und dessen Tiefen ergründen will. Was will man? Gott oder den Teufel? Entscheidung tut not. - Gott ist gut. Gott ist Geist. - Das Dämonische ist das Reich des bösen Geistes. - Will man sich in Beides zugleich versenken? Ein Geisteswesen kann man nur dadurch erkennen, daß man eins mit ihm wird; man kann Geist nicht anders erfassen, als durch die Vereinigung mit dem Wesenskern seines Innersten. Hier bist du, ein lebendiger Mensch: Mit welchem Geist willst du dich vereinigen? Angesichts dieser Frage hat einst Augustin nach langjährigen Schwankungen die Entscheidung getroffen: "Gott und meine Seele ist das, was ich verstehen will. Nichts anderes? Nein, nichts anderes!"

Die menschliche Seele ist von Fleisch und Blut beherrscht. Mit der einen Hand greift sie nach dem Leben, mit der anderen nach dem Tode. Friedrich Nietzsche sprach es aus: "Weh dem, der keinen Boden hat! Weh dem, der keinen Stützpunkt hat! - Das, das ist mein Abhang und meine Gefahr, daß mein Blick in die hohe stürzt, und daß meine Hand sich halten und stützen möchte an der Tiefe." Der Mensch ist zu einer gefährlichen Wanderung aufgebrochen. Der lebendig machende Geist der Höhe führt um ihn härtesten Kampf gegen die lebensfeindlichen Geister des Abgrundes. Die Menschen-

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natur vermag sich aus sich selbst aus keiner Wanderung über die Höhenlage ihres fleischlichen Geblüts emporzuheben. Ohne den Geist Gottes bleibt die noch so sehr nach innen gewandte Seele wie ihr auf ein höchstes Volksideal gerichtetes Gemüt in allzu menschlichen Niederungen sterblichen Blutes.

Der Menschengeist ist so tief in körperseelisches Empfinden verstrickt, daß er mit dem Leib unter das Urteil fällt: "Was vom Fleisch geboren ist, ist Fleisch." Fleisch muß verwesen. Die Schrecknisse unserer Zeit haben es gezeigt, welche Ernte man gewinnt, wenn man seine Lebenssaat auf eine unveränderte Menschennatur ausstreut. Nur die Ernte, die unter dem Wehen des lebendig machenden Geistes steht, wird gut. Die menschliche Natur ohne heiligen Geist bleibt dumpf unschwach. Ohneden wind seines Geistes wird der slcker ihrer Mbeit unfruchtbar, von dem Ouell abgetrennt bleibt ihr in sich selbst vertrocknendes Eigenleben dem Untergang verfallen. Unsere Natur ist erniedrigt. Sie sollte es wissen, daß sie entartet und entweiht ist.

Die sterbliche Natur verlangt nach einer ihr überlegenen Kraft, die den geknechteten Menschen von aller lebensfeindlichen Gewalt zu befreien vermag. Nur der Geist des vollkommenen Lebens hat Todesüberwindende Macht. Ohne den göttlichen Geist sind wir verloren. Nur der Geist dessen, der alles überwunden hat, was ertötender Ungeist ist, kann Leben bringender Geist sein. Gott und sein Geist allein ist Leben. Der Geist des Sohnes ist es, der die Menschen von der Knechtung und Furcht des Todes erlöst. Nur er ist es, der völliges und bleibendes Leben zu geben vermag. Wer ihn nicht von der Stimme des Blutes zu unterscheiden vermag, verdammt sich selbst ein seelischer Mensch zu bleiben;

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als geknechtetes Wesen bleibt er der verderbenden Natur und ihren mörderischen Gewalten unterworfen.

Wer den seelischen Regungen des Blutes entscheidenden Wert beimißt, wird von Paulus, der diesen Sprachgebrauch geprägt hat, als fleischlich bezeichnet, auch wenn er sich in die tiefste Innerlichkeit versenken oder zu dem höchsten Ideal seines Volkes und der Menschheit erheben mag. Die Seele bleibt in sich selbst wie das Blut auf das sterbliche Eigenleben des Menschen und seiner Volkheit beschränkt. In der ganzen Menschheit findet sie sich in körperlicher und dämonischer Abhängigkeit. Und doch weiß sie ihre innerste Anlage für höhere und reinere Sphären geschaffen. Ihr Gewissen legt ununterbrochen das Bekenntnis ab: "Ein Mensch, der seinen Geist nicht über sich erhebt, der ist nicht wert, daß er im Menschenstande lebt."

Der Mensch ohne Jesus Christus kann niemals mehr sein als eine lebendige Seele. Sein geschwächtes Leben führt sich selbst dem Tode entgegen. Völker, die sich von nichts anderem als von der Blutsgemeinschaft der Volksseele leiten lassen, gehören zum Reich des Todes. Sie verfallen dem Gesetz des Hasses, der Tod bereiten muß. Von der ganzen Menschheit als solcher ist keine Hilfe zu erwarten. Nur der eine Menschensohn ist ein lebendig machender Geist. Sein Leben ist unvergänglich und überwindet alle Tode. Seine Kraft ist die unbegrenzte Macht unveränderlicher Liebe. Sie entfaltet eine untötliche Lebendigkeit, wie sie allein der unsterbliche Geist zu geben vermag. Sie führt den sterblichen Menschen zum ewigen Leben. Der Geist Jesu Christi ist stärker als alle anderen Geister; er allein vereinigt das glaubende Herz mit dem lebendigen Mittelpunkt allen schöpferischen Lebens.

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In diesem Zentrum schafft der lebendige Geist die große Einheit aller befreiten Geister, eine Einheit, die weder vom Volk noch von der Menschheit aus herbeigeführt werden kann; der heilige Geist ist die Einheit in Christus; er bewirkt das vereinigte Leben in Gott. Er allein gewährleistet das ewige Erbe eines Volkes und eines Reiches, das Gottes Volk und Gottes Reich ist. Nur der Geist des großen Befreiders kann dem Menschengeist die ewige Wirklichkeit geben, in der Menschenkinder aller Völker Kinder des einen Gottes sind. Nur im heiligen Geist wird Gottes Volk. Nur in ihm wird Menschheit. In der Kraft des lebendig machenden Geistes wurde der Erstgeborene Gottes als Sohn erwiesen. Als auferstandener Christus verleiht er seinem Volk den Geist seiner Kindschaft. In ihm allein ist die Kraft erneuerten und geeinten Lebens. Der Reichskönig ist das Leben des Gottesvolkes. Er ist das Leben im Reich Gottes. Er allein, dessen Leben ohne Widerspruch und ohne Trübung war, bringt die Harmonie des Gottesreiches, ohne die alle Menschen und alle Völker dem Teufel und seiner mörderischen Zerstörung verfallen bleiben.

Christus allein ist der Gekrönte Gottes. Ihn allein hat der Geist so gänzlich überströmt und so völlig durchdrungen, daß kein Funke seines Lebens außerhalb der lebendigen Liebesflamme war. Die feurige Lebendigkeit des Geistes Jesu Christi ist die Liebe des kommenden Reiches. Sein letztes Reich ist Liebe als Gerechtigkeit. Deshalb gehörte das Leben Jesu in heiliger Flamme den Armen und Ärmsten. Er ist der einzige, von dem es ganz und völlig gilt, was er mit dem prophetischen Wort des Jesaias von seiner messianischen Sendung ausgesagt hat: "Der Geist des Herrn ist über mir. Er hat mich zum König des Reiches ge-

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salbt; er hat mich gesandt, den Armen entscheidende Nachricht zu bringen."

Seine Salbung ist die Krönung zum Herrscher des Reichs. Sie ist die Mitteilung des Geistes als die regierende Kraft der Liebe, die allein wahre Freiheit bringt. Sein Evangelium ist die Freudennachricht des Kommenden, die alle Versklavten und Erniedrigten zur Freiheit führt, zur Freiheit für das Gottesreich! Das Reich Gottes ist in Jesus, als in dessen mit heiligem Geist gesalbten König, zu verlassenen Menschen einer erkaltenden Erde gekommen. Als vollkommene Liebe kam es zu entleerten Herzen. Deren einstige Liebessflammen waren von kalten und finsteren Mächten zu Boden getreten. Der Geist des Hasses hatte die menschliche Liebe ausgelöscht. In Jesus überwindet der Geist göttlicher Liebe den dämonischen Geist der Knechtung. Jesus Christus ist der Eine und Einzige, der durch den Geist der völligen Liebe den mörderischen Erdgeist und alle seine Nebengeister hinausgewiesen hat. Wo der Herrscher des Gottesreichs eingreift, hört deren Bereich auf.

Aber der in Seele und Blut befangene Mensch vernimmt nichts von dieser entscheidenden Tat des siegenden Geistes. Nur der heilige Geist selbst erkennt den heiligen Geist. Niemand kann ohne den Geist Gottes die befreiende Herrschaft Jesu Christi erkennen und anerkennen. Ohne ihn sieht man es nicht, wie er sie schon jetzt und für alle Zukunft angetreten hat. Außerhalb des heiligen Geistes hat die Regierung Jesu Christi und die Macht ihrer Liebe keine Geltung. Nur der Geist offenbart den Gotteskönig und die Befreiung seiner Herrschaft. Nur in der Gemeinde des Geistes ist sein Reich auf der heutigen Erde wirksam.

Nur durch den heiligen Geist kann Christus Herr und Gebie-

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ter genannt, nur im Geist der Gemeinde kann er als Herr und König angerufen werden. Alle, die ihn in Wahrheit als Herrn bekennen wollen, müssen in der Vereinigung mit der Gemeinde deren Geist empfangen haben. In die Kraft und Wirklichkeit des Gemeinde schaffenden Geistes müssen sie eingegeben und untergetaucht sein, wenn sie Christus in Wahrheit ehren wollen. In gemeinsamem Tun müssen sie sich als freie Kinder des einen reinen Geistes erweisen. Nur in der Einheit des einen Geistes können sie den heiligen Namen anrufen. Weil sie in ihm einig sind, tun sie es gemeinsam.

Der heilige Geist richtet sein Werk als Wirken Gottes auf. Nur Glaubende können es fassen. Als Gottes Geschehen sollen sie es aktiv aufnehmen; als Gottes Tun sollen sie es gelassen erdulden. In der an ihnen wirkenden und handelnden Kraft einer anderen Welt bekennen sie Christum als ihren alleinigen Herrn. In diesem Geist antwortet ihnen die Stimme des ewigen Thrones: "Ihr heißet mich Meister und Herr; und ihr saget es mit Recht; denn ich bin es." Diese Erkenntnis und Bezeugung kann nicht anders zu Menschen kommen, die in ihrer Knechtung Gott fern gerückt sind, als wenn sie den heiligen Geist aufnehmen, der nicht der Menschen, sondern Gottes Geist ist. Der Gemeinde-Bund des Reichskönigs kann niemals anders aufgerichtet, er kann nicht anders befestigt und versiegelt werden als durch den heiligen Geist des Lebens in Gott. Von Gott her kommt er durch Christus als durch den regierenden Gebieter des Gottesreiches zu einer glaubenden Gemeinde.

So allein werden geknechtete Menschen ebenso endgültig von aller fremden Herrschaft wie von aller eigenen Selbstherrlichkeit befreit. Wo der Geist des Königs ist, ist Freiheit.

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Sein Bund sondert die Kinder der Freiheit von den sklavischen Knechten. Der kindliche Geist hebt die Knechtschaft auf. Er gründet die Kindschaft, die durch den Glauben an Jesus Christus für immer von der Knechtschaft geschieden bleibt. Dieser Unterschied bleibt ewig bestehen. Die der Geist Gottes treibt, sind Gottes freie Kinder geworden. Wer den kindlichen Geist nicht hat, gehört nicht zu Gott.

In seiner Gemeinde sind keine Knechte zu finden; alle, die in ihr leben, sind ebenbürtige Kinder. Der kindliche Bund ist begründet. Aus ihm ist alle Unkindlichkeit menschlicher Größe und erniedrigender Knechtung gebannt. Kraft des kindlichen Geistes gehört allen seinen Gliedern ein Testament überraschender Erkenntnis, das nur unmündig Vertrauenden offen steht. Den Hohen und Klugen eigener Größe bleibt es ebenso verschlossen wie den geknechteten Seelen sklavischer Furcht. Gottes Geist ist es, der für alles, was frei und kindlich ist, bezeugt, redet und tut, was Gottes Herz und Sinn ist. Der Schatten und der äußerliche Schein gebieterischen Wesens und knechtischer Unterwerfung muß vor der Eröffnung dieses Testaments entweichen. In der Freiheit Jesu Christi hat seine Geltung für immer aufgehört.

Das Licht eröffnet das Leben der kindlichen Freiheit in der Kraft und Beweisung ihres Geistes. Durch Christus befreite Sklaven sind es, die sein freies Eigentum geworden sind. Nichts, was an ihnen ist oder was ihnen zukommen könnte, kann ihnen selbst oder irgend einem anderen gehören als ihm allein. Im Leben und im Tod gehören sie ihrem Gebieter. Als Freigelassene, die ohne sein Eingreifen in unwürdiger Sklaverei geblieben wären, ordnen sie sich in befreitem Willen seinem Hausstand ein, um nach dem Schenkungsrecht der freien Kinder für immer dem Geist seines Hauses anzu-

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gehören. Sie ehren ihren Befreier als die alleinige Majestät des einzigen Reiches, dem sie zu dienen haben.

Der heilige Geist ist das von ihrem königlichen Befreier geschenkte Pfand eines künftigen Erbgutes. Das Testament des Geistes in der Hand haben sie den Freibrief zur Volksgemeinschaft des Gottesreichs. Der Geist der Gemeinde ist der Freipaß und Bürgerbrief für das Reich Gottes. Das Aufweisen seines Siegels öffnet die Tore des letzten Reiches. Nach ihm trachten alle Glieder der Geistesgemeinde mit ihrem ganzen Leben. Was sie lieben und wofür sie leben, ist der Reichskönig Gottes. Was sie wollen und woran sie glauben, ist seine befreiende und einigende Gerechtigkeit. In dem Geist Jesu Christi fassen sie die vollkommene Gerechtigkeit der Zukunft. Der heilige Geist ist die Versiegelung ihres Glaubens an den geistgekrönten König. Der König ist seinem Reich vorausgeschritten. In ihm haben sie das kommende Reich angenommen. Seine Gerechtigkeit ist als die Kraft ihrer vollkommenen Freiheit und Einheit letzte Wirklichkeit ihres Lebens. In der wirksamen Gegenwart des Geistes schmecken sie die Kräfte einer zukünftigen Welt als die regierende Einwirkung eines anderen Seins in ihr hiesiges und jetziges Leben.

Das Siegel des heiligen Geistes ist die in der Jetztzeit allein gültige Bestätigung, daß die Christusgemeinde der Art und der Natur Gottes als seines zukünftigen Lebens teilhaftig geworden ist. Der Geist Christi ist Gewißheit Gottes. Das in der Kraft des Zukunftsglaubens bewiesene Werk des Geistes macht die Gemeinde in allen Stürmen der Jetztzeit fest und unbeweglich. Sie ist in diesem Geist sicher und gewiß, daß Gott seine in Christus gewährleistete Zusage auf seinen Tag und seine Stunde einlösen wird. Der Glaube ist dessen so

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gewiß, als ob er es jetzt und hier schon habe. Und er hat es in der Wirklichkeit des Geistes.

Einem jeden, der sich durch Gottes Wort so von der Wahrheit berichten läßt, daß er in Christus an das Reich Gottes glaubt, wird dieser Glaube durch die Austeilung des heiligen Geistes wie in einem sichersten Dokument versiegelt. Der Geist Jesu Christi ist die alleinige Sicherheit des Reiches Gottes. Das ist der Sinn des Jesuswortes, nach welchem niemand in dieses Reich kommen kann, nach welchem kein Auge auch nur das Geringste davon sehen kann, wenn man nicht in Wort und Taufe und durch den heiligen Geist von oben, von Gott her geboren, aufs neue geboren ist.

Der Geist ist's, der lebendig macht; durch ihn wird man der göttlichen Natur eingepflanzt. Er verpflanzt alle die in Gottes Art, die Gottes Bund angehören und sein Reich ererben sollen. An ihnen macht er Gottes Wort wahr. In ihm werden alle Versprechungen des lebendigen Gottes Ja und Amen. Der Geist vollbringt in denen, die ihn empfangen, mit Lust und Freude allen Gotteswillen. Der heilige Geist bringt die Freude hervor, die sucht und liebt, was Gottes Wort und Werk ist. Dieses sein Werk findet die glaubende Gemeinde in Kraft und Wahrheit in ihrer Mitte: die Reinigung der Herzen und des gesamten Lebens für Gottes Willen. Der Geist pflanzt das Wahre und Gute, das Gerechte und Heilige. Unter seinem Schutz soll es einwurzeln, wachsen und Frucht bringen.

Deshalb muß er alles, was aus unserer Natur dem Wachsen seiner Pflanzung im Wege steht, als Unkraut dämpfen, töten und ausrotten. Er nimmt nicht nur das Tun des Bösen hinweg; sondern er entfernt auch die Lust dazu. Unter der Wirkung des heiligen Geistes stirbt der alte Mensch ab. An

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seiner Stelle wird der neue Mensch lebendig. Das Lebensgesetz des Geistes hebt das Gesetz der Sünde und des Todes auf. Nur die Geistestaufe vollbringt dieses Werk. Der Geist selbst treibt das Werk; er regt alles an; er bewegt alles; er treibt alles in ein neues Leben. Eine neue Schöpfung steht da: Eine neue Pflanzung: Eine neue Geburt!

Die Neuschöpsung und Reinigung, die Wiedergeburt und Erneuerung geschieht als Taufe im Strom des Geistes, der in Jesus Christus über die Gemeinde ausgegossen wird. Als Sache der Gottesgeburt ist der Bund des heiligen Geistes das Testament kindlicher Freiheit. Durch den Geist Gottes getrieben lebt man kraft dieser Geburt im Bund der Kindschaft. Allein das Treiben des heiligen Geistes hält seine Pflanzung lebendig. Der Geist allein macht Kinder Gottes. Sein Trieb beweist die Kindschaft und ihre Freiheit.

Fleisch und Blut ist für Gottes Sache Unebenbürtigkeit und unehrliche Geburt. Die Geburt des Geistes teilt mit ihr nichts. Der heilige Geist hat einen letzten Abscheu vor allem ehebrecherischen Götzendienst und falschen Schein. Vor jedem dämonischen Unverständnis religiöser Vermischung zieht er sich für immer zurück. Er weicht, wo eigene Größe und gottwidrige Sünde zur Geltung kommt. Mit dem allen erlischt jede Möglichkeit der Kindschaft und des Christseins. Wer den Geist Christi nicht hat, gehört ihm nicht. Menschenart und Gottes Art sind gegen einander. Wo man Fleisch und Blut herrschen läßt, muß Gott seinen Geist fern halten und jede Kindschaft ablehnen.

Alle Kinder Gottes tragen als Geburtszeichen ihrer Echtheit seinen Hauch und Odem. Der reine Atem Gottes offenbart ihre Herkunft. Gott läßt sich keine Kinder unterschieben. Er kennt keine Bastarde. Allein der Geist mit seiner Eingebung

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und Herrschaft zeigt das Bildnis Gottes. Nur er ist echt. Alles andere ist Verfälschung. Die Art und Eigenschaft Gottes wird in seinen Kindern an der Reinheit ihres Odems offenbar. Nur der Geist Gottes hat diese Reinheit. Er allein bringt das Gleichnis Gottes hervor. Wo die Echtheit und Wahrheit gottkindlichen Wesens gegeben ist, beherrscht und gestaltet sie das ganze Leben nach dem Bilde Gottes. Die echte Wahrheit ist Gott selber; seine Söhne und Töchter tragen und beweisen sein Bild als ihr Licht. So lange sie sich in allen Dingen durch seinen Geist regieren und führen lassen, so lange tragen sie Gottes Bildnis. Als Kinder seines Geistes haben sie die Art und Natur des Vaters. Nur im Geist lebt sein Erbe. Gott verleugnet sein Wesen niemals.

Anstelle des fleischlichen Sinnes, der in Seele und Blut lebte, wird dem zum zweiten Mal Geborenen der göttliche Sinn so wirklich und so wirksam eingepflanzt, daß ihm mit dessen Geist das gänzlich andere, das völlig neue Leben des Gottesreichs gegeben ist. Der heilige Geist ist der erste Zeuge des letzten Reiches. Er ist es, der nunmehr die lebendige Gemeinschaft mit Gott anrichtet und in Tat und Wahrheit beginnen läßt. Der heilige Geist ist es, der die göttliche Art des Gottesreiches in die glaubende Gemeinde hineinwirkt. Dieser Geist ist es, der die Gemeinde Jesu Christi dessen versichert, daß ihre Glieder Erbkinder Gottes sind. Die Ausgießung des heiligen Geistes gehört als königliche Salbung des letzten Reiches zur Taufe in den Namen des kommenden Königs.

Wer noch nichts von diesem Geist vernommen hat, dessen vermeintliche Taufe kann für Christus keine Geltung haben, wenn sie auch auf ihn hingewiesen haben mag, wie es die Taufe Johannes des Täufers tat. Es war demgegenüber

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die Taufe in den Namen Jesu Christi, die Petrus allen denen bereit hielt, die die Geistesänderung ihres Herzens und Lebens auf sich nehmen wollten, um für das Reich Gottes zubereitet zu werden. Mit der Taufe sagte er ihnen zu, daß sie die Gabe des heiligen Geistes empfangen sollten. Was war geschehen? Der geistgekrönte König war getötet worden und aus seinem Grabe aufgestanden! Die von den Propheten für das Anbrechen des Gottesreiches versprochene Ausgießung des Gottesgeistes war nach diesen alles erschütternden Ereignissen die erste, allem anderen vorauseilende Tatsache des kommenden Gottesreiches. Das war der Inhalt der Pfingstrede: Vom Vater hat der Auferweckte und Erhöhte den heiligen Geist empfangen. Jetzt hat er ihn ausgegossen: Ihr seht es; ibr höret es. Der Jesus, den ihr hingerichtet habt, ist der Messiaskönig des Gottesreichs. Jetzt endlich ergießt er den Geist seines Reiches über alles Fleisch! Der Geist ist da! Das Reich bricht an!

Die alles bewegende Pfingstfrage des Volkes, was sie auf diese übergewaltige Tatsache hin tun sollten, ging auf Christus und sein Reich. Sie gipfelte für die das Reich bereitende Vergebung der Sünde in dem Verlangen nach dem heiligen Geist, um durch dessen Kraft ein dem Gottesreich entsprechendes Leben führen zu können. Die Frage nach Jesus Christus und nach dem Reiche Gottes bewirkte die Bereitschaft für den heiligen Geist. Jesus Christus kann niemals von seinem Geist geschieden werden. Das urchristliche Evangelium der Sündenvergebung kann von dem apostolischen Leben im heiligen Geist nicht getrennt werden. Die Gemeinde Jesu Christi kann nicht vom Reich Gottes losgelöst werden.

Der König des Gottesreichs ist als Geist der heiligen Einheit in jenem lebendigen Organismus, der Gemeinde heißt, der

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einigende Saft des Lebens. Aus Christus als der Wurzel steigt der heilige Geist in seine Zweige und Reben auf. Der Geist Christi macht die glaubende Gemeinde zu einer einheitlichen Pflanze des Gottesreichs, zu einem einheitlichen Gewächs mit dem gekrönten König. Er ist der Weinstock Gottes; die Glaubenden sind seine Zweige. Der Geist steigt als der Saft aus der Wurzel auf; er erfüllt die Zweige; er macht sie fruchtbar und erhält sie lebendig. Er tut es für das Reich Gottes.

Zum ersten völligen Pfingsten ist es geschehen, daß aus dem auferstandenen Toten das Leben des Geistes als das Kommen des Reiches hervorbrach. Das offene Grab erweist es, daß Gott gebieten will. Er tut es durch den Geist des Auferstandenen. Jakob Böhme bezeugt diese Tatsache an den ihm eigenen Bildern: "Wie die Kerze im Feuer erstirbet und wie aus demselben Sterben das Licht und die Kraft als das große Leben ausgehet: also sollte und mußte aus Christi Sterben, aus seinem Tode, die ewige göttliche Sonne aufgehen! Wann Christus aufstehet, wann die Sonne aufgehet, so wird die Nacht im Tage verschlungen. Es ist keine Nacht mehr: Also ist die Vergebung der Sünden."

Aus dem Brunnquell Jesu Christi als aus der Kraft seiner Auferstehung wurde das Pfingstvolk mit dem vergebenden Geist des Gekreuzigten überströmt. Das Wort brach hervor. Alle Geister Gottes waren angezündet: "Wie der Odem im Menschen das Wort stimmet und ihm Gestalt und Laut gibt, also machet der Odem, Wind und Geist Gottes das Wort in uns lebendig und tätig, und führet uns in alle Wahrheit; das ist die Kraft Gottes, die alles tut, wirket und vollendet, alles befestiget und zusammenfüget. Sie versichert uns durch Gottes Werk, daß wir Gottes Kinder sind."

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In dem Pfingstereignis wurde es wahr, was um das Jahr 1540 der erste hocherleuchtete Schuster Schlesiens, Peter Rideman, in seiner "Rechenschaft" für alle Brüder, die man die Hutterischen nennt, von der Einheit des Vaters und des Sohnes im heiligen Geist mit fast denselben Worten wie Jakob Böhme bezeugt hat: "Gleich wie wenn einer, der redet, mit dem Wort den Odem also ausläßt und ausdringet, daß von ihnen beiden, von dem Sprechenden und von dem geredeten Wort ein lebendiger Odemwind bläset und eine Stimme erschallet und hervorgeht: also kommt der heilige Geist von dem Vater und dem Sohne, oder: von der Wahrheit und dem Wort. Wie aber der Sohn oder das Wort vom Vater ausgeht und doch in ihm bleibet, also gehet der heilige Geist von ihnen beiden aus, und bleibet in ihnen beiden für und für ewiglich."

"Und wie Feuer, Hitze und Schein sich nicht teilen oder von einander scheiden, - wo eins ist, da sind sie alle drei, wo aber das eine mangelt, da ist ihrer keins, - also auch der Vater, der Sohn und der heilige Geist: Wo deren einer ist, da sind sie alle; welchem aber einer mangelt, der hat ihrer keinen; denn so wenig von dem Feuer die Hitze und der Schein mag genommen werden, daß doch das Feuer bleibe, also und noch viel weniger der Sohn und der heilige Geist vom Vater."

So hat denn die große Bruderschaftsbewegung aller Jahrhunderte als ein beständig erneuertes Pfingsten die Einheit in Gott auf das kräftigste bezeugt. Gott ist die Einheit. Nur wer in der Einheit bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm. Ein und dieselbe Erkenntnis war es, die unserem Peter Rideman wie achtzig Jahre nach ihm jenem anderen schlesischen Schuster aufleuchtete, "daß das ewige Wort des

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Vaters, welches des Vaters Herz ist, aus dem Grimm der Finsternis durch des Vaters Feuer ausgeboren wird. Durchs Feuer offenbaret er sich im Licht als in einem einigen Wesen, - als den Vater mit der Feuerwelt, - und als den Sohn mit der Liebebegierde im Lichte, als mit der Lichtwelt, - und als den heiligen Geist mit dem webenden Leben."

"Der ewige Vater wird im Feuer offenbaret, der Sohn im Licht des Feuers, und der heilige Geist in der Kraft des Lebens und der Bewegnis im Licht des Freudenreichs, als die ausgehende Kraft in der Liebeflamme! Also denke im Gleichnis, daß der Vater sei das Feuer des ganzen Gestirns; und der Sohn sei sein Herz als die Sonne, die alles Gestirn in eine lichte Wonne setzet; und der heilige Geist sei die Luft des Lebens, ohne welche keine Sonne und kein Gestirn bestünde."

Die völlige Einheit in Gott ist die Geisteswirklichkeit seiner Liebe in ihm selbst. Nur in dem Mittelpunkt seines Herzens kann sie gefaßt werden. Nicht von der Natur der ersten Schöpfung aus, nicht von dem Zornesfeuer ihres Gerichts aus, nicht von deren Ordnungen aus, die in dem Gewaltregiment der Obrigkeiten bestehen müssen, sondern allein von dem Zentralfeuer seiner Liebe aus kann Gott in seiner Einheit erkannt werden. In Jesus ist das zentrale Licht des Gottesherzens offenbar geworden. Der Sohn ist als selbständige Person in dem Vater des Vaters Herz in dessen innerster Mitte. Vom Herzen Gottes aus ist Jesus Christus der liebende Kern in den alles bewegenden Kräften des heiligen Geistes.

Im Geist Jesu Christi steigt des Vaters Herz als die Freude vollkommener Liebe zu einer liebearmen, im Gericht des Gotteszornes erbebenden Erde herab. In Christus kommt

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das Herz Gottes als heiliger Geist zu Menschen, die seiner Liebe entfremdet waren. In diesem Geist wird die Gemeinde geschaffen, deren Einheit Gottes Einheit ist. Der König des Reiches Gottes ist der Geist der Gemeinde. Seine Gemeinde kennt keinen anderen Auftrag als den des Friedens und der Einheit. Sie trägt den Auftrag der Liebe und Gerechtigkeit, welche das Herz des Reiches Gottes ist. In ihr wirkt von Christus aus nichts anderes als der strahlende Lichtglanz der ewigen Liebesmacht.

Er, der vom Herzen Gottes aus zu dessen Reichsherrscher erhöht ist, ist zugleich der Geist der Gemeinde. In ihr bewirkt er die Lichtverwandlung der Glaubenden, daß ihnen nunmehr in der Kraft dieses Liebesgeistes die Vertretung seines zukünftigen Reiches aufgetragen ist. Wo das Herz der Liebe Gottes Geltung hat, herrscht der Geist Jesu Christi. Wo aber das Denken und Tun blutbewegter Menschen in noch so gerechtem Zorn dem Herzen Gottes als dem Liebeswesen Jesu Christi abgewandt ist, weicht sein heiliger Geist voller Scheu und Unwillen, wie er es bei der ersten Einführung der blutig strafenden Gerichtsberrschaft und ebenso bei dem Aufkommen des menschlichen Königtums in Israel getan hat. Der Geist will Gott. Der Geist Jesu Christi flieht menschliche Hoheit und Gewalt. Er sucht die erniedrigten Menschen kindlichen Geistes. An ihnen verherrlicht er das innerste Herz Gottes.

Nur in Christus, nur auf dem Wege, der zu seinem Kreuz führt, erweist Gott seine Einheit als in der vollkommenen Liebe seines Herzens. Er tut es durch den heiligen Geist. Ohne Christus und abseits seines Weges, abseits der apostolischen Armut letzter Einfalt und Hingabe, abseits ihrer rechtlos gewaltlosen Liebe bleibt man dem Reiche Gottes

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und dem Wirken seines Gemeindegeistes fern. Nur wer in der Einheit jener Liebe lebt, die alles Eigene opfert, bleibt in Gott und Gott in ihm. Ulrich Stadler, der Mitarbeiter Jakob Huters und Peter Ridemans, bezeugt diese Wahrheit in seiner Mitverantwortung für den Dienst der Gemeinde mit den Weg weisenden Worten: "Wer die Fußstapfen Christi und seinen Weg nicht beschreitet, wer das Kreuz Christi nicht tragen will, der hat und kennt den Sohn nicht; und wer den Sohn nicht hat, erkennt den Vater nicht; er kann auch durch die Güte des heiligen Geistes nicht erleuchtet werden. Er ist es, welcher in uns wohnet, in den wir eingeleibt werden müssen, um der einigen Dreiheit teilhaftig zu werden durch die ernste Gerechtigkeit des Kreuzes Christi, durch welche wir eingeleibt werden dem Leib Christi, dessen Christus ein Haupt ist."

Der Leib Christi als die Gemeinde seines heiligen Geistes ist die alleinige Stätte der Erde, in welcher die Einheit Gottes in Christus als in dem heiligen Geist offenbar wird. Hier wird das Wesen Gottes so klar und einheitlich entfaltet, daß sein einiger Wille auf der Erde geschieht. Als Einheit der Gemeinde kommt sein Reich zu den Menschen. Hier geht man den Weg Jesu bis ans Ende, bis zum Liebestod am Kreuz. Hier empfängt man den heiligen Geist als die Gemeinschaft in Christus mit Gott: "Da erwachset allererst und sonst niemals und nirgends die rechte Erkenntnis des Vaters im Sohn, daß wir in ihm bleiben und er in uns, also daß wir der im heiligen Geist einige Leib Jesu Christi des Gekreuzigten sind. Allenthalben zeigt Christus an den Ernst und die Gerechtigkeit des Vaters, welches alles der Vater übet in Christo, und wie es alle üben, die in Christi Leib gedeihen wollen, darin der Sohn Gottes erkannt wird."

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"Einen arm geistlichen Menschen, der hungert und durstet nach der Gerechtigkeit, kann Gott nicht verlassen; er muß ihn durch den Geist speisen. Er speist ihn mit seinem Leib der Einheit. Dadurch muß er verwandelt werden in die Gemeinschaft des Leibes Christi: Also wird einem solchen offenbar der dritte Teil in Gott: die Güte und Barmherzigkeit des heiligen Geistes. Dieser Mensch lebt nicht sich selber, sondern für Christus in ihm und ist also fröhlich und freudig im heiligen Geist; durch welchen er erkennt in der Wahrheit den Vater, den Sohn und den heiligen Geist."

"Was aber nun siehet er durch den heiligen Geist in der Wahrheit? Den Vater mit der Kraft seiner Allmächtigkeit, von welchem er geschaffen ist: er siehet und kennet den Sohn, in welchem er erprobet, gereiniget, gerechtfertigt und beschnitten wird, in welchem er wahrhaftig ein Kind Gottes worden ist. Also hat er einen freien Zugang zum Vater, und ist nun einig worden mit Christo und allen seinen Gliedmaßen: Diese alle sein ein Gemein und ein Leib in Christo. Dieser Mensch ist im Reich Gottes und hat Christum zu einem Herrn. In dieser Einheit ist alles gemein; da ist nichts eigenes. Hier geschieht es, daß hier der Herr seinen Geist ausgießen wird über alles Fleisch und werden alle Menschen von Gott gelernet sein, in Ewigkeit nach dem Willen Gottes zu leben und erfüllt zu sein mit allem Guten."

In dem allen bezeugt mit Ulrich Stadler die ganze Gemeinschaft, die man nach dem Wortführer ihrer grundlegenden Reinigung und Einung die Hutterischen Brüder nennt: In der Ausgießung des heiligen Geistes wurde zuerst in Jerusalem die untrennbare Einheit der Gemeinde geschaffen. Als Offenbarung dieses Geistes erweist sie in ihrem Werk und Leben die vollkommene Einheit des ewigen Gottes-

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willens und seiner kommenden Herrschaft mit dem Weg Jesu Christi. Daß Gott in ihm selbst untrennbar eins und einig ist als der Vater mit dem Sohn in dem Geist, wird heute und hier allein an der völligen Einheit der Gemeinde offenbar, bis am Ende der Tage das Reich Gottes die Herrschaft seiner Einheit über alle Welt erstrecken wird.

Der Pfingstfrühling der ersten Christengemeinde steht im stärksten Gegensatz zu dem eisig erstarrten Christentum unserer Tage. Ein jeder fühlt es, daß dort frischerer Wind weht und reineres Wasser quillt, daß dort eine stärkere Kraft und eine glühendere Wärme herrscht, als es heute bei denen der Fall ist, die sich Christen nennen. Wir wissen es alle, daß man heute trotz der verschiedensten Kirchen, trotz der mannigfachsten religiösen Zusammenschlüsse und Erbauungsgemeinschaften fast nirgends dasselbe kennt, was die Urgemeinde als Lebensgemeinschaft des Glaubens und der Liebe dargestellt hat. Was ist der großen Christenheit verloren gegangen? Was ereignete sich als Erstes und Letztes in Jerusalem? Das Wort Jesu und, was viel mehr ist, sein Leben und Wirken von der Krippe bis zum Kreuz war in jenem ersten Kreis der Christusbewegung lebendig gegenwärtig. Was die Apostel zu sagen und zu tun hatten, war unmittelbar aus jener Wesenheit geschöpft, wie sie uns heute inden vier Evangelien entgegentritt. Die Glaubensgemeinschaft und Lebensgemeinschaft der ersten Liebe war durch die Nähe des Christus gekennzeichnet, der gesagt hatte: "Ich bin alle Tage unter euch."

Wie Jesus sich dem äußeren Menschen ebenso wie der inneren Not seiner Umgebung gewidmet hatte, indem er überall die reinigende Heilungskraft des Gottesreiches bewiesen hat, so war es auch in der Urgemeinde. Es ist nicht wahr, daß

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das Christentum Jesu sich nur um die Seelen kümmert und den Leib als ein nur äußeres Schicksal mißachte. Als Jesus durch den Geist Gottes alle dämonischen Geister vertrieb, war Gottes Reich zu den Menschen gekommen. Als ihn einer der Besten fragen ließ, ob Jesus es sei, der den Zukunftszustand der Gerechtigkeit herbeiführen werde, oder ob man auf einen Anderen warten solle, hatte er als Antwort den Hinweis auf sein Tun: In seiner Nähe wurden kranke Körper geheilt und tote Menschen lebendig. Armen wurde die Botschaft der Freude gebracht. "Kommt! Sehet!" lautete seine Aufforderung.

Hier wurde das unsichtbare Reich Gottes im Sichtbaren verwirklicht; das Wort war Gestaltung geworden: Die Liebe wurde Wirklichkeit. Jesus hatte es gezeigt, was Liebe bedeutet. Sein Wort und Leben hatte es bewiesen, daß Liebe keine Grenzen kennt. Die Liebe macht vor keiner Schranke halt. Niemals kann sie dadurch zur Ruhe gebracht werden, daß irgend welche Zustände und Verhältnisse ihre universale Betätigung als unmöglich erscheinen lassen. Für den Glauben der Liebe ist nichts unmöglich. Deshalb machte der Ruf Jesu auch nicht vor dem Eigentum halt. Als er einen an vielen Gütern reichen jungen Menschen lieb gewann, schaute er ihm ins Herz und sagte das Wort völliger Liebe: "Es fehlt dir noch eins: verkaufe alles, was du hast; gib es den Armen und komm: Geh mit mir."

Aber erst das alles umstürzende, das alles entstammende Geisteserlebnis, das der Auferstandene seiner neu zu schaffenden Gemeinde schenkte, gab seinen Freunden die Kraft, den Liebeswillen so zu verwirklichen, wie er ihn in sie hineingelegt hatte. Jetzt konnten sie Lebensgemeinschaft werden; denn nun war ihre Liebe als Einheit des heiligen Geistes

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überschwenglich geworden. Jetzt mußten sie immer bei einander sein; denn sie alte durchglühte dieselbe Liebe. Die Liebe war in ihnen zum heiligen Müssen geworden. Wie Jesus seine nächsten Freunde und Schüler, die wir seine Jünger nennen, immer in seiner Nähe haben wollte, so drängte sein Geist die ersten Christen nahe zu einander. Mit einander mußten sie das Leben Jesu leben, mit einander in völliger Gemeinschaft dasselbe tun, was er getan hatte. Weil es sich hier um letzte und innerste Notwendigkeit handelte, mußten sich in allen Fragen des Zusammenlebens jene Gestaltungsformen ergeben, die der vollendeten Liebeseinheit aufs völligste entsprechen.

Jesus hatte jeden einzelnen aufgefordert, alles zu verlassen und mit ihm zusammen zu sein, wohin er auch ginge. Als er mit dem durch seinen Ruf gesammelten Kreis von Dorf zu Dorf wanderte, mußte sich die Gemeinsamkeit ihres Lebens auf alles erstrecken, was ihm widerfuhr. Es geschah nach dem Willen des Führers, daß gemeinsame Kasse geführt wurde. Aber niemals sollte sich seine Sendung auf einen engsten Kreis beschränken. Die Gefolgschaft der Wanderschar Jesu wurde zu seiner Gesandtschaft. Die zwölf Apostel erwarteten und vertraten sein Reich der Gerechtigkeit als die nahende Bruderschaft in Gott. Die Auferstehung bestätigte die Kraft dieser Sendung. Sobald der Geist Jesu seine erste Gemeinde wie ungehemmt überflutete, mußte sich ihre erste Lebensform dem Weg Jesu und dem Auftrag seiner Gesandtschaft entsprechend gestalten. Die ersten Christen hatten schlechthin alles gemeinsam. Wer über Besitztümer verfügte, war von dem Drang erfüllt, sie auszuteilen. Keiner verfügte über etwas, was nicht der Gemeinschaft gehörte. Es war nunmehr eine größere Schar, die hier durch das ebenso

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reiche wie einheitliche Leben des heiligen Geistes auf dem Wege Jesu Christi zu einer zusammengewachsenen Einheit Gottes geworden war.

Auch diesmal konnte es keine abgeschlossene Einheit sein. Alles Lebendige wächst. Leben bringt Leben hervor. Es breitet sich aus. Die völlige Liebe bleibt niemals exklusiv. Die offene Tür und das offene Herz war ein wesentlicher Charakterzug der ersten Christen. Deshalb hatten sie Eingang bei allen und gewannen die Liebe des ganzen Volkes. Sie waren ein Licht, das für alle leuchtete, weil es alle durchglühen wollte. Der Flammengeist, der sie erfüllte, wollte sich als der Wille des Imperiums Gottes auf alles Fleisch ergießen. Der Geist des Gottesreichs will alle Völker erobern, um sie alle in Eins zusammen zu bringen. In diesem Geist war die glühend lebendige Urgemeinde ganz Herz und ganz Seele. Nur so konnten die vielen ein Herz und eine Seele sein. Das kalte Licht kühler Verstandeserkenntnis war hier nicht zu finden, sondern vielmehr der erleuchtende Geist, der das Herz durchglüht und die Seele in feurig heißer Liebe lebendig macht.

Nur so konnte das eiskalte Dasein der Vereinzelung überwunden werden. Es erstand das gemeinsame Leben der weißglühenden Liebe. In seiner Glut wird das Eigentum bis auf die Grundlage hinweggeschmolzen. Die eisigen Fundamente Jahrtausend alter Gletscher weichen der Sonne Gottes. Privatbesitz und Einzelvermögen sind nicht anders abzuschaffen als durch die strahlende Kraft des Leben schaffenden Geistes. Alles Eigentum lebt vom ertötenden Eigennutz. Wo die tötliche Selbstsucht an der Liebe stirbt, hört es auf. Anders niemals. So aber war es in der Urgemeinde. Unter dem Einfluß des Gemeinschaftsgeistes konnte niemand

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von seinen Gütern meinen, daß sie ihm gehörten. Das Eigentum war zur Unmöglichkeit geworden; denn hier herrschte der Geist der Liebe und der Einheit.

Liebe übersteht keine Not. In einer solchen Lebensgemeinschaft konnte niemand sein, der an Kleidung, Nahrung oder an irgend einem anderen Lebensgut Mangel gelitten hätte. Wer Güter und Werte für sich behalten will, muß inmitten der ihn überall umgebenden Not sein Herz abgetötet haben. Das Herz Gottes kennt keine Abgrenzung seines Wirkungskreises. In freigebiger Gastfreundschaft verschenkte sich die Gütergemeinschaft Jerusalems einer nach Tausenden zählenden Pilgerschaft. Die Kraft und Weisheit des hier ausgegossenen Geistes vermochte mit geringsten Mitteln für viele, für sehr viele zu sorgen; und bald sollte dieser gewaltige Dienst der Urgemeinde die pflichtschuldige Unterstützung ihrer apostolischen Tochtergemeinden erfahren.

Die ins Weite gehende Wirkung der ersten Gemeinde war unermeßlich. Sie erschütterte ganze Welten; sie errichtete eine völlig andere, eine ungeahnt neue Welt. Aber der liebeglühende Geist ist zarter als die harten Gebäude des rechnenden Verstandes und seines kalt organisierenden Gesellschaftsbaues, - zarter auch als die Kräfte der Seele und des Blutes, auf welche sich so manche Familien- und Volksgemeinschaft aufzubauen sucht. Weil der heilige Geist das Edelste und Göttlichste ist, so ist er dem Groben gegenüber empfindlicher als alle anderen Lebensgebilde. Frei von jeder Verbindung mit anderen Elementen, vertreibt er sie alle; -oder er entweicht, ehe sie ihn antasten können.

Unantastbar einzig ist der Geist. Er ist das subtilste Element allen Wesens. Der alles durchdringende himmlische Äther zwingt sich keinem groben Stoff der Erde auf. Was auf der

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Erde die längste Dauer hat, gehört dem Reich des Gröbsten an. Je seiner die Organe sind, um so gefährdeter ist ihr Leben. Das Reich, welches Jesus gebracht hat, ist als Sache des reinen Geistes nicht von dieser groben Welt. Ohne deren Umschmelzung kann sein Geist sie nicht berühren. Der Geist Jesu, der, in eine ihm fremd gewordene Welt hineingebrochen, alle anderen Mächte als der Stärkere überwand, ist und bleibt unantastbar rein. Er kann sein Wesen nicht verleugnen. Er geht keine Vermischung ein. Er kann und will sich durch nichts ihm Fremdes verändern lassen.

Als Macht der Liebe ohne Gewalt wirksam, lebt er als innere Stimme letzter Feinheit. Nur mit dem inneren Auge des reinen Glaubens wird er geschaut. Wo die innere Schau nicht auf ihn allein gesammelt bleibt, wo anderen Geistern neben ihm Raum gegeben wird, tritt er zurück. Er sieht lieber von ihm erfüllte Zeugen ermordet, als daß er fremde gewalttätige Geister neben sich Platz gewinnen ließe. Mag man seinen Bekennern das irdische Leben nehmen. Was tut es! Er selbst kann nicht getötet werden. Er ist unbesiegbar. Er herrscht für immer. Aber keinem Gegner drängt er seine Herrschaft auf. Es scheint, als entwiche er einer groben und gewalttätigen Welt. Seiner Gemeinde muß es ergehen wie Christus am Kreuz! Wie Jesus selbst konnte die erste Urgemeinde nur wie ein kurzes Aufleuchten ewiger Klarheit den neuen Weg erhellen.

Fast schien es, als sei mit ihrer Ausrottung zur zweimaligen Zerstörung Jerusalems die Lebensgestaltung des Pfingstgeistes für immer aus dieser Welt entwichen. Aber in der Geschichte der Jahrhunderte sieht man wie ein seltenstes Geschenk Gottes dasselbe vollkommene Gebilde desselben Geistes immer von neuem wiederkehren. In Wahrheit ist es

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niemals wieder von dieser Erde gewichen. Aber wie jeder einzelne Mensch, der von diesem Geist beseelt ist, für unsere Zeitwelt nur eine beschränkte Lebensdauer hat, so ist auch die reine Gestaltungsform der Gemeinde immer aufs neue von ihren gewalttätigen Feinden ausgetilgt worden. Einzelgemeinden wurden blutig beseitigt. Die Zeugen wurden getötet. Der Geist blieb lebendig. Wie Jesus sterben mußte, wie die Apostel ermordet wurden, so war auch der ersten Gemeinde und den ihr folgenden Reformationsgemeinden auf dieser blutdurchtränkten Erde eine scharf begrenzte Zeit bestimmt.

Aber dem Geist werden immer neue Kinder geboren. Die Lücken des Todes werden durch neu gezeugtes Leben aufgefüllt. Je mehr ermordet werden, umso mehr rücken nach. Das Märtyrerblut bleibt der Same der Kirche. Das lebendige Saatkorn bleibt das Geheimnis der Gemeinde und des Reichs. Es wäre völlig abwegig, seine Lebensform künstlich oder mit Gewalt nachgestalten zu wollen; auf solchem Wege kann nur ein totes Zerrbild entstehen, in welchem das allein Wesentliche fehlen muß: Der frei treibende Geist und sein gottgeborenes Leben! Es gilt allein das Eine, für den lebendigen Gott, für den lebendig machenden Geist Jesu Christi offen zu werden, damit Er - und nur Er - dasselbe Leben wecke und wirke, wie er es den ersten Christen gegeben hat. Dann werden immer aufs neue Lebenseinheiten entstehen, in denen die Liebe völliger Gemeinschaft alles umfaßt und alles durchdringt. Völlige Gemeinschaft ist Sache der neuen Geburt und der Auferstehung. Auch in unsere Zeit hat sie der heilige Geist Jesu Christi in der Kraft ewiger Geburt und neuer Auferstehung hineingestellt.

Es geht, um das allein Entscheidende, in welchem lebendig

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machenden Geist jener einzigartige kreis der ersten Gemeinde gelebt hat. Hier ist es allein der Geist, der die Sache bestimmt. Es geht einzig um die Erkenntnis, worin das Wesen und der Inhalt seines Wirkens besteht und wie stark und rein diese Einwirkung ist. Geist! Was ist er? Und was tut er? Das Wesen des Geistes ist Einheit. Seine Liebe wird aus jener Freude geboren, die dem Herzen Gottes entströmt. Wo man disziplinarisch angeleitet oder gar mit menschlichen Mitteln gezwungen werden muß, weicht der Liebesgeist und seine Lebenseinheit. Einheit kann nicht "gemacht" werden. Freude und Liebe können nicht erzwungen werden. Der frei lebendige Geistesdrang der Freude war es, der jene Menschen mit der Liebe beseelte, täglich und immer zusammen zu sein. In Ihm lebten sie in lichtglühender Gottesgemeinschaft. Der Geist der Freude war es, der ihre Gütergemeinschaft und Arbeitsgemeinschaft als notwendige Gestaltung göttlicher Liebeseinheit hervorbringen mußte.

Hier war kein Klassenhaß. Hier gab es keinen düsteren Grimm freudlos fordernder Gewalt. Hier fehlte jede Bitterkeit enttäuschter Anrechte. Hier war von keiner Forderung der Menschenrechte die Rede, in der ein jeder wie für andere so auch für sich selbst und für die Seinen sorgen möchte. Hier lebte der freie Trieb schenkenden Reichtums, in dem ein jeder sich selbst mit allem, was er hat und vermag, der Sache geben will. Das Geheimnis der Urgemeinde offenbart sich in der Tatsache, daß hier der Geist Jesu Christi das Herz Gottes erschlossen hat. Das tiefste Herz verschenkt sich. In der Gemeinde offenbart sich der schöpferische Geist einer sich niemals versagenden Liebe.

Hier hatte sich in dem Namen und Wesen Jesu ein glaubender kreis um das Herz Gottes gesammelt, eine Gemeinde,

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die Gottes vollkommene Liebe an ihrer völligen Einheit erkennen läßt. Hier hat sich Gott einen Organismus gebildet, der in der Liebeseinheit seines Herzens lebendig ist. Für ihn wurde dem Apostel das entscheidende Wort geschenkt: Es ist "der Leib des Christus". Es ist die zweite und neue Verleiblichung des Liebeswortes. Das Wort geht durch den lebendig machenden und vereinigenden Geist vom Herzen des Vaters aus. Christus ist das Wort. Es gewinnt von neuem Gestaltung. In völliger Gemeinschaft glaubender Menschen wird es Gemeinde.

Der heilige Geist kann sich nur als der Geist offenbaren, der er ist: als Geist der Einheit. Alle Gaben, die der Gemeinde gegeben werden, sind Gaben einigenden Geistes. Alle Glieder des einen Leibes erfüllt derselbe Geist mit einigendem Bewußtsein. Er durchströmt sie alle zusammen. So erschafft er den von ihm zur Einheit beseelten Organismus. Das Leben der glaubenden Gemeinde ist Gemeinschaft des heiligen Geistes. Als solche erweist sie sich im organischen Zusammenwirken aller ihrer Kräfte. Einigkeit im Geist ist der Charakter der mit seinen Gaben ausgerüsteten Gemeinde. Der Friede der Gemeinde ersteht im schöpferischen Zusammenwirken der mannigfachsten Kräfte einigenden Geistes. Durch die Kraft wirkenden Geistes bildet der aufbauende Friede des kommenden Reiches das vereinigende Band der Gemeinde.

Gemeinde ist nur soweit wirklich, wie ihr Aufbau der Freudennachricht des alles umfassenden Reiches entspricht. Als das eine Herz und die eine Seele hat sie für die Unantastbarkeit des Gottesfriedens zusammen zu stehen. In der Brüderlichkeit des einigenden Geistes hat sie für Gottes Gerechtigkeit einen Glaubenskampf zu führen, der als Sen-

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dung des Gottesreiches die ganze Welt erobern will. Die Gemeinde vermag bis zum Entscheidungskampf durchzuhalten; denn sie ist einig und ihre Kraft ist Gott. In einmütiger Einhelligkeit vereinigt sie alle Glieder in gleicher Liebe zu gleichem Auftrag.

In der Vollmacht des heiligen Geistes ist die Gemeinschaft der ganzen Gemeinde eines Sinnes. Für die ganze Gotteswelt steht sie in geschloffener Glaubenserwartung zusammen. Ihre ungefärbte Liebe eines allumfassenden Glaubens will von letzter Einheit aus alle Dinge in Gottes Dienst stellen. Alle Völker der ganzen Erde will sie für das Gottesreich aufrufen. Wo der Glaubensmut Gottes ersteht, wo die Gemeinschaft der Christussendung lebt, erweist sich die Liebe des Gottesgeistes als eine Kraft, die alle Dinge der Herrschaft Gottes unterwirft.

In der Kraft des heiligen Geistes bewirkt die Freude am Reich Gottes eine Gewißheit, die universal und absolut auftreten muß. Sie schreckt vor keiner noch so allgemein anerkannten Eigengesetzlichkeit zurück; denn es gilt Gottes Gerechtigkeit zur alleinigen Geltung zu bringen! Als Liebe des aufbauenden Gottesfriedens letzter Gerechtigkeit ist die glaubende Freude Frucht des Geistes. Was aus dem heiligen Geist erwächst, kann als Gotteskraft keine Grenzen kennen. Der Geist mutiger Siegesgewißheit erfüllt die ganze Gemeinde mit Angriffsgeist. Mit jubelnder Freude im heiligen Geist nimmt sie das menschenunmögliche Wort der Allmacht auf. Sie weiß, daß es alles umfaßt und an alle ergeht. Die glaubende Gemeinde trägt eine überschwengliche Zukunftsgewißheit, die alles trifft und für alle gilt.

Mit dem Mut des heiligen Geistes ausgerüstet, wagt sie den Geistesangriff auf alle Gewalten, die ihrer Liebe entgegen

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stehen. Alle Widerstände der Gegenwart sind ihr gering. Der Geist, der sie führt und unterrichtet, ist äußerste Ermutigung. Er rust zur Sache auf, zu einer Sache, die über alles geht! Er ist Sachverwalter und Anwalt. Überall tritt er für die Gemeinde als für die berufene Vertreterin seiner Sache ein. Er führt ihre Kämpfe. Er spricht ihr die Worte zu, die sie zu sagen hat. Er flößt ihr den Mut ein, seinen Auftrag vor gefährlichsten Stellen mit Festigkeit zu vertreten. Die Glieder der Gemeinde werden seine Organe; denn er ergießt die Liebe Gottes in ihr Herz. In Wort und Werk verwendet er sie als Werkzeug seines innersten Willens.

Besonders für die Gefahren der Verfolgung erhält die Gemeinde die königliche Zusage, daß der Geist des allbeherrschenden Vaters seine Söhne und Töchter begleiten wird, um durch sie mit seinen Feinden zu reden. In jedem entscheidenden Augenblick unterrichtet er sie. Unter seiner Leitung beherrschen sie die Situation bis zur letzten Stunde. Er gibt ihnen ein, was sie zu tun und zu erleiden, was sie zu sagen und zu verantworten haben. In inbrünstigem Verlangen nach der letzten Offenbarung werden sie voll heiligen Geistes. Angesichts des Todes verkündigen und vertreten sie die ewige Wahrheit, wie der Geist sie ihnen auszusprechen gibt. Der heilige Geist regt sie an; er bewegt und treibt sie. So bezeugen sie bis zum letzten Atemzug Jesus, daß er der Messiaskönig des längst versprochenen Reiches ist.

Alles, was die Propheten vom Gottesreich bezeugt haben, wird durch den vom Himmel gesandten Geist von der duldmutigen Gemeinde aus an alle Menschen herangebracht. Wie jene als heilige Menschen Gottes in allem ihrem Tun so gewirkt hatten, wie der heilige Geist sie getrieben hat, so wird jetzt der Befehl und Auftrag des Reiches den Ausgesandten

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der Gemeinde anvertraut. Der Geist selbst spricht in den Aposteln, wie er in den Propheten geredet hatte. Wenn sie sprechen, sagen sie sein Wort. Der apostolische Geist ist der prophetische Geist. Sein Wort ist sein Reich. In der apostolischen Sendung geht es um die prophetische Gesandtschaft des Gotteskönigs, die das zukünftige Reich in der Jetztzeit zu allen Menschen bringt. Als Prophetie umfaßt das Apostolat der Gemeinde die ganze Wahrheit Jesu und seiner Zukunft vom größten Ausblick bis zur kleinsten Erfüllung.

In dieser Sendung bestimmt der heilige Geist Wort und Weg der Ausgesandten bis ins Einzelne hinein. Der in ihnen redende Geist weist sie an, wen sie anzusprechen haben, welches Land sie aufzusuchen und welches sie zu meiden haben. Der Geist der apostolischen Prophetie ist ein Geist der Führung, weil er der Geist der Sendung ist. Seine Leitung gibt letzte Sicherheit. Unter seiner Führung gibt es keine Furcht, wohin er auch weisen mag. - Oft führt er mitten in das Totenfeld hinein, das den Untergang der Menschheit auf das Schauerlichste offenbart; zu entscheidenden Stunden seiner Geschichte führt er in letzte Gefahren der Wüste, in denen man vom Teufel versucht wird. - Überall aber erweist er die triumphierende Wirklichkeit der Auferstehung als Sieg über die Versuchung der Hölle.

Mit diesem Geist zu tun zu haben ist ernster als der Tod, gewaltiger als das Herannahen der Übermacht aller Heere Gottes. Er überfällt die Menschen wie der Blitz. Über schwache Menschen gerät er als der Starke. Wer ihn empfängt, wird umgeworfen. Als ein anderer Mann wird er auf neue Füße gestellt. Der Starke bleibt über ihm und wohnt in ihm. Der schwache Leib wird zur Behausung des starken Geistes; denn die Gemeinde ist als der Leib Christi der Tempel des heili-

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gen Geistes und alle, die ihren Geist empfangen, gehören zu ihr. Alle Glaubenden sind lebendige Glieder der Gemeinde; als solche sind sie alle vom Geist ihres Leibes durchdrungen. Der Geist erfüllt den ganzen Leib. Wie Gideon ist die Gemeinde an ihrem ganzen Körper mit Geist gepanzert.

Vom ersten Ursprung an erfüllt der heilige Geist alles, was zur Gemeinde gehört oder was ihr auch nur den Weg bereiten soll. Wie der letzte Prophet der alten Zeit, der dem kommenden Christus vorausgehen sollte, noch im Mutterleibe mit heiligem Geist erfüllt wurde, wie Vater und Mutter für ihn voll des heiligen Geistes wurden, - wie Maria vor dem Beginn des Lebens Jesu den Geist empfing -, so war die apostolische Gemeinde, die Jesus Christus gefolgt ist, vom Anfang ihres Weges an voll des heiligen Geistes. "Als sie gebetet hatten, bewegte sich die Stätte, wo sie versammelt waren und wurden alle des heiligen Geistes voll und redeten das Wort Gottes mit freudigem Mut."

Wer in den Bezirk dieser Gemeinde kam, empfing den heiligen Geist. Wie die Wortführer mußten auch die "Diener der Notdurft", die in dieser Liebesgemeinschaft die wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit verwalten sollten, voll heiligen Geistes sein. Als Sache der Gemeinde mußte ihre Arbeit mit seiner göttlichen Weisheit erfüllt sein, wie es von Stephanus als dem Anfänger dieses Dienstes bezeugt wird, daß er bis zum letzten Augenblick seines Martyriums ein Mann voll heiligen Geistes war. Was von ihm gilt, galt für alle. Wie alle anderen dienenden Kräfte der Gemeinde wurde auch der Spätling unter den Aposteln mit dem heiligen Geist erfüllt, sobal- ihm die Blindheit genommen war, mit der ihn der Blitz des Geistes getroffen hatte.

Gott gibt seinen starken Geist der ganzen Gemeinde. Er er-

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füllt sie ganz. In ihrer Ganzheit läßt er das volle Bild Jesu Christi aufleuchten. In allen Gebieten ihres Lebens durchdringt er sie mit der Überzeugung, was Sünde, was Gerechtigkeit und Gericht ist, was Glaube und Liebe ist, was das Werk ist, das allein Christus vollbracht hat, und wie es nur durch ihn vollendet werden kann. Alle Glieder der Gemeinde will der Geist Jesu Christi treffen und überführen. Sie alle will er lehren, erziehen und unterweisen.

Der Geist aller Glaubenden ist es, den Gott einem jeden verleiht, der mit seiner Gemeinde einig ist. Aus ihnen allen will er Menschen des Glaubens machen, deren gemeinsame Taten die Gerechtigkeit Jesu verwirklichen. Gott ist es, den die ganze Gemeinde ruft. Gottes Taten geschehen, so oft die Einheit der Glaubenden sie herbeigerufen hat. Der Handelnde ist Gott. Er ist es, der alles tut, was zur Sache Christi gehört. Er tut es auf den Ruf der Gemeinde. Er tut es Kraft des apostolischen Evangeliums Jesu Christi durch den heiligen Geist.

Die Tateinheit der Gemeinde ist die Glaubensgemeinschaft mit dem Vater Jesu Christi. Sie ruht auf der Lehre der Apostel als auf ihrem Geist, Wort und Leben. Sie lebt im Gebet zu Gott im Namen Jesu Christi. Ohne den apostolischen Geist kann kein Christ Gott nahen. Ohne die Lehre und Gemeinschaft apostolischen Geistes gibt es kein christliches Gebet. Nur in der Vollmacht des Apostelgeistes kann Gott herbeigerufen werden: Gott soll eingreifen. Seine Einheit soll aufleuchten. Sein Reich soll heranrücken. Sein Wille soll durchgreifen. Sein Wesen soll offenbar werden. Seine Vergebung soll in Kraft treten. Seine Allmacht soll die Gewalt des Bösen brechen. Er soll Brot und Leben geben. Er soll die Stunde der Versuchung besiegen, so oft sie über den Erd-

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kreis kommt. Gott ist es, der das alles will und vollbringt. Es aber herbeizurufen vermag allein der apostolische Geist Jesu Christi, der der Geist Gottes ist.

Wenn unsere menschliche Schwachheit keinen Rat weiß, wie wir uns gegen Gott und seine Allgewalt zu stellen haben, wenn wir nicht sehen, wie unser Flehen vor Christus und seiner Herrschaft gelten soll, so ist es allein der Geist, der unserer Schwachheit aushilft. Wir wissen es von uns aus nicht, was wir bitten sollen. Unsere Art entspricht durchaus nicht dem, was sich vor Gott gebührt; aber der Geist selbst vertritt die Glaubenden aufs mächtigste; er tut es mit aufsteigenden Rufen, die wir nicht auszusprechen vermögen; der Eine, der die Herzen erforscht, weiß, was der Sinn ist, den der Geist verfolgt: Der Geist will, was Gott will. Er tut, was Gott tut. Er ist eins mit Gott. Er weiht die Unheiligen. Er vertritt sie als Heilige nach dem, was Gott gefällt.

Nur durch diesen einen Geist will Gott geehrt werden. In schweigender Sammlung wartet die Gemeinde auf sein Anregen; man muß auf ihn hören können, wenn man von ihm lernen will. Die Lauschenden sind es, die er lehren will. Ihnen gebietet er. Sie will er bewegen Gott so zu rufen, daß der Hörende zum Redenden und der Redende zum Hörenden wird. So werden Glaubende bei Gott angenommen; weil Gott sie hört, werden sie seinen Geist und dessen Sache haben, - wie sie es von ihm erbeten haben. Nur so gibt es ein Sprechen mit Gott. Alles andere vermeintliche Gebet ist Gott ein Greuel. Wer sein Ohr abwendet, daß er Gottes Stimme nicht hören kann, dessen Gebet verwirft Gott. Wer andere Absichten mit Gottes Ziel vermengen will, verfehlt Gott. Wer abgelenkt ist, verliert den Weg. Wer zwiespältig ist, bleibt Gott fern. Wer mit doppelter Seele vor Gott

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treten will, wird von ihm nichts erlangen, was zu Christus gehört.

Der heilige Geist ist ein Geist der Ehrfurcht. Heiligste Dinge wie die Anrufung Gottes im Namen Jesu Christi dürfen nur dann gewagt werden, wenn sie unter völligem Verstummen allen menschlichen Wollens durch Anregung des einen Geistes geschehen, der allein heilig ist. Christen bleiben Menschen und werden keine Götter. Eigene und fremde Geister hören nicht auf, ihr neues Leben zu bedrängen und zu belasten. Deshalb bedürfen sie stets aufs neue des unveränderlichen Geistes. Täglich müssen sie darum bitten, daß Er ihre Herzen von neuem bewege und erfülle. Gott hört sie. Es ist gewiß: Gott schenkt seinen heiligen Geist allen denen, die ihn in der hingegebenen Ehrfurcht wartenden Glaubens herbeirufen.

Gott gibt den Geist ganz. Nicht nach Maß oder Gewicht kann Gott seine höchste Gabe zumessen. Sie ist keine teilbare Essenz. Sie ist der lebendige Gott selbst, wie es der Vater und der Sohn ist. Die drei sind eines. Sie sind Gott. In ganzer Fülle gibt sich der Unteilbare allen denen, die bereit sind ihm zu gehorchen. Wo er handeln kann, wie er will, gibt er sich ganz; wo er der Wirkende ist, bleibt und ist er, der er war und der er sein wird. Er zerteilt sich nicht. Er widerspricht sich niemals. Er sagt allen Glaubenden dasselbe; sie alle will er in die volle Wahrheit leiten; nichts will er ihnen vorenthalten; keine Teilwahrheiten will er ihnen geben. Er ist die ganze Wahrheit Gottes, wie sie der Vater in Christus für immer erschlossen hat.

Durch die Macht seines Geistes will Gott jedes Wort wahrmachen, das Jesus ausgesprochen hat. Durch ihn will er alle Taten Christi von neuem vollbringen. Durch die Ge-

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meinde seines Geistes will Gott das vollkommene Werk Jesu Christi abermals vollenden. Er legt die Fülle des Geistes auf die ganze Gemeinde Jesu Christi; mit ihr will er unter den Menschen seine Geschichte machen: Die Geschichte seines Herzens als die Geschichte Jesu Christi. Die Geschichte der Gemeinde ist die Geschichte Gottes. Die Endgeschichte seines Reiches ist in der Gemeinde Gegenwart. Wer die Vertreter der Gemeinde verachtet, verachtet nicht Menschen, sondern Gott; der Sachwalter Gottes ist als Stellvertreter Jesu Christi der Anwalt der Gemeinde. Gott hat der Gemeinde in seinem Geist die Vertretung seiner heiligen Sache anvertraut.

Der Geist ist das Merkmal der Gemeinde. In ihm wird es klar, daß sie zum Reich Gottes gehört. Am heiligen Geist erkennt sie es, daß sie in Christus bleibt. Daß Gott als der Geist seines Reiches in der Gemeinde Jesu Christi ist, bleibt eine aufs deutlichste erkennbare Tatsache. Der unsichtbare Geist ist unverkennbar. Er ist der Geist des Vaters! Das väterliche Herz der völligen Liebe ist in ihm gegenwärtige Wirklichkeit. Er ist der Geist des Sohnes! Das eindeutige Wort und Wesen Jesu Christi, das vollkommene Werk seines Opfers und seiner Zukunft ist in ihm offenbar.

Er ist der Geist des Rates und der Weisheit. An dem Leben Jesu tut er für alle Umstände und für alle Geschehnisse den Willen Gottes kund. Außerhalb seiner Sphäre wird Gott und seine Weisheit, wird Jesus und sein Rat niemals Wirklichkeit. Am Leben und Werk wird es deutlich: Man kennt ohne den Geist des neuen Wirkens weder den Vater noch den Sohn, wie viel man auch in menschlich erlernter Weisheit von allen höchsten Dingen reden und schreiben mag.

Das Werk des Geistes ehrt niemanden als allein Gott: alles

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was er tut, hebt die Größe Gottes von der Kleinheit der Menschen ab. Überall beweist es der Geist: Gottes Reich ist anders als unsere Welt. Gottes Herz ist größer als unser Herz. Gottes Geist ist ein durchaus anderer als der Menschengeist. - Die göttliche Kraft des heiligen Geistes erkennt man am Gegensatz zur menschlichen Schwäche. Wie Wasser auf verdorrtes Land, wird der Geist über unwissende und kraftlose Menschen ausgegossen. Aber niedrigste und geknechtetste Kreaturen ergießt sich der ganz andere Geist der freien Höhe Gottes.

Als Gabe unverdienter Schenkung, als Gnade unvermittelten Herniederkommens, als gegebene Tatsache unmittelbarer Einströmung offenbart der Geist die Sache Gottes. Der Geist Gottes ist die Gnade Jesu Christi. Wer es auch sei, der ihn empfängt, niemals hat er etwas aufzuweisen, das in ihm als Anlaß oder als Ursache, als Anrecht oder als Berechtigung gedeutet werden könnte, auf Grund dessen ihm der Geist zugehören müßte. Der Geist der Höhe kommt ohne allen Verdienst und ohne alle Würdigkeit zu begnadigten Menschen der Niedrigkeit.

Der Geist Gottes erwächst niemals aus dem Zeitgeist der Menschen. Er erweist in allen Verirrungen menschlicher Gegenwart seinen Gottescharakter als den einer letzten Zukunft. Gottes Geist entwickelt sich niemals aus den Werken der Menschen. Er kommt aus der anderen Welt. Der Menschenwelt entstammt er nicht. Wie eine Himmelstaube kommt er von oben zu solchen, die unten sind. Er ist der Geist eines Reiches, das in den Himmeln Gottes herrscht. Allein von dort her kommt er auf die Erde. Als Geist der prophetischen Rede richtet er den Blick aus das Letzte, das am Ende aller menschlichen Tage von Gott aus geschehen soll.

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Im letzten Hinweis auf den zukünftig hereinbrechenden Weltfrieden ist er im Gegensatz zu jedem Zeitgeist menschlicher Epochen für immer der unzeitgemäße Geist. Seine Erkenntnis eilt aller Zeitgeschichte voraus. Er gehört keinem irdischen Reich an. Jeder Staat und jedes Volk empfindet ihn als fremd. Er ist der überall andersartige Geist. Er offenbart eine Gottesgerechtigkeit, die allein aus der Ferne erwartet werden kann. Seine Herrschaft kommt aus einer Welt, die außerhalb unserer Räume gelegen ist. In menschlicher Erwägung ist seine Wahrheit nicht zu fassen. Von dem jenseitigen Zukunftslicht Gottes aus bewirkt er eine Einsicht, die alle zeitliche Wissenschaft wie alle räumliche Erfahrung unendlich übersteigt.

Der Geist des Schöpfers ist es, den Jesus gebracht hat. Nur der Geist, der selber die Schöpfung aller Dinge bewirkte, vermag sie zu fassen. Nur er erforscht alle Dinge. Allem Geschehen und Werden der Schöpfung bleibt allein der Eine übergeordnet, der diese Schöpfung schuf und noch heute erwirkt. Nur der schöpferische Geist offenbart die allein wirkliche Kraft, die unendlich und ewig ist. Er allein kennt die Tiefen der Gottheit. Denn er allein ist das lebendige Band, das die erste Schöpfung mit der neuen Zukunft letzter Schöpfung verbindet. Als Glauben an Gott verleiht er schwächsten Geschöpfen jenseitigste Kraft und letzte Klarheit. Aus ihr heraus vermag der schwache Mensch angesichts einer tötlich feindseligen Gegenwart inmitten hemmend enger Räume so zu glauben und zu leben, wie es dem Reich der Himmel und dessen heiliger Zukunft entspricht.

Wer den Geist der neuen Schöpfung aufnimmt, wie sie das Ende aller Schöpfungstage herbeiführt, empfängt die ewigen Kräfte des Einen Gottes, der in demselben Geist die erste

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Schöpfung gestaltet hat. Als Geist der Stärke lebt die Gotteszukunft Kraft ihrer alles verändernden Enderwartung in der Gegenwart einer alternden Schöpfung. Schon hat in ihr der neue Anbruch begonnen: Mle sollen es sehen: Eine neue Schöpfung ersteht! Ihr Evangelium gilt aller Kreatur! Das Stöhnen der alten Schöpfung trifft auf die Söhne der neuen Welt!

Die Kraft des Himmels wirkt als Vollmacht des heiligen Geistes in einer Gemeinde, die einer neuen Schöpfung angehört. In ihr lebt sie als lebendige Verheißung des kommenden Sonnentages auf einer erkaltenden Erde. Durch den Geist erstarkt die ewigkeitsschwangere und zukunfterfüllte Gemeinde inmitten einer alten Welt für Gott und sein neues Reich. Die Gemeinde empfängt den schöpferischen Reichtum ewiger und unendlicher Majestät als einen ersten Lichtstrahl der letzten Zukunft. Von dem alles erneuernden herrschaftsthrone Gottes ausgehend, erfüllt der Lichtherrscher die Gemeinde des ewigen Geistes.

Von Gottes Thron senkt sich der heilige Geist zu einer kleinen und schwachen Schar herab, die im wartenden Glauben auf ihn hin gesammelt ist. Der Glaube an den heiligen Geist ist Glaube an die Lichtgemeinde, die um Gottes allmächtigen Thron versammelt ist. Hier ist das Alte vergangen. Alle Kreatur kann die neue Schöpfung erblicken! Der Geist offenbart die Ewigkeit der Gemeinde. Wer an den heiligen Geist glaubt, hat Glauben an die eine christliche Kirche des Himmelreichs, die einig und allen Glaubenden gemeinsam ist, den Glauben an die Kirche Gottes, die als Gemeinschaft der Heiligen die Vergebung der Sünden verwaltet und die Auferstehung des Fleisches trägt. Der Glaube an die Gemeinde lebt im Reich der Ewigkeit.

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Sünde und Tod der alten Kreatur müssen weichen. Neues Leben ersteht. Die Gemeinde des Geistes bedeutet die Geburt der neuen Schöpfung. Der heilige Geist und die ewiges Leben gebärende Mutterkirche sind eines. Von der Stadtgemeinde des oberen Jerusalem kommen Geist und Gemeinde als Eines herab. Dieses Eine ist das Neue des herannahenden Schöpfungstages. Der Geist der Gemeinde trägt das Evangelium aller Kreatur. In neuer Geburt läßt er seine Kinder das Licht jener Welt erblicken, welche die neue Welt Gottes ist.

Die Kirche, die in den Himmeln ist, bleibt der Ursprung allen Glaubens. Wie Maria, die Jungfrau, ist sie durch den heiligen Geist für immer die Mutter. Ohne sie gibt es keine Kinder. Nicht diese oder jene Versammlung von Zeitgenossen bringt aus ihrer Zusammensetzung Leben hervor. Soweit diese Leben haben, entstammt es einer höheren Einheit, in welche sie durch die Geistesgeburt neu eingefügt werden mußten. Gemeinde ersteht nur dort, wo der heilige Geist die völlige Übereinstimmung des Glaubens und Lebens mit der glorifizierten Schar aller Märtyrer und Zeugen, mit der apostolischen Mutterkirche aller Jahrhunderte bewirkt hat.

Von oben her wird die Gemeinde gebaut. Als Einheit der Geistgemeinde des Gottesthrones bringt sie der heilige Geist auf die Erde herab. Anders kann kein Gemeindeleben erstehen, Anders kann der Gemeindebau niemals und nirgends aufgerichtet werden. Die Einstimmigkeit der glaubenden Gemeinde besteht in der vollkommenen Einheit ihrer jetzt und hier lebenden Glieder mit der wahrhaft einen uneinigen Kirche aller Zeiten. Die Einheit lebt im heiligen Geist. In ihm wird die obere Welt Gottes mit der irdischen

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Gemeinde ein und dasselbe. Der Geist ist das Geheimnis der Stadt aus dem Berge. Abseits von dem einen mit der Oberstadt vereinigenden Wege des Geistes gibt es keine Unterstadt. Draußen ist keine Kirche. Die Stadt-Gemeinde Gottes lebt nur in der Höhenluft ihres ewigen Berges. Ihr Bürgertum und seine Politik liegt im Himmel. Von dort her erwartet sie alles. Von dort aus wird sie regiert.

Durch den Geist der Gottesstadt geht der Gottesdienst an. Nur in der einen Stadt des Geistes gibt es Gottesdienst. In Christus beginnt die Anbetung im Geist und in der Wahrheit. Alle andere Gottesverehrung hat aufgehört. Die Stätten verfallen. Die Türme sind niedergelegt. Die steinernen Gotteshäuser sind abgetan. Der Geist ist da. Gott kennt keine Kirchen, es gibt keine Gemeinden, es bestehen keine christlichen Gemeinschaften ohne allein die Eine, die der heilige Geist von oben her anrichtet, von Gott aus sammelt, vom Himmel her leitet, von der Zukunft aus unterweist. Wer sich der Luft des herabwehenden Geistes aussetzt, ergibt sich der einen und einzigen Gemeinde Jesu Christi; nur in ihr, nur von ihr aus hat der heilige Geist sein Werk.

Die Kirche Christi ist ein Haus des heiligen Geistes, das, - als von Gott gebaut -, keinen Glockenturm und keinerlei menschlich hohe Baukunst kennt. In allen Menschenhäusern religiöser Verehrung werden die Geister gemischt. Im Hause Gottes sind niemals viele Geister. Dort kennt man nur den Einen. Niemand kann in diesem Hause sein, der nicht den Einen Geist in sich aufnimmt, der das ganze Haus erfüllt. Gott selbst hat sich diese Kirche errichtet. Als einfachstes Gebäude Gottes ohne Menschentürme steht sie da. Wie das Wasser der Berge sucht der Geist der Höhe den niedrigsten Platz. Er strebt nach unten. Seine Kirche trägt den niedrigen

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und kindlichen Geist, der allein Gottes ist. Sie ist bei Maria im Stall. Sie ersteht bei Christus am Galgen. Sie geht den Weg der apostolischen Armut. Mit dem einen Sinn und dem einen Herzen ehrt sie niemanden als Gott in Christus Jesus.

Durch den einigen Einen Geist beweisen alle Glieder dieser Kirche, daß sie Christi Schüler sind. In vollkommener Einheit ihres Sinnes und ihrer Meinung beweisen sie die unverfälschte Gesinnung Jesu Christi. Wie er sich aller Hoheit entkleidete und alles Vorrecht niederlegte, tut es auch die Gemeinde. Wie er nichts festhalten wollte, was ihm wie ein privates Vorrecht zugehören könnte, so auch die Gemeinde. Wie ihm alles als Raub erschien, was er ohne die Geliebten seines Herzens besäße, so gilt es auch der Gemeinde. Wie er den niedrigsten Platz des gehängten Sklaven einnahm, so tut es seine Gemeinde. Alle ihre Glieder verleugnen sich, wie er sich verleugnet hat. Sie tragen sein Kreuz. Sie sind seine Freunde; denn sie tun, was er gebietet.

Zur Nachfolge hat sie sein Geist aufgerufen. Der Weg Jesu ist es, auf dem er sie hält und bewahrt. Die Einheit mit dem Leben Jesu ist es, in der sie sein Geist in den Kampf führt. Alles, was unter ihnen geschieht und getan wird, ordnet der Geist Jesu Christi unter dem Machtwort seiner absoluten Regierung. Auf dem Wege Jesu gebietet kein Mensch, sondern allein der heilige Geist. Er regiert durch die Macht der Christusliebe und ihres Opfers. Hier lebt die Einheit in der Todesbereitschaft letzter Freiheit. Hier ersteht das Wunder einer Liebesdiktatur, die als Anregung und Leitung des Geistes letzte Freiwilligkeit ist, der tiefste Wille einer alles opfernden Freiheit.

Es gibt keine andere Kirche Jesu Christi als allein die eine,

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die in völliger Freiheit von jeder Menschenherrschaft durch den Geist des Christusopfers gebaut und verwaltet wird. Als das eine und einzige Fundament der Wahrheit bleibt sie im heiligen Geist die eine und einige Seele der Kreuzesbereitschaft. Die Wahrheit Gottes ist es, die sich in ihr als vollkommene Geistesliebe beweist. Der heilige Geist bestätigt, befestigt und reinigt ihr vollkommenes Gotteswerk als das am Kreuz vollendete Werk der Liebe Jesu Christi. Wer dieses an der Gemeinde von neuem geschehende Werk in aktivster Gelassenheit duldet und erleidet, wer bereit ist für die Sache Gottes sein Leben zu lassen, wie Jesus es gelassen hat, ist und bleibt ein Glied seines Leibes. Wer aber den Duldmut zur Aufnahme eines solchen Werkes nicht findet, gehört nicht in die Kirche Jesu Christi.

Nur durch den Geist des Gekreuzigten kann die Gemeinüe des Todesmutes gesammelt und gehalten werden. Er ist ihre Lebensfreude; er ist ihre Todesbegeistung. Er ist es, dessen Feuerglut zum letzten Opfer entzündet. Alle Glieder der Gemeinde stehen zum feurigen Opfer bereit. In besonderer Weise müssen jene ihre Beauftragten mit äußerstem Opfergeist angetan sein, denen die Todesbereitschaft der überaus gefährlichen Aussendung auferlegt wird: Das Schwert des Geistes müssen sie tragen. Die Teufel haben sie zu vertreiben. Den Bruch mit allem Bestehenden sollen sie künden. Das siegende Licht Gottes haben sie zu verbreiten. Das scharfe Salz der Wahrheit müssen sie ausstreuen. Zur Buße und zum Glauben sollen sie ausrufen. Die Gesandtschaft der Bergstadt haben sie zu vertreten. Das Ebenbild Gottes müssen sie offenbaren. Die Gemeinschaft des Kreuzes ist ihr Kennzeichen.

Das gute Werk des heiligen Geistes soll an ihnen so zu

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erkennen sein, daß man für alles, was sie bezeugen und tun, niemanden als allein Gott zu ehren vermag. Diese Wirkung kann kein Mensch hervorbringen. Niemals anders kann es zu dieser Sendung kommen, als durch die Kraft und Wirkung des Geistes, der nicht von Menschen, sondern von Gott ist. Christus gebot seinen Jüngern, daß sie nicht von ihrem Platz weichen dürsten, bis sie mit der Kraft aus der Hohe angetan wären. Ohne die vorhergegangene Gabe des heiligen Geistes dursten sie das Werk der Sammlung nicht aufnehmen; ohne den Geist konnte die Sendung Jesu Christi niemals ausgerichtet werden. Auf ihn sollte man warten. Ohne seine Empfängnis konnten die Jünger niemals zu Aposteln werden. Ohne den Christus, der der Geist ist, kann man nichts tun, was apostolische Tat wäre.

Ohne den heiligen Geist kann vor Gott kein Werk bestehen. Der Dienst der apostolischen Sendung ist das heiligste aller Werke. Er darf niemals im Eigenwahn, nirgends nach menschlichem Dünkel in Angriff genommen werden. Die Aussendung der Wahrheit kann einzig und allein nach Angabe und Anweisung des Geistes angetreten werden. Das Wort der Sendung darf nicht anders gewagt werden als allein durch den Geist, mit welchem Jesus Christus erfüllt wurde, ehe er vom Vater gesandt ward. Wieviel mehr will er, daß seine Boten niemals anders als in der Kraft desselben Geistes zur Sendung schreiten! Wie sollten sie tun können, was Er tat, wie sollten sie sein Wort mit Vollmacht vertreten, wenn ihnen der Geist fehlte, mit dem ihr Meister ausgesandt wurde! Wie sollten sie jemals mit Christus sammeln können, wenn sie nicht den Geist seiner Gotteseinheit empfangen hätten!

Jesus ist die Sammlung! Er sagt es deutlich: "Wer nicht

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mit mir sammelt, der zerstreut." In mütterlichem Schutz will er die Söhne seines Volkes in den Armen seines Geistes zusammenbringen. Seine Gemeinde gleicht wie er selber der Geflügelmutter, die ihre Kinder unter ihren Fittichen vereinigen muß. Jesus wollte sammeln. Wer dieses Eine mit ihm tun will, muß seiner Art, seines Sinnes und seines Geistes sein. Der Wille und Auftrag Jesu Christi ist und bleibt das Sammeln und Vereinigen. Gerade das aber ist nicht anders möglich als einzig und allein durch den heiligen Geist.

Der Auftrag zur Einheit kann nur im Geist gefaßt werden. Allein der Geist Christi kann uneinige Menschen der einigen Gemeinde zuführen. Kein Mensch kann es. Niemand darf es. Im Geist muß es begonnen werden. Im Geist soll es vollführt werden. Kein Arm des Fleisches empfängt diese Vollmacht. Allein der Geist der oberen Stadt kann Gemeinde zusammenbringen. Nur er hält zusammen. Keine Menschenkraft vermag es. Niemand darf es versuchen. Wo der Geist baut, wird keine andere Kraft zugelassen. Sein Bau ersteht unter seiner ausschließlichen Arbeit. Allein unter seiner Aufsicht wird er vollendet. "Menschenwachen kann nichts nützen; Gott muß wachen, Gott muß schützen!" Er tut es durch den Geist. Allein unter seinem Schutz hat sein Haus Bestand.

Jeder Bau beginnt mit Aufräumungsarbeiten. Der Platz muß leer sein, auf dem das Haus erstehen soll. Ohne die Schachtarbeit der Aushebung kann kein Fundament gelegt werden. Nur wenn alles weggeräumt ist, geht man an den Aufbau. Jedes Haus muß vor unterwühlenden Wassern geschützt sein. Seine Belastung muß geprüft werden. Feuersicherungen sind erforderlich. In gefährlichen Zeiten und bei bedrohlicher Umgebung bedarf es der Wacht. Die Nacht-

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wache schützt vor Feuersgefahr und Einbruch. Der gute Geist hält die bösen Geister fern. Das Haus will bewacht sein. Der Wächter umschreitet es. Er läßt nichts aufkommen, was das Haus gefährden könnte.

Das Haus der Gemeinde wird durch den wachsamsten Geist geschützt. Der beste Schutz, den es geben kann, ist die Beseitigung aller bedrohlichen Gewalten. Nur der heilige Geist kann hinwegräumen, was die Gemeinde unterwühlen, erdrücken und zerstören will. Alle schlechten Geister treibt er hinaus. Aber Belastungen alter und neuer Vergangenheit bedrohen die Gegenwart aller Glaubenden. Längst bekämpfte Mächte melden alte Ansprüche an. Neue Wirkungen mahnen an älteste Ursachen!

Wie könnte die zerstörende Gewalt der Gegenwart ausgeschaltet werden, wenn ihr nicht der Einsatzpunkt ihrer bisherigen Entfaltung genommen würde? Die Gegenwart ist in der Vergangenheit verwurzelt. Das Jetzige kann nur zugleich mit dem Vorherigen bewältigt werden. Es gibt kein Beseitigen des Bösen ohne die Vergebung der Sünde. Das neue Leben kann nicht beginnen, wenn nicht das alte abgetan wird. Der Gelähmte kann nicht anders geheilt werden, als wenn die Ursache seiner Erkrankung behoben wird.

Christus und seine Sendung zerstört die Werke des Teufels. Er nimmt ihnen die Grundlage. Mit der Macht seines befreienden Geistes empfängt die Gemeinde die Kraft und Vollmacht der Sündenvergebung. Jesus selbst hat sie ihr verliehen: Nehmet hin den heiligen Geist! Wem ihr vergebt, dem ist vergeben. Wem ihr nicht vergebt, dem wird nicht vergeben. Wem ihr die Sünde auf der Erde entfernt, dem soll sie im Himmel fern bleiben; auf wem ihr sie aber hier auf der Erde unverändert liegen laßt, auf dem soll sie auch

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im Himmel lasten bleiben. Sie wird ihn als beherrschende Macht in ihrer Gewalt behalten.

Was in der Gemeinde des Geistes geschieht, gilt im Reich der Himmel. Was in ihr unterbleibt, unterbleibt bei Gott. Ohne Vergebung der Sünde kommt niemand in das Reich Gottes. Ohne das Sakrament der Vergebung gibt es nirgends Gemeinschaft. Ohne stets erneute Bereinigung ist sie weder untereinander noch mit Gott möglich. Gemeinde muß rein sein. Sonst ist sie nicht, was sie bekennen soll. Es gibt keine andere Gemeinschaft als die des fleckenlosen Geistes. Nur sie ist Gemeinde. In der Vollmacht der Vergebung steht der Geist Jesu Christi zur Gemeinde Gottes als zu seiner neuen Schöpfung, Als Denkmal Gottes reinigt er sie von jeder Verunehrung alles dessen, was sie darzustellen hat.

Die Gemeinde ist das Ehrenmal des Christuslebens. Sie ist das Denkmal des innersten Wesens Gottes. Der Geist der Weihe bekennt sich zu ihr als zu dem Bildnis Gottes. In letzter Bevollmächtigung bestätigt er sie als Felsen der Wahrheit. Kraft des Fundaments der Apostel und Propheten beauftragt er sie mit allem, was zu ihrem Aufbau gehört. Auf der Grundlage der Wahrheit gebietet er ihr alles auszuscheiden und zu meiden, was von einem geweihten Gebäude fernzuhalten ist. Der Bau der Gemeinde wird sicher geführt. Er trägt das reine Bild Gottes. Er hat Grund. Er ist als Felsenbau der Wahrheit auf dem fest gefügten Eckstein Jesus Christus errichtet.

Am Ende der frühchristlichen Zeit sah der römische Prophet Hermas dieses lebendige Denkmal in einer Vision, die er in seinem neunten Gleichnis niedergelegt hat: In der Gestalt der Gemeinde zeigte ihm der heilige Geist einen großen

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weißen Felsen, der die ganze Welt in sich fassen konnte. Sein heller als die Sonne erstrahlendes Tor umstanden weiß gekleidete Jungfrauen. Durch ihre Hände gingen gereinigte und zugerichtete Steine. Mit ihnen sollte auf dem weißen Felsen der heiligste Bau errichtet werden. - Das neue Tor des alten Felsens führt in das Reich Gottes und zu dem Bau seiner Gemeinde. Der Bauherr ihres Felsentempels ist der Sohn Gottes selbst. Nur durch ihn gelangt man zu seinem Bau. Die reinen Jungfrauen verkörpern die Kräfte des heiligen Geistes: Durch ihr Werk wird der Bau mit dem festen Felsen zu einem Stein: Alle ihre Steine werden durch die Berührung ihrer Hände mit heiligem Geist erfüllt. Noch baut der Geist an seinem Tempel. Wer den Frieden liebt, wer kindlichen Geistes ist, trete hinzu! Er soll dem Bau eingefügt werden. Wer jeden Menschen von aller Not befreien will, wer sich beeilt, an allen das Gute zu tun, soll im Tempel des Felsens sein, ehe er vollendet wird.

Die hutterische Gemeinde hat den prophetischen Glauben des frühesten Christentums von neuem aufgerichtet. In seiner ersten Rechenschaft, die Peter Rideman um das Jahr 1530 im österreichischen Gefängnis geschrieben hat, bekennt er sich zu demselben Bau des heiligen Geistes, der als Kraft des Höchsten in seinen lebendigen Steinen alles Gute erwirkt: "Durch solche Offenbarung und Mitteilung seiner Gabe bringet und füget er zusammen die Kirche als das Haus Gottes; darin empfangen ihre Glieder Vergebung der Sünde; sie werden ihm in dem Band der Liebe zu einem Leib verbunden, welches geschieht durch den einigen Geist, der das alles wirket." In diesem Geist wird es klar, "wie man das Haus Gottes bauen soll, und was das Haus Gottes ist. So mögen wir mit Freuden anfangen zu bauen

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auf dem Grund aller Apostel, da Jesus Christus der Eckstein ist."

Das Haus ist die Gemein Gottes. Seine Festigkeit steht in Gott. Der erste Pfeiler, der dieses Haus tragt, ist die Ehrfurcht vor Gott; sie überwindet alle Menschenfurcht. Der zweite Pfeiler ist die reine Weisheit Gottes, welche gegen alle Weisheit der Menschen für immer im Kampf liegt. Der dritte Pfeiler ist das Verständnis Gottes; an ihm stößt ßch die Torheit menschlichen Verstandes. Der vierte Pfeiler ist der Rat Gottes, dem aller menschliche Rat auf ewig widersprechen muß; der fünfte ist die Stärke Gottes im Gegensatz zur menschlichen Kraft; der sechste die Kunst Gottes gegen alle Menschenkunst. Der siebente und letzte Pfeiler ist die Huld und Freundschaft Gottes; an diesem Pfeiler bricht sich das verderbliche Wasser, das die Freundschaft der Güter und die Hochpracht des Lebens mit sich bringt. Wie einst die Säulen des alten Heiligtums die symbolischen Namen empfangen haben: "Er gründet fest und in ihm ist Stärke", ist der Bau der Gemeinde in Wahrheit auf der Festigkeit und Kraft des Gottesgeistes gegründet. Wie die Säulen des alten Tempels auf silbernen Füßen standen, strahlt das Postament der sieben Gemeindepfeiler in der Reinheit des heiligen Geistes.

Alles, was die schweren Schatten des alten Tempels deuten sollten, ist in dem leuchtenden Geist Jesu Christi zur Erfüllung gelangt. Das Haus des alten Bundes sollte in der Mitte seines Volkes die Wohnung Gottes darstellen: "Sie sollen mir ein Heiligtum machen, in dem ich unter ihnen wohne." Jesus mußte einem Volk, dem die alte Wohnung als das unantastbar höchste Heiligtum galt, den kühnsten Anspruch anmelden: "Hier ist mehr als der Tempel". In

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Jesus wohnte der heilige Geist als die ganze Fülle der Gottheit. Jesus stellte die wirkliche Wohnung Gottes in die Mitte von Menschen, die trotz ihres alten Tempels ohne Gott in der Welt waren.

Er tat es inmitten ihres feindseligen Unglaubens. Als sein Leib zerbrochen werden sollte, verhieß erden abgebrochenen Tempel in drei Tagen von neuem aufzubauen. Und wirklich: Der am dritten Tage aus den Toten lebendig Gewordene sandte seinen heiligen Geist, der der glaubenden Gemeinde den neuen Tempel gab: "Der Tempel Gottes ist heilig; der seid ihr!" Christus und der Vater wollen im lebendig machenden Geist zu glaubenden Menschen kommen und in ihnen als in einem neuen Gotteshaus Wohnung nehmen. Der alte Tempel hatte die Offenbarung Gottes in tief verborgene Nähe gestellt. Im Menschensohn ist die Wohnung Gottes aus ihren verbergenden Schatten herausgetreten. In Jesu Wort und Leben, in seiner Tat und in seinem Werk zeltet Gott allen sichtbar unter den Menschen.

Wenn sie es nicht anders glauben wollten, um der Werke willen mußten sie die gegebene Tatsache anerkennen. In Jesus Christus enthüllt der Geist der Offenbarung das Werk Gottes. Das Werk ist sein Haus als seine Wohnung; von ihr aus Handelt er. Der Geist Gottes will die Augen aller Herzen erleuchten, daß sie die Größe seiner Kraft erkennen, wie sie in Christus sein Werk errichtet. Der heilige Geist ist die Offenbarung des Werkes Gottes. Deshalb errichtet er dem Herrscher des Gottesreiches im Haus der Gemeinde einen Thronsaal. Von hier aus leitet er die Gesandtschaft seiner Regierung. Der Geist Gottes bringt den zur Majestät des Reichskönigs erhöhten Christus in der Gemeinde zur Herrschaft über alle Dinge. In ihm erkennt die Ge-

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meinde alles, was ihr von Gottes Reich aus in die Hand gegeben wird.

Wie der alte Tempel das Zelt der Zusammenkunft war, so kommt in der Gemeinde des heiligen Geistes alles zusammen, was das Herz Gottes und seine Wohnung unter den Menschen ehren will. Wie Gott im alten Zelt die aufrichtigen Opfer und Gebete seines Volkes annehmen wollte, so nimmt er im neuen Tempel des Geistes das Dankopfer seiner Gemeinde entgegen. Ihr Haus ist voller Jubel. Ihr Geist jauchzt Gott zu. Ihre Feste ehren den König. Sie ist mit einer so überschwenglichen Freude des heiligen Geistes erfüllt, daß sie Gott aus vollem Herzen Ruhm und Dank darbringt, daß sie ihm inbrünstige Lieder überströmenden Geistes singt, daß sie in ihrem ganzen Leben und Tun den Willen seiner Liebe ehrt. Der heilige Geist ist der nimmer verstegende Quell einer ununterbrochen hervorbrechenden Freude. Er entspringt im Innersten des Heiligtums und ergießt sich in alle Lande.

Der alte Tempel war in das Allerheiligste, das Heilige und die Vorhöfe eingeteilt. Sein Bau offenbarte die Mitte des Innersten als das allein Entscheidende. Je weiter man sich von dem Innenbau entfernte, um so mehr verwies alles von sich hinweg, auf das Tiefste und Innerste. Gott hatte seine Wohnung im Innersten. Die innerste Decke des Gotteszeltes wird deshalb auch selbst die Wohnung genannt. Sie umgab den Thron, der das Ganze beherrschte. Im Allerheiligsten bezeugten die gewaltigen Engelfürsten am stärksten die heilige Nähe dessen, der als Herrscher des Reichs über ihnen thronte. Die fürstlichen Geisteswesen ehren den Thron Gottes, den sie umgeben.

Der Thron bleibt das Entscheidende. Der Tod Jesu Christi

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hat den Vorhang zerrissen, der das Allerheiligste von dem Heiligen abgeschlossen hatte. Der Thron Gottes will nunmehr vom Innersten aus alle Kräfte der Gemeinde regieren und beherrschen, beauftragen und ausrüsten. Das ewige Licht des Allerheiligsten strahlt in die Weite. Die Herrschaft der Gotteswohnung überflutet die Grenzen der Innerlichkeit. Sie tritt nach außen. Die Stätte der Anbetung bleibt im Innersten des Hauses. Aber das vollkommene Leben des Geistes Jesu Christi will sich nicht mehr auf seine Verborgenheit beschränken. Wohl will es seinen Ausgangspunkt im tiefsten Geist des allerheiligsten Glaubens behalten; wohl liebt es nach wie vor das Verbergen der innersten Gebete und der geweihtesten Werke; aber es will die Herrschaft des Gottesgeistes zur ungehemmten Entfaltung bringen. Vom Allerheiligsten aus will es alle Vorhöfe erobern.

So wird der ganze Leib der Tempel des heiligen Geistes. So wird die ganze Welt zur Parochie seiner Gemeinde. Durch den Glauben wohnt Christus in überströmenden Herzen. Der Glaube seiner Liebe überflutet alle Welten. Wie im Allerheiligsten des alten Bundes alle Geräte, alle Wände und Decken in der Farbe des Glaubens erstrahlten, so ist das Innerste des Geistestempels mit goldenem Licht weithin strahlenden Glaubens erfüllt. Der Glaube Jesu Christi will alle Welt erobern. Das Licht seines Reiches will alle Enden überwältigen. Wo Gott seine Wohnung nimmt, ist der Thron der Herrschaft Christi der Mittelpunkt allen Lebens.

Der Gottesthron des alttestamentlichen Allerheiligsten wollte alles Volk beherrschen. Die verlorene Gottesgemeinschaft sollte er wieder herstellen. Deshalb proklamierte er die Vergebung der Sünde. Deshalb bedurfte er des Opfers. Der

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Thron der neuen Regierung verwirklicht die Vergebung. Er ist auf der Hinrichtungsstätte eines anderen Opfers errichtet worden, das ein für allemal gilt. Ein letztes Opfer war notwendig; anders konnte die Gegenregierung des dunklen Weltfürsten nicht gebrochen werden. Als Glaube an ein alles wendendes Todesopfer des Lichtherrschers dringt die neue Regierung Gottes durch. Nun kommt es zur freien Schenkung des neuen Bürgerbriefs, der die Volksgemeinschaft mit Gott für immer zusichert.

Der Geist des neuen Thrones entfaltet eine alles andere hinwegräumende Macht, die allein auf dem Glauben an den aufgeopferten König beruht. In der Entscheidungsschlacht seines Todes hat er den Thron eingenommen. Seine erste Regierungshandlung ist eine für ewig geltende Amnestie, die allen seinen Gegnern absolute Vergebung zusichert, sobald sie seine Herrschaft unumwunden anerkennen wollen. Aus dem Glauben an die königlichen Taten des Todesopfers und der Vergebung erwächst die völlige Liebe, die durch den heiligen Geist in die Herzen des ganzen Volkes ausgegossen wird; der Geist des Königs verleiht seinem Volk das Herz der ihm eigenen königlichen Gesinnung. In ihm vermögen sie wie der Gotteskönig selbst von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit allem ihrem Denken zu lieben, Gott zu lieben! In ihm können sie wie ihr geopferter König ihre Nächsten und alle Feinde ebenso lieben wie sich selbst! Waren sie doch soeben noch selbst die Feinde! Welche Liebe haben sie erfahren! Diese Liebe durchglüht sie: "Die Liebe, welche sich zu Gott in dir beweist, ist Gottes ewige Kraft, sein Feuer und heiliger Geist."

In allen dingen erweist sich der neue Tempel als die Er-

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füllung des alten Vorbilds. Wie im alten Bund die Gemeinde betend im Vorhof versammelt war, so oft der Hohepriester das Rauchwerk ins Allerheiligste trug, so treibt das Zentralfeuer der liebenden Gemeinde den Geist aller Glaubenden zu völliger Sammlung vor Gott. Das Licht der sieben Arme wird durch die Erleuchtung des Christus in den sieben Leuchtern der Gemeinde erneuert. Seine feurige Liebe durchdringt das neue Leben so völlig, daß die beständig geopferten Brote des jüdischen Altertums im neuen Bunde zur Hingabe aller Existenzmittel an Gottes Sache geworden sind. Der Geist der Wohnung durchdringt so gänzlich das Leben des neuen Hauses, daß alle seine Güter der Nahrung und Kleidung dem Einen Geist und seiner Liebe gehören. Ihm gehört das ganze Haus mit allem, was darinnen ist.

Die Erfüllung der neuen Gemeinde mit dem heiligen Geist bedeutet für jeden Glaubenden des neuen Bundes, daß von dem innersten Heiligtum aus der ganze Tempel bis in die äußersten Auswirkungen aller Kräfte dem alles beherrschenden Geist geöffnet ist. Der ganze Leib ist zum heiligen Tempel geworden. Die Selbstbeherrschung zur harmonischen Herrschaft des Geistes über den ganzen Menschen bis in alle körperlichen Triebe hinein ist eine entscheidende Frucht des Geistes. Ohne sie bleibt kein Ast an seinem Baum. Der Fruchtbaum des heiligen Geistes kennt keine fruchtleeren Zweige. An allen seinen lebendigen Ästen erntet man Liebe, Freude und Friede. Von seinem Hause sind ungetreue ununreine Handlungen, die Feindseligkeit des mörderischen Hasses, die Zwietracht des hadernden Neides, die Zerspaltung streitenden Zornes ebenso fern zu halten wie die Abgötterei der Üppigkeit und des Eigentums. Die Frucht des Geistes teilt ihre Schüssel mit keiner Küche des Fleisches.

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Es hat die größte Bedeutung, daß Jesus die Bankleute mit ihren Geldtischen und ihrem Zwischenhandel hinausgetrieben hat. Er litt sie nicht in der Wohnung Gottes, auch nicht im äußeren Vorhof. Gegen sie hat Jesus seine äußerste Schärfe eingesetzt, um auch den draußen liegenden Vorhof für das Haus der Ehrung zurück zu gewinnen. Wie alle die äußeren Kammern und Zimmer im alten Vorhof, wird durch das Eingreifen des bitteren Christus das ganze Leben der neuen Gemeinde bis in alle Wirtschaftsführung hinein zum heiligen Tempel Gottes. Aus dem Hause Gottes hat Jesus ein für allemal mit aller Schärfe die Gewalt des Mammons und die Wechselgeschäfte seines Eigentums hinausgewiesen.

Samt Seele und Leib soll unser Geist bis auf den Tag Jesu Christi als heiliger Tempel erhalten werden. Von dem Innersten des allerheiligsten Glaubens aus nimmt der Geist Jesu Christi alle Funktionen und Leistungen eines überall als profan gestempelten Lebens in Anspruch. Der dem Profanen geöffnete Vorhof war es, in dem nicht nur Priester und Propheten der alten Zeit, sondern ebenso Jesus und alle Apostel des neuen Bundes die Wahrheit des Heiligtums vertreten haben. Der heilige Geist will die Wohnung Gottes über alles Irdische und Zeitliche ausbreiten.

Die Erde gehört Gott. Alle ihre Gaben und Kräfte sollen unter die Herrschaft seines Geistes gebracht werden. Dazu wurde die Gemeinde des heiligen Geistes mitten in diese Welt hineingebaut; ihre Gott geweihten Vorhöfe sollen über die ganze Erde ausgedehnt werden. Der Vorhang ist zerrissen. Ströme des lebendigen Wassers gehen von dem innersten Heiligtum aus in alle Lande. Gewaltige Auswirkungen des heiligen Geistes offenbaren die Macht und Herr-

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schaft des heiligen Thrones Gottes für die ganze Erde. Der Geist Jesu Christi hat den neuen Tempel Gottes der ganzen Erde gegeben.

Die Gemeinde glaubt an den Sieg des heiligen Geistes; sie ergibt sich seiner Herrschaft für Gottes Geltung in aller Welt. Sie ruft den Geist Gottes, daß Er das Reich Jesu Christi zu allen Menschen bringe: Du ferner Geist der Höhe, du führst die Schar zum Streit, daß niemals ihr Schreiten stocke, sie siege weit und breit! Wir flehen zum Herrn der Geister, daß er uns ewig führ'. Wir rufen den Geistesmeister: Weihe die Deinen dir! Du bist der ewge Sieger; du führst die schwache Schar. Du weihest dir deine Krieger, taufst sie dir ganz und gar! - Der heilge Geist zur Höhe führt; er heißt Gerechtigkeit; in ihm die Bruderschaft regiert in Liebe allezeit. Der heilge Geist ist groß und stark; nur er ists, der uns eint; er fährt als Schwert durch Herz und Mark; der Geist die Wahrheit meint.

26 Arnold, Innenland

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Das lebendige Wort.

Jeder Aufruf zur Innerlichkeit ist ein Weckruf zu jener letzten Klarheit, wie sie die Aufgabe höchster Bestimmung fordern muß. Nur Gott kann das Innerste erwecken. Nur der Wille Gottes kann Klarheit sein. Nur Gott gibt für alle Möglichkeiten einer dunklen Zukunft das eine reine Licht, das allein imstande ist, sie zu bewältigen. In unserem eigenen Wesen haben wir keine Möglichkeit, aus unserer tiefen Verwirrung zu wirklicher Klarheit zu kommen. Alle "inneren Stimmen", die aus dem seelischen Urgrund des eigenen Herzens stammen, sind gefährlich. Oft sind sie Irrlichter. Aus sumpfigem Boden aufflackernd, führen sie den Wanderer in die Irre.

In uns selbst, die wir als Erben des gefallenen Menschen immer wieder die Natur des Alten aufweisen, können wir zu nichts anderem gelangen als zu seelischer Unklarheit. Es gibt nur eine Hoffnung: Uber der sumpfigen Niederung muß die alles überstrahlende Sonne aufgehen. Nur im Tageslicht verblaßt der trügerische Schein. - Jesus führt den Tag herauf. Er ist das Ende der Nacht. Er ist der Morgenstern des aufgehenden Tages. Er schließt die alte Menschheit ab. Er gründet ein neues Geschlecht. - Das dritte Geschlecht nannte sich das frühe Christentum. - Jesus ist der letzte Adam. Als neuer Ahne offenbart sich der neue Mensch. Als inneres Licht neuer Menschwerdung leuchtet er auf. Als schöpferisches Wort bildet er die neue Kreatur

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des neuen Schöpfungstages. Er ist erleuchtendes und erzeugendes Wort.

Das Geheimnis des schöpferischen Wortes kann nicht anders geoffenbart werden als in der Einheit des Schöpfers mit Christus und seinem Geist. Am Anfang der Bruderschaftsbewegung der Reformationszeit hat Ulrich Stadler in seiner "Christlichen warhafftigen Unterrichtung, wie die göttliche Schriftvergleichung beurteilt werden soll", auf die Kraft des Heiligen Geists und auf das Zeugnis der drei Teile Christlichen Glaubens als auf die alles entscheidende Klärung hingewiesen. Wie Gott selbst kann auch sein Wort nur in der klar zu unterscheidenden Einheit des Vaters, des Sohnes und des Geistes erkannt werden:

Zum Ersten wird Gott durch seine Allmächtigkeit erkannt, kraft des Vaters in allen Kreaturen. Zum ändern wird Gott durch den Ernst und durch die Gerechtigkeit des Sohnes erkannt, zum dritten durch die Güte und Barmherzigkeit des Heiligen Geistes. Den Schöpfer des Himmels und der Erde erkennen alle vernünftigen Menschen durch die Geschöpfe der Natur. An der Kreatur fehen sie unwidersprechlich die Allmächtigkeit Gottes als die Kraft des Vaters. Alle Werke Gottes zeigen den Menschen an, daß ein Gott ist; aber noch fehlt ihnen Entscheidendes an der Ehre Gottes. Die Heiligung seines Namens ersteht aus dem anderen, aus dem zweiten Teil des Glaubens, aus der ernsten Gerechtigkeit, die der Vater an Jesus Christus und am ganzen Leib aller seiner Gliedmaßen, an seiner Gemeinde ausübt. Dadurch wird der dritte und letzte Teil offenbar: die höchste Güte und Barmherzigkeit des Heiligen Geistes! Auf anderen Wegen kann das Wort Gottes niemals und nirgends erkannt und erfaßt werden.

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Soll der Mensch zur Erkenntnis des lebendigen Sohnes kommen, so muß er dasselbe Werk Gottes erwarten, wie es an Christus geschehen ist. Er muß das Kreuz Christi tragen und seinen Fußstapfen folgen, wenn sein Wort in ihm lebendig werden soll. In der Tat, in der Wirklichkeit will das Wort wahr werden. Das Mittel seiner Offenbarung ist das Werk Jesu Christi, die Wahrheit und die Gerechtigkeit des gekreuzigten Sohnes Gottes. Der Mensch muß alle drei Artikel des Glaubens an sich selbst erdulden, wenn er zur Erkenntnis des höchsten Gutes kommen soll. Das ganze Wort soll in ihm lebendig empfangen werden. Geteilt gibt es sich nicht. In reinen aufgeschlo